mini|hochkant|Carl Rokitansky, Lithographie (K. Rokitansky) von Joseph Kriehuber, 1839 mini|hochkant|Carl Freiherr von Rokitansky, Foto um 1870 mini|hochkant|Titelblatt der Erstausgabe alt=Carl Rokitansky, Handbuch der pathologischen Anatomie, deutsche, russische, englische und italienische Ausgaben|mini|hochkant|Carl Rokitansky, Handbuch der pathologischen Anatomie, deutsche, russische, englische und italienische Ausgaben

Carl Joseph Wenzel Prokop Rokitansky, ab 1853 Carl Freiherr von Rokitansky – geschrieben auch Karl Rokitansky (* 19. Februar 1804 in Königgrätz, Königreich Böhmen, Habsburgermonarchie; † 23. Juli 1878 in Wien, Österreich-Ungarn), war ein österreichischer Pathologe, Hochschullehrer, Politiker und Philosoph und Begründer der wissenschaftlich fundierten Diagnostik.

Kindheit und Jugend Karl Joseph Wenzel Prokop Rokitansky, kurz meist Carl Rokitansky, wurde als Sohn des Kreiskanzlisten von Leitmeritz, Prokop Rokitansky (1771–1813), im böhmischen Königgrätz geboren. Seine Mutter Theresia (1772–1827) war Tochter des Königgrätzer Kreiskommisärs Wenzel Lodgman Ritter von Auen. Karl war das erste von vier Kindern (Prokop, Marie, Theresie) der Familie. Durch den frühen Tod des Vaters († 1812) wuchs Carl mit seinen drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Trotz dieser Lage ermöglichte es ihm seine Mutter, das Gymnasium in Königgrätz und danach die Prager Karl-Ferdinands-Universität zu besuchen. Ihr Erziehungsstil wird von Rokitansky als sehr liberal beschrieben. Rokitansky blieb vor allem die große Belesenheit und humanistische Bildung seines Vaters in Erinnerung und so beschloss er an der Universität Prag klassische Philologie zu studieren.

Studium Rokitansky begann 1818 mit dem damals obligaten philosophischen Einführungsunterricht. Seine künftige politische Haltung wurde durch seinen Lehrer den Philosophen Bernard Bolzano (1771–1848), und dessen sozialkritische Schriften sehr geprägt. 1821 entschloss er sich zum Medizinstudium, das er in Prag begann. Den Lebensunterhalt verdiente er sich durch Privatstunden. 1824 übersiedelte er nach Wien zu seinem Onkel Lodgman von Auen, um sein Medizinstudium an der Universität Wien fortzusetzen. Ab 1827 war er als unbesoldeter Praktikant an der pathologisch-anatomischen Prosektur des Allgemeinen Wiener Krankenhauses tätig. Sein erstes Obduktionsprotokoll stammt vom 23. Oktober 1827. Am 6. März 1828 wurde er an der Universität Wien im Fach Medizin promoviert. Seine Dissertation verfasste er De Varioloide Vaccinica, (Fig. 1a), (Über die Pockenimpfung), da er sich schon sehr früh mit Blutserologie beschäftigte.

Erstes Ordinariat für pathologische Anatomie im deutschsprachigen Raum Ab 1830 war er Assistent an der Pathologisch-Anatomischen Prosektur. 1832 supplierender außerordentlicher Professor, wurde er ab 1834 außerordentlicher Professor der pathologischen Anatomie an der Universität Wien und Kustos des Pathologisch-Anatomischen Museums. 1844 ordentlicher Professor, erhielt er in Wien das erste Ordinariat für pathologische Anatomie im deutschsprachigen Raum. 1849/50, 1856/57, 1859/60, und 1862/63 Dekan der Medizinischen Fakultät, wurde er 1852/53 erster frei gewählter Rektor der Universität Wien.

