mini|hochkant=2.0|Heiliges Grab, Westwand Das Heilige Grab in der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode gilt mit seiner Entstehung um 1100 als die älteste erhaltene deutsche Nachbildung des heiligen Grabes von Jerusalem, eines der Hauptheiligtümer des Christentums. Auf den Wänden der aus Vorkammer und Grabkammer bestehenden Anlage im südlichen Seitenschiff der Kirche des 959 von Markgraf Gero gegründeten Frauenstifts von GernrodeVgl. Jäggi 2009, S. 422. zeigt sich ein reichhaltiges Bilder- und Figurenprogramm mit dem Thema der Auferstehung Christi. Stilistisch ist das Werk von großer Bedeutung, da sich in ihm ein Übergang von der ottonischen Plastik zur Bildhauerkunst der Romanik offenbart. Im späten Mittelalter bildete das heilige Grab den Mittelpunkt der liturgischen Osterfeierlichkeiten.
Beschreibung des Bestandes Aktueller Zustand der Anlage – Beschreibung Die äußeren Maße der Kapellen-Anlage betragen 7,35 (Ost-West) mal 4,08 Meter (Nord-Süd). Ihre nördliche Außenwand bleibt hinter der Flucht der Stützen des südöstlichen Seitenschiffs zurück und stößt lediglich an diesen einfachen Stützenwechsel heran. Wie auch der Grundriss der gesamten Kirche ist der des heiligen Grabes nicht völlig rechtwinklig, die Höhe der Oberkanten seiner Außenmauern beträgt überall ungefähr drei Meter.Vgl. Kahsnitz 2007, S. 23. Zum westlichen Teil des südlichen Seitenschiffs und zum Querhaus im Osten schließen die Anlage zwei Wände zwischen den im Grundriss rechteckigen Pfeilern und der südlichen Außenwand der Kirche ab. Getrennt durch eine weitere, von der Ostwand der Kapelle etwa nach vier Metern ungefähr rechtwinklig zur nördlichen Außenwand gemauerte Wand teilt sich das heilige Grab in eine Vorkammer und die eigentliche Grabkammer im Westen.Vgl. Kahsnitz 2007, S. 27. Der rechte Teil der durch die mittlere Säule im Stützenwechsel des Seitenschiffs geteilten Nordwand besteht aus einem kalksteinernen Schmuckrahmen mit von Ranken umgebenen Tier- und Menschendarstellungen, der durch einen weiteren Rahmen aus Stuck eingefasst ist und in dessen Mitte sich ein bis auf die Umrisse abgeschlagenes Relief zweier Figuren befindet.Vgl. Grote 1932, S. 22. Ein im linken Drittel dieses Bildes eingebrachter Durchgang in die Vorkammer von 1,41 Meter Höhe und etwa 0,57 Meter Breite ist der Grund für die Unvollständigkeit dieses Reliefs.Vgl. Kahsnitz 2007, S. 29. Die Nordwand der Grabkammer gliedert sich durch ein stark profiliertes „Rahmenwerk von Rundstäben“, das diese Wand in neun Flächen aufteilt. Vom Betrachter aus zur Linken, zur Rechten und oberhalb einer zugemauerten Fensteröffnung zur Grabkammer, die eine der Flächen beansprucht, sind Relieffiguren aus Stuck angebracht: links eine männliche Figur, in einer Bewegung nach rechts begriffen, den rechten Arm zum Gruß erhoben und einen Nimbus hinter dem fast vollrund herausgearbeiteten Kopf; ihr rechts gegenüber eine weibliche, leicht zurückgebeugte Figur, die rechte Hand erhoben und die Linke auf die Brust gelegt, eine gewisse Erschrockenheit ausdrückend. Auch der Kopf dieser Figur ist deutlich mehr herausgearbeitet und wird von einem Heiligenschein umkränzt. Im Feld über dem vermauerten Durchblick ist eine Halbfigur erkennbar, die rechte Hand zur Segensgeste erhoben und in der linken Hand ein Buch haltend. Jede der Figuren ist stark beschädigt, vor allem aber das Gesicht der weiblichen Figur. Der Kopf der Halbfigur oberhalb fehlt ganz. Vier der übrigen Felder, in den Ecken dieser Wand und unterhalb der vermauerten Öffnung, bleiben leer, einzig das Feld in der unteren linken Ecke zeigt links ein stilisiertes Kreuz und rechts ein umflochtenes Rechteck.Siehe hierzu: Grote 1932, S. 22–23; Schulze 1965, S. 114–116; Genrich 1956, S. 66–67.
