Die Dialekte in Tirol entstammen mehrheitlich den oberdeutschen Dialektgruppen Bairisch und Alemannisch und umfassen alle Dialekte und Sprachgruppen, die in Nordtirol (Österreich), Osttirol (Österreich), Südtirol (Italien) und Trentino (früher Welschtirol, Italien) von den ca. 1,9 Millionen Einwohnern gesprochen werden. Sie stellen den Übergangsbereich zwischen alemannischen (im Westen), bairischen (im Osten) und rätoromanischen bzw. italianisierten Dialektgruppen (im Süden) dar.

Historische Sprachgrenzen sind auf geographische Unzugänglichkeiten in der bergigen Landschaft der Alpen begründet, weshalb trotz des Dialektkontinuums zwischen einzelnen, teils benachbarten Regionen Tirols relativ große Unterschiede in der Umgangssprache und insbesondere im Vokabular zu finden sind. Diese Unterschiede haben für die jeweilige Bevölkerung einen hohen identitären Wert. So sind diverse Ausdrücke und Begriffe auf einzelne Orte und Täler beschränkt.

Amtssprachen in Tirol

Deutsch (Amtssprache in Nord, Ost- und Trentino-Südtirol) Italienisch (Amtssprache in Trentino-Südtirol)

Anerkannte Minderheitensprachen in Tirol

Ladinisch (Trentino-Südtirol) Fersentalerisch (Trentino-Südtirol) Zimbrisch (Trentino-Südtirol)

Sprachentwicklung Einige wenige Begriffe, die nur in Tirol geläufig sind, sowie auch Ortsnamen stammen von keltischen und slawischen Begriffen ab. Zur Zeit der Augusteiischen Alpenfeldzüge übernahmen die im heutigen Tirol lebenden rätischen Stämme das Vulgärlatein und verbanden es mit ihrer eigenen Sprache. Daraus entwickelten sich die noch heute gesprochenen rätoromanischen Sprachen (auch bezeichnet als Ladinisch, Räto-Friaulisch, oder Alpenromanisch). Nach dem Zerfall des römischen Reiches siedelten sich christianisierte germanische Stämme (hauptsächlich Bajuwaren, Alemannen und Langobarden) im heutigen Tirol an, die bis zum Jahr 1000 n. Chr. zur dominanten Bevölkerungsgruppe wurden und damit die Sprachidentität des heutigen Tirols am meisten prägten. Das Tiroler Unterinntal sowie andere Teile Ost- und Nordtirols gehörten bis zur Mitte des 2. Jahrtausends zu Bayern, weshalb dort die bairischen Dialektgruppen über Jahrhunderte den stärksten Einfluss hatten.

Die Tiroler Dialekte wurden auch durch das Jiddische geprägt. Bedingt durch Antijudaismus und Judenverfolgung ab dem 11. Jahrhundert wanderten Juden massenhaft aus dem deutschen Sprachgebiet nach Osteuropa aus, wodurch dieser Einfluss schwand. Noch heute sind einige Wörter und Ausdrücke im umgangssprachlichen Gebrauch in Tirol zu finden, die auf die jiddische Sprache zurückgeführt werden.

Bis 1860 gehörte das österreichische Bundesland Vorarlberg zu Tirol. Eine kulturelle und sprachliche Assimilierung war jedoch durch den Arlbergpass erschwert, weshalb der Sprachgebrauch in Vorarlberg heute sowie damals als rein alemannischer Dialekt viele Gemeinsamkeiten mit den Dialekten in den benachbarten Kantonen der Schweiz aufweist. Der Tiroler Regierungsbezirk Reutte wird als "Außerfern" und gilt seit der Abtrennung Vorarlbergs als die einzige Region in Tirol, deren Dialekt in der Sprachforschung mehrheitlich auf schwäbisch-alemannische Dialektgruppen zurückgeführt wird.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Südtirol und Welschtirol von Österreich bzw. von Tirol abgetrennt und kulturell sowie auch sprachlich italianisiert. Die Tiroler Dialekte blieben bis auf einige Lehnwörter dennoch auch in Südtirol weitgehend erhalten. In Südtirol hat sich seither ein eigener "Tiroler Akzent" der italienischen Sprache gebildet.

In der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs wurde die Sprache in Tirol und Vorarlberg durch die französische Besetzung beeinflusst. Die Begriffe Besetzung, Besatzungszonen und Besatzungssektoren gelten in Österreich bis heute synonym für die Jahre von 1945 bis 1955.

