mini|hochkant|Sergei Sergejewitsch Lebedew (2025) Sergei Sergejewitsch Lebedew (; * 1981 in Moskau, Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) ist ein russischer Journalist und Autor. Er lebt seit 2018 in Deutschland. In seinen Romanen und Essays beschäftigt er sich vor allem mit sowjetischer Gewaltgeschichte, Erinnerungspolitik, russischem Imperialismus und den Folgen des Kriegs gegen die Ukraine.
Leben mini|hochkant|Sergei Sergejewitsch Lebedew auf der Stockholm Literature (2017) Lebedew entstammt einer sowjetischen Geologenfamilie. Schon in der Schulzeit suchte er in aufgelassenen Minen nach Mineralien und Bergkristallen, um sein Taschengeld aufzubessern. Dabei stieß er auf Reste ehemaliger Lager des GULAG. In der Folgezeit fand er auch in den Lebensgeschichten seiner Familienangehörigen Spuren aus dieser Vergangenheit, die er dann in seinem ersten Roman mit seinen Entdeckungen im Norden und Osten der früheren Sowjetunion zusammenfasste.Russische Väter, russische Mütter in FAZ vom 19. April 2013, Seite 35 Zu seinen familiären Entdeckungen gehörte, dass sein Großvater Offizier in Stalins Sicherheitsdienst und Leiter von Gulag-Lagern gewesen war.
Wirken Journalismus und Literatur Vorher hatte Lebedew als Journalist gearbeitet, unter anderem für die Literaturzeitschrift Swesda, sowie Gedichte und Essays veröffentlicht. Der Erstlingsroman Der Himmel auf ihren Schultern war im Jahre 2011 auf der Vorschlagsliste zum Nationalen Bestsellerpreis Russlands und erschien 2013 in deutscher Übersetzung. Im gleichen Jahr erhielt Lebedew das vom Auswärtigen Amt in Berlin geförderte Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin. Bis 2026 waren seine Bücher in 17 Sprachen übersetzt.
Sein im Herbst 2015 in deutscher Übersetzung erschienener dritter Roman Menschen im August war mehreren Verlagen in Russland zu heikelInge Pylypchuk: Die alte Angst ist wieder da, Interview, in: Die Literarische Welt, 24. Oktober 2015, S. 3 und ist in Russland erst im Januar 2016 erschienen. Einige seiner Romane setzen sich mit den psychischen Nachwirkungen der millionenfachen Erfahrung des Gulags auf die russische Gesellschaft auseinander. Typisch für sie ist der „Ich-Erzähler in der Tradition der Romantik“ (Per Leo), seine Sprache prägen Metaphern und Vergleiche.Per Leo, Jede Flucht ist eine Wette mit dem Tod, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Februar 2016, S. 13. Ein Impuls für den Roman Белая дама war die Nachricht, dass Gegenstände von Passagieren des 2014 über dem Donbass abgeschossenen Fluges MH17 im Internet verkauft worden seien. Der Roman verbindet in seiner englischen Ausgabe The Lady of the Mine die russische verdeckte Invasion der Ostukraine im Jahr 2014 mit der Geschichte einer Kohlemine, in der jüdische Opfer des Holocaust verscharrt worden sind. In der New York Times wurde The Lady of the Mine als anspielungsreicher und atmosphärischer Roman wahrgenommen, zugleich aber wegen seiner geringen erzählerischen Bewegung und des Verzichts auf klare Auflösung kritisch besprochen.
Exil und Kritik an Putin Während der erneuten Wahl Putins im März 2018 sagte er, Russland sei „krank vor Angst“. Es gebe keine staatliche Institution, die die Bürger vertrete. Die Authentizität der Beziehungen sei verschwunden und der Giftcocktail der Propaganda schaffe eine Maschinerie von Hexenjagden.„Die Geschichte wird ihren Preis verlangen“, Die Neue, 18. März 2018 Seit seiner Emigration wird Lebedew zu den deutlichsten Putin-kritischen Vertretern der zeitgenössischen russischen Literatur gezählt. Das heutige Russland beschreibt er nicht nur als autoritäres System, sondern als Gesellschaft, in welcher der Krieg eine extreme Form der Anpassungsfähigkeit hervorgebracht habe, die er als „Hyperadaptivität“ bezeichnet. In dieser Deutung wird Anpassung zur wichtigsten sozialen Fähigkeit und kann rote Linien verschwinden lassen, weil Menschen lernen, Sanktionen zu umgehen, die Ereignisse des Vortags zu vergessen und sich der Wirklichkeit nicht stellen zu müssen. Den politischen Sprachwandel unter Putin beschreibt Lebedew als eine Umwandlung staatlicher Propagandaformeln in emotionale Wellen von Aggression und Hass. Die damit verbundene „Verunreinigung“ der politischen Kultur werde seiner Einschätzung nach auch nach einem möglichen Ende des Putin-Regimes noch über Jahre hinweg beseitigt werden müssen.
