mini|Die transsexuelle Dana International (Mitte) gewann 1998 den Eurovision Song ContestNur als Frau. In: Kulturspiegel. 5/1998 (online)

Der Umgang mit Sexualität in Israel hat einige spezielle Merkmale und kulturelle Besonderheiten.

Konflikt und Kompromissfindung im politischen System Israels im Spannungsfeld zwischen säkularen bzw. religiösen Zionisten, säkularem bzw. orthodoxem Judentum wie den arabischen Minderheiten spielen im täglichen Leben wie auch bei sexualpolitischen Themen eine bedeutende Rolle.

Spezifisch israelische kulturelle, politische und historische Aspekte beeinflussen erotische wie pornografische Medien und Kulturproduktion. In Israel kann Pornografie legal hergestellt und konsumiert werden. Tel Aviv war bereits vor Gründung Israels ein regionales Zentrum des Nachtlebens einschließlich der Prostitution.

Israel ist ein flächenmäßig kleines Einwanderungsland. Einwanderungswellen, zuletzt insbesondere russischer und äthiopischer Juden in den 1990er Jahren, stellen zudem Herausforderungen bei der medizinischen Versorgung, der Bildung wie der kulturellen Integration dar. Aufgrund der Verfolgungsgeschichte des Judentums sowie der Bedrohungslage in Israel ist es dort von zentraler kultureller Bedeutung, Kinder und Familie zu haben (vgl. ). Das Land hat eine regionale Sonderstellung in Reproduktionsmedizin und Sexualwissenschaft.

Kulturelle Prägung mini|Illustrierte Ketubba

In der westlichen Kultur werden die Unterschiede von christlichem und jüdischem Verständnis von Sexualität öfter unterschätzt. Das Judentum in der Diaspora (vgl. Jüdische Kultur) ist zudem deutlich angepasster an die Mehrheitsgesellschaft als in vorwiegend jüdisch geprägtem Umfeld (vgl. Israelische Kultur). Zudem sind etliche theoretische Ansätze zum Verständnis sexueller Besonderheiten und Genderfragen (IES, Stand 1994) auf den englischsprachigen Raum zugeschnitten.Ronny A. Shtarkshall, Minah Zemach: In: Robert T. Francoeur (Hrsg.): Bd. I–IV, 1997–2001.

Bereits die in der Thora beschriebene Beziehung Gottes zum auserwählten Volk Israel wurde in der mittelalterlichen Lyrik der Sefarden vor deren Exil explizit erotisch gedeutet. Dies wurde keineswegs als sündig interpretiert.Medieval Hebrew Poems on God, Israel, and the Soul, The Gazelle: Medieval Hebrew Poems on God, Israel, and the Soul Raymond P Scheindlin, Oxford University Press, 1991, S. 36. Entsprechendes gilt für ganze Abschnitte des Tanach, wie für die Sammlung von Liebesliedern im Hohenlied (; Schir ha-Schirim).David M. Carr: The Erotic Word: Sexuality, Spirituality, and the Bible. Oxford University Press, 2002, siehe die Einführung S. 4 ff. Erwin J. Haeberle10.1.1 Sexualität und Religion im Onlineatlas Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. bestätigt diese Einschätzung. Sexualität wird als normaler Bestandteil eines gesunden Lebens, so auch in der Ketubba, dem jüdischen Ehevertrag, als eheliche Pflicht (Verpflichtung des Mannes, Recht der Frau als eines von drei Anrechten, die die Ketubba regelt) betrachtet. Es galt und gilt als Mitzwa, sich daran zu erfreuen.Sexualität und Spiritualität im Judentum: Vergeßt G-tt dabei nicht. Interview mit Rabbi Zalman Schachter-Shalomi von Amy Edelstein, Hagalil, 23. November 2001. So hatten junge Paare ein Anrecht auf ausgedehnte Flitterwochen (). Andererseits sollten sich Männer und Frauen möglichst nicht nackt zeigen. Eine Hochzeitsreise ist in der jüdischen Tradition unbekannt.

