mini|Maaza Mengiste im Literaturhaus Frankfurt (Januar 2013)
Maaza Mengiste (* 1971 in Addis Abeba, Äthiopien) ist eine äthiopisch-US-amerikanische Autorin. In ihren Texten beschäftigt sie sich vor allem mit dem Leben gewöhnlicher Menschen in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Umbrüche sowie mit den Schnittstellen zwischen Fotografie, Geschlechterfragen und Krieg.
Leben Mengiste verließ ihre Heimat bereits als Kleinkind im Alter von knapp vier Jahren zusammen mit ihrer Familie, bedingt durch die Folgen der Revolution im Lande nach dem Sturz des damaligen Kaisers Haile Selassie.Manuel Müller: Wenn die Pandemie ausbricht: Soll man dann zurück nach New York – oder doch in der Schweiz bleiben? Und schlechten Kaffee trinken? In: NZZ.ch. Neue Zürcher Zeitung, 22. Juni 2020, abgerufen am 2. August 2023. Danach lebte sie in Lagos, Nigeria und in Nairobi, Kenia, bevor sie in die USA kam. Dort schloss sie das Fach Kreatives Schreiben an der New York University mit einem Master of Fine Arts ab.
2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Beneath the Lion’s Gaze (dt. Unter den Augen des Löwen, 2013), der am Beispiel einer Familie die blutigen Umbrüche im Äthiopien der 1970er Jahre erzählt. 2019 folgte ihr zweiter Roman The Shadow King (dt. Der Schattenkönig, 2021), der vom Zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg (Abessinienkrieg, 1935–1941) handelt, in dessen Folge die Äthiopier der italienischen Besatzung ein Ende setzten. Während Kriegsromane meist von einem männlichen Blick geprägt sind, durchbricht Mengistes Roman dieses Muster, indem er die Geschichte äthiopischer Frauen erzählt, die gegen italienische Soldaten kämpften. Als Inspiration für diese alternative Kriegsdarstellung dienten Mengiste u. a. historische Fotos, die sie zu sammeln begann. Die Fotografie spielt auch im Roman selbst eine wichtige Rolle. Zudem gründete Mengiste das Online-Archiv Project 3541 mit Fotos vom Italienisch-Äthiopischen Krieg.
Mengiste schreibt regelmäßig für The New York Times, das Granta Magazin und das Magazin Callaloo über Themen im Zusammenhang mit der Äthiopischen Revolution von 1974 sowie über Migranten und deren Schicksal in Europa. Auch Menschenrechte gehören zu ihren Themen. Sie ist im Beirat des Online-Magazins Warscapes und in der Kinder-Hilfsorganisation Young Center for Immigrant Children’s Rights.
Die Autorin lebt in New York City und ist Gastprofessorin für Kreatives Schreiben am Queens College, City University of New York sowie Dozentin für Kreatives Schreiben am Lewis Center for the Arts der Princeton University in Princeton. Von Januar bis Juni 2020 weilte Mengiste als Writer in Residence des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG in Zürich.Maaza Mengiste. In: writers-in-residence.ch. Abgerufen am 2. August 2023. Im Frühjahr 2026 war sie Holtzbrinck Fellow an der American Academy in Berlin, wo sie an ihrem neuen Romanprojekt A Brief Portrait of Small Deaths arbeitete. Im Mai 2026 stellte sie am Humboldt Forum ihr multimediales Werk Von allgemeinem Interesse vor, das von der Geschichte der Napier-Expedition und den Archiven des Ethnologischen Museums in Berlin inspiriert ist.
Politische Einstellungen Im Oktober 2024 gehörte Mengiste zu den Unterzeichnern eines Aufrufs zum Boykott israelischer Kulturinstitutionen, „die an der überwältigenden Unterdrückung der Palästinenser mitschuldig sind oder diese stillschweigend beobachtet haben“.
Rezeption Beneath the Lion's Gaze wurde als beeindruckendes literarisches Debüt bezeichnet und vom Guardian zu den zehn besten zeitgenössischen afrikanischen Büchern gezählt. Sabine Berking schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einem geschickt arrangierten Plot und einer gelungenen Schilderung der politischen wie emotionalen Nöte der Menschen in einem Unrechtssystem.
Mengistes zweiter Roman The Shadow King, der zur Zeit der italienischen Invasion in Äthiopien im Jahr 1935 spielt, stand 2020 auf der Shortlist des Booker Prize. Er wurde von der angloamerikanischen Literaturkritik überwiegend positiv aufgenommen. Namwali Serpell beschreibt ihn in der New York Times als „lyrisch“ und „bemerkenswert“. Auch Alex Clark berichtet im Guardian von einer „fesselnden“ Lektüre. Es gelinge Mengiste, die afrikanischen Protagonistinnen, die in den Krieg zogen, „zum Leben zu erwecken und sie als dynamische Persönlichkeiten darzustellen“. Die Rezeption im deutschsprachigen Raum fiel gespaltener aus. In seiner Rezension für den SWR2 bezeichnet Pascal Fischer den Roman als „ein beeindruckendes, komplexes Panorama bei gleichzeitiger Tiefenschärfe“. Sigrid Löffler schreibt in der Süddeutschen Zeitung hingegen, dass die „läppische“ Handlung und der hohe „Legendenton“ nicht zu der historischen Katastrophe passten. Es handle sich um eine „märchenhafte Kriegs-Rhapsodie“.Süddeutsche Zeitung, 20. Oktober 2021, zitiert auf perlentaucher.de. Abgerufen am 2. August 2023. Hubert Spiegel zollt dem von Mengiste entworfenen detailreichen archaischen Handlungs- und Figurenreigen in der Frankfurter Allgemeinen zwar Respekt, merkt aber kritisch an, dass auch „Heldinnen nicht davor geschützt sind, in einer in pathetischer Sprache erzählten Geschichte aus Blut und Patriotismus aufzutreten“.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Oktober 2021, zitiert auf perlentaucher.de. Abgerufen am 2. August 2023.
