mini|hochkant=0.9|Wappen der Malatesta Andrea Malatesta, auch Malatesta Malatesta genannt, (* 30. November 1373; † 24. September 1416 in Cesena), Herr von Cesena Cervia, Bertinoro und seit 1388 Herr von Fossombrone, war ein italienischer Adeliger aus der Familie Malatesta, ein bekannter Condottiere seiner Zeit, der für verschiedene Herren kämpfte, von Papst Bonifaz IX. zum Senator von Rom erhoben wurde, erst gegen, dann für die Herzöge von Mailand aus dem Haus Visconti kämpfte, dann im Dienste des Königs Ladislaus von Neapel stand und zuletzt Generalkapitän von Perugia war. Bemerkenswert war er als Bauherr in seiner Residenzstadt Cesena – wo er unter anderem die Kathedrale neu erbauen ließ – und durch seine Familienbeziehungen: Er war der Bruder der Margherita Malatesta – durch ihre Ehe Stammmutter der Gonzaga, Markgrafen und Herzöge von Mantua – der Vater der Parisina Malatesta – deren tragisches Ende Schriftsteller wie Lord Byron zu Gedichten und Komponisten wie Gaetano Donizetti und Pietro Mascagni zu Opern inspirierte – und durch eine andere Tochter, Antonia Malatesta, Schwiegervater von Giovanni Maria Visconti, 2. Herzog von Mailand (1402–1412).
Herkunft mini|Rocca Malatestiana in Cesena
Andrea Malatesta stammte aus dem italienischen Adelsgeschlecht der Malatesta, das ab 1295 Rimini und zu seiner Glanzzeit darüber hinaus große Teile der Romagna beherrschte.
Sein Vater war Galeotto I. Malatesta (* 1299; † 1385 in Cesena) Herr von Rimini, Fano, Ascoli Piceno, Cesena und Fossombrone, ein bekannter Kondottiere, der in erster Ehe 1323 mit Elisa de La Villette († 1366), einer Nichte des päpstlichen Vikars (Statthalter) der Region der Marken, Amelio de Lautrec, und 1367 in zweiter Ehe mit Elisabetta da Varano verheiratet war. Andrea stammte aus der zweiten Ehe seines Vaters, seine Mutter war daher Elisabetta da Varano, eine Tochter des Rodolfo II. da Varano, Signore (Herr) von Camerino und der Camilla Chiavelli. In den damaligen unruhigen Zeiten, die durch Machtkämpfe zwischen den Staaten Italiens und durch das Abendländische Schisma (1378–1417) mit zwei, manchmal drei, rivalisierenden Päpsten gekennzeichnet war, konnte sich Andrea auf eine wehrhafte Verwandtschaft – insbesondere auf seine Brüder – und auf seine Schwäger stützen.
Aus der ersten Ehe seines Vaters hatte Andrea zwei Halbgeschwister: Rengarda Malatesta († 1366), die mit Maso Tarlati verheiratet war, dessen Familie in der Stadt Arezzo eine führende Rolle spielte. Tommasa Malatesta, die 1350 Giacomo Pepoli heiratete, der seit 1347 gemeinsam mit seinem Bruder Giovanni Herr von Bologna war.
Andreas hatte auch sechs Vollgeschwister: Carlo I. Malatesta (* 5. Juni 1368; † 13. September 1429), Herr von Rimini, Fano, Cesena und Fossombrone, der ein bedeutender Kondottiere, päpstlicher Vikar in der Romagna, Gonfaloniere der Kirche aber auch Gouverneur von Mailand und seit 1386 mit Elisabetta Gonzaga († 31. Juli 1432), einer Tochter von Ludovico II. Gonzaga, verheiratet war. (keine Kinder) Pandolfo III. Malatesta, genannt „il Grande“ (der Große) (* 2. Januar 1370; † im Oktober 1427). Kondottiere, Herr von Fano, zeitweise Herr von Bergamo, Brescia und Lecco. (Nachkommen) Margherita Malatesta (* 1370, † 28. Februar 1399), sie heiratete 1393 Francesco I. Gonzaga (* 1366; † 8. März 1407), Markgraf von Mantua (1382–1407) (Nachkommen: Die Markgrafen und späteren Herzöge von Mantua) Galeotto Novello genannt „Belfiore“ Malatesta (* 5. Juli 1377; † vor 15. August 1400), Herr von Cervia, Meldola, Borgo San Sepolcro, la Pieve di Sestino und Montefiore, heiratete 1395 Anna da Montefeltro, eine Tochter des Kondottiere Antonio II. da Montefeltro, Graf von Urbino († 1404), (keine Kinder) Rengarda Malatesta (* 1379), heiratete 1397 den Kondottiere Guidantonio da Montefeltro († 21. Februar 1443) Herzog von Urbino (1403–1444), (keine Kinder) Gentile Malatesta, heiratete 1397 Giangaleazzo Manfredi (* um 1375; † 1417), den 6. Herren von Faenza seines Hauses. (Nachkommen)
