Cevdet und seine Söhne (Originaltitel: Cevdet Bey ve Oğulları) ist der Titel des 1974 bis 1978 entstandenen und 1982 publizierten ersten Romans des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. Auf Deutsch erschien der Roman 2011 in der Übersetzung durch Gerhard Meier im Hanser Verlag. mini|350px|Istanbul mit seinem vom Bosporus getrennten europäischen und asiatischen Teil. Die Stadt ist in Pamuks Roman der Brennpunkt traditioneller und fortschrittlicher Lebensformen.

Inhalt Das Werk ist, jeweils getrennt durch Zeitsprünge von 31 Jahren, in drei Teile gegliedert: der erste spielt 1905 und erzählt von einem Tag im Leben des Kaufmanns Cevdet Işıkçı, der zweite setzt den Schwerpunkt auf die Jahre 1936–1939 und behandelt die Reformvorstellungen der nächsten Generation, im Mittelpunkt des dritten Teils (1970) stehen die Enkel.

Vorgeschichte Cevdets Kindheit ist gegliedert durch die wechselnden Dienststellen seines Vaters, des Beamten Osman: 1868 wird er in Kula geboren, in Akhisar besucht er die höhere Schule. Mit ca. achtzehn Jahren zieht er mit seiner Familie nach Istanbul, um der an Tuberkulose erkranken Mutter eine bessere Behandlung zu ermöglichen. Deshalb hat der Vater seinen Dienst quittiert und eröffnet im Stadtteil Haseki eine Holzhandlung. Als er eineinhalb Jahren darauf stirbt, muss Cevdet den Betrieb führen, denn sein zwei Jahre älterer Bruder Nusret studiert bereits an der militärischen Medizinhochschule.

Im Alter von 25 ergänzt er den nach Aksaray verlegten Handel um ein Eisenwarengeschäft, mit dem er ein Jahr später nach Sirkeci umzieht. In diesem Jahr stirbt auch seine Mutter. Ein Jahr später kauft Cevdet, nachdem er zehn Jahre in Haseki in der Nachbarschaft von Verwandten gewohnt hat, ein Haus in Vefa, das von seiner Haushälterin Zeliha versorgt wird. Diese mit dem Umzug verbundene Distanzierung von den alten Familienbeziehungen signalisiert seine Aufstiegsmentalität.

Um die Jahrhundertwende beginnt der geschäftliche Erfolg mit dem Einstieg ins Lampengeschäft: Durch Schmiergelder erhält der Protagonist das Privileg, Alleinlieferant der Stadtverwaltung und der Dampfschifffahrtsgesellschaft zu werden. Zum Zeitpunkt des Romanbeginns ist der Kaufmann 37 Jahre alt, hat sich gerade, vermittelt durch seinen Kunden Nedim Paşa, mit der 20 Jahre jüngeren Nigân, einer Tochter von Šükrü Paşa aus der hohen Beamtenschicht, verlobt und bereitet die Hochzeit und den Kauf eines repräsentativen Hauses vor. Die Bezeichnung seiner Firma Cevdet und Söhne Einfuhr – Ausfuhr – Eisenwaren zeigt seine anvisierte Zukunftsperspektive, denn sowohl die Söhne als auch die Exportabteilung sind noch in Planung. In der Verbindung von Geld und Adel sieht er die Basis für seine Familiengründung.

Sein Bruder Nusret arbeitet nach Beendigung der Medizinhochschule zuerst zwei Jahre im Krankenhaus in Haydarpaşa als Assistenzarzt, dann in anderen Kliniken Anatoliens und Palästinas. Ca. 1894 wird er nach Istanbul versetzt, heiratet, verlässt jedoch zwei Jahre später die schwangere Frau, verzichtet im Todesjahr der Mutter auf seine Erbschaft und flieht 1894, nachdem er die politischen Verhältnisse in der Türkei kritisiert hat, nach Paris, wo er mit der Bewegung der Jungtürken in Kontakt kommt. Nach vier Jahren kehrt er nach Istanbul zurück, lässt sich scheiden und geht erneut nach Paris. Zu Beginn der Haupthandlung des Romans lebt der tuberkulosekranke Nusret mit seiner Freundin, einer armenischen Schauspielerin, Mademoiselle Mari Çuhaciyan, zusammen in einer Pension in Beyoğlu. Sein Sohn Ziya wohnt bei Verwandten in Haseki. Cevdet unterstützt beide finanziell.

Erster Teil Die Handlung des ersten Tags spielt an einem Tag: Am Montag, dem 24. Juli 1905, begleitet der Leser den Protagonisten auf seinen Wegen durch Istanbul und erlebt aus seiner Perspektive seine geschäftlichen und privaten Aktivitäten. Eingeblendet sind Erinnerungen an die Familiengeschichte und Reflexionen über die gesellschaftliche Situation. Diese Aspekte werden auch in den Gesprächen, z. B. mit Bruder, Freund und Schwiegervater, thematisiert.

