mini|Maria Fischer, 1957

Maria Fischer, auch Marie Fischer, (* 30. Juli 1897 in St. Pölten; † 6. Februar 1962 in WienTaufbuch St. Pölten–Franziskaner, Bd. 14, S. 159, RZl. 189 (online auf matricula-online.eu)) war eine österreichische Seidenwinderin, Textilarbeiterin und trotzkistische Widerstandskämpferin gegen den Austrofaschismus und Nationalsozialismus.Ilse Korotin: , S. 8f.

Leben Die ersten Lebensjahrzehnte Maria Fischer kam in St. Pölten als eine von drei ehelichen Töchtern des Sattlermeisters Johann Fischer (* 20. September 1867 in Untersiegendorf,Trauung Johann Fischer und Antonia Kronigel: Trauungsbuch Melk, Bd. 8, S. 99, RZl. 1 (online auf matricula-online.eu) † 24. Februar 1905 in St. PöltenTrauung von Anton Pfeffer und Antonia Fischer geb. Kronigel: Trauungsbuch St. Pölten–Franziskaner, Bd. 13, S. 104, RZl. 40 (online auf matricula-online.eu)) und der Antonia Fischer (auch Antonie Fischer),Sterbeurkunde Amalie Fischer, Standesamt Brünn-Stadt, Nr. 816/1943 vom 17. August 1943, in Privatbesitz. Der Name ihrer Mutter war lt. dieser Sterbeurkunde Antonie Fischer, geborene Kronigel. Amalie Fischers jüdischer Lebensgefährte, von Beruf Kunsthändler, wurde davor von den nationalsozialistischen Behörden in Brünn verhaftet und in ein nicht näher bekanntes Konzentrationslager deportiert, wo er vermutlich verstarb (mündliche Information an den Erstautor des Artikels durch Maria Johanna Fischer, Schwiegertochter Maria Fischers). geb. Kronigel (* 10. Mai 1864 in Kleinreichenbach,Taufe Antonia Kronigel: Taufbuch Windigsteig, Bd. 6, S. 98 (online auf matricula-online.eu); in manchen späteren Matriken wird als ihr Geburtsort irrtümlich der Zuständigkeitsort ihrer Mutter, Zahrádka bei Ledetsch, angegeben. bestattet am 21. März 1928 am Wiener SüdwestfriedhofHistorische Grabsuche Friedhöfe Wien, friedhoefewien.at, Eingabe: Antonie Pfeffer, Friedhof: Südwest, Jahr der Bestattung: 1928, historische Grabsuche; Grabdaten: Gruppe 27, Reihe 4, Nummer 20; abgerufen am 17. März 2022.), zur Welt.

Ihre Schwestern waren Antonie (* 8. Juni 1893 in Melk,Taufe Antonie Fischer: Taufbuch Melk, Bd. 10, S. 223, RZl. 29 (online auf matricula-online.eu) † 2. November 1934 in Wien, bestattet am 6. November 1934 am Wiener SüdwestfriedhofParte Antonie Fischer vom 3. November 1934; in Privatbesitz.Historische Grabsuche Friedhöfe Wien, friedhoefewien.at, Eingabe: Antonie Fischer, Friedhof: Südwest, Jahr der Bestattung: 1934, historische Grabsuche; Grabdaten: Gruppe 27, Reihe 4, Nummer 20; abgerufen am 17. März 2022.) und Amalie (* 17. Februar 1895 in Melk; † 19. Juli 1943 in Brünn durch Suizid)Taufe und Tod Amalie Fischer: Taufbuch Melk, Bd. 10, S. 250, RZl. 15 (online auf matricula-online.eu) Fischer.