Leben Jugend Andrea wurde 1373 entweder in Rimini oder in der Rocca Malatestiana – der Burg der Malatesta über der Stadt Cesena – als einer der jüngeren Söhne seiner Eltern geboren. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1385 kam es zur Aufteilung der im Familienbesitz befindlichen Territorien. Sein ältester Bruder Carlo I. Malatesta erhielt dabei Rimini, sein zweiter Bruder Pandolfo III. Malatesta erhielt Fano, Mondavio und Scorticata, während Andrea Malatesta die Städte bzw. Herrschaften Cesena (südlich von Ravenna in der Region Emilia-Romagna), Roncofreddo (in der Provinz Forlì-Cesena) und Fossombrone (in der Provinz Pesaro und Urbino) in der Region der Marken erhielt. Da diese Besitzungen Teile des Kirchenstaates waren, wurde Andrea Malatesta 1391 von Papst Bonifaz IX. (1389–1404) und 1405 von Papst Innozenz VII. (1404–1406) förmlich das päpstliche Vikariat – d. h. die Statthalterschaft – über Cesena und seine anderen Besitzungen verliehen. Aufgrund der örtlichen Archive lässt sich nachweisen, dass er ab 1393 in Cesena aktiv war.
Ausbau von Cesena zur Hauptstadt mini|250px|Der „Frauenturm“ der Rocca Malatestiana in Cesena Bei der Übernahme der Herrschaft über Cesena stellte sich für Andrea Malatesta die Frage, wo er seine Residenz aufschlagen sollte. Aus Gründen der Sicherheit empfahl sich die auf der Spitze des Hügels Colle Garampo gelegene Festung, die „Rocca Malatestiana“. Diese beruhte auf einem Vorgängerbau, der „dell'Imperatore“ genannt wurde, da dort schon Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ residiert hatte. Es gab dort auch familiäre Anknüpfungspunkte für Andrea Malatesta, denn zu den Vorfahren seiner Frau Lucreza Ordelaffi zählte Marcia degli Ubaldini, genannt Cia, die Frau des Francesco II. „il Grande“ Ordelaffi. Diese hatte 1357 anlässlich des „Kreuzzuges“ gegen die Ordelaffi als Herren von Forli und Cesena die Stadt Cesena lange erfolgreich gegen die Truppen des Kardinals Gil Álvarez de Albornoz (* 1310; † 1367) verteidigt, bis sie sich schließlich ergeben musste.Siehe den Wiki-Artikel „Crociata contro i Forlivesi“ auf Italienisch Sie war daher eine der heroischen Frauengestalten des italienischen Mittelalters – ähnlich wie später Caterina Sforza (* 1463; † 1509), die 1499 Forli heroisch – und ebenso vergeblich – gegen Cesare Borgia verteidigte. Um diese alte Festung in Cesena, die Andreas Vater wiederhergestellt hatte, wohnlicher zu gestalten, ließ Andrea Malatesta die Flanke des Hügels Garampo einebnen, um vor seiner Residenz einen großen Platz zu schaffen.
Auf Dauer entsprach die Rocca aber nicht den Bedürfnissen einer herrschaftlichen Residenz, weshalb Andrea in den Palast der päpstlichen Gouverneure in der Stadt übersiedelte. Auch dieser Palazzo hatte einen Bezug zur Familiengeschichte. Es war der Palazzo, den sich der bereits erwähnte päpstliche Legat Gil Álvarez de Albornoz in den Jahren zwischen 1359 und 1362 in Cesena hatte erbauen lassen und der als „Palatium Novum“ den alten Gouverneurspalast „Palatium Vetus“ ergänzte. Dieser streitbare Kardinal war spanischer Herkunft, ein bewährter Feldherr, der von 1338 bis 1350 Erzbischof von Toledo gewesen war und anschließend von Papst Clemens VI. (1342–1352) zum Kardinalpriester mit der Titelkirche San Clemente erhoben wurde. Im Jahre 1353 ernannte ihn Papst Innozenz VI. (1352–1362) zum päpstlichen Legaten und Generalvikar der päpstlichen Territorien in Italien, mit dem Auftrag, die von lokalen Herren oder Tyrannen regierten Teile des Kirchenstaates wieder unter päpstliche Kontrolle zu bringen. Eine Aufgabe, der sich Albornoz als erfahrener Feldherr mit Energie, Härte und großem Erfolg widmete, indem er die Region Latium, Spoleto, die Mark Ancona und die Romagna eroberte und schrittweise alle lokalen Tyrannen zum Gehorsam gegenüber dem Papst zwang. Für die Malatesta war dieser Kardinal kein Unbekannter, denn er hatte Jahre zuvor auch die Familie Malatesta mit militärischer Gewalt zur Unterwerfung unter den Kirchenstaat gezwungen. mini|250px|links|Der Palazzo Comunale von Cesena, ehemalige Residenz von Andrea Malatesta
