Das Franziskanerkloster Marburg, auch Barfüßerkloster genannt, war von der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis zur Aufhebung 1528 eine Niederlassung des Franziskanerordens am südwestlichen Rand der heutigen Altstadt von Marburg im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Ein Franziskanerkonvent in Marburg wurde erstmals 1235 urkundlich erwähnt. Möglicherweise hing die Ansiedlung von Franziskanern in der Stadt um 1234/1235 mit dem Wirken der heiligen Elisabeth zusammen, die dort 1228 vor den Toren der Stadt ein Hospital errichtet hatte und der Spiritualität des Franziskus von Assisi nahestand. Nach langen Reformstreitigkeiten wurde Ende des 15. Jahrhunderts vom hessischen Landgrafen Wilhelm III. die strenge Observanz im Marburger Konvent eingeführt. 1528 wurde das Kloster im Zuge der von Landgraf Philipp „dem Großmütigen“ in Hessen eingeführten Reformation aufgelöst. Seitdem werden die ehemaligen Klostergebäude, die im Laufe der Zeit mehrmals umgebaut wurden, von der Marburger Universität genutzt. mini|Der Südflügel des ehemaligen Franziskanerklosters auf der Stadtmauer von Süden Geschichte Gründung Wann genau in Marburg ein Kloster der Franziskaner gegründet wurde und ob es für diese Gründung Stiftungen gab, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Vermutlich kamen die Brüder des 1210 gegründeten Ordens um 1234/35 nach Marburg, jedenfalls wurden die Franziskaner in Marburg erstmals in einer Urkunde vom 19. Oktober 1235 erwähnt, in der der Mainzer Erzbischof Siegfried all jenen Ablass gewährte, die zum Bau der Marburger Franziskanerkirche beitrugen.Julius Battes: Das Vordringen der Franziskaner in Hessen und die Entwicklung der einzelnen Konvente bis zur Reformation. In: Franziskanische Studien. 18, H. 3/4, 1931, S. 315. Das an der südwestlichen Ecke der Stadtmauer errichtete Kloster gehörte zur Kölnischen Franziskanerprovinz (Colonia) und war den Aposteln Petrus und Paulus gewidmet.Julius Battes: Das Vordringen der Franziskaner in Hessen. S. 316. Die in der älteren Literatur oft anzutreffende Version, nach der die Franziskaner schon 1228 von der heiligen Elisabeth nach Marburg zu ihrem Hospital gerufen wurden, ist auf den hessischen Chronisten Wigand Gerstenberg zurückzuführen und ansonsten nicht nachweisbar.Erich Keyser: Das Gebiet des Deutschen Ritterordens in Marburg. In: ZHG. 73, 1962, S. 81 f. Trotzdem ist es nicht abwegig, dass die Ansiedlung der Franziskaner in Marburg auch mit der heiligen Elisabeth in Verbindung steht. Die Witwe des thüringischen Landgrafen Ludwig IV. wurde an Pfingsten 1235 heiliggesprochen und war als Fürsorgerin der Armen und Kranken schon bald eine der wichtigsten Heiligen des jungen Franziskanerordens, dem sie nahegestanden hatte.Matthias Werner: Elisabeth von Thüringen, Franziskus von Assisi und Konrad von Marburg. In: Dieter Blume, Matthias Werner (Hrsg.): Elisabeth von Thüringen – eine europäische Heilige. Aufsätze, Petersberg 2007, S. 109–135, hier: S. 126.
Spätmittelalter Aus dem Spätmittelalter sind zahlreiche Schenkungen an den Marburger Franziskanerkonvent überliefert. Dazu gehörten nicht nur Schenkungen von Gütern, sondern auch von Geld. Der Konvent tätigte darüber hinaus verschiedene Geschäfte, wie etwa die Vermietung eines Hauses.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 33 f. Ein Verzeichnis von Paramenten gibt Hinweise auf die luxuriöse Ausstattung des Konvents mit Gewändern aus feinsten Stoffen. Auch andere wertvolle liturgische Geräte befanden sich im Besitz des Ordens.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 35.