Krieg gegen die Ukraine und Erinnerungspolitik Nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 schrieb er, die sowjetischen Verbrechen seien nie bestraft worden, deshalb kehrten sie wieder. Die russischen Bomben und Raketen, welche heute Ukrainer töten, seien der Preis für die Versäumnisse nach 1991. Es sei zu früh, die Ukrainer um Vergebung zu bitten; „wir werden um Vergebung bitten, nachdem die Kriminellen, die diesen Krieg begannen, bestraft wurden – falls sie bestraft werden.“Russia Attacks Ukraine: As It's Happening, 25. Februar 2022 Eine dauerhafte Besserung der Verhältnisse in Russland sei nur zu erreichen, wenn das Land sein jahrhundertealtes „imperiales Bewusstsein“ aufgäbe. Die Geisteshaltung in Russland sei stark geprägt von Autoritarismus und Rassismus (z. B. gegenüber Personen aus dem Kaukasus oder Zentralasien, aber auch gegenüber Ukrainern und Weißrussen). Der russische Krieg gegen die Ukraine sei ein humanitärer und moralischer Bankrott der russischen Kultur – weil sich Russland für eine „auserwählte imperiale Macht“ halte. Die Russen müssten ihre Kultur, Geschichte und politische Struktur von Grund auf umdenken. Russland, dessen Einwohner zu etwa 25 % nicht-russischer Ethnizität seien, müsse „dekolonisiert“ werden. Die zahlreichen, in Russland lebenden Minderheiten, wie die Awaren, Tataren, Burjaten, Darginer, Udmurten, die jahrhundertelang unterdrückt worden seien, müssten beginnen, mit einer Stimme zu sprechen. In einem 2025 im Guardian veröffentlichten Essay argumentierte Lebedew, das politisch gefährlichste unerledigte sowjetische Verbrechen sei nicht nur der innere Terror, sondern auch die jahrzehntelange sowjetische Besetzung Mittel- und Osteuropas, die in Russland weiterhin als „Befreiung“ erzählt werde. Er zeigte einen Zusammenhang zwischen dieser Erinnerungspolitik und der russischen Besetzung ukrainischer Gebiete auf, in denen russische Staatsbürgerschaft aufgezwungen, Eigentum umverteilt und ukrainische Identität ausgelöscht werden solle. Als Gegenmittel forderte er eine langfristige und koordinierte europäische Erinnerungspolitik, welche den 23. August, den Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Pakts, stärker als Gedenktag gegen Stalinismus, Nationalsozialismus und russischen Imperialismus profiliert.
Russische Gesellschaft und Opposition Lebedew äußerte sich auch pessimistisch und enttäuscht über die außerhalb Russlands lebenden Russen. Eine geeinte Exilopposition existiere nicht. Der Kreis um Michail Chodorkowski und die Anhänger des verstorbenen Alexei Nawalny hätten keine gemeinsame Agenda zustande gebracht und äußerten sich nur zurückhaltend zur westlichen Unterstützung der Ukraine. Die russische Opposition habe keine politische Vision für Russland. 2026 sah Lebedew die Kriegsanstrengung tief in die russische Gesellschaft eingebettet, weil Millionen Menschen direkt oder indirekt von ihr abhängig seien, darunter Soldaten, Familienangehörige, Beschäftigte der Rüstungsindustrie, Beamte, Polizei und Sicherheitsapparate. Der Krieg habe nach seiner Einschätzung eine neue Elite hervorgebracht, die durch die Vorstellung zusammengehalten werde, der Krieg sei gerechtfertigt, und die auch im Fall wachsender Kritik an Putin keine verlässliche Kraft demokratischer Veränderung wäre. Für die Fortdauer des Krieges hält Lebedew die geringe Bewertung menschlichen Lebens in Russland für zentral, weil sie Putin Zeit verschaffe und die Aufrechterhaltung der Kriegsführung erleichtere. Ein rascher demokratischer Neubeginn nach Putin erscheint ihm deshalb unwahrscheinlich, weil Russland mit den moralischen Folgen des Krieges und fehlenden realen Möglichkeiten zur Verantwortlichmachung der Täter konfrontiert sei.
Werke (Auswahl) Предел забвения. Verlag Perwoje sentjabrja, Moskau 2010, ISBN 978-5-8246-0160-2. 2. Auflage: Verlag EKSMO, Moskau 2012, ISBN 978-5-699-54441-7. deutsche Ausgabe: Der Himmel auf ihren Schultern. Übersetzt von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-042510-2. Год кометы. Verlag Zjentr knigi Rudomino, Moskau 2014, ISBN 978-5-00087-043-3. Люди августа. Verlag Intellektualnaja Literatura, Moskau 2016, ISBN 978-5-9907-2231-6. deutsche Ausgabe: Menschen im August. Übersetzt von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-042511-9. Гусь Фриц. Verlag Wremja, Moskau 2018, ISBN 978-5-9691-1707-5. deutsche Ausgabe: Kronos' Kinder. Übersetzt von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-10-397373-0. Дебютант, Corpus Verlag, Moskau 2020 deutsche Ausgabe: Das perfekte Gift. Übersetzt von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-10-397058-6 Nein! [njet]. Stimmen aus Russland gegen den Krieg. Rowohlt, Hamburg 2025, ISBN 978-3-4980-0743-0 Белая дама deutsche Ausgabe: Die Beschützerin. Übersetzt von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025, ISBN 978-3-10-397521-5
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