mini|alt=Thomas Hettche auf der Frankfurter Buchmesse 2023|Thomas Hettche auf der Frankfurter Buchmesse 2023 Thomas Hettche (* 30. November 1964 in Treis, Landkreis Gießen) ist ein deutscher Schriftsteller und Essayist.
Leben Thomas Hettche wuchs im Dorf Treis am Rande des Vogelsbergs auf, wo die Familie des Vaters seit Generationen als Bauern und Handwerker ansässig war. Hettches Mutter kam im Zuge der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1947 nach Hessen. Er besuchte die Liebigschule Gießen und legte 1984 das Abitur ab. Von 1984 bis 1991 studierte Hettche Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, an der er als Magister Artium mit einer Arbeit über den Augenblick als Kategorie ästhetischen Empfindens in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften abschloss und an der er 1999 mit der medientheoretischen Arbeit Animationen über die „Geschichte von Anatomie und Pornographie auf der Folie Venedigs“ promoviert wurde.
Hettche lebt nach längeren Aufenthalten u. a. in Venedig, Krakau, Rom und Los Angeles heute als freier Schriftsteller in Berlin und im Vogelsberg. Er hat zwei Töchter. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war Hettche lange auch journalistisch tätig, vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. Von 1995 bis 1999 war er Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.
2002 hatte er die Poetikdozentur der Akademie der Wissenschaften und der Literatur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne (zusammen mit Malin Schwerdtfeger), 2003 hatte er einen Lehrauftrag an der Philipps-Universität Marburg. Im selben Jahr war Hettche künstlerischer Gast des Collegium Helveticum an der ETH Zürich. Von 2018 bis 2020 hatte er eine Honorarprofessur an der TU Berlin inne.Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Literatur und Wissenschaft 2021 war Hettche zusammen mit Eva Menasse Dozent bei der Tübinger Poetik-Dozentur.
Hettche gehört der Berliner Akademie der Künste sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an.
Werk Ludwig muß sterben. Roman „Selten ist ein Debüt mit so breiter und tiefer Bewunderung, ja mit einer so seufzenden Erleichterung aufgenommen worden, als wäre mit diesem virtuos kühnen Textgebilde die Zukunft einer jungen deutschen Literatur erst einmal gesichert“,Der Artist im Augapfel – ratlos In: Die Zeit. 6. November 1992. schrieb der Literaturkritiker Reinhard Baumgart in der Wochenzeitschrift Die Zeit über Thomas Hettches ersten Roman.
In Ludwig muß sterben erzählt ein aus der Psychiatrie Entlassener vom Sterben seines herzkranken Bruders in Italien, von dessen Existenz er eigentlich nichts wissen kann. In phantastischer Manier entsteigt erst eine junge, durch Eingriffe an Kopf und Gesicht entstellte Frau einem Anatomieatlas, gefolgt vom Arzt Johannes Tichtel, einer historischen Figur des 16. Jahrhunderts, dessen Tagebücher Hettche für den Roman aus dem Lateinischen hatte übersetzen lassen und die er in Teilen in den Roman einbaut. In einer atem- wie absatzlosen Sprache voller Bilder und Zitate entfaltet der Roman alle Themen, die das Frühwerk Hettches prägen: Macht und Ohnmacht des Erfindens, das Erzählen von Liebe und Tod, die Haut als verletzliche Grenze unseres Ichs.
„Mit diesem jungen Frankfurter Autor hat ein Prosaist die literarische Szene betreten, der mit den technischen Mitteln modernen Erzählens wie ein Meister zu spielen versteht“, resümiert Gunhild Kübler in der NZZ.Tödlicher Strudel im Kopf In: Neue Zürcher Zeitung. 8. Dezember 1989.
„Wie bei so manchen seiner jungen Generationsgenossen, bei Durs Grünbein, Marcel Beyer und Rainald Goetz, hat Dr. Benn massiv die Finger im Spiel. Der Anatomie-Atlas scheint für die heute Dreißigjährigen das vornehmste Poesiealbum zu sein; ihre ‚Schädelbasislektion‘ (Grünbein) haben sie offenbar schon in der Wiege gelernt. Das ‚Menschenfleisch’ (Beyer) als die letzte Substanz der Erfahrung“Das Atmen der Dinge, das Dröhnen des Sterbens. Thomas Hettches Roman „Nox“ In: Neue Zürcher Zeitung. 23. März 1995. (Bernard ImhaslyBernard Imhasly - 1 Buch - Perlentaucher in der Neuen Zürcher Zeitung).
