Das Oberamt Kreuznach bzw. Amt Kreuznach war ein Verwaltungs- und Gerichtsbezirk, der zur Vorderen Grafschaft Sponheim gehörte und vom Spätmittelalter bis 1797 bestand. Es liegt in den heutigen Landkreisen Landkreis Bad Kreuznach, Rhein-Hunsrück-Kreis, Landkreis Cochem-Zell, Landkreis Birkenfeld, Landkreis Alzey-Worms und Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz.

Geschichte Vordere Grafschaft Sponheim mini|350px|Grafschaft Sponheim (Vordere Grafschaft: rosa, Hintere Grafschaft: grün) Zum vordersponheimischen Oberamt Kreuznach gehörte ursprünglich das Gebiet um die Burgen und Schlösser Kreuznach, Ebernburg, Gutenberg, Argenschwang, Naumburg, Koppenstein, Gemünden und Kirchberg.Landesordnung vom 31. Oktober 1437, Regest in: Badische Historische Commission (Hrsg.), Heinrich Witte (Bearb.): Regesten der Markgrafen von Baden und Hachberg, 1050–1515, Bd. II 1422–1503. Wagner, Innsbruck 1901, S. 72 (Google-Books). Es grenzte an die kurpfälzischen Oberämter Stromberg und Alzey, an Kurmainz, die Rheingrafschaft, die Grafschaft Falkenstein, die Herrschaft Bolanden, das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, die Hintere Grafschaft Sponheim, die Herrschaft Dalberg und den Reichsforst Soonwald.Vgl. Johann Goswin Widder: Oberamt Kreuznach. In: Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen Beschreibung der Kurfürstl. Pfalz am Rheine, Bd. IV, Frankfurt am Main, Leipzig 1788, S. 1 und 14. Der Sitz des Amtmanns bzw. Oberamtmanns war in Kreuznach.

Das Oberamt enthielt als Enklaven Gebiete kleinerer oder größerer Herrschaften wie der koppensteiner Herrschaft Mandel (dalbergisches Lehen), Herrschaft Montfort der Boos von Waldeck (Hüffelsheim teilweise), des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken (Hallgarten (Pfalz)) oder bis 1556 das Kloster Sponheim (gräflich sponheimer Schirmvogtei), bis 1574 das Kloster Sankt Katharinen und ab 1707 den reichsgräflich wartenbergischen Oranienhof.

Im gemeinsamen Besitz mit der Hinteren Grafschaft Sponheim standen die Stammsitze Burg Sponheim und Burg Dill, die im bzw. am Oberamt Kreuznach lagen. Mit der Herrschaft Dill (Burg und Stadt Dill, Dorf Sohrschied und Leibeigene in umliegenden Dörfern) war bis 1566 die Vogtei über das Augustiner-Chorherrenstift Pfaffen-Schwabenheim verbunden.

Kondominium von Kurpfalz, Veldenz, Pfalz-Simmern und Markgrafschaft Baden-Baden Das Amt Kreuznach stand wie die gesamte Vordere Grafschaft Sponheim seit 1417 unter der gemeinsamen Regierung der Kurpfalz () und der Grafschaft Sponheim-Starkenburg (), die 1422 eines ihrer vier Fünftel für 20.000 GuldenVgl. Urkunde des Grafen Johann II. von Wertheim (* um 1360; † nach 1444) als Schlichter vom 9. September 1435; Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (Grafschaft Sponheim Urkunden, 12). an die Kurpfalz verpfändete. 1437 wurde die sponheim-starkenburger Herrschaft zwischen den Grafen von Veldenz, den Markgrafen von Baden und der Pfalzgrafschaft Pfalz-Simmern in ungetrennter Gemeinschaft geteilt (Kondominium), jede erhielt der Gesamtherrschaft und einen entsprechenden Anspruch auf das an die Kurpfalz verpfändete Fünftel. 1444 wurde Veldenz von Pfalz-Simmern beerbt (jetzt ). Nach der Schlacht bei Seckenheim 1462 war der badische Anteil bis 1508 für 42.000 Gulden an die Kurpfalz verpfändet, die in dieser Zeit damit insgesamt des Amtes in ihrem Besitz hatte. Die Herrschaft Ebernburg wurde 1482 als Erblehen an die von Sickingen vergeben. Pfalz-Simmern-Zweibrücken erwarb 1504 das 1422 von Sponheim verpfändete Fünftel von der Kurpfalz zurück und gab die Hälfte davon an Baden weiter, vermutlich im Tausch gegen badische Anteile an Burgen und Schlössern.

Nachdem Markgraf Philipp I. von Baden (1479–1533) Elisabeth von der Pfalz (1483–1522) geheiratet (1503) und die verpfändeten badischen Anteile als Mitgift zurück erhalten hatte (1508), besaßen Pfalz-Simmern (= = ), Baden (= ) und die Kurpfalz (= ).