Pathologe Neue Wiener Schule

In den 1830er Jahren etablierte sich die Neue Wiener Schule, die auf den neuen wissenschaftlichen Methoden, von Carl Rokitansky aus Böhmen basierte. Dies wurde im 20. Jahrhundert als Zweite Wiener Medizinische Schule interpretiert. Als weitere Proponenten neben Rokitansky werden meist der von Rokitansky in pathologischer Anatomie ausgebildeteRobert Schwab: Über die Bedeutung des Juliusspitals für die Entwicklung der Inneren Medizin. In: Das Juliusspital Würzburg in Vergangenheit und Gegenwart: Festschrift aus Anlaß der Einweihung der wiederaufgebauten Pfarrkirche des Juliusspitals am 16. Juli 1953. Hrsg. vom Oberpflegeamt des Juliusspitals. Würzburg 1953, S. 14–24, hier: S. 18. Kliniker Josef von Škoda und der Dermatologe Ferdinand von Hebra genannt. Zeitgenössische Studenten wie z. B. Sigmund Freud bezeichneten sich jedoch bis ins 20. Jahrhundert als Schüler der Neuen Wiener Schule und sahen Rokitansky als Vaterfigur. Das Ziel der Neuen Wiener Schule war es, einen fortschrittlichen wissenschaftlichen Zugang in der Medizin einzuführen. Pathologie war bis dahin eine rein beschreibende Wissenschaft und zeitgenössische Pathologen wie Gabriel Andral und Jean Frédéric Lobstein erstellten zwar Beschreibungen von Krankheiten aber noch keine Diagnosen. Für sie lag der Krankheitsursprung, den sie „das dynamische Moment“ nannten, im Ungleichgewicht der Körpersäfte, gemäß der Viersäftelehre von Hippokrates.

Rokitansky begnügte sich nicht mehr mit Beschreibungen, sondern er suchte nach Erklärungen, nach wissenschaftlich fundierten Diagnosen. Eine seiner ersten Obduktionen, die er gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Johann Wagner (1799–1832) durchführte, war die Obduktion Ludwig van Beethovens. Bei dieser Obduktion wurden anatomische Veränderungen als Grund für die Ertaubung gesucht. Dies prägte Rokitanskys Forschungszugang, den Ursprung von Krankheiten mithilfe der Anatomie zu ergründen, ein Denkansatz, den der italienische Pathologe Giovanni Battista Morgagni im 18. Jahrhundert begründet hatte. Daher widersprach Rokitansky seinen zeitgenössischen Kollegen und suchte nicht nach dem „dynamischen Moment“, sondern nach dem „anatomischen Sitz“ als Krankheitsursprung. Die Widmung auf dem später errichteten Pathologisch-Anatomischen Institut in der Spitalgasse in Wien 9 lautet daher heute noch: „Indagandis sedibus et causis morborum“ (Der Erforschung des Sitzes und der Ursachen der Erkrankungen).

Diagnose

Rokitansky entwickelte die Pathologie von einer beschreibenden zu einer erklärenden Wissenschaft. Im Laufe seines Lebens befundete er fast 60.000 Obduktionen. Er verglich die Krankengeschichte und Symptomatik mit den späteren Obduktionsprotokollen der Patienten. Er erkannte, dass behandelnde Ärzte Krankheiten nach dem auffälligsten äußeren Symptom benannten, ohne die zugrundeliegende Organerkrankung zu berücksichtigen. (z. B. Gelbsucht bei gelblicher Haut, ohne die zugrund liegende Lebererkrankung zu berücksichtigen) Dadurch erkannte er weiters, dass diese Symptomata (übersetzt Zufälle) keine Zufälle, sondern äußere Zeichen einer zugehörigen inneren Organerkrankung sind.

In enger Zusammenarbeit mit dem Internisten Joseph Škoda machte er den Zusammenhang zwischen klinischen Symptomen, die man sehen, tasten oder abhören konnte und pathologischer Organveränderung bewusst, die sogenannte klinisch-pathologische Korrelation. So war es nun erstmals möglich, wissenschaftlich fundierte Diagnosen zu erstellen. Damit initiierte er einen Paradigmenwechsel von der spekulativen, naturphilosophischen zur systematisch wissenschaftlichen Medizin. Rokitansky teilte Erkrankungen in verschiedene Entwicklungsstufen ein, wodurch Krankheitsverläufe beschrieben, Diagnosen erstellt und Prognosen des zu erwartenden Krankheitsverlaufs möglich wurden. Ab den 1830er-Jahren reisten Mediziner aus aller Welt nach Wien, um Rokitanskys Methoden der Diagnostik und Nosologie zu erlernen, die (inter-)national als Junge oder Neue Wiener Schule bezeichnet wurden.

Durch die systematische Erforschung jedes einzelnen Organs entstanden in Wien neue klinische Fachdisziplinen, die Rokitansky auch in seiner Funktion als Medizinalreferent im Staatsministerium förderte, wie die Schaffung der weltweit ersten Klinik für Otologie. Als Pathologe und Philosoph betrachtete Rokitansky Patienten aus ganzheitlicher Perspektive und forderte vehement, dass psychisch Kranke, damals „Irre“, ebenso ein Recht auf Diagnostik, Behandlung und Heilung haben. Daher beantragte er die Schaffung der ersten Klinik für Psychiatrie in Österreich, deren Leitung Theodor Meynert übernahm. Der hohe Stellenwert, der dadurch der Psyche nun zugeschrieben wurde ebnete nicht nur die Wege für Sigmund Freud, Psychologie und Psychoanalyse, sondern er hatte laut Eric Kandel auch Einfluss auf die Kunst der Moderne, die ihren Blick nun unter das oberflächliche Äußere wandte und die Darstellung der Gefühle ihrer Modelle in den Vordergrund stellte.