Bedeckt von einem doppelten Schmuckrahmen aus Kalkstein mit Rankenmotiven, dessen inneres Rankenwerk insgesamt 18 Menschen- und Tierdarstellungen beherbergt, präsentiert sich die am besten erhaltene Westwand der Grabkammer. Inmitten dieser bildreichen Rahmung, umzogen und mit dem äußersten Rahmen verbunden von Rundstäben, liegt eine Mittelzone, untergliedert in zwei halbrunde Nischen links und rechts, in denen Säulen stehen und die sich durch zwei Sandsteinpfosten von einem Mittelfeld mit einer weiteren weiblichen Stuckrelieffigur in langem Gewand abgrenzen.Vgl. Grote 1932, S. 23.
Eine rundbogig abgeschlossene TürVgl. Grote 1932, S. 23–24. von knapp 0,7 Metern Breite und 1,49 Metern Höhe führt von der völlig schmucklosen VorkammerVgl. Kahsnitz 2007, S. 24–25 u. 27. in die eigentliche Grabkammer. Trompen in den Ecken – die Übergänge vom rechteckigen Grundriss des Raumes zu einem im Grundriss achtseitigen Klostergewölbe – weisen auf den ursprünglichen, heute jedoch fehlenden oberen Abschluss dieser Grabkammer hin. Drei der Wände weisen eine Nischengliederung mit rundbogigem Abschluss auf, deren Seiten durch Säulen mit skulptierten Kapitellen und Basen ausgestattet sind. Die Nische der vierten Wand, die nach außen zeigt, hat einen hohen Rundbogen zum Abschluss, an dessen Seiten zwei kleinere Säulen stehen und in dessen Mitte ein kleines Fenster zum Kreuzgang sich öffnet. Wie die Wände Reste von Bemalungen aufweisen, sind auch im Fußboden aus Gipsestrich Reste von den eingelegten Marmorkreuzen erhalten. Innen vor der Nordwand zeigt eine flache Stuckplatte auf dem Boden, wo sich einst der Sarkophag befunden haben muss, gegenüber dessen Kopf- und Fußende, immer noch sichtbar, zwei Engelsfiguren angebracht sind, die Kreuzstäbe und Spruchbänder tragen. Diese Figuren sind stark beschädigt, der Wortlaut der Inschriften lässt sich aber noch nachvollziehen. Dort steht: nolite expavescere und surrexit non est hic.Vgl. Grote 1932, S. 23–24; Schulze 1965, S. 119. („Entsetzt euch nicht. Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“)Vgl. Stein-Kecks 2009, S. 346.
Des Weiteren befinden sich noch eine schwer beschädigte Figurengruppe von drei Frauen in langen Gewändern mit Weihrauchfass, Ölflasche und Salbgefäß bei der Sarkophag-Platte und eine überlebensgroße (2,14 Meter), fast vollrunde Stuckfigur eines Mannes in Bischofsornat und Pallium, mit Stab und Palmenzweig in Händen.Vgl. Grote 1932, S. 24–25; Stein-Kecks 2009, S. 347.
Hinweis auf Umbauten Schon der Gründungsbau seit etwa 961Vgl. Kahsnitz 2007, S. 23. enthielt eine Heilig-Grab-Nische, die seit 1090 mit drei Wänden geschlossen und mit einem achtseitigen Klostergewölbe überdacht wurde, das wiederum im 17. Jahrhundert zerstört wurde. Die Aufrichtung einer vierten Wand gab der Anlage eine Vorkammer, die zunächst vom Querhaus der Kirche zugänglich war. Als man diesen Zugang zwischen 1150 und 1160 vermauerte, muss auch der heute vorhandene Eingang in der Nordwand der Vorkammer eingehauen worden sein. Auch ein Sichtfenster inmitten der Nordwand der Grabkammer ist nachträglich zugemauert worden.Vgl. Stein-Kecks 2009, S. 346.
Ältere Quellen gehen davon aus, dass die Figur mit Bischofsgewand im Inneren der Grabkammer nicht ursprünglich Teil der Anlage war, und halten sie aufgrund der auffällig nach vorn geneigten Fußstellung für eine Liegefigur, die etwa von einer Grabplatte genommen und an diese Stelle gesetzt wurde,Vgl. Grote 1932, S. 24–25; Schulze 1965, S. 120. während die Forschung inzwischen vom Gegenteil überzeugt ist. Die Figur sei lediglich bei der Verlegung des Sarkophags von Süden nach Norden ein Stück in die Richtung desselben gedreht worden.Vgl. Stein-Kecks 2009, S. 347. Von der Wiedermontage des Kopfes 1924 zeugen deutlich hellere Mörtelspuren am Hals. Fehlende Dokumentationen dieser Restaurierungsarbeiten erschweren allerdings Aussagen über den Ursprungszustand.Vgl. Krause; Voß 2007, S. 95.