Lexik Das Tirolische oder Tirolerische zeigt teilweise lexikalische Gemeinsamkeiten mit dem Alemannischen; so läuft die Alm/Alp-Isoglosse durch Tirol (im Inntal: zwischen Ötztal und Imst). Die Ortslagen Alm und Alpe werden hier getrennt geführt, vergl. Erläuterungen: 7. Almen, Alpen, Berggüter und Vorsäßen, S. 14

Unterschiede zum restlichen Österreich zeigen sich auch im Wortschatz, wie in:

ållm, ålli, olli – immer aniadr, aniedr / aniade – jeder / jede auchi, aufi, auchn, augn, aucha – hinauf aweck – weg, fort (vgl. englisch away) Fleischkas – Leberkäse gegga, gagga – pfui, schlecht (Kindersprache) gleim (auch in Kärnten) – eng (beieinander) Gluuf, Gluufe, Glufa – Sicherheitsnadel, Stecknadel (vgl. Gufe im Schweizerdeutschen und Glufa im Schwäbischen) lei (auch in Kärnten) – nur losna, lisna, lissn, horchn – hören (vgl. schweizerdeutsches Verb lose) lipfa, lupfn, aulupfn – hochheben Marend – Jause (Zwischenmahlzeit) Halbmittag – vormittägliche Jause (südtirolspezifisch) marenda bzw. untern – jausnen Mosbeer – Heidelbeeren oi, oui, euchi, öachn, ouchn, ochn, ocha, ochi – hinunter d – dies dear, dr – der dia, de – die semm, zem, detta, dert, derten – dort

Weit verbreitet sind folgende Begriffe; ihre Bedeutung kann von Ort zu Ort etwas verschieden sein. Nicht alle Aussprachevarianten sind in der Liste berücksichtigt.

bekirnan, pekiengin – verschlucken decht – dennoch, doch drlada, drloadn – langweilen, verdrießen dunta, dunte – unten endern – jenseits des felli, fellig, föllig – fast, nahezu floka lossa, flacken – liegen Formas, Foarmos – Frühstück gahl, lobelat – schwach gesalzen ghilb, gehilbe – bewölkt, nebelig glangla losa, glenggang – baumeln, (lose) hängen gliandi, gleanig, gluenig – glühend Grantl, Gront, Grant, Troug – Trog graschglan, graschplen – knistern, knirschen, rascheln Griffl – Finger hoppn, huppm, happm – (ein Kind) in den Arm nehmen Huudr, Hüdr, Hudo – Lappen, Tuchfetzen iatz – jetzt inrua lossa, unkeit lossn – unbehelligt lassen, in Ruhe lassen Kallar, Schöpfa – Kelle kraaln, gralln – kratzen Kondla, Kondl – Kanne Lulle, Lüllar, Luller – Schnuller nacht – gestern nikarli mocha, nåpsln, nuagerle, nångerle – Mittagsschläfchen Neunerlen – vormittägliche Jause Ora, Losar – Ohren Patatti – Kartoffel (Tiroler Oberland) plindara, plintern – umziehen, Wohnung wechseln Pundl, Pundal – Kanne, Behälter Purzigogla, Puchzigoglar, Purzigagel – Purzelbaum Riibl, Riiblar – eine Art Schmarren roogl, rougl, rougla – locker, nicht verfestigt Schiifara, Schiifer – Holzsplitter (in der Haut) schittla, naggln – wackeln, schütteln schmargala/stinka, schmargelen – übel riechen schwenza – spülen springea – laufen Strauch, Strauche – Erkältung, Schnupfen Suur, Gilla – Jauche, Gülle taasig – benommen, abgeschlagen, schlapp Taatl, Tootn – Schublade, Behälter Teggn – Gebrechen, Schaden Tiisl – Grippe, Krankheit Troppl – Falle Tschippl, Schiipl – eine (kleine) Menge Tschottn, Tschouttn, Tschotte, Schotta – Quark, geronnene Milch wiach, wiache – (sehr) fett zfleiß, zefleiße – absichtlich, zum Trotz Zeggr – Handkorb, Einkaufstasche Zogglar – schlecht Gekleideter, Landstreicher, Nichtsnutz Notsch – Schwein Ő – Zeitung Der Wortschatz der Tiroler Dialekte wird erfasst und beschrieben im Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich.

Regionale Ausprägungen Nordtirol Oberland Während es im Süden und Osten sowie im Zentralraum von Nordtirol ålm/åjm (Alpe, Bergweide) oder wīsn (Wiese) heißt, zeigt sich im Westen mit ålwe und wīse ein Übergangsgebiet zum Alemannischen (etwa Vorarlbergs), wo weiter westlich auch das -e schwindet (alp, wīs). Weitere Kennzeichen des Tiroler Oberlandes sind gsejt statt gsågt (gesagt) und it statt nit (nicht). Es wird auch eine typisch alemannische Redensart verwendet. So heißt es im restlichen Tirol z. B. I gea iatz schwimmen (Ich gehe jetzt schwimmen), in Teilen des Oberlands hingegen I gea iatz ga schwimma. Dies ähnelt sehr dem alemannischen Etzt gang i ga schwimma.

