Die Sinfonie Es-Dur Hoboken-Verzeichnis I:43 komponierte Joseph Haydn um 1770/71 während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Sie trägt den nicht von Haydn stammenden Beinamen „Merkur“.

Allgemeines mini|hochkant|Joseph Haydn (Gemälde von Ludwig Guttenbrunn, um 1770)

Die Sinfonie Nr. 43 komponierte Haydn um 1770/71Informationsseite der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks. während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Der Beiname „Merkur“ taucht erstmals 1839 im handschriftlichen Verzeichnis der Werke Haydns von Aloys Fuchs auf. Der Ursprung ist unbekannt.Horst Walter: Merkur. In Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 503.Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89, herausgegeben vom Südwestfunk Baden-Baden in 3 Bänden. Band 2, Baden-Baden 1989, S. 39–40. Jean Pangzitiert bei: A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X, S. 128. vermutet, dass die Titelgebung auf eine Verwechslung mit der Sinfonie Nr. 50 zurückzuführen sein könnte, deren Anfangssätze als Ouvertüre zur Marionettenoper Philemon und Baucis verwendet wurde: Der erste dort auftretende Charakter ist Merkur.

Zur Musik Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurde damals auch ohne gesonderte Notierung ein Fagott eingesetzt. Über die Beteiligung eines Cembalo-Continuos in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002).

Aufführungszeit: ca. 25 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf ein um 1770 komponiertes Werk übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Allegro Es-Dur, 3/4-Takt, 254 Takte mini|500px|Beginn des Allegro mit Phrase 1 und 2

Das Allegro beginnt mit einem ausgedehnten Themenkomplex („erstes Thema“, Takt 1 bis 26), der aus vier durch Pausen getrennten Phrasen besteht. Alle schließen jeweils auf der Tonika Es-Dur. Die Phrasen 1 und 2 sind viertaktig und wirken zusammen wie ein periodisch aufgebautes Thema. Sie sind aus einem Forte-Akkordschlag des Tutti und einer sanglichen Piano-Wendung der Streicher gestaltet. Den Auftritt von dazu kontrastierendem, neuen Material hat Haydn verzögert, indem zwei weitere, jeweils längere Phrasen angehängt werden: Zunächst mit der durch Chromatik angereicherten, sechstaktigen Phrase 3, dann mit der durch zwölf Takte (aus 6+6 Takten) nochmals verlängerten Phrase 4 nur für Streicher, die sogar ohne den dynamischen Kontrast des Forte-Akkordschlags auskommt. Beide Phrasen haben einen „suchenden“ Gestus. Erst in Takt 26 ist der Themenkomplex beendet. Umso stärker hat Haydn den Kontrast zum folgenden, energischen Forte-Block gestaltet: Die Violinen fangen mit rasanten Tremolo-Läufen an, kurz darauf folgen versetzt Bass und Bläser in „aufschäumende(r) Brandung des gesamten Orchesters.“Anton Gabmayer: Abruf am 24. Mai 2013. Dieser in die Länge gezogene, relativ statische Satzanfang wird in der Literatur verschieden bewertet: So kritisiert Charles Rosen:Charles Rosen: Der klassische Stil. Haydn, Mozart, Beethoven. Bärenreiter-Verlag, 5. Auflage. 2006, Kassel, ISBN 3-7618-1235-3, S. 166.

James WebsterJames Webster: Hob.I:43 Symphonie in Es-Dur. Informationstext zur Sinfonie Nr. 43 der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks. lehnt die Kritik von Charles Rosen dagegen ab:

Der Forte-Block nach dem ersten Thema ist bis auf ein rhythmisches Frage-Antwort-Motiv mit starken Intervallsprüngen durch das Tremolo der Violinen geprägt. Das zweite Thema ab Takt 60 steht erwartungsgemäß in der Dominante B-Dur und wird von den Streichern piano vorgetragen. Es ist eine Variante des ersten Themas (bzw. von Phrase 1 und 2), wobei der Forte-Akkordschlag und die Pausen fehlen. Der anschließende Abschnitt bis zum Ende der Exposition ist wiederum im schwungvoll-rasanten Ausdruck gehalten: Die Violinen setzen erneut in Sechzehntelbewegung ein, nun als Staccato-Läufe aufwärts, dann folgt ein Bassmotiv mit „zerklüfteter“ Achtel-Begleitung der Violinen. Dieses Bassmotiv wird piano wiederholt, wobei die 1. Violine in ihrer Begleitung zu rhythmisch auflockernder Tonrepetition in Synkopen wechselt. Die „zerklüftete“ Achtelbewegung tritt dann unter weiterer Synkopenbegleitung in einem Dialog der hohen und tiefen Streicher in den Vordergrund und dominiert schließlich sogar im Streicher-Unisono. Ein kurzes, aufstrebendes B-Dur – Dreiklangsmotiv beendet die Exposition.

Die Durchführung startet mit Material von Phrase 1, das sich chromatisch-zögernd aufwärts bewegt. Überraschend treten dann Phrase 1 und (variiert) Phrase 2 vom ersten Thema in der Tonika Es-Dur ein, und auch die anschließenden Sechzehntelläufe in den Violinen suggerieren einen verfrühten Repriseneintritt.Antony Hodgson (1976, S. 72): „false reprise“; James Webster: „Dieser Vorgang ist weder eine ‚falsche Reprise‘ (die mitten in der Durchführung auftaucht) noch ein Formfehler, sondern etwas, was ich eine ‚unmittelbare Reprise‘ nennen würde. Dies ist eine raffinierte Variante der älteren Praxis, in der die Durchführung mit einer zweifachen Vorstellung des Hauptthemas begann, zunächst auf der Dominante, dann auf der Tonika.“Ähnliche Auftritte des ersten Themas zu Beginn der Durchführung in der Tonika gibt es in den zeitnah entstandenen Sinfonien Nr. 41 und Nr. 42. In den weiteren Takten wechselt Haydn dann durch verschiedene Tonarten inklusive Molltrübung und lässt die „zerklüftete“ Figur vom Ende der Exposition im Streicherdialog (nun zwischen den Violinen) und im Unisono auftreten. Die Musik gerät erneut ins Stocken, unerwartet setzt dann Phrase 2 vom ersten Thema zunächst in As-Dur, dann in f-Moll ein, bis im dritten Anlauf die Tonika Es-Dur als „richtiger“ Reprisenbeginn erreicht ist.