Dies ist symptomatisch für die Probleme der Franziskanerklöster, ihre ursprünglichen Ideale, wie den radikalen Besitzverzicht des Ordens, in die Realität umzusetzen.L. Pellegrini: Franziskaner. III. Das Ordensleben. In: Lexikon des Mittelalters. Band 4, Stuttgart 1989, Sp. 803–804.
Auseinandersetzungen um Klosterreform mini|Zeichnung Marburgs aus Matthäus Merians Topographia Hassiae. Links im Bild der langgezogene Südflügel des Franziskanerklosters über der Stadtmauer Als seit Ende des 14. Jahrhunderts an der mangelnden Treue zu den ursprünglichen franziskanischen Idealen vermehrt Kritik aufkam, führte dies zu Auseinandersetzungen innerhalb des Franziskanerordens, dem sog. Armutsstreit. Auch Marburg war Schauplatz des Streits zwischen den beiden Richtungen des Ordens, den Konventualen und Observanten.
Während die Brüder der Marburger Niederlassung den in der Armutsfrage gemäßigten Standpunkt der Konventualen vertraten, ist die Position der Observanten untrennbar mit der Person Landgraf Wilhelms III. verbunden. Er hatte 1483 die Regierung übernommen, war aber zu diesem Zeitpunkt noch unmündig. Deshalb wurde ihm sein Onkel, der Kölner Erzbischof Hermann, dem eine Sympathie für die Observanten nachgesagt wird, zum Vormund bestellt.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 51. Bis zum Jahr 1489 hatte Wilhelm schon vier Reformversuche des Marburger Konventes unternommen, denen er einen Verfall der Religiosität und zahlreiche Laster wie Ungerechtigkeit, Unkeuschheit, Stolz, Habsucht und Treulosigkeit vorwarf.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 56f. Doch jedes Mal, so klagte er, sei nach vollzogener Reform und Abreise des Provinzials der Kölnischen Provinz die Zucht der Brüder schlimmer geworden als vorher. So hätten die der Observanz zugeneigten Brüder schließlich Marburg verlassen und seien in Observantenkonvente gewechselt, was dazu geführt habe, dass nur die „schlechten Elemente“ zurückgeblieben seien.
Daher wandte sich Wilhelm noch vor 1489 an Papst Innozenz VIII. und bat ihn, sich des Problems anzunehmen. Dieser stattete einige Prälaten mit Vollmachten aus und beauftragte sie u. a., den Marburger Konvent zu reformieren. Doch auch diese Bemühungen waren fruchtlos, ebenso zwei weitere Bitten an den Papst 1490 und 1492.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 51–53.
Inzwischen hatte Wilhelm jedoch versucht, selbst einzugreifen. 1491 verbot er zur Vermeidung wirtschaftlicher Schäden den Klöstern, weltliche Güter, Zinsen und Renten zu verkaufen. Den hessischen Bettelorden befahl er, die Brüder aus ihren Termineien abzuziehen, da sie dort nicht mehr ihren eigentlichen Aufgaben nachgingen.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 53f. 1493 schrieb er dann dem neuen Papst Alexander VI. einen Brief, in dem er die Missstände bei den Marburger Konventualen klar benannte und deren Lebensweise als verabscheuungswürdig bezeichnete. Eindringlich forderte er den Pontifex darin auf, endlich wirksam einzuschreiten.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 54.
Da ihm die darauffolgenden Untersuchungen zu langwierig waren, befahl Wilhelm schließlich die gewaltsame Vertreibung der Konventualen und die Einsetzung von Observanten in die Marburger Niederlassung. Die Konventualen forderten daraufhin eine Untersuchung des Vorfalls und machten dem Landgrafen heftige Vorwürfe.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 54–57. Es kam zu Verhandlungen vor dem Kardinalprotektor, die letztlich die Wiedereinsetzung der Konventualen in Marburg zur Folge hatten. Doch mit Hilfe König Maximilians drängte Landgraf Wilhelm weiter energisch auf die Einsetzung der Observanten. Am 7. Juli 1496 gab der Papst erneut eine Überprüfung der Vorwürfe in Auftrag. Als dabei nun die Notwendigkeit zur Reform festgestellt wurde und die Brüder sich weigerten, die Observanz anzunehmen, verwiesen die päpstlichen Beauftragten sie aus dem Kloster. Doch erst als eine weitere von den Konventualen erbetene Untersuchung zu dem gleichen Ergebnis kam, waren Wilhelms Bemühungen von Erfolg gekrönt, und die Observanten konnten Anfang 1499 endgültig in Marburg einziehen.Julius Battes: Die Franziskaner in Hessen, den Reichsabteien Hersfeld und Fulda, dem mainzischen Stift Fritzlar und dem Fürstentum Waldeck bis zur Reformation. Diss. Marburg 1922, S. 59–61.