In der Zeit des Kondominiums amtierten zeitweise ein kurpfälzischer, ein sponheimischer und ein badischer (Ober-)Amtmann nebeneinander in Kreuznach. Die Kurpfalz und Simmern besetzten das Oberamt darüber hinaus jeweils mit einem Truchsess, Baden mit einem Landschreiber. Beschlüsse, die eine Rechtslage änderten, mussten die Amtleute einstimmig fassen, sonst blieb es zunächst beim Status quo.

Als Grundlage des Rechtswesens diente das wahrscheinlich von Rudolf von Sachsenhausen in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankfurt am Main zusammengestellte sog. „Kleine Kaiserrecht“, von dem eine Kreuznacher Handschrift erhalten ist.Vgl. Handschrift, geschrieben 1473 von „Johannes Ammann de Cruzenach“ (Hessische Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt, Hs 1426); Dietlinde Munzel: Die Innsbrucker Handschrift des Kleinen Kaiserrechtes. Eine Untersuchung ihrer Verwandtschaft mit der Eschweger und der Kreuznacher Handschrift sowie die Auswertung der in ihr verzeichneten Notizen über Rechtsgewohnheiten zu Mainz, Frankfurt und Ingelheim (Rechtsbücherstudien 1). Scientia, Aalen 1974. 1530 wurde von der Kurpfalz, Baden und Simmern eine gemeinsame Ordnung für das – schon vorher bestehende – Kreuznacher Hofgericht und die Untergerichte in der Vorderen Grafschaft Sponheim erlassen, die von Silvester Sybolt, Hofgerichtssekretär in Kreuznach und Stadtschreiber in Oberwesel, und dem simmerschen Sekretär Hieronymus Rhodler († 1539) entworfen worden war.Der Durchleuchtigstenn Durchleuchtigen Hochgebornen Fuersten vnd herren, herrnn Ludwigs … Churfuersten, herrn Johansen, beden Phaltzgrauẽ bei Reine, Hertzogen in Beyern, Graue zu Spanheym [et]c, vnd herrnn Philipsen Marggrauen zu Baden [et]c gemein ordnũg jrer gnaden Houegerichts zu Creuetzenach. Auch der Vndtergericht in Stetten, Flecken, vñ Dœrffern der Fœrdern Graueschafft Spanheim gen Creuetzenach gehœrig. Siluester Sibolt / Hieronymus Rodler, Simmern 1530 (Google-Books). Das Kreuznacher Hofgericht als Berufungsinstanz der Untergerichte (ab einem Streitwert von 20 Gulden) trat zweimal jährlich – am Sonntag Laetare (März/April) und am Sonntag nach St. Petri Kettenfeier (1. August) – zusammen. Es wurde durch die „Freidörfer“ Waldböckelheim, Wöllstein, Volxheim, Braunweiler, Mandel und Roxheim, die dafür von dem Zoll zu Kreuznach befreit waren, mit sieben Schöffen beschickt (Wöllstein sandte zwei). Noch 1721 – nach der Abtretung Wöllsteins durch die Kurpfalz – versuchte der dortige kurmainzische Oberschultheiß dem nassauischen Oberschultheiß der zweiherrischen Gemeinde die Funktion des „Aktuars“ (Gerichtsschreibers) beim Kreuznacher Blutgericht streitig zu machen.Vgl. Adolph Koellner: Geschichte der Herrschaft Kirchheim-Boland und Stauf. A. Stein, Wiesbaden 1854, S. 282 (Google-Books); auch Winfried Dotzauer: Geschichte des Nahe-Hunsrück-Raumes von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Steiner, Stuttgart 2001, S. 66.

Als Appellationsinstanz (ab einem Streitwert von 50 Gulden) bildete sich das 1462 reformierte kurpfälzische Hofgericht in Heidelberg heraus. Berufungen vom Kreuznacher Hofgericht zum kaiserlichen Ingelheimer Oberhof, bei dem zuvor auch das Kreuznacher Schöffengericht „zu Haupt“ gegangen war,Vgl. Adalbert Erler (Bearb.): Die älteren Urteile des Ingelheimer Oberhofes, Bd. I-IV. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1952–1963, Bd. II und III waren im 16. Jahrhundert nicht mehr möglich.Vgl. Hans Müller: Oberhof und neuzeitlicher Territorialstaat. Dargestellt am Beispiel der drei rheinischen geistlichen Kurfürstentümer (Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechtsgeschicht 20), Scientia Verlag, Aalen 1978, S. 286 ISBN 3-511-02840-X. Durch kaiserliches Privileg war in der Kurpfalz von 1578 bis 1652 eine Appellation an das Reichskammergericht erst bei Streitsachen mit einem Wert über 1000 Gulden zugelassen, danach konnte dieser Rechtsweg wegen eines „Privilegium de non appellando illimitatum“ gar nicht mehr beschritten werden.