Die deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin und Publizistin Ruth Westheimer sieht eine generell freundliche und offene Haltung gegenüber sexuellen Fragen in der jüdischen Kultur. Sex sei für Juden nie eine Sünde oder etwas, worüber man nicht sprechen könnte. Auch das orthodoxe Judentum kennt weder die Erbsünde noch den Zölibat, jedoch wird dort das Sexualleben streng reglementiert, vor- und außereheliche Sexualität sind verpönt.4. März 1996: Bücher Verführtes Gemüt, Henryk M. Broder, Der Spiegel, Rezension zu Ruth Westheimer und Jonathan Mark: „Himmlische Lust - Liebe und Sex in der jüdischen Kultur“. Aus dem Englischen von Angelika Schweikhart. Campus Verlag, Frankfurt am MainSuppression of the erotic in modern Hebrew literature Nitsah Ben-Ari, University of Ottawa Press, 17. März 2006, S. 103ff. Carey Walsh betont die Rolle und Preisung der weiblichen Lust in der hebräischen Bibel.Exquisite Desire: Religion, the Erotic, and the Song of Songs Carey Walsh, Fortress Press, 2000.

Semitische Sprachen wie Hebräisch und Arabisch unterscheiden bei Substantiven, Adjektiven sowie auch bei den meisten Verbformen durchgehend zwischen männlich und weiblich, was einen deutlichen Gegensatz zum wenig genderspezifisch flektierenden Englisch darstellt. Zudem sind auf Hebräisch etwas zu erkennen, Geschlechtsverkehr zu haben und etwas wissen von ein und demselben Wortstamm herzuleiten. Die lutherische Bibelübersetzung nimmt dies mit dem Gebrauch des Worts erkennen und (be)zeugen mit auf. Eidesleistungen wurden im alten Israel mit der Hand an den Hüften (den Geschlechtsteilen, denen des Eidnehmers) erbracht, denen damit eine große Verbindlichkeit zukam. Als Beispiel etwa Gen , wo Abraham seinen Knecht (vermutlich Elieser, Gen ) auf seinen Hüften schwören lässt, für seinen Sohn Isaak eine gottestreue Frau zu finden. Die Römer schworen hingegen bei den Testis – den (eigenen) Hoden, die Wortverwandtschaft von Zeugen, bezeugen und Zeugung hat einen ähnlichen Zusammenhang.

Auch der Bund Gottes mit Israel als solches ist mit der (männlichen) Brit Mila (Zirkumzision) verbunden. Laut Prodi besteht ein innovatives Element in der Einbindung des Gottes der Juden seinen Eid zum Bund mit Israel, während in anderen antiken Kulturen die Götter nur als Zeugen und Rächer (-innen, vgl. Erinnyen) des Eides fungieren.Paolo Prodi: Der Eid in der europäischen Verfassungsgeschichte. (PDF; 1,2 MB) Schriften des Historischen Kollegs, München 1992, Nr. 33. S. 9 Hintergrund war ein 1991 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehaltener Vortrag. Der biblische Begriff Bund gibt die beiden biblischen Schlüsselbegriffe und διαθήκη (griechisch diathēkē) wieder und schließt die Bedeutungen eines feierlichen und gegenseitigen Bündnisses, Vertrages oder Eides auf gleicher Ebene ein, diathēkē steht sonst für Testament.

Daniel Boyarin unterscheidet das paulinische Christentum und das hellenistische Judentum deutlich von der rabbinischen Überlieferung. Er konstatiert Unterschiede zur griechisch-hellenistischen Tradition einer spirituellen, Leib und Seele trennenden Philosophie, demgegenüber sei das Judentum fleischlich-körperlich orientiert und in dem Sinne aktuell und fruchtbar.Daniel Boyarin: Carnal Israel:Reading Sex in Talmudic Culture. University of California Press, 1995, Einführung, S. 5 ff.

Politische Aspekte Innenpolitische Konflikte und Unterschiede mini|Nach Geschlechtern getrennter Strand in Ashkelon

Die Geburtenraten in Israel sind sehr stark von der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit abhängig. Die Zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer, die die Anzahl der Kinder einer Frau im Laufe des Lebens ausdrückt, sank bei Juden insgesamt zwischen 1950 und 1990 von 3,6 auf 2,7 und lag auch 2020 weiterhin bei rund 3,0, was ein nach wie vor vergleichsweise hoher Wert ist. Bei den israelischen Arabern und Drusen kam es im gleichen Zeitraum zu einem deutlichen stärkeren Einbruch der Geburtenraten, die von 8,2 auf 4,8 beziehungsweise von 7,2 auf 3,1 sanken und auf diesem Level bis 2020 blieben. Die Ziffern liegen bei Ultraorthodoxen nach wie vor deutlich höher und stiegen in den 1980ern bis 1990er Jahren von 6 auf etwas unter 8 an, bzw. auf ca. 6,6 (im Jahr 2020).Ruth Halperin-Kaddari: Women in Israel: A State of Their Own. University of Pennsylvania Press, 2004, S. 78 Der innenpolitisch relevante Konflikt zwischen den säkularen Zionisten und dem orthodoxen Judentum hat damit auch einen demografischen Aspekt.