Frank Mühlich feiert den Roman in der taz als „Geniestreich“.Ein Geniestreich In: die tageszeitung. 14. Oktober 1989. Und für Friedhelm Rathjen weist der Roman Hettche als „Jungromancier allererster Güte aus“, der „mit Furor aufs Ganze geht“ und „ein Verwandter Beckettscher Erzähler“ sei. Hettche gehe es „um die Sprache, keine Frage: um ihre Allmacht und ihre Ohnmacht. Die Sprache ist das Maß aller Dinge, denn ausdrücklich aus Wörtern geformt sind alle Körper, alle Gegenstände der sehr gegenständlichen und sehr körperlichen Prosa Thomas Hettches, die nicht im mindesten so abstrakt ist, wie jeder nur halbwegs angemessene Versuch ihrer Beschreibung notgedrungen sein muß“, schreibt er in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau.Wörter-Wunden. In: Frankfurter Rundschau, 10. Oktober 1989.
Inkubation Bei Inkubation (1992) handelt es sich um eine Art literarischer Partitur: Zwanzig Prosastücke sind nach der Art von fünfstimmigen polyphonen Inventionen ineinandergeschoben. Typographisch anspruchsvoll wird das Ineinander von Geschichten umgesetzt, das sich jeweils über die ganzen Doppelseiten des Buches erstreckt, durch ein Koordinatensystem statt durch Seitenzahlen gegliedert. Die Geschichten von „Inkubation“ erzählen alle auf phantastische Weise von den Beziehungen zwischen einem Ich und einem Du: „Da stülpen die Knorpel in deinen Schultern sich hoch aus, dir wachsen, weiss ich plötzlich, Flügel, darf nicht, jeder Engel ist schrecklich, ich beisse hinein“. Der Band „versammelte (…) Erzählungen, die wie ein generatives System die eigentliche Geschichte erst produzieren – fernab vom Erzähler und souverän kokettierend mit den Grenzen der Erzählbarkeit der Welt“.Die Pracht der Nacht In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. April 1995.
Hettche habe sich „von frühem Ruhm, von Hysterie und Erwartungsdruck nicht dazu verführen lassen, mit großer Geste gleich in seinem zweiten Buch ein frühes Versprechen prompt und pompös einzulösen“, urteilt Reinhard Baumgart in der Zeit. Vielmehr „laboriere“ der Band „in einem merkwürdig waghalsig embryonalen Zustand, als gäbe es diese Spanne zwischen Texterzeugung und Textgeburt“. Es „prüft hier das Erzählen fortlaufend sich selbst, seine Voraussetzungen und Bedingungen, immer wieder hinaustastend in Möglichkeiten der Fiktion und immer wieder, geradezu emphatisch zurückweichend in ein schönes Gefängnis aus nichts als Sprache, ein gläsernes, aber dichtes Gehäuse“. Die Dichte der Verweise, mit denen Hettche seinen Text anreichere, führe dazu, „daß die Sprachspiele durch einen schön mitraunenden Resonanzraum laufen“. „Inkubationen“ sei ein „Kunststück einer coolen Sprachsinnlichkeit und in ihr die eindrucksvolle Verkörperung, ja geradezu Fleischwerdung jenes Jammers über das Ende der Fiktionen“.
NOX. Roman Hettches zweiter Roman NOX erschien 1995 und wurde äußerst kontrovers aufgenommen. „Thomas Hettche riskiert, was noch kein anderer westdeutscher Autor mit solcher Ernsthaftigkeit gewagt hat: die Nacht des 9. November 1989, die über Millionen Menschen in Ost und West so unerwartet hereingebrochen ist, zum Thema eines Romans zu machen“[Tiefer Schnitt ins deutsche Fleisch. Thomas Hettches Roman aus der Nacht, in der die Mauer fiel] In: Süddeutsche Zeitung. 5. April 1995. (Michael BasseMichael Basse in der SZ).
NOX, das seltene Beispiel eines Wenderomans aus westdeutscher Sicht, erzählt die Nacht des Mauerfalls als pornographische Groteske. Eine namenlose Mörderin, die gleich auf der ersten Seite des Romans dem Erzähler die Kehle durchschneidet, irrt durch das nächtliche, die Wiedervereinigung feiernde Berlin. Der tote, langsam verwesende Erzähler, Elemente des Großstadtromans in der Tradition Döblins (Wetterberichte, Zeitungsmeldungen), SM-Szenen von großem Pathos – all das unterlief die Erwartungen der Literaturkritik an einen Roman über die Deutsche Einheit.