Ähnliches gilt für die Figurengruppe der drei Frauen. Zunächst hält man zwar ihre Zugehörigkeit zu der gesamten Anlage aus stilistischen und thematischen Gründen für unbestreitbar, trifft aber keine weiteren Aussagen über ihre ursprüngliche Position.Vgl. Grote 1932, S. 24. Schulze hält eine ursprüngliche Aufstellung an der Südwand des Grabes, aufgrund der Blickrichtung des am besten erhaltenen Engels, für wahrscheinlich.Vgl. Schulze 1965, S. 119. Stein-Kecks hingegen plädiert für eine ehemalige Aufstellung an einer Wand des Vorraums, von wo aus die Gruppe zum Eingang des Grabes tendiert hätte.Vgl. Stein-Kecks 2009, S. 346.
Es ist außerdem anzunehmen, dass die gesamte Anlage ursprünglich farbig gefasst war, also sowohl Architekturflächen wie auch Figuren und Ornamente bemalt waren.Vgl. Krause; Voß 2007, S. 171–190.
Ikonografie Das Gesamtkonzept Vereinend in der Gesamtkonzeption des heiligen Grabes ist der thematische Zusammenhang der Bilder und Figuren in den Reliefs: das Wunder der Auferstehung Christi. Grote beispielsweise betont mit Nachdruck, er halte die Anlage für ein „einheitliches Werk“.Vgl. Grote 1932, S. 27. Es entsteht eine eindringliche „Predigt in Bildern“, deren Relevanz bei der Vergegenwärtigung der Auferstehung für die Gläubigen nicht zu unterschätzen ist, wird bedacht, wie selbstverständlich es für die Menschen im Mittelalter war, mit den heute mühevoll zu deutenden Bilder umzugehen.Vgl. Möbius 1966, S. 17; im Bezug auf den Fries der Westwand siehe hierzu auch: Schulze 1965, S. 117–118. Die in dieser Zeit sehr verbreiteten Tierbücher, die Eigenschaften und Deutungen vieler Tiere und auch Fabelwesen beschrieben, legen davon Zeugnis ab. Das populärste Werk dieser Art ist der Physiologus.Vgl. Möbius 1966, S. 20.
Die Nordwand mini|hochkant=2.0|Heiliges Grab, Nordseite Der in Hausteintechnik gefertigte Rankenfries an der Nordwand der Vorkammer beinhaltet die Bilder von drei Evangelisten. Adler mittig oben, Flügellöwe links in der Mitte und Flügelmensch in der unteren Mitte stellen Johannes, Markus und Matthäus dar, aus deren Mündern die Ranken, Jesu Worte erwachsen. Das Bild des Matthäus wird von links her von einem Basilisken, zu erkennen an dem verknoteten Schwanz, bedroht. Aufgrund der später eingebrochenen Tür im rechten Teil der Wand fehlt das vierte Evangelistensymbol, der Flügelstier für Lukas. Menschenköpfe in den Ecken der Reliefs nehmen diese Worte in Form von Ranken auf und verbreiten sie weiter.Vgl. Genrich 1956, S. 66–67. Obwohl die Stuckfiguren in der Mitte dieses Ornamentrahmens bis auf die Umrisse abgeschlagen sind, herrscht in der Forschungsliteratur Konsens, dass es sich bei den beiden dort abgebildeten Personen um die zum Grab des Herrn eilenden Jünger Petrus und Johannes handeln muss. Erfuhren sie zuvor doch von Maria Magdalena, Christus sei auferstanden.Vgl. Grote 1932, S. 22; Schulze 1965, S. 114; Vorbrodt 1954, S. 10; Möbius 1966, S. 17; usw.
Links und rechts des vermauerten Sichtfensters in der Nordwand der Grabkammer sind der von den Toten auferstandene Christus, mit Tunika und Pallium bekleidet, den Kopf von einem Nimbus mit stark profiliertem Kreuz unterlegt, und Maria Magdalena, mit eng anliegendem langem, auch den Kopf umhüllendem Gewand, in der sogenannten Noli-me-tangere-Szene dargestellt. Wie bei Joh. 20, 14–17 beschrieben, gebietet Christus Maria Magdalena am Ostermorgen, ihn nicht anzurühren.Vgl. Kahsnitz 2007, S. 311–312.
Die Halb-, genauer Dreiviertelfigur über der besagten vermauerten Öffnung nimmt eine weitere Christusdarstellung ein, die ähnlich wie die der Noli-me-tangere-Szene die rechte Hand zum lateinischen Redegestus mit erhobenem Zeige- und Mittelfinger und eingeknicktem kleinen und Ringfinger, erhoben hat und im linken Arm ein Buch hält. Diese Plastik wird als Salvatorfigur, als thronender Christus bezeichnet.Vgl. Kahsnitz 2007, S. 315.
Von den einen als „Taufnotenmotive“ interpretiert,Vgl. Grote 1932, S. 23. werden die nur noch in der linken unteren Ecke dieser Wand erhaltenen Ornamente auch als reines Schmuckwerk gedeutet.Vgl. Schulze 1965, S. 116.
Der Fries der Westwand