Nūr ad-Dīn ʿAlī ibn Sultān al-Qārī al-Harawī (, geboren in Herat; gestorben 1606 in Mekka), bekannt als Mullā ʿAlī al-Qārī, war ein persischer Koranrezitator, Kalligraph, Koran-, Hadith- und Rechtsgelehrter der Hanafitischen Lehrrichtung in Mekka und einer der produktivsten arabischsprachigen Autoren und Kommentatoren während der Zeit des Osmanischen Reiches. Er gehörte dem Naqschbandīya-Orden an.Müstaqīmzāde: Tuḥfet al-Ḫaṭṭāṭīn. Ed. Ibn al-Emīn Maḥmūd. Istanbul 1928. S. 324.
Leben Ausbildung Al-Qārīs familiäre Verhältnisse sind ungeklärt. In einer seiner Schriften nennt er einen gewissen Muʿīn ad-Dīn als seinen Lehrer (Ustādh) für Koranrezitation (ʿilm al-qirāʾa). Er war der Sohn von Hāfiz Zain ad-Dīn Ziyāratgāhī, einem Herater Gelehrten, der bei der Einnahme von Herat durch die Kizilbasch unter Schāh Ismāʿīl hingerichtet wurde.Al-Qārī: Šamm al-ʿawāriḍ. 2004, S. 41–43. Da Muʿīn ad-Dīn nicht unter den mekkanischen Gelehrten erwähnt wird, ist es wahrscheinlich, dass al-Qārī seinen Unterricht nicht in Mekka, sondern schon vor seiner Übersiedlung in Herat besucht hat.
Wann al-Qārī nach Mekka auswanderte, ist nicht bekannt. Zu seinen dortigen Lehrern gehörten Ibn Hadschar al-Haitamī (gestorben 1567) aus Ägypten und ʿAlī ibn Husām ad-Dīn al-Muttaqī (gestorben 1567) aus Gujarat. Beide waren Schlüsselfiguren in den frommen Zirkeln in Mekka um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Ein anderer Sufi aus Indien, Zakarīyā ibn Ahmad al-Bihārī führte ihn in den Naqschbandīya-Orden ein. Außerdem stand er in einem engen Verhältnis zu der ägyptischen Familie der sogenannten Bakrīya-Scheiche (mašāyiḫ Bakriyya). Durch ʿAtīya as-Sulamī (gestorben 1576), ein Mitglied der schafiitischen Elite von Mekka, war er ein indirekter Schüler von Abū l-Hasan al-Bakrī (gestorben 1545), dem Gründer der Bakrīya-Tradition.
In seinem Kommentar zur Ǧazarīya von Ibn al-Dschazarī nennt al-Qārī noch zwei andere Gelehrte als seine Lehrer: Abū l-Haram al-Madanī, Oberhaupt der Koranrezitatoren (šaiḫ al-qurrāʾ) in Medina, und Sirādsch ad-Dīn ʿUmar asch-Schawāfī al-Yamanī, Oberhaupt der Koranrezitatoren in Mekka.Al-Qārī: al-Minaḥ al-fikrīya. 2012, S. 266.
