mini|Nordwestseite der Kirche Die Evangelische Kirche im Stadtteil Großen-Linden der hessischen Stadt Linden ist eine im Kern romanische Saalkirche aus dem 10. oder 11. Jahrhundert. Sie erhielt im 12./13. Jahrhundert ihre kreuzförmige Gestalt. Um 1230 entstand das bedeutende romanische Figurenportal, dessen Bilderzyklus wahrscheinlich Szenen aus dem Leben des heiligen Wenzel von Böhmen zeigt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Langschiff zur zweischiffigen Hallenkirche erweitert und der Großteil der Ausstattung erneuert. Kirche, Kirchhof und das Alte Rathaus sind von einer gemeinsamen Mauer umschlossen, die auf eine mittelalterliche Wehranlage zurückgeht. Die Kirche mit ihrem Vierungsturm und den beiden westlichen Rundtürmen prägt das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 363.

Geschichte mini|hochkant|Romanisches Taufbecken (11./12. Jahrhundert) Ein Fundamentstein mit der Inschrift „817 Anno †“ wird als Hinweis auf eine (wahrscheinlich hölzerne) Kapelle gedeutet, die um 1120 durch einen romanischen Saalbau ersetzt wurde.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 345. Dieser Vorgängerbau des heutigen Gotteshauses war eine karolingische Hallenkirche mit einer Turmkapelle. Der Bau auf rechteckigem Grundriss bestand aus einem einschiffigen Langhaus mit westlicher Vorhalle und einer archäologisch nachgewiesenen halbrunden Apsis im Osten. An ihre Stelle trat später ein rechteckiger Chor mit zwei Nebenapsiden. Das Patrozinium des heiligen Petrus wurde im Jahr 1206 erstmals erwähnt. Außer dem Petrus geweihten Hochaltar aus Tuffstein verfügte das Gotteshaus im südlichen Querarm über einen Nebenaltar, geweiht „St. Petri et Pauli“ sowie im Langschiff über einen Altar der heiligen Margareta.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 44, 71.

Die Kirche von Großen-Linden war die Mutterkirche von bis zu 22 Dörfern im Hüttenberger Land und im Ort befand sich das Sendgericht.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 5. Das Kirchenpatronat übten 1206 die Falkensteiner und die Bolander aus, ab dem 14. Jahrhundert die hessischen Landgrafen.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 196. Das Hüttenberger Kondominium unter den Grafen von Hessen und von Nassau-Saarbrücken währte von 1396 bis 1703. Großen-Linden erhielt zwischen 1561 und 1577 Stadtrechte und verließ im Jahr 1585 das Kondominium.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 347. Kirchlich gehörte die Pfarrgemeinde in vorreformatorischer Zeit zum Dekanat Wetzlar und Archidiakonat St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Schulte: Die Geschichte Großen-Lindens. 1990, S. 28.

Bei einem Umbau um 1230 wurde die Vorhalle mit der Westempore beseitigt, sodass ein größeres Langhaus entstand. Wahrscheinlich stammen das Querhaus mit Vierungsturm und der rechteckige Chorabschluss ebenfalls aus dieser Zeit.Kiesow: Romanik in Hessen. 1984, S. 241. Im 14./15. Jahrhundert wurden zwei fensterlose Westtürme, die ursprünglich nicht hohl, sondern ganz mit Schutt ausgefüllt waren und nur eine symbolisch-ästhetische Funktion hatten,Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 73. angebaut und im 16. Jahrhundert im oberen Teil neu gestaltet.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 362.

mini|hochkant|Altar und Kanzel zwischen 1818 und 1907 Mit Einführung der Reformation wechselte Großen-Linden 1527 zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis. Am 5. Oktober 1547 berief der hessische Landgraf Philipp I. dort die erste Synode der lutherischen Geistlichen des Hüttenbergs ein.Schulte: Die Geschichte Großen-Lindens. 1990, S. 116. 1561/62 wurden das Kirchendach erneuert und eine flache Holzdecke eingezogen.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 228. Die Versetzung des romanischen Südportals in die Westwand erfolgte wohl ebenfalls im 16. Jahrhundert.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 6. Die kleinen romanischen Fenster im Langhaus wurden im Jahr 1770 durch größere mit Stichbogen ersetzt.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 13. Eine lateinische Inschrift, die bis 1907 am Triumphbogen zu lesen war, wies vermutlich auf eine Verstärkung des Turms im Jahr 1770 hin.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 72 f. 1818 wurden der Fußboden erhöht und das Schiff durch einen großen Holzeinbau im Stil des Klassizismus vor dem westlichen Triumphbogen von Querschiff und Chor abgetrennt.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 44. Davor fanden Kanzel und Altar ihre neuen Aufstellungsorte. Der alte Hauptaltar wurde abgetragen, der romanische Taufstein vor die Kirche gestellt, die Sakristei in die Kirche verlegt und es wurden verschiedene Durchbrüche vorgenommen. Im Jahr 1858 fanden eine Innen- und Außenrenovierung und eine Instandsetzung des Chors statt; das Kircheninnere erhielt einen neuen Anstrich.