Aufhebung 1528 Nach den schließlich erfolgreichen Kämpfen des Landgrafen für die Einführung der strengen Observanz im Marburger Franziskanerkonvent ließ er dem Kloster finanzielle Mittel für umfangreiche Bautätigkeiten zukommen.Julius Battes: Das Vordringen der Franziskaner in Hessen und die Entwicklung der einzelnen Konvente bis zur Reformation. In: Franziskanische Studien. 18, H. 3/4, 1931, S. 316. Doch schon kurze Zeit später kam es zu erneuten Konflikten mit dem hessischen Landgrafen. Diesmal ging es nicht um den Streit zwischen Observanten und Konventualen, sondern um die Einführung der Reformation in Hessen durch Landgraf Philipp. mini|hochkant|Landgraf Philipp „der Großmütige“ führte 1526 die Reformation in Hessen ein Der Guardian der Marburger Franziskaner, Nikolaus Ferber, war es, der den Landgrafen vergeblich von der Lehre der Reformatoren abzubringen versucht hatte. Nach offizieller Einführung der Reformation auf der Homberger Synode 1526 ließ Philipp im folgenden Jahr ein Inventar der Marburger Niederlassung anlegen.Die oberhessischen Klöster. Regesten und Urkunden. Band 2, hg. von Albrecht Eckardt, Marburg 1967, Nr. 111, S. 60f. Im Oktober 1527 beschloss der hessische Landtag die Aufhebung der Klöster.Urkundliche Quellen zur hessischen Reformationsgeschichte. Band 2, bearb. v. Günther Franz, Marburg 1954, Nr. 69, S. 45.
Obwohl sich auch im Franziskanerkloster einzelne Brüder der Reformation zuwandten – so trat der spätere Frankfurter Reformator Hartmann Ibach 1520 aus dem Konvent aus –, widersetzten sich die Marburger Franziskaner bis zuletzt der von Philipp betriebenen Aufhebung der Klöster. Eine Abfindung, wie sie die Brüder des Marburger Dominikanerklosters für ihren Auszug 1527 angenommen hatten, lehnten sie ab.Burkhard zur Nieden: Zur Geschichte des Dominikanerklosters in Marburg. In: Holger Kuße (Hrsg.): Kirche auf dem Felsen. Festschrift anlässlich der 700-Jahrfeier der Universitätskirche zu Marburg, ehemals Dominikaner-Kloster-Kirche.S. 35–50, hier S. 47 f.
Erst nachdem Landgraf Philipp sie vor die Alternativen gestellt hatte, das Kloster entweder zu räumen oder der Reformation beizutreten, verließen sie 1528 ihre Gebäude.Julius Battes: Das Vordringen der Franziskaner in Hessen und die Entwicklung der einzelnen Konvente bis zur Reformation. In: Franziskanische Studien. 18, H. 3/4, 1931, S. 317. Die ehemaligen Klostergüter der Franziskaner wurden fortan zur finanziellen Fundierung der 1527 neu gegründeten protestantischen Marburger Universität gebraucht.Heinrich Hermelink/Siegfried A. Kaehler, Die Philipps-Universität zu Marburg. 1527–1927, Marburg 1927, S. 32f.
Das Ende der Marburger Franziskaner hielt der Gründungsrektor der Universität, Johannes Ferrarius, folgendermaßen im Matrikelband der Universität fest:
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