Tätigkeit als Kalligraph und Koranrezitator mini|Von al-Qārī in Mekka erstellte Koranhandschrift aus dem Jahre 976 der Hidschra (= 1568/69 n. Chr.), Tinte und Gold auf Papier, heute im König-Faysal-Center für Forschung und Studien in Riad Al-Qārī scheint seinen Lebensunterhalt in Mekka als Kalligraph verdient zu haben. Mirdād Abū l-Ḫair (gest. 1916/17) zitiert in seiner Sammlung von Biographien mekkanischer Persönlichkeiten einen Kommentator von al-Qārīs Gebetssammlung al-Ḥizb al-aʿẓam mit der Aussage, al-Qārī habe sich bis zu seinem Tode unermüdlich mit Wissen (ʿilm) und Litaneien (aurād) beschäftigt und von der Arbeit seiner Hände gelebt. Er habe eine wundervolle Handschrift (ḫaṭṭ min ʿaǧāʾib ad-dunyā) besessen und jedes Jahr ein mit kalligraphischen Emblemen (ṭurar) und Kommentartexten versehenes Koranexemplar erstellt, durch das er sich für ein Jahr den Lebensunterhalt sicherte. Man habe auch gesagt, dass er zwei Koranexemplare pro Jahr angefertigt und verkauft habe, wobei er den Erlös des einen an die Armen des Hauses gespendet und von dem des anderes sein eigenes Leben finanziert habe.Mirdād Abū l-Ḫair: al-Muḫtaṣar min kitāb Našr an-naur. 1986, S. 320. Auch der osmanische Gelehrte Müstaqīmzāde (gest. 1788), der ein Kalligraphenlexikon verfasst hat, kennt den Bericht, wonach al-Qārī von dem Ertrag eines Koranexemplars ein ganzes Jahr leben konnte. In seinem Eintrag zu al-Qārī lobt er dessen schöne Thuluth- und Naschī-Schrift. Zu in seiner Schrift niedergeschriebenen Exemplaren des Korans und des Dīwāns von Ibn al-Fārid habe man regelrechte Wallfahrten unternommen. Anfangs habe man seine Schrift sogar für diejenige des berühmten Kalligraphen Scheich Hamdallāh (gest. 1520) gehalten. Müstaqīmzāde berichtet auch, dass al-Qārī hinsichtlich seiner Gottesfurcht und Selbstkasteiung (riyāḍa) ohnegleichen gewesen sei.Müstaqīmzāde: Tuḥfet al-Ḫaṭṭāṭīn. 1928, S. 324.
Einige der von al-Qārī angefertigten Koranexemplare haben sich bis heute erhalten.Vgl. die Reproduktion des von al-Qārī gestalteten Koranexemplars aus dem Jahr 1000h (= 1591/92 n. Chr.) in Bernhard Moritz: Arabic Paleography. A Collection of Arabic Texts from the First Century of the Hidjra till the Year 1000. Kairo und Leipzig 1906. Pl. 94. Digitalisat Möglicherweise stammte al-Qārī sogar aus einer bekannten Kalligraphenfamilie. In dem persischen Künstler-Lexikon von Qādī Ahmad wird unter den Kalligraphen des Nastaʿlīq-Stils im 16. Jahrhundert ein anerkannter Herater Künstler namens Maulānā Sultān Muhammad ibn Maulānā Nūrullāh erwähnt, der als Sultān Muhammad Nūr bekannt war und einen gewissen Maulānā Sultān ʿAlī zum Lehrer hatte. Vielleicht war dies der Vater ʿAlī al-Qārīs.Qadi Ahmad: Calligraphers and Painters: A Treatise by Qadi Ahmad, Son of Mir-Munshi (ca. A.H. 1015/A.D. 1606). Transl. V.Minorsky. Washington D.C., 1959. S. 134.
Daneben war al-Qārī als Lehrer für Koranrezitation tätig. In einer seiner frühen Schriften bezeichnet er sich als „Rezitationslehrer am verehrten Haram von Mekka“ (al-muqriʾ bi-l-ḥaram al-muḥtaram al-Makkī).Al-Qārī: Šarḥ Ḥizb al-Fatḥ. Ms. Istanbul Hüsnü Paşa 604, fol. 21b. Außerdem ist bekannt, dass zwei hochgestellte mekkanische Persönlichkeiten der Zeit bei al-Qārī in die Lehre gingen: ʿAbd al-Qādir at-Tabarī (gest. 1623), der schafiitische Imam von Mekka, und ʿAbd ar-Rahmān al-Murschidī, der 1611 hanafitischer Mufti von Mekka wurde. Der von al-Qārī erteilte Unterricht bezog sich dabei jeweils auf Koranrezitation (taǧwīd).Mirdād Abū l-Ḫair: al-Muḫtaṣar min kitāb Našr an-naur. 1986, S. 207f, 223f.
Müstaqīmzāde erklärt in seinem biographischen Eintrag über al-Qārī, dieser habe seinen Namen aufgrund seiner Beziehung zur Rezitationskunst und zum Koran angenommen. Demnach stellt al-Qārī keine Nisba zu einem Namen Qār dar, sondern ist auf das arabische Wort qāriʾ („Leser, Rezitator“) zurückzuführen. Zwar ist das Hamza durch die in dieser Zeit übliche mittelarabische Schreibung weggefallen, doch ist auffällig, dass sich al-Qārī, wenn er sich in der Vorrede seiner Werke selbst vorstellt, seinen Namen besonders gern auf den Gottesnamen al-Bāriʾ ("der Schaffende") reimt, der ebenfalls ursprünglich mit Hamza geschrieben wird.