Seit 1887 verstärkt eine Zusatzmauer die nördliche Vierungswand. Im Jahr 1907 erfolgte außen und innen eine tiefgreifende Umgestaltung der Kirche, dabei gingen die meisten alten Einrichtungsgegenstände verloren. Bei diesem Umbau wurde das letzte erhaltene romanische Fenster in der Nordwand beseitigt. Nach dem Abtragen der Nordwand wurde dort ein drei Meter breites Seitenschiff angebaut, wodurch die heutige zweischiffige Anlage entstand. Die bereits mehrfach ausgebesserte Südwand wurde zum großen Teil neu aufgeführt und die nördliche Vierungsmauer erneuert, sodass die Zusatzmauer von 1887 wieder beseitigt werden konnte.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 229. Die Kanzel aus dem Jahr 1818 fand 1908 in etwas umgestalteter Form einen neuen Aufstellungsort am südlichen Vierungspfeiler. Vierung und Chor wurden wieder freigelegt, eine neue Nordempore für eine neue Orgel wurde eingebaut. Die bis dahin funktionslosen und mit Schutt gefüllten Westtürme wurden ausgehöhlt, Fenster durchgebrochen und die Innenwände geglättet. Eingebaute Treppen führen zu den Emporen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 59. Am 22. August 1909 erfolgte die Wiedereinweihung, 1962 wurde die Kirche renoviert.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 68 f.

Architektur mini|Grundriss der Kirche (älteste Teile in Blau, Erweiterungen in Lila) mini|Südansicht Die geostete, zweischiffige Hallenkirche aus Bruchstein-Mauerwerk auf einer Anhöhe im Südosten der Stadt hat ein Querschiff mit einem Vierungsturm und einen rechteckigen Chorabschluss sowie im Westen zwei schlanke Rundtürme, die ihr ein wehrhaftes Aussehen verleihen. Die fast vollständig erhaltene Friedhofsmauer umschließt ein 5753 m2 großes Gelände, auf dem der Friedhof seit 1874 nicht mehr genutzt wird. Dort steht das Alte Rathaus aus dem 13. Jahrhundert, dessen ursprüngliche Bestimmung unbekannt ist. Seit 1986 dient es als evangelisches Gemeindehaus.Gießener Anzeiger vom 6. Oktober 2017: , abgerufen am 26. März 2018.

Die Westwand stammt aus dem 12. Jahrhundert; die beiden Fenster mit Stichbogen über dem Portal sind neu. Der Westgiebel schließt mit einem niedrigen Dachgeschoss mit Walmdach ab. Die Südseite präsentiert sich noch teilweise mittelalterlich, erhielt jedoch mehrfach neue Fenster. Die drei Fenster mit Stichbogen wurden 1770 oder 1907 im Stil von 1770 angebracht.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 60. Ein großes hochsitzendes spitzbogiges Fenster in der Südwand ist zugemauert. Im südlichen Langhaus und im südlichen Querhaus sind spätgotische Portale mit geraden Türstürzen und gefasten Laibungen eingelassen. Ein spätgotisches Relief aus rotem Sandstein an der Südseite zeigt Christus mit Siegesfahne und Spaten hinter einem geflochtenen Zaun. Die ungewöhnliche Darstellung Christi als Gärtner nimmt auf Bezug.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 81. Anstelle der alten Nordwand stehen quadratische Pfeiler aus Lungstein, die mit Korbbögen eine Arkade bilden. In die neue Nordwand sind vier Stichbogenfenster eingelassen. Die oberen Geschosse der beiden westlichen Rundtürme bestehen aus verschiefertem Fachwerk mit spitzen Kegeldächern.

Der rechteckige Chor mit kräftigen Ecklisenen hat einen von einem Steinkreuz bekrönten Giebel. Das Innere wird von einem rippenlosen Kreuzgewölbe abgeschlossen und hat an der Süd- und Nordseite große rundbogige Nischen. Die nördliche Nische ist 2,60 Meter breit und 1,60 Meter hoch; der Schlussstein ist als kleine gotische Konsole mit Blattwerk gestaltet. Daneben ist eine rundbogige Tür zugemauert. Die südliche, schmucklose Nische (1,82 Meter breit und 1,55 Meter hoch) wird als Levitensitz gedient haben.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 49. Belichtet wird der Chor durch drei schmale rundbogige Fenster in den freistehenden Seiten. Das östliche Jugendstil-Chorfenster mit dem sinkenden Petrus schuf Otto Linnemann im Jahr 1908.Artur Steinmüller, Peter Funk: Evangelische Kirche. Entwicklung der Kirchengemeinde. In: Helmut Faber (Hrsg.): Großen-Linden 790–1990. Faber, Linden 1990, S. 29–39, hier: S. 35.

Der wuchtige und breite, 27 Meter hohe Vierungsturm mit Pyramidendach über dem Querhaus hat an jeder Seite zwei gekuppelte spitzbogige Schallarkaden in einer Rundblende.Artur Steinmüller, Peter Funk: Evangelische Kirche. Entwicklung der Kirchengemeinde. In: Helmut Faber (Hrsg.): Großen-Linden 790–1990. Faber, Linden 1990, S. 29–39, hier: S. 31. Die Vierung hat innen eine halbkreisförmige Tonne; große rundbögige Triumphbögen verbinden sie mit Schiff und Chor.Westermann: Romanische Kirche Großen-Linden. 1998, S. 7. Der Westbogen ist zum Schiff hin, der Ostbogen zum Chor hin abgetreppt. Die Bögen aus Lungstein haben Kämpferplatten, deren Profilierung und Verkröpfung auf die Zeit um 1230 hinweisen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 48. Der nördliche Querarm ist fensterlos und dient zur Abstützung des Vierungsturms. Im südlichen Querarm, dessen mittelalterliche Substanz weitgehend erhalten ist, sind der Treppenaufgang und die Sakristei untergebracht. Alle Tür- und Fensterumrahmungen des Südarms stammen noch aus dem Mittelalter. Auf der Südseite ist in der Mitte ein spitzbogiges gotisches Fenster eingelassen, links daneben befindet sich ein kleines Rechteckfenster.

Figurenportal mini|links|hochkant|Romanisches Figurenportal mini|Abbildung des Stufenportals aus dem Jahr 1857