Die Reprise ab Takt 162 ist anfangs etwas anders als die Exposition gestaltet: Im ersten Thema beteiligt sich das Horn mit klopfender Begleitung, und Phrase 4 ist durch Aneinanderreihung der Schlusswendung von Phrase 1 ausgedehnter. Das Thema geht gleich in das rhythmische Frage-Antwort – Motiv über (d. h. der Tremoloblock ist ausgelassen). Die Staccato-Läufe der 1. Violine nach dem zweiten Thema sind abwärts (statt wie vorher aufwärts). Danach ist die Struktur ähnlich der in der Exposition. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Zweiter Satz: Adagio As-Dur, 2/4-Takt, 120 Takte

Das erste Thema wird nur von den Streichern piano vorgetragen, wobei die Violinen wie auch in anderen langsamen Sinfoniesätzen Haydns aus dieser Zeit mit Dämpfer („con sordini“) spielen. Das auftaktige Thema ist neben seinen Tonrepetitionen durch differenzierte Rhythmik gekennzeichnet. Es weist eine periodische Struktur aus zwei viertaktigen Hälften auf inklusive eines „Anhangs“ von zwei Takten. Nach dem Thema folgt ab Takt 11 mit einem Forte-Akzent ein Wechsel zu einer Kette aus Tonrepetition und Sekundschritten, die zur Dominante Es-Dur führt.

In Takt 21 setzt der Bass, begleitet von den Hörnern, mit einem bewegten Motiv ein, das kurz darauf von den Violinen versetzt wiederholt wird („zweites Thema“). Die drei auftaktigen Tonrepetitionsnoten dieses Motivs werden in der anschließenden, längeren Passage mit seufzerartigen Vorhalten kombiniert. Nach einer kurzen Generalpause als Zäsur und durch Pausen unterbrochenen Floskelbewegung in Zweiunddreißigsteln setzt in Takt 38 erneut das zweite „Thema“ ein, nun klanglich ausgefüllt mit Bläserbegleitung und durchlaufender, teppichartiger Begleitung der 2. Violine in Zweiunddreißgsteln. Die Zweiunddreißigstel sind nach dem Eintritt der Sechzehntel in Takt 12 die zweite „Verschnellerung“ im Satz. Die Bewegung kommt forte in einer Fermate zur Ruhe. Die kurze Schlussgruppe greift die von Pausen unterbrochene Floskelfigur sowie die durchgehende Zweiunddreißigstelbegleitung wieder auf.

Die Durchführung variiert anfangs, angereichert mit Dissonanzen, die Schlusswendung im punktierten Rhythmus aus dem ersten Thema und verarbeitet dann in einer langen Passage das Seufzer-Motiv. Die Durchführung geht nahtlos in die Reprise ab Takt 81 über.

In der Reprise ist das erste Thema auf zwölf Takte ausgedehnt und geht gleich in das zweite Thema über. Während die in Es gestimmten Hörner in der Exposition beim zweiten Auftritt des zweiten Themas in der Lage waren, eine relativ ausführliche Begleitfigur zu spielen (da das zweite Thema in der Dominante Es-Dur erschien), ist ihre Stimme nun reduziert, da sie durch die Tonika As-Dur nur begrenzt zum Geschehen beitragen können. Ansonsten ist die Struktur ähnlich der in der Exposition. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Dritter Satz: Menuetto Es-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 58 Takte mini|500px|Beginn des Menuetts

Das feierlich-lebhafte Menuett wird in der Literatur teilweise als besonders gelungen hervorgehoben.Howard Chandler Robbins Landon: The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955, S. 322: „Such movements as the minuets to Nos. 42, 43 or 56 are so compelling, their rhythm so infectious and their joy so positiv that only a jaded musical palette indeed can resist their charm.“Antony Hodgson (The Music of Joseph Haydn. The Symphonies. The Tantivy Press, London 1976, ISBN 0-8386-1684-4, S. 72–73): „The gem of this work is the Minuet; dogged, severe and utterly winning, with tremendous momentum.“ Die parallel geführten Oberstimmen (Oboen, 1. Horn und Violinen) spielen das auftaktige Hauptthema mit dreifacher Tonrepetition und Sekund-Vorhalt. Dazu begleiten die ebenfalls parallel geführten Viola und Bass gegenstimmenartig mit einer kontinuierlich voranschreitenden Viertel-Bewegung. Eine kurze Coda, die etwas an den Anfang vom ersten Satz erinnert, beendet das Menuett.

Das Trio steht in c-Moll und ist aus zwei zehntaktigen Teilen aufgebaut. Die ersten vier Takte beider Teile sind identisch, die übrigen sechs kadenzieren im ersten Teil nach B-Dur, im zweiten nach Es-Dur. Im Gegensatz zum Menuett mit aufsteigender Melodik ist das Trio eher durch fallende Linien gekennzeichnet.

Vierter Satz: Allegro Es-Dur, 2/2-Takt (alla breve), 202 Takte