mini|Captain Roy Farran (r.) mit Mitgliedern des 2nd SAS in Termoli. Roy Alexander Farran DSO, MC & Two Bars (* 2. Januar 1921; † 1. Juni 2006) war ein britisch-kanadischer Offizier, Politiker, Autor und Journalist.
Farran war ein hochdekorierter Soldat des Zweiten Weltkriegs. 1947 stand er unter dem Verdacht, in Palästina einen 17-jährigen jüdischen Jungen umgebracht zu haben. 1950 wanderte er nach Kanada aus und wurde dort ein respektierter Politiker.
Herkunft und Ausbildung Roy Farran entstammte einer römisch-katholischen Familie; sein Vater war Warrant Officer in der Royal Air Force. Er besuchte die Bishop Cotton School im indischen Shimla und anschließend die Royal Military Academy Sandhurst in Großbritannien. Nach seinem Abschluss in Sandhurst trat Farran im April 1940 als Second Lieutenant der 3rd Carabiniers (Prince of Wales’s Dragoon Guards) in die British Army ein und wurde zur Panzer-Ausbildung zeitweise ins 51st Training Regiment abgestellt.Obituary for Major Roy Farran auf timesonline.co.uk v. 6. Juni 2006Obituary for Major Roy Farran auf telegraph.co.uk v. 5. Juni 2006
Militärische Laufbahn Zweiter Weltkrieg Nordafrika und Kreta Farran wurde während der Operation Compass des Afrikafeldzug, der britischen Offensive gegen die italienischen Truppen ab Dezember 1940, zu den 3rd The King’s Own Hussars versetzt. Er nahm an der Schlacht von Sidi Barrani teil. Nach dem Ende der Operation wurde das Regiment nach Kreta verlegt. Dort nahm Farran als Panzerkommandant an Gefechten mit deutschen Truppen teil und ließ einige deutsche Soldaten, die sich ergeben wollten, erschießen, was er später der heat of the moment (dt. Affekttat oder zutreffender der Hitze des Gefechtes) zuschrieb. Bei weiteren Gefechten kam einer seiner Untergebenen zu Tode, wofür sich Farran die Schuld gab; er selbst wurde an Arm und Beinen verletzt und von den Deutschen gefangen genommen. In dieser Zeit wurde er mit dem Military Cross für Tapferkeit ausgezeichnet.
Flucht aus der Kriegsgefangenschaft mini|hochkant|Jock Campbell Nach seiner Gefangennahme wurde Roy Farran in ein Lazarett für Kriegsgefangene nach Athen geflogen und war bald in der Lage, an Krücken zu gehen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es ihm, zu fliehen und mit der Hilfe von griechischen Zivilisten gemeinsam mit drei weiteren australischen und britischen Gefangenen sich mit einem Kaik über das Mittelmeer auf den Weg nach Ägypten zu machen. Die Überfahrt war dramatisch, da das Schiff in einen Sturm geriet, Benzin und Trinkwasser ausgingen. Nach zehn Tagen wurde das Boot 40 Kilometer vor Alexandria von der Royal Navy gesichtet. Farran erhielt eine weitere Medaillenschleife zu seinem Military Cross. 1942 wurde er Major-General John Campbell als Adjutant zugewiesen. Als Farran mit Campbell zur Kampfzone nach Gazala fahren sollte, verlor er unterwegs die Kontrolle über das Auto, das sich überschlug. Campbell wurde getötet, und die Insassen waren bewusstlos; später berichtete Farran, dass er, während er auf Rettung wartete, an Selbstmord gedacht hatte.
Sizilien und Italien Während des Rückzugs der britischen Armee in Richtung El-Alamein im Sommer 1942 wurde Roy Farran bei einem Luftangriff verletzt und wurde nach Großbritannien gebracht. Er setzte jedoch alles daran, so schnell wie möglich wieder an die Front zurückzukommen, und im Februar 1943 wurde er in Algier eingesetzt, wo er ein Fallschirmtraining machte. Während der Invasion Siziliens, der Operation Husky, war er Kommandeur einer Schwadron, obwohl er unter Malaria litt. In den kommenden Monaten war er als Mitglied einer Schwadron des Special Air Service (SAS), 2nd SAS, an weiteren Operationen in Italien beteiligt. 1944 erhielt er eine weitere Schleife zu seinem Military Cross und kehrte nach Großbritannien zurück.