Malatesta ließ den von Albornoz erbauten neuen Palast mit dem älteren Gouverneurspalast verbinden und für seine Zwecke als Residenz seines Herrschaftsbereiches adaptieren. Diese Residenz des Andrea Malatesta ist – in umgebauter Form – noch erhalten: es ist der heutige Palazzo Comunale – dessen Zusatzname „Palazzo Albornoz“ allerdings nicht an ihn, sondern an den streitbaren Kardinal erinnert. Auch der im Jahre 1401 erbaute Palazzo del Ridotto geht auf Andrea Malatesta zurück. mini|hochkant|Die im Auftrag von Andrea Malatesta erbaute Kathedrale von Cesena, San Giovanni Battista
Andrea war bemüht, seine Hauptstadt zu einer herrschaftlichen Residenz auszubauen, und entschloss sich daher, in Cesena zum Ruhm seines Hauses eine neue Kathedrale erbauen zu lassen. Diese bis heute stehende Kathedrale San Giovanni Battista ließ er ab 1385 im Stadtteil Croce di Marmo von einem Schweizer Architekten, dem Meister von Unterwalden im Stil der deutschen Hallenkirchen erbauen.Siehe Wiki-Artikel in Italienisch: „Duomo di Cesena“ Um 1394 stiftete er in Cesena das Kloster San Biagio für den Orden der Benediktinerinnen (heute Sitz des Centro Culturale San Biagio und der Pinacoteca Comunale di Cesena).
Die Wahl von Cesena zum Zentrum des Herrschaftsbereiches von Andrea Malatesta führte zu einem wesentlichen wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Die Bedürfnisse des wachsenden Hofstaates trugen dazu bei, dass sich Handwerker verschiedener Berufsgruppen veranlasst sahen, aus der näheren oder weiteren Umgebung nach Cesena zu übersiedeln, um sich dort niederzulassen. Selbst die florentinischen Banken entdeckten diesen wachsenden Markt und eröffneten Vertretungen in Cesena. Um die Wirtschaft zu fördern, ließ er für die damals bedeutendste Zunft der „Arte della Lana“ – die für alle Tätigkeiten zuständig war, die sich aus der Verarbeitung von Wolle ergaben – ein Statut erarbeiten, das er 1397 genehmigte. Um 1403 begannen die Arbeiten zur Errichtung einer Steinbrücke über den Fluss Savia, die dazu beitrug, den Handel mit Florenz wesentlich zu erleichtern.
Erweiterung seines Herrschaftsbereiches Durch den Tod seines jüngeren Bruders Galeotto „Belfiore“ Malatesta erbte Andrea im Jahre 1400 dessen Herrschaften: Cervia, eine Stadt am Mittelmeer, in der Provinz Forlì-Cesena, die für den hohen Ertrag ihrer Salinen berühmt und begehrt war, Bertinoro (das zwischen Forli und Cesena gelegen ist), Meldola (das westlich von Cesena und südlich von Forli liegt) und Sarsina (etwa 25 km südwestlich von Cesena). Er konnte dadurch seinen Herrschaftsbereich wesentlich ausweiten. Um diesen besser verteidigen zu können, ließ er zwischen Cesena und Cervia in San Giorgio eine befestigte Residenz erbauen. Zugleich ließ er die vorhandenen Mauern und Befestigungsanlagen der ihm unterstehenden Städte und Festungen erneuern und verstärken.
Kondottiere Andrea Malatesta beschränkte sich jedoch nicht auf die Verwaltung seiner Domänen, sondern folgte der Familientradition, indem er eine militärische Laufbahn als Kondottiere einschlug. Er tat dies in bewegten Zeiten, da sich in Italien damals gleich mehrere Konflikte überlagerten.
Dies einerseits, da Gian Galeazzo Visconti (* 1351; † 1402), der erste Herzog von Mailand (1395–1402) beabsichtigte, ganz Oberitalien in seine Gewalt zu bekommen. Als ersten Schritt hatte er 1385 seinen Onkel – und Schwiegervater – Bernabò Visconti (* 1323; † 1385) den Herren von Mailand, entmachtet, einsperren und 1385 vergiften lassen. In der Folge eroberte er 1387 Verona und Vicenza von den Della Scala (der Familie seiner Schwiegermutter), 1388 Padua von den da Carrara und bedrohte anschließend die Markgrafschaft Mantua der Gonzaga und die Republik Florenz und damit die Toskana.