Muslim und Kaufmann In einer für drei Monate für die Verlobung und Hochzeit angemieteten standesgemäßen Kutsche lässt er sich zuerst (Kap. 1 Am Morgen) zu seinem Lampen-Geschäft in Sirkeci fahren und bespricht mit dem Buchhalter Sadık und den Verkäufern Organisatorisches. In der Nachbarschaft von zu dieser Zeit vorwiegend jüdischen, griechischen und armenischen Händlern ist Cevdet als Türke eine Ausnahme, und er fühlt sich als kritisch beobachteter, vom europäischen Wirtschaftsdenken beeinflusster Außenseiter (Kap. 2 Muslim und Kaufmann).

Im Vordergrund stehen an diesem Tag die Familienangelegenheiten:

Der Jungtürke Nusret Mari hat ihn gerufen, weil sich der gesundheitliche Zustand seines Bruders verschlechtert hat. Gegen den Widerstand Nusrets holt er einen Arzt zur Behandlung von dessen krampfartigen Hustenanfällen (Kap. 4 Die Apotheke). Der Jungtürke (Kap. 3 Die Jungtürken) beklagt die Strukturen der türkischen Gesellschaft. Als Anhänger der Französischen Revolution ist er ein Kritiker der osmanischen Traditionen und des Absolutismus und hat Gefallen daran, seinen Bruder wegen seiner Schüchternheit und seiner Angepasstheit in Verlegenheit zu bringen und ihm seine Verachtung zu zeigen. Nusret bittet Cevdet, seinen Sohn Ziya zu holen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Dieser holt den neunjährigen Neffen, den er bei Zeynep, einer Verwandten, in Haseki (Kap. 5 Das alte Viertel) untergebracht hat, mit der Kutsche ab und bringt ihn zum Vater. Am Abend, als er noch einmal den Bruder besucht, bittet ihn Nusret, Ziya, das bedeutet Licht, nach seinem Tod in sein Haus aufzunehmen. Er möchte, dass er nicht in religiöser Bevormundung, sondern nach westlichen Vorstellungen der Freiheit und Vernunft erzogen wird (Kap. 10 Der Wunsch des Kranken). Sein Bruder verspricht es. Nusret redet in diesem Zusammenhang über seine Ideen einer Revolution und seine Enttäuschung vom trägen Volk (Kap. 11 Intelligente und Dumme). Auch Cevdet verachtet er als unpolitischen, seelenlosen Krämer, der ein Mädchen der Oberschicht heiratet, aber er bewundert auch, dass er einer der wenigen türkischen Kaufleute mit rationalen erfolgreichen Geschäftsoperationen nach europäischem Vorbild ist.

Gespräch mit Freund Fuat über den Sinn des Lebens Zum Mittagessen (Kap. 6 Das Mittagessen) trifft sich Cevdet mit seinem Freund Fuat Güveniç im Club Serkldoryan. Dies ist eine Gelegenheit für ihn, den Umgang mit den Istanbuler Reichen und Privilegierten zu pflegen. Fuat stammt aus einer zum Islam übergetretenen jüdischen Kaufmannsfamilie, er sympathisiert mit den Jungtürken, plädiert vor dem politisch desinteressierten und wenig informierten Cevdet für die Wiederherstellung der Verfassung, für mehr Freiheiten, das Ende des Absolutismus und, wenn nötig, den Sturz des Sultans Abdülhamid II. Der vorsichtige Freund dagegen will sich als Kaufmann nicht in die Auseinandersetzungen einmischen. Fuat rät ihm, in dieser Situation des Wandels mit der Verbindung zu einer Familie aus dem Umkreis des Herrschers zu warten: „Was bedeutet überhaupt leben? Etwas sehen, fühlen … Das Leben ist bunt!“Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne. Übersetzung ins Deutsche von Gerhard Meier. Hanser, München 2011, S. 48. ISBN 978-3-446-23639-4. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.. Sein Schwiegervater sei in finanziellen Schwierigkeiten, habe Ländereien verkaufen müssen, profitiere von der Heirat mehr als Cevdet. Das sieht dieser nicht so, er suche kein reiches, sondern ein guterzogenes Mädchen aus angesehener Familie. Er ist mit seinem Leben zufrieden und versucht eine Definition, »Leben bedeute[] … eine glückliche Existenz!«,Pamuk, S. 48. die er aber, offenbar wegen der Unbestimmbarkeit des Begriffs „Glück“, wieder zurücknimmt. Denn er „will [sich] nicht über das Leben den Kopf zerbrechen, sondern über [seine] Geschäfte“.Pamuk, S. 49.