Zur Wiederauflage des Romans 2003 schrieb Tom Kraushaar in Edit: „Thomas Hettches NOX ist wie kaum ein anderer Roman der 90er Jahre Anlass zu Polemisierungen und Pauschalisierungen gewesen. Er brachte Kategoriebildungen hervor, die die Wahrnehmung und Produktion von Literatur nun fast zehn Jahre prägten. Wenn NOX heute als Neuauflage erscheint, dann erscheint ein anderer Text, ein Roman, der in unzähligen Rezensionen und Essays gleichsam weitergeschrieben wurde. Betrachtet man den Roman heute, dann ist er untrennbar vernetzt mit den vielen literaturkritischen Debatten der 90er Jahre zu postmoderner Theorie, neuem Realismus, Pop-Literatur etc. Vielmehr besteht die Bedeutung der Rezeption von NOX in ihrer Vernetzung mit bestimmten Debatten der Literaturkritik der 90er Jahre. Thomas Hettche war zwar 1995 das, was man heute unter einem Jungautor versteht, zugleich repräsentierte er aber das literarische Establishment der frühen 90er Jahre. Bei der Auseinandersetzung mit ihm geht es um die Konfrontation mit einer ganzen literarischen Traditionslinie. Endlich sollte die Dominanz einer theoretisch-intellektuellen, einer selbstreferenziellen und innerlichen Literatur gebrochen werden. Und es gelang der Literaturkritik insbesondere durch die Radikalität und Schärfe der Polemik gegen Texte wie NOX, althergebrachte Kategorien aufzulösen“.[Die Nacht nach dem Morgen danach: Thomas Hettches umstrittener Roman „Nox“ kehrt aus der Verbannung zurück.] In: Edit. 30, 2002.
Animationen 1999 publizierte Hettche Animationen, einen „Romanessay“, wie es im Klappentext heißt, mit dem der Autor im selben Jahr bei Christa BürgerChrista Bürger - 3 Bücher - Perlentaucher an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main in Literaturwissenschaft promoviert wurde. Animationen entwickelt erzählend-reflektierend auf der Folie Venedigs Elemente einer Medientheorie aus der Geschichte von Anatomie und Pornographie, wobei Hettche sich weitausgreifend mit Goethe und Flaubert, Tizian, Montaigne und Casanova, dem Anatomen Andreas Vesalius und vor allem Pietro Aretino beschäftigt und dabei ein „Feuerwerk der Bezüge abbrennt“ (Hubert Winkels in Die Zeit).
Dietmar Dath schrieb in SPEX über die „balsamische Wirkung eines zum Text auskomponierten intellektuellen Erlebnisses, das wahrhaftig über den Atem und die Geduld, die Liebe und die Fürsorge gebietet, seiner eigenen sprachlichen Objektivation mit allen auch noch so heteronomen Aspekten seiner Gestalt zuzuarbeiten, weit über die begrenzten Mittel hinaus, die ich zu dieser historisch wahrhaft späten Stunde aus meinem Wort- und Kategorienbestand noch herbeizitieren könnte, um ihr Tröstliches zu beschreiben. (…) Die Klarheit, mit der zahlreiche aufgerufene Quellentextmomente, das »lächelnde Mädchen« bei Goethe etwa, Flauberts Reiseaffektationen, kulturgeschichtliche Chronika etc., weitsichtig in ihrer letztlich nicht aufhebbaren Unschärfe, gegenseitigen Abhängigkeit etc. belassen werden, ist beispielhaft und anrührend. Keine Idee in diesem Buch ist der übersprudelnden Aufgekratztheit eines Schlaumeiers entsprungen, jede legitimiert sich vielmehr dadurch, dass ihr immer noch andere folgen können, dass dies noch nicht das Ende ist, man auch kein Ende will, kein Besserwissen. (…) Was in »Animationen« erzählt wird, sind dagegen GedankenGÄNGE, ein Wissen im Werden, fast wie bei Ernst Blochs »Spuren« eigentlich (…). Und das, dieses gewissermaßen in so andeutungsreicher wie expliziter Sprache aufgehobene Dezente, dem andererseits von einer gar nicht dezenten Neugier die vorbildlich feinjustierte Waage gehalten wird, ist die heimliche Grundmelodie, die der ausgeschriebenen Partitur »Animationen« ihre Schönheit schenkt“.[An unbestimmbaren Quellen. THOMAS HETTCHEs Romanessay »Animationen« ist sowohl späte Blüte einer »alten« Literatur als auch Knospe einer neuen, die ihren Namen noch sucht] In: Spex. 3/2000.
Der Fall Arbogast. Kriminalroman