Frankreich Bis August 1944 blieb Farran in Großbritannien. Dann erhielt er das Kommando über eine Truppe, die mit einem Airspeed Horsa mit 20 Jeeps an Bord am 19. August hinter den deutschen Linien in Frankreich landete, um Kontakt mit weiteren britischen Truppen aufzunehmen. Auf dem Weg dorthin wurden die Briten von deutschen Kräften attackiert, verloren 13 Jeeps, und viele von Farrans Männern wurden getötet. Farran übernahm das Kommando über eine weitere Gruppe, die Sabotage an deutschen Einrichtungen verübte. In einem Monat töteten seine Männer rund 500 deutsche Soldaten, zerstörten 95 Fahrzeuge der Deutschen sowie rund 400.000 Liter Benzin. Für diese Aktionen wurde Farran mit dem Distinguished Service Order ausgezeichnet, und zwar unter dem Namen Patrick McGinty, ein Pseudonym, das er benutzte, seitdem er 1941 aus der deutschen Gefangenschaft geflohen war, in Bezug auf ein gleichnamiges irisches Lied.
Operation Tombola Gegen Ende des Jahres 1944 reiste Roy Farran nach Griechenland, um dort die Griechen ausfindig zu machen, die ihm bei seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft geholfen hatten. Ab Dezember 1944 war er an der Planung der Operation Tombola beteiligt, bei der er in der Nähe des Berges Cusna in Reggio Emilia gemeinsam mit 50 Fallschirmjägern absprang. Farran sollte lediglich den Flug begleiten, fiel dann aber nach eigenen Angaben „aus Versehen“ aus dem Flugzeug und hatte „zufällig“ einen Fallschirm und seine Ausrüstung dabei. Bei der Operation wurden in Kooperation mit italienischen Partisanen und russischen Kriegsgefangen rund 300 Deutsche getötet sowie eine Reihe von Einrichtungen zerstört.
Erstes Ziel des Bataillons war das örtliche Hauptquartier der Wehrmacht. Farran erhielt den Befehl, dieses Hauptquartier nicht anzugreifen, doch er ignorierte diese Anordnung, weil er befürchtete, in den Augen der Partisanen seine Glaubwürdigkeit zu verlieren.Julian Thompson: The Imperial War Museum: War Behind Enemy Lines. S. 370 und 372. Das Hauptquartier der Deutschen bestand aus mehreren Gebäuden, die sich rund um zwei Villen, die Villa Rossi und die Villa Calvi in Botteghe d’Albinea, gruppierten. Die Deutschen wehrten sich heftig, so dass sich die Angreifer, von den Deutschen verfolgt, zurückziehen mussten. Doch schließlich gelang es, die deutschen Soldaten zurückzudrängen. Anschließend kam es zu Kämpfen rund um die Straße von Florenz nach Modena. Als Farran in Florenz eintraf, wurde ihm mitgeteilt, dass der Angriff auf das Hauptquartier zuvor abgeblasen worden war, weil man die Deutschen vor einem geplanten Großangriff nicht warnen wollte. Farran befürchtete, wegen Befehlsverweigerung vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden. Stattdessen wurde er mit dem US-amerikanischen Legion of Merit ausgezeichnet.
Nach dem Krieg Nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa ging Farran mit dem 2nd SAS nach Norwegen, wo die Einheit mithalf, die deutschen Truppen zu entwaffnen. 1946 erhielt er das Croix de guerre. Anschließend diente er mit dem Regiment der 3rd Hussars in Syrien und in Palästina; dort entkam er knapp einem Bombenattentat. Danach wurde er als Ausbilder nach Sandhurst versetzt.
In Palästina 1946 oder 1947 meldete sich Roy Farran freiwillig zum Dienst bei der Palestine Police Force, der er im März 1947 beitrat. Die britischen Behörden im Mandatsgebiet befanden sich in einer verzweifelten Situation: Sie mussten sich mit rund 6000 jüdischen Guerillakämpfern auseinandersetzen, die die Mandatsregierung mit Sabotage, Anschlägen und bei Straßenkämpfen erfolgreich bekämpften, und die Moral der Truppen, die sich in ihren Kasernen förmlich verschanzen mussten, lag darnieder.Richard J. Aldrich: The Hidden Hand : Britain, America, and Cold War secret intelligence. S. 256–257. Zwar waren die Briten diesen Kämpfern zahlenmäßig überlegen, aber von der geschickten Taktik der jüdischen Kämpfer zermürbt.Richard J. Aldrich: The Hidden Hand : Britain, America, and Cold War secret intelligence. S. 259. Die Ausrufung des Kriegsrechts hatte keine positiven Auswirkungen, sondern im Gegenteil eine Verdoppelung der Angriffe zur Folge.Richard J. Aldrich: The Hidden Hand : Britain, America, and Cold War secret intelligence. S. 261.Nicholas Bethell: Das Palästina-Dreieck. Juden und Araber im Kampf um das britische Mandat 1935–1948. S. 328.