Im Oberinntal lauten Verkleinerungsformen auf -le, -ele und -eli, während im übrigen Inntal ein -l angehängt wird. Die Lautgruppen des kurzen el werden im Oberland zu al (Welt – Walt oder Geld – Gald).

Zentralraum Der Begriff „Tiroler Zentralraum“ bezeichnet hauptsächlich Innsbruck (Bezirke Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land). Der Großraum Innsbruck zeichnet sich durch seinen für Auswärtige relativ leicht verständlichen Dialekt aus. Er weist alle für das Tirolerische typischen Merkmale auf, steht jedoch unter einem wesentlich stärkeren Einfluss des Standarddeutschen, wobei es sich um einen Ausgleichsdialekt handelt, wie man ihn auch etwa in Vorarlberg im Raum Bregenz findet (sog. Bödeledütsch). Ein typisches Kennzeichen des Dialektes dieser Region ist das sehr deutlich ausgesprochene „kch“. Aufgrund der hohen Sprecherzahl (allein in der Agglomeration Innsbruck leben 183.000 Einwohner) wird dieser Dialekt als „Standardtirolerisch“ bezeichnet bzw. angesehen und daher auch in Film und Fernsehen verwendet, wenn Textszenen im Tiroler Dialekt vorkommen oder wenn Tiroler imitiert werden. Das Innsbruckerische dehnt sich aufgrund der sich bemerkbar machenden Stadtflucht immer weiter aus und bedrängt die in den Dörfern ansässigen Dialekte. Bemerkbar macht sich dies vor allem im westlichen Mittelgebirge und dem Gebiet zwischen Telfs und Innsbruck.

Ötztaler Mundart In ihrer spezifischen Ausprägung ist die Ötztaler Mundart mit etwa 8.000 bis 15.000 aktiven Sprechern lebendig und wurde 2010 in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen.

Das Ötztal gehört zum tirolisch-südbairischen Dialektgebiet, gilt aber auf Grund seiner relativ langen Konservierung durch die verkehrsmäßige und geografische Abgeschiedenheit laut Sprachwissenschaftler Eberhard Kranzmayer als eine der ältesten Sprachformen des Südbairischen. Das äußere Ötztal stehe dabei unter dem Einfluss des Oberinntals, das innere unter dem des Passeier- und Schnalstals, während im mittleren Ötztal die sprachlichen Eigenheiten am ursprünglichsten konserviert seien, etwa der Vokal- und Silbenreichtum des Früh-Mittelhochdeutschen. Kranzmayer, dessen Ötztal-Forschungen allerdings eine deutliche deutschnationale Hintergrundgesinnung aufweisen, sah darin den Beweis einer durchgehend arischen Linie bis hinunter zu den deutschen Sprachinseln im Trentino. 2020 wurde eine Aufarbeitung angekündigt. Bei dieser sollte „bei gleichzeitiger Wertschätzung anderer regionaler Identitäten das Prädikat ‚Ötztalerisch – die älteste Mundart Österreichs‘ kritisch hinterfragt werden, ohne dass es zu einer (neuerlichen) Wertung innerhalb vergleichbarer Dialekte käme.“ Dessen ungeachtet fanden sich auch drei Jahre später immer noch Presseartikel mit Aussagen wie „Älteste Sprache Österreichs“. Dies kritisierte Bernhard Stecher. Yvonne Kathrein beschäftigte sich schließlich mit Kranzmayer sowie dessen Hintergrund und schloss mit den Worten „Die Auszeichnung als ,älteste Binnenmundart´ zeigt in Wahrheit lediglich, wes Geistes Kind Kranzmayer war.“

Typisch für den Ötztaler Dialekt ist etwa der Erhalt der Vorsilbe ge- [wie in geweesn (gewesen), gekööfet (gekauft)], Bildung der palatalisierten Vokale /ø y/ aus /o u/ [höech (hoch), güet (gut)] sowie die Beibehaltung des alt-/mittelhochdeutschen Auslautes in ich/dich/mich (der im Süd- und Mittelbairischen ansonsten verloren gegangen ist). Alemannische Einflüsse zeigen sich in Löb (Laub statt bairisch Lab), numma (bairisch nimma) und nuicht (nicht); auch rätoromanisches Lehngut ist erhalten.

Stubaier Dialekt