Ihre Halbbrüder warenMaria Fischer nannte die Vornamen ihrer (Halb-)Brüder Karl und Josef (auch: „Peperl“) mehrfach in diversen erhalten gebliebenen Schriftstücken aus der Zeit ihrer Inhaftierung; Schriftstücke aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben. Karl KronigelGemäß entsprechender Angabe zu Name und Wohnung des nächsten Angehörigen in der Registrierungskarte von Maria Fischer als Gefangene im Frauenzuchthaus Jauer (siehe Dokumenten-Galerie): Bruder Karl Kronigel. (* 4. März 1889 in Wien; † 16. März 1965 in Wien,Taufe und Tod Karl Kronigel: Taufbuch Wien–Alservorstadtkrankenhaus, Bd. 138, S. 218 (online auf matricula-online.eu) bestattet am 19. März 1965 am Wiener SüdwestfriedhofAktuelle Grabsuche Friedhöfe Wien, friedhoefewien.at, Eingabe: Karl Kronigel, Friedhof: Südwest, Jahr der Bestattung: 1965, aktuelle Grabsuche; Grabdaten: Gruppe 19, Reihe 3, Nummer 22 (abgelaufen 19. Mai 2015); abgerufen am 17. März 2022.Die Familiennamen der (Halb-)Brüder Karl Kronigel und Josef Pfeffer wurden in zwei mittels Durchschlagpapier angefertigten, erhalten gebliebenen und in Privatbesitz befindlichen Kopien von Briefen Franz Fischers, des Neffen Maria Fischers, an dieselben vom 23. Oktober 1943 genannt.) und Josef Pfeffer.

Ihre Halbschwester war Ludmilla Kronigel, legitimierte Pfeffer (* 17. Februar 1910, † 22. Juli 1911).Taufe Ludmilla Kronigel, leg. Pfeffer: Taufbuch St. Pölten–Franziskaner, Bd. 20, S. 13, RZl. 94 (online auf matricula-online.eu)

Nach Absolvierung der Volksschule erlernte Maria Fischer den Beruf der Seidenwinderin und arbeitete als Textilarbeiterin sowohl in verschiedenen Betrieben als auch in Heimarbeit.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 10.Lily Braun: Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite, Kapitel Hausindustrie und Heimarbeit: Die Textil-Hausindustrie. Berlin 1901. In: lexikus.de, abgerufen am 16. Oktober 2019.

Sie übersiedelte von St. Pölten nach Wien, wo sie seit 1916 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Antonie eine Wohnung in Penzing (damals zu Hietzing gehörig), Gusenleithnergasse 11, bewohnte.Gemäß entsprechender Angabe in einem Brief von Maria Fischer an ihre Nichte Maria Johanna Fischer, verfasst am 28. Jänner 1944 in der Untersuchungshaftanstalt Wien II, Wien VIII, Hernalsergürtel 6-12; Original aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.

1916 wurde sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und der Freien Gewerkschaften.Christine Kanzler: , am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien. Am 23. September 1918 gebar sie ihren einzigen Sohn Karl Fischer († 17. März 1963), den sie selbstbewusst „Kegel“ – ein mittelalterlicher Ausdruck für ein uneheliches Kind – nannte. Dieser Name wurde später von Karl Fischer als Deckname im Untergrund verwendet.Stefan Karner: Der Spiel-„Kegel“. In: Kleine Zeitung Spezial: 1945. Vom Dritten Reich zur Zweiten Republik. Hrsg.: Christian Weniger, Graz 2015, ISBN 978-3-902819-48-2, S. 142.

Widerstand, Verfolgung, Haft und Befreiung (1935–1945) mini|Maria Fischer, Gestapo-Bild, StaPo-Leitstelle Wien, IV/43.NR.7963, Erkennungsdienstliche Kartei der Wiener Gestapo, April 1943 mini|hochkant|Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes gegen Maria Fischer, 13. Mai 1943, unterschrieben mit „gez.: Dr. Kaltenbrunner“

Maria Fischer kam 1935/36 durch ihren Sohn mit den „Revolutionären Kommunisten Österreichs“ (RKÖ) in Kontakt, sie wurde deren MitgliedCécile Denis: Continuités et divergences dans la presse clandestine de résistants allemands et autrichiens en France pendant la Seconde Guerre mondiale: KPD, KPÖ, Revolutionäre Kommunisten et trotskystes, These der Dissertation an der Universität Bordeaux Montaigne, Bordeaux 2018, abgerufen am 20. Juni 2020. (französisch) und stellte ihre Wiener Wohnung als Sekretariat für die Untergrundarbeit zur Verfügung.