Audienz beim Schwiegervater Šükrü Paşa hat den Schwiegersohn in seinen Konak nach Nişantaşı bestellt, um mit ihm zu plaudern und seine Zukunftspläne zu erfahren (Kap. 7 Im Paşa-Konak). Er erzählt von seinem Ministeramt, das er durch die Unterstützung Rüştü Paşas erhielt und das ihm vom Großwesir wegen einer unvorsichtigen Äußerung nach dem Überfall Ali Suavis auf den Sultanspalast vor 27 Jahren wieder entzogen wurde. Danach war er Gouverneur in Erzurum und Konya sowie Gesandter in Paris Er plaudert über seine Familie, seinen Sohn und die personellen Vernetzungen in der Politik. Er ahnt, dass seine Zeit vorbei ist, das Jungvolk sei aufrührerisch, auch sieht er die wirtschaftliche Stagnation im Vergleich zur Entwicklung in Europa.

Nigân hat der Bräutigam bisher zweimal kurz gesehen, u. a. „bei dem Kasperletheater, das sich Verlobung [nennt].“Pamuk, S. 50. Sie wird von ihrem Vater im Vergleich zu ihren Schwestern, der netten Türkân und der unterhaltsamen Šükran, als nicht gerade die allerhübscheste, aber wohlerzogen, vornehm unauffällig, nicht anspruchslos, aber auch nicht gierig, intelligent, etwas gebildet, am europäischen Lebensstil wie Cevdet nicht uninteressiert und vernünftig charakterisiert (Kap. 8 Über Zeit, Familie und Leben). Der Kaufmann darf durch das Fenster seine Braut beim Einsteigen in die Kutsche beobachten. Doch als sie und ihre Schwestern vor dem gerade zu Besuch kommenden Freund der Familie Seyfi Paşa knicksen und ihm die Hand küssen, befremdet ihn das: „Das hätte nicht so sein sollen. Irgend etwas ist hässlich daran. Ich bin besser als die!“Pamuk, S. 65. Er wird nachdenklich: „Was ist das für ein Wesen? Mit dem Ding da vorn […] würde er sein ganzes Leben verbringen.“Pamuk, S. 64. Er möchte die Paşa-Tochter, lehnt aber die elitären Zeremonien dieser Familien ab. Diese Gefühle verstärken sich bei der folgenden Unterhaltung mit dem Gast, einem ehemaligen Gesandten in London: „Ja, ich bin besser als die da. Ich bin fortschrittlicher, anständiger! […] Ich muß hier sofort weg!“Pamuk, S. 64. Er geht, ohne Šükrü Paşa, wie es eigentlich angemessen gewesen wäre, die Hand zu küssen.

Neues Lebensgefühl Bei der folgenden erneuten Besichtigung seines künftigen Familiensitzes (Kap. 9 Ein Steinhaus in Nişantaşı) hat er seine Pläne wieder geordnet und er ahnt, dass Nigân die richtige Frau für ihn ist und dass er sie lieben würde, und er weiß, „dass das lebhafte Ding, das er vorhin gesehen hat[], von seiner Familie – und mochte diese ihm noch so seltsam, altmodisch und fern erscheinen – dazu erzogen worden war, ihren Ehemann zu lieben.“Pamuk, S. 68. Diese Überlegung beendet er mit der Aussage: „Ich lebe!“Pamuk, S. 68. Er schaut sich noch einmal, vom Gärtner und dessen Sohn Aziz geführt, das bereits teilweise geräumte Haus und den vom leichten kühlen Abendwind durchwehten gepflegten Garten mit Kastanien und Linden an, die nach dem Tod des Besitzers von dessen Witwe zum Verkauf angeboten werden. Er beschließt: „Hier werde ich leben!“Pamuk, S. 73.

Auf der Rückfahrt nach Vefa (Kap. 12 Nacht und Leben) lässt er „[l]ächelnd […] den ganzen Tag Revue passieren.“Pamuk, S. 92. Er fühlt in der alten brüderlichen Rivalität – „Er stirbt und ich lebe!“Pamuk, S. 92. – weder ein Schuldgefühl noch eine Befriedigung. „Fröhlich sein, lachen, essen, trinken…Von jetzt an werde ich auch so leben. Aber ich darf das Geschäft nicht vernachlässigen. […] Eigentlich bräuchte ich zwei Leben, dann würde ich eines im Geschäft und eines zu Hause verbringen. […] Worte, nicht als Worte…[…] Worte fliegen, Vorhänge fliegen. Ich lebe.“Pamuk, S. 93.

Zweiter Teil Cevdets Familie