Seine Auseinandersetzungen mit anderen Gelehrten Al-Qārī war ein glühender Befürworter des hanafitischen Madhhab, stand jedoch anfangs in einem relativ guten Verhältnis zu den Schafiiten von Mekka. Das Verhältnis verschlechterte sich allerdings, als er in einigen seiner Kommentarwerke seinen Scheich Ibn Hadschar kritisierte. Sein Konflikt mit den mekkanischen Schafiiten verschärfte sich um 1601, als er einen Kontroverskommentar zu der anti-hanafitischen Polemik Muġīṯ al-ḫalq fī bayān al-ḥaqq von al-Dschuwainī (gest.1085) schrieb, in der er die schafiitischen Gebetsregeln verspottete und sich über die schlechte arabische Aussprache von ʿAbd al-Qādir at-Tabarī lustig machte. Die Schrift hat den martialischen Titel Tašyīʿ al-fuqahāʾ al-Ḥanafīya fī tašnīʿ as-sufahāʾ aš-Šāfiʿīya („Bestärkung der verständigen Hanafiten und Schmähung der törichten Schafiiten“). In einem Anhang berichtet al-Qārī, dass er nach der Veröffentlichung des Werks von den Anhängern at-Tabarīs angegriffen wurde und bei osmanischen Autoritäten Zuflucht suchen musste.
Eine neue Konfliktlinie ergab sich um 1602, als al-Qārī eine Anzahl von Werken gegen die Anhänger von Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī und ihre Lehre von der Lehre der Wahdat al-wudschūd zu schreiben begann. Der erste Text, den er diesem Thema widmete, war seine Schrift al-Martaba aš-šuhūdīya fī l-manzila al-wuǧūdīya. Am Ende dieses Textes forderte er die Herrscher der islamischen Welt (al-ḥukkām fī dār al-islām) explizit auf, die Anhänger Ibn ʿArabīs zusammen mit ihren Büchern zu verbrennen, eine Forderung, die so nie vorher in der langen Geschichte der Ibn-ʿArabī-Kontroverse erhoben wurde. Die Schrift brachte ihm eine Denunziation beim osmanischen Qādī von Mekka ein, der ihn einbestellte und ihn zur Tauba aufforderte.
In seinen letzten Jahren erregte al-Qārī zusätzlich dadurch in Mekka Aufsehen, dass er innerhalb des sunnitisch-schiitischen Konflikts zur Mäßigung aufrief und die These vertrat, dass die Tötung von Schiiten, die die Sahāba beschimpfen, keine Grundlage in der Scharia habe, weil Schiiten keine Ungläubigen seien. Sein Eintreten für eine Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten rief den Protest eines seiner Schüler hervor, der von ihm abrückte und ihn öffentlich diffamierte. In Erwiderung auf die Anschuldigungen dieses Schülers verfasste al-Qārī einen Traktat (26.), in dem er seine Position zu den Schiiten verteidigte, seine Stellung als angesehener Gelehrter hervob und den Anspruch formulierte, der Erneuerer zu Beginn des 11. islamischen Jahrhunderts zu sein.
Werke Carl Brockelmann führt in seiner Geschichte der arabischen Litteratur unter al-Qārī insgesamt 182 Werktitel auf. Viele der hier aufgeführten Werke sind allerdings Doppel- bzw. Dreifachbenennungen ein und derselben Schrift. Diese Mehrfachbenennungen kommen vor allem dadurch zustande, dass al-Qārīs kürzere Werke größtenteils in Sammelhandschriften überliefert sind und dort zusätzlich zu ihren eigentlichen Titeln handschrifteninterne Benennungen erhalten haben, die auch in die Handschriftenkataloge übernommen wurden.Vgl. Franke: "Querverweis als Selbstzeugnis". 2008, S. 134. Zieht man die Dubletten ab, so bleiben ca. 120 Werke übrig. Alle diese Schriften sind in arabischer Sprache abgefasst.
Tabellarischer Überblick