Fischers Sohn Karl wurde Anfang November 1936 verhaftet und am 13. August 1937 vom Landesgericht für Strafsachen Wien und am 23. September 1937 vom Obersten Gerichtshof gemeinsam mit Georg Scheuer und zwei weiteren Gesinnungsgenossen im Wiener Trotzkistenprozess wegen Hochverrates zu fünf Jahren schwerem Kerker, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich, verurteilt,Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27. mit der Februaramnestie 1938 aber vorzeitig aus der Haft in Krems-Stein entlassen.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 31. Er emigrierte anschließend über die Schweiz nach Belgien und Frankreich, wo er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27ff.Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 157ff. 1943 in Frankreich festgenommen, wurde er 1944 an die Gestapo ausgeliefert und anschließend ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70ff.

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland schloss sich Maria Fischer der trotzkistischen Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ an, wobei sie ihre Wohnung erneut als Zentrale zur Verfügung stellte. Ihre Freunde und Gesinnungsgenossen nannten sie liebevoll „Mitzi-Tante“. Als Decknamen für ihre Untergrundarbeit verwendete sie das Wort „Netz“.

Während dieser Zeit arbeitete sie bei der Wiener Firma Hans Amfaldern als Hilfsarbeiterin.Amfaldern K.G. In: fold3.com: umfassende Firmeninformationen über Amfaldern K.G. ab dieser und diversen folgenden Seiten (weiterklicken!), auch über die Filiale in Wien 14, Mitisgasse 9/11, in der Maria Fischer arbeitete, abgerufen am 16. Oktober 2019. Am 27. Januar 1941 verurteilte sie der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Wien-Niederdonau durch einen Ordnungsstrafbescheid wegen Arbeitsverweigerung an einem Sonntag zu einer Geldstrafe von 8 Reichsmark (siehe Bilder des Ordnungsstrafbescheides in der Dokumente-Galerie).Ordnungsstrafbescheid des Reichstreuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Wien-Niederdonau vom 27. Januar 1941, siehe Bild des Ordnungsstrafbescheides in der Dokumente-Galerie; Original aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.

Sie trat am 27. Jänner 1942 aus der römisch-katholischen Kirche aus.

Im April 1943 wurde die Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ von der Gestapo aufgerollt. Bei einer Hausdurchsuchung im Haus Gusenleithnergasse 11 wurden in Maria Fischers Wohnung eine Schreibmaschine, Papier und weitere Utensilien für die Herstellung von Flugblättern sichergestellt, die sie in eigens angefertigten Geheimfächern von Wäschekästen versteckt hatte. Sie wurde am 14. April 1943 von der Gestapo festgenommen.Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Nicht mehr anonym - Fotos aus der Erkennungsdienstlichen Kartei der Gestapo Wien, Gestapo-Opfer. Für die Profil-Suche Marie Fischer, geb. 30.07.1897, auf der folgenden Seite auf den Button „Mehr Informationen“ klicken: Erst nachträglich, am 13. Mai 1943, wurde dazu ein Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes wegen „hochverräterischer Betätigung“ gegen sie erlassen (siehe Bild des Schutzhaftbefehles).Schutzhaftbefehl des Reichssicherheitshauptamtes Berlin vom 13. Mai 1943, siehe Bild des Schutzhaftbefehles; Abkürzung "kfl" (Religion): konfessionslos; Original in Privatbesitz. In der Anklage wurde ihr zur Last gelegt, die Organisation „Gegen den Strom“ durch Mitgliedsbeiträge unterstützt und gemeinsam mit Josef Jakobovits in ihrer Wohnung die Flugschriften Gegen den Strom und Rundschau hergestellt zu haben. In diesen Schriften wurden beispielsweise die internationalistischen und defätistischen Positionen der Gruppe dargelegt.