Obwohl die Briten planten, sich aus Palästina zurückzuziehen, und die Zivilisten schon evakuiert waren, beauftragte der Generalinspekteur der Palestine Police, Nicol Gray, der von den Aktionen des 2nd SAS während des Krieges beeindruckt war, Brigadier Bernard Fergusson mit der Einrichtung einer neuen Einheit, die versuchen sollte, die jüdischen Gruppen zu infiltrieren oder zu unüberlegten Aktionen zu verleiten. Die Angehörigen der Palestine Police reagierten bestürzt auf diese Pläne, und Grays Vorgänger, John Rymer-Jones, warnte eindrücklich vor einer „Katastrophe“. Fergusson ignorierte diese Warnungen und verpflichtete zwei ehemalige SAS-Angehörigen, Roy Farran und Alastair MacGregor, der zur Geheimdienstabteilung MI6 gehörte. Farran war eine eigentümliche Wahl, weil er dafür bekannt war, Befehle zu ignorieren, kaum Erfahrung in Fragen von Sicherheit und Geheimdienst hatte, und zudem, wie er selbst später einräumte, ein Alkoholproblem hatte.N. Kardahj: A Measure of. Restraint. The Palestine Police and the End of the British Mandate. MPhil Thesis, 2007
Farran wurde von Fergusson beauftragt, im Süden Palästinas zu operieren. Sir Henry Gurney, Generalsekretär der Mandatsregierung, beklagte später, dass Farran geglaubt habe, er habe Carte Blanche, also freie Hand, obwohl er keine Polizeigewalt hatte.D. Anderson/David Killingray: Policing and decolonisation. Politics, nationalism, and the police, 1917-65. S. 75–77 Seine Leute sollten sich als Juden ausgeben und unter die jüdische Bevölkerung mischen, wurden allerdings meistens sofort als Briten erkannt. Keiner der Männer in Farrans Einheit sprach gutes Hebräisch, aber man lehnte es ab, mit dem Criminal Investigation Department zusammenzuarbeiten, und es gab kaum Informationen über die jüdischen Kämpfer.T. Jones: Postwar counterinsurgency and the SAS, 1945-1952. A special type of warfare. 2001, S. 121T. Jones: SAS: the first secret wars. The unknown years of combat & counter-insurgency
Der Fall Rubowitz Am 16. Mai 1947 verschwand der 16-jährige Alexander Rubowitz, als er für die jüdische Widerstandsgruppe Lechi im Jerusalemer Stadtteil Rechavia plakatierte. Die Palestine Police nahm an, dass Farrans Einheit ihn festgenommen und getötet hatte. Gurney ordnete an, den Fall als normales Verbrechen zu behandeln und Farran sowie die anderen Beteiligten vor Gericht zu bringen.
Der Verdacht, dass Farran in das Verschwinden von Rubowitz verwickelt war, kam auf, weil ein grauer Schlapphut mit seinen eingenähten Initialen nahe der Stelle gefunden worden war, wo Zeugen gesehen hatte, dass Rubowitz in ein ziviles Auto gezerrt worden war. Den Hut hatte Farran bei der Verfolgung des Jugendlichen verloren. Laut einer späteren Zeugenaussage wurde Rubowitz an einen entlegenen Ort gebracht, gefoltert, um ihm Informationen zu entlocken, und schließlich von Farran mit einem Stein erschlagen. Farran gab an, er sei hereingelegt worden und floh nach Syrien, aber Fergusson überredete ihn, sich zu stellen. Entgegen Fergussons Versprechungen wurden Farran verhaftet, daraufhin floh er nach Jordanien, kam aber erneut zurück, als er von geplanten Vergeltungen gegen britische Offiziere hörte.