Auszeichnungen und Ehrungen Fulbright Scholar Fellow der Emily Harvey Foundation Fellow des Virginia Center for the Creative Arts Stipendiatin des Prager Sommerprogramms Fellow in Yaddo, Saratoga Springs, New York State 2011: Zweitplatzierte für den Dayton Literary Peace Prize in der Kategorie Belletristik für Beneath the Lion’s Gaze 2013: Peterbaugh Fellow der Zeitschrift World Literature Today 2019: Aufnahme in die Anthologie New Daughters of Africa von Margaret Busby 2021: Edgar Allan Poe Award – „Best Short Story“: Dust, Ash, Flight (in Addis Ababa Noir)Naomi Elias: Ghostly Presences in Addis Ababa: A Conversation with Maaza Mengiste. In: lareviewofbooks.org. 19. Oktober 2020, abgerufen am 2. August 2023. 2021: Premio Gregor von Rezzori – Bestes ausländisches Werk: Il Re Ombra (The Shadow King) 2022: Fellow des Berliner Künstlerprogramms (DAAD) 2026: Holtzbrinck Fellow an der American Academy in Berlin 2026: MacArthur Fellowship
Veröffentlichungen
Bücher Beneath the Lion’s Gaze. Norton, New York 2010, ISBN 978-0-393-33888-1. Deutsch: Unter den Augen des Löwen. Roman, übersetzt von Andreas Jandl. Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-88423-400-6.Ein Land im Aufbruch über eine halbe Million Opfer hinweg. In: FAZ. 14. Januar 2013, S. 28. The Shadow King. Norton, New York 2019, ISBN 978-0-393-08356-9. Deutsch: Der Schattenkönig. Roman, übersetzt von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky. dtv, München 2021, ISBN 978-3-423-28292-5. Von allgemeinem Interesse (Reihe: Objekte widersprechen). Aus dem Englischen von Aziza Kasumov und Nikolaus G. Schneider. Mit einem Vorwort von Priya Basil. Herausgegeben von der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Diaphanes, Berlin 2026, ISBN 978-3-0358-0867-4.
Kurzgeschichte
Dust, Ash, Flight. In: Maaza Mengiste (Hrsg.): Addis Ababa Noir. Akashic Books, Brooklyn, New York 2020.
Essays, Aufsätze
A Different Lens. In: Deborah Willis, Ellyn Toscano, Kalia Brooks Nelson (Hrsg.): Women and Migration. Responses in Art and History. Open Book Publishers, Cambridge 2019, S. 155–160.
Joy and Revelry. But You Amaze Me. In: Koyo Kouoh et al. (Hrsg.): When We See Us: A Century of Black Figuration in Painting. Thames & Hudson/Zeitz MOCAA, London/New York, Cape Town 2022, S. 85–120. Konstellationen nachvollziehen. Maaza Mengiste und Biljana Ciric im Gespräch mit einer Replik von Tala Hadid. In: Lucid Knowledge. Fotografie als Währung – zu Aktualität, Relevanz und Verbreitung von Bildern. 8. Triennale der Photographie Hamburg 2022, S. 101–117.
Literatur Biografie in schwedischer Sprache: Anita Theorell: Afrika har ordet. Nordiska Afrikainstitutet, Uppsala, Schweden 2010, ISBN 978-91-7106-673-2. Emma Bond: Photography: Memorial Intertexts in New Writing by Maaza Mengiste, Nadifa Mohamed, and Igiaba Scego. In: Simone Brioni und Shimelis Gulema (Hrsg.): The Horn of Africa and Italy: Colonial, Postcolonial and Transnational Cultural Encounters. Peter Lang, Oxford 2018. Raffaele Bedarida und Sharon Hecker: Interview with Maaza Mengiste on Project3541: A Photographic Archive of the 1935–41 Italo-Ethiopian War. In: Raffaele Bedarida und Sharon Hecker (Hrsg.): Curating Fascism: Exhibitions and Memory from the Fall of Mussolini to Today. Bloomsbury, London 2022, S. 269–293. Alessandra Di Pietro: Reversing Victimology: Maaza Mengiste’s The Shadow King as a War Narrative of Female Agency. In: Pavan Kumar Malreddy, Frank Schulze-Engler und Kathrin Bartha-Mitchel (Hrsg.): Contested Solidarities: Agency and Victimhood in Anglophone Literatures and Cultures. Heidelberg University Publishing, Heidelberg 2025, S. 155–173.
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Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Kurzgeschichte Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Herausgeber Kategorie:Hochschullehrer (Princeton University) Kategorie:MacArthur Fellow Kategorie:Äthiopischer Emigrant Kategorie:Äthiopier Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1971 Kategorie:Frau