1534 kam es zu einem Streit der Markgrafen Bernhard (1474–1536) und Ernst von Baden (1482–1553) mit Herzog Wilhelm IV. von Bayern (1493–1550) über den verpfändeten Anteil an Kreuznach aus dem Erbe von dessen Frau Maria Jakobäa von Baden (1507–1580). Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz (1478–1544) als Schiedsrichter sprach Herzogin Maria Jakobäa eine Abfindung zu.Vgl. Maximilian Prokop von Freyberg: Pragmatische Geschichte der bayerischen Gesetzgebung und Staatsverwaltung seit den Zeiten Maximilian I., Bd. IV/1. Friedrich Fleischer, Leipzig 1839, S. 182f (Google-Books)

Ab 1559 gehörte das Amt Kreuznach nach einem Erbausgleich als Teil der Vorderen Grafschaft Sponheim ungeteilt der Kurpfalz () und Baden (). 1610/11 kam der Pfälzer Anteil an die sogenannte jüngere Linie Pfalz-Simmern-Kaiserslautern unter Ludwig Philipp (1602–1655). 1653 im Vergleich von Regensburg (bestätigt im Reichstagsabschied 1654) ließ sich Kurfürst Karl I. Ludwig von der Pfalz (1617–1680), der seit 1648 Ansprüche erhoben hatte, einen der Pfälzer Erbanteile () übertragen und trat 1654 die Mitregierung an.Vgl. Ernst Weydmann: Geschichte der ehemaligen gräflich-sponheimischen Gebiete. (diss. phil. Heidelberg). Ackermann, Konstanz 1899, S. 39. Nach dem Tod von Ludwig Heinrich von Pfalz-Simmern (1640–1674) wurden die Kurpfälzer Anteile 1674 wieder vereinigt.

Die Markgrafschaft Baden, die 1644 durch den französischen Marschall Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (1611–1675) aus Kreuznach vertrieben worden war, wurde 1652 nach dem Westfälischen Frieden durch eine kaiserliche Restitutionskommission wieder in ihren Mitanteil eingesetzt.Vgl. Winfried Dotzauer: Geschichte des Nahe-Hunsrück-Raumes von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Steiner, Stuttgart 2001, S. 332.

Kurpfalz mini|links|400px|Kurpfälzische Oberämter,7 (rot) = Oberamt Kreuznach Ab 1708 gehörte das Amt Kreuznach nach einer Realteilung vollständig zur Kurpfalz, allerdings wurden die Unterämter Kirchberg, Koppenstein und Naumburg sowie die Dörfer BurgsponheimDer hintersponheimische bzw. Pfalz-Zweibrücken-Birkenfelder Anteil an Burgsponheim, das dem Amt Winterburg zugeordnet war, gelangte endgültig 1776 an Baden., Sprendlingen und St. Johann ausgegliedert und an Baden abgetreten.Vgl. ausführlich

Zum Oberamt Kreuznach gehörten zu dieser Zeit neben der Stadt Kreuznach die Dörfer Bosenheim, Schwabenheim, Ober-Hilbersheim, Zotzenheim, Langenlonsheim, Gensingen, Hackenheim, Laubersheim, Siefersheim (Schiffersheim), Wöllstein, Gumbsheim, Pleitersheim, Rüdesheim, Traisen, Hargesheim, Roxheim, Weinsheim, Gutenberg, Sponheim, Bockenau, Auen.Vgl. Anton Joseph Weidenbach: Das Nahethal. Historisch und topographisch dargestellt, Teil 2, S. 214.

1714 gelangte das Unteramt Böckelheim mit den Städten Sobernheim und Monzingen und den Dörfern Thalböckelheim, Waldböckelheim, Nußbaum und Langenthal sowie Anteilen an Boos und Oberstreit durch den „Vertrag von Frankfurt“ zwischen der Kurpfalz und Kurmainz endgültig an das Oberamt Kreuznach, dafür wurde der kurpfälzische Anteil an Siefersheim, Wöllstein, Gumbsheim, Pleitersheim und Volxheim an Kurmainz abgegeben. Auch die kurpfälzischen Ansprüche auf Neu-Bamberg, Sulzheim und Dalberg wurden jetzt aufgegeben.

Durch den „Seltz- und Hagenbacher Austausch“ von 1768 zwischen der Kurpfalz und Pfalz-Zweibrücken wurde die Stadt Odernheim am Glan mit dem ehemaligen Kloster Disibodenberg und den Dörfern Niederhausen, Hochstätten, Hallgarten sowie Leibeigenen in Staudernheim hinzugewonnen. 1750 (Abtretung durch die Sickinger) bzw. 1771 kam durch einen Vertrag zwischen Baden und der Kurpfalz die ehemals sickingische Herrschaft Ebernburg mit Norheim, Feil und Bingert im Austausch gegen Helmsheim und Sprantal hinzu. Duchroth und Oberhausen an der Nahe gelangten 1779 im „Kübelberger Austausch“ gegen das Amt Kübelberg von Pfalz-Zweibrücken an die Kurpfalz.