Historisch ist er unter anderem anhand der Person des Dichters Jacob Israël de Haan auch erotisch konnotiert. De Haan kam 1919 nach Jerusalem, anfänglich ein fanatischer Zionist, fand er bald Gefallen am orthodoxen Lager wie auch insgeheim an arabischen Strichjungen.Jacob Israel de Haan: sexology, poetry, politics, Beitrag zu Sexuality at the Fin de Siècle: The Makings of a „Central Problem“ Konferenz am Centre for the History of European Discourses, The University of Queensland, Brisbane Australia 2005, von Gert Hekma Er sprach sich gegen eine gewaltsame Landnahme aus. De Haan wurde von der Hagana (Avraham Tehomi) aus politischen Motiven ermordet. Er ist nach wie vor eine Identifikationsfigur mancher Haredim, welche seine pädophilen und homosexuellen Tendenzen eher verleugnen. Noch 2009 kam es bei den Dreharbeiten zu Chaim Tabakmans Film „Du sollst nicht lieben“ über die unglückliche Liebe zweier Charedim in Mea Shearim zu Protesten und teilweise handgreiflichen Auseinandersetzungen. Die Nominierung von Dana International (geboren als Yaron Cohen, vgl. Kohanim) für den Eurovision Song Contest 1998 hatte internationale Aufmerksamkeit zur Folge und stieß bei den orthodoxen Juden und Israelis auf großen Widerstand. Ihr Sieg bei dem Wettbewerb war ein bedeutender Erfolg für die heimische LGBT-Community und machte diese auch international bekannt.

Rolle des Militärdienstes mini|Brigadegeneral Gila Kalifi-Amir, die Frauenbeauftragte der IDF bei einem Schießtraining

Der Dienst bei den israelischen Streitkräften ist für Männer und Frauen verpflichtend und hat großen Einfluss als Kontaktbörse wie auch als Initiationsritus.Daniela Horvath: Anleitung zum sexuellen Unglück, Stern vom 28. April 2008. Höhere Offiziersränge waren lange faktisch bis auf ganz wenige Ausnahmen den Männern vorbehalten, die damit auch leichter Zugang zu zivilen Netzwerken und Karrieren haben. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in Israel war wegen der bedeutenden Rolle des Militärs im gesellschaftlichen Leben traditioneller als etwa in Westeuropa. Mit dem Karakal-Bataillon wurde 2000 die erste Kampfeinheit aufgestellt, bei der Frauen mehrheitlich auftreten. Orna Barbivai wurde als erste Generalmajorin 2011 Chefin der Personalabteilung, Gila Kalifi-Amir als BrigadegeneralinWomen’s Law IDF 22. Februar 2011, von Rotem Caro Weizman Frauenbeauftragte. Sie setzt sich unter dem Stichwort Project Mahut (örtlich in Tzrifin im Gusch Dan) unter anderem mit Fällen sexueller Belästigung, ungewollten Schwangerschaften und familiärer Gewalt in der Armee auseinander.

Das israelische Militär, Frauen in Uniformen wie deren Auseinandersetzung mit den Arabern und deren Lebenswelten sind neben dem Spannungsfeld zwischen Religiösen und Säkularen wichtige Rollenstereotype in israelischer Pornografie.

Arbeitsteilung der israelischen Politik Die religiösen Gruppen und Minderheiten und deren Parteien haben im Bereich Familie, Standesrecht und in kulturellen Fragen eine besondere Position, was auch Auswirkungen auf das Recht Israels hat. Die klassische Machtpolitik und Vertretung nach außen wird den konservativen oder sozialdemokratischen, im säkularen Judentum verankerten Volksparteien überlassen. In dem Sinne sind im klassischen Machtportfolio zweitrangige Ministerien wie Familie, Gesundheit und die Standesverwaltung stark vom mit zwei Großrabbinern besetzten Oberrabbinat () und den zugehörigen Batei Din, den Rabbinatsgerichten, beeinflusst. Zudem ist die Durchsetzung von halachischen Vorgaben, etwa zur Einhaltung des Sabbat, stark von den Mehrheiten auf der regionalen Verwaltungsebene abhängig. Israel hat nach wie vor keine Zivilehe; Forderungen, diese einzuführen, kommen zumeist aus dem linken politischen Spektrum, so von der Knessetabgeordneten Merav Michaeli.Caroline Linton: , bei: The Daily Beast, 13. April 2013.

Rolle der Einwanderung mini|hochkant|Pnina Tamano-Schata, erste Beta Israel in der Knesset