Handbuch der Pathologischen Anatomie

Seine Forschungsergebnisse dokumentierte Rokitansky in seinem dreibändigen Handbuch der pathologischen Anatomie. Es wurde 1842–46 von dem Verlag Braumüller&Seidel publiziert. Darin beschrieb er die Erkrankungen jedes einzelnen Organs, systematisch und erklärte, anhand welcher Merkmale diese Erkrankungen diagnostiziert werden konnten. Die 3. Auflage (1855–1861) enthält Holzschnittdrucke seiner handgezeichneten Präparate, die er 550-facher Vergrößerung anfertigte.Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm, MN 11.931, Naturhistorisches Museum Wien. Eigenhändige anatomische Zeichnungen von Carl Rokitansky.

Auf Anordnung des Kaisers von 1846 wurden alle Medizinstudenten der Habsburger Monarchie verpflichtet, Rokitanskys Handbuch zu studieren. Durch den großen Zustrom von Medizinern aus dem Ausland, die bei Rokitansky Fortbildungskurse absolvierten, wurde das Handbuch in diverse Sprachen übersetzt und fand praktisch weltweite Verbreitung. Es wurde u. a. in Russland, Amerika, England und Italien publiziert: (Fig. 2) Rukovodstvo k patologicheskoy anatomii, 3 Bände, Verlag der Kaiserlichen Universität Moskau, Moskau 1844–1849, A Treatise on pathological anatomy, New York: WM. Radde 1845. London: H. Balliere 1845 A Manual of Pathological Anatomy, London: Sydenham Society 1849–54. , Trattato completo di anatomia patologica, Venezia: Lombardo Venetto 1852. A Manual of Pathological Anatomy. Philadelphia: Blanchard&Lea 1855

Rokitanskys Krasenlehre als Wegbereiter einer modernen Humoralpathologie

Beschäftigte sich die antike Humoralpathologie (Viersäftelehre) des Hippokrates mit dem richtigen Mischverhältnis der vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim und verstand ein Ungleichgewicht dieser Säfte als Ursache für Krankheiten, so ist die Humoralpathologie heute als Teil der Immunitätslehre, Humorale Immunantwort, zu verstehen. Humorale Faktoren des Immunsystems im Blut wehren krankheitserregende Stoffe ab und leiten Immunreaktionen ein. Als Wegbereiter der heutigen Humoralpathologie wird Rokitanskys Krasenlehre gesehen.

Bereits als Student hatte sich Rokitansky mit Blutserologie beschäftigt. Bei seinen späteren pathologischen Untersuchungen analysierte er Blut, Blutplasma, Blutserum, Sekrete, Exkrete, Lymphe sowie Exsudate. In seiner Krasenlehre beschrieb er Erkrankungen des Eiweißes, heute unter anderem bekannt als Paraproteinämie, Amyloid und Immundefekte, sowie Erkrankungen des Faserstoffes, also Blutgerinnungsstörungen. Weiters befasste er sich mit dem Einfluss von Proteinen auf Entzündungen und der Wirkung von erkrankten Blutbestandteilen auf das menschliche Gewebe. Damit war er gedanklich seinen Fachkollegen weit voraus, sodass seine Thesen kontrovers diskutiert wurden. Fand er beispielsweise Zustimmung bei dem Mediziner Gustav Zimmermann (1817–1866), der in seinem Lehrbuch schrieb, dass Rokitanskys Blut-Untersuchungen „wie mit einem elektrischen Schlage alle diejenigen traf, die von dem Eifer beseelt waren, hinter die Geheimnisse der pathologischen Prozesse selbst zu gelangen“, so kritisierte der Physiologe und Chemiker Carl Gotthelf Lehmann (1812–1863) die Krasenlehre als „Missgeburt“ der pathologischen Anatomie. Der spätere Zellularpathologe Rudolf Virchow (1821–1902) warf Rokitansky vor, in die alte Humoralpathologie zurückgefallen zu sein, bezeichnete die „Erkrankungen des Eiweißes und des Faserstoffes“ als „tiefe ontologische Irrtümer“ und Rokitanskys Handbuch als für die Medizin gefährlich.