Das Judentum in Luxemburg stellt zahlenmäßig mit rund 1200 Mitgliedern, also 0,23 % der Gesamtbevölkerung (Stand: 1. Januar 2016),Sergio Della Pergola: World Jewish Population, 2016. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.): American Jewish Year Book 2016. Springer, 2017. ISBN 978-3-319-46121-2 (E-Book: doi:10.1007/978-3-319-46122-9). S. 274, 311–317. Eingeschränkte Vorschau in Google Books eine konfessionelle Minderheit dar. Es ist nach der Römisch-katholischen Kirche, dem Protestantismus, der Orthodoxen Kirche und dem Islam die fünftgrößte Glaubensgemeinschaft in Luxemburg. Das Judentum spielte in der Geschichte Luxemburgs seit jeher eine bedeutende Rolle; heute ist Luxemburg das einzige Land Europas, in dem mehr Juden leben als im Jahr 1933.
Anfänge der jüdischen Präsenz in Luxemburg Die geographische Lage Luxemburgs war von großer Bedeutung für die Evolution der jüdischen Gemeinschaft. Luxemburg ist durch Frankreich und Deutschland von zwei Nachbarländern umgeben, die eine maßgebliche Rolle in der Geschichte des Judentums gespielt haben.
Die ersten Juden, die nach Europa einwanderten, ließen sich zur Zeit des Römischen Reiches im Rheinland nieder. Im Mittelalter gab es schon im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation renommierte jüdische Gemeinschaften, vor allem in der Gegend der SchUM-Städte Worms, Speyer und Mainz. Das Gleiche galt für das Königreich Frankreich in der Gegend von Metz und Troyes. In der direkten Nachbarschaft Luxemburgs gab es nennenswerte Judengemeinschaften in Trier, Thionville und Arel.
Die ersten Juden in Arel ließen 1226 und 1309 sich in der „Hütchengasse“ (luxemburgisch Hetschegaass) nieder. Um 1276 ließen sich die ersten Juden in der Stadt Luxemburg nieder.Luxembourg Virtual Jewish History Tour, Jewish Virtual Library. Abgerufen am 14. November 2018. Das erste Dokument, dass die Präsenz von Juden in der Grafschaft Luxemburg beweist, stammt von 1276; es nennt einen Juden namens „Henri von Luxemburg“, der sich bei einem Mann aus Bartringen 53 Trierer Pfund geliehen haben soll. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wohnten bereits mehrere Familien im Petrusstal, wo etwas später auch ein jüdischer Friedhof angelegt wurde. Dokumente um 1367 erwähnen bereits die „Judengasse“ und die „Judenpforte“ der Stadt Luxemburg.
Auch würde die Präsenz von Juden zu dieser Zeit in anderen naheliegenden Städten dokumentiert, unter anderem in Neuerburg (1309), Echternach, Ließem (1332), La Roche-en-Ardenne (1333), Damvillers (1945/1947), sowie in Bitburg (1334) und Bastogne (1353).
Die Pest, die besonders 1348/1349 Europa heimsuchte, sowie weitere Missstände führten dazu, dass viele Menschen die Juden als Sündenbock betrachteten und es zu Übergriffen von Antijudaismus kam. So wurden Juden unter anderem der Brunnenvergiftung und des Ritualmords beschuldigt. Während der Pestpogrome von 1349 wurden Juden ermordet bzw. aus den beiden Städten Luxemburg und Echternach vertrieben. Karl I. von Luxemburg, König des Heiligen Deutschen Reiches, von der Unschuld der Juden überzeugt, versuchte, eine Eskalation der Lage zu verhindern und rief am 24. Juli 1349 die Einwohner der Stadt Luxemburg auf, den Juden Wohlstand und Besitz zu garantieren, bis diese entweder verurteilt oder freigesprochen seien: „daz in von niemand an irm leib vnd gut dhein leit oder schade geschee, mit worten oder werken.“Luxemburg. Abgerufen am 14. November 2018. Wie stark Luxemburg seinerzeit von der Pest betroffen war, ist nicht bekannt. Jedoch weiß man, dass es unter anderem in Barrois und in Lothringen zu Epidemien kam. Nach zwischenzeitlicher Rückkehr wurden Juden 1391 erneut ausgewiesen – allerdings nur kurzzeitig; 1405 durften sich einige jüdische Familien wieder niederlassen. Auch in der Folgezeit waren Juden noch oft Opfer von pogromartigen Angriffen, die stets auf ihr Hab und Gut abzielten, so beispielsweise 1444 und 1478. Die Verfolgten konnten ihr Leben nur dadurch retten, dass sie aus Luxemburg flüchteten. 1490/1492 siedelten sich erneut Juden in der Stadt an.
15. bis 16. Jahrhundert Zur Zeit, als Luxemburg zu Burgundischen Niederlanden gehörte, verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Juden zunehmend.
Die Stadt Luxemburg, die zu dieser Zeit bereits rund 2500 Einwohner zählte, lockte mit ihrer fortschrittlichen Leder- und Stoffindustrie viele Juden vom Land an, obwohl es dort keine Gesetze gab, die die Juden vor Verfolgungen geschützt hätten. Es der schlimmsten Verfolgungen fand im März 1478. Die meisten Juden verließen daraufhin die Stadt, so dass man im Jahr 1515 nur noch acht jüdische Haushalte in der Stadt Luxemburg zählt, 11 im gesamten Herzogtum.
In den folgenden zwei Jahren verließen fast alle Juden das Herzogtum Luxemburg; der Grund für dieses plötzliche Verschwinden ist nicht genau bekannt. Die herzoglichen Archive dokumentieren weder einen Pogrom noch einen staatlichen Beschluss, der das Wegziehen der Juden erklären könnte. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts lebten noch vereinzelte jüdische Familien im Herzogtum Luxemburg, obwohl Juden durch einen Edikt von Karl V. im Jahr 1527 aus den Habsburgischen Niederlanden verbannt worden waren. Die seltene Erwähnung von Juden im Herzogtum Luxemburgs in den folgenden Jahrzehnten bezog sich meistens auf Durchreisende.
Nach der Französischen Revolution Die Französische Revolution (1789) förderte die jüdische Emanzipation; die Juden erhielten in der Ersten Französischen Republik am 28. September 1791 die Bürgerrechte zugesprochen. 1798 wurde das vorherige Herzogtum Luxemburg als Département Forêts („Wälder“) zu einem Teil der Französischen Republik annexiert, so dass für französischen Juden die französischen Gesetze und Rechte galten.
Etwas später, am 14. Juli 1795, wurde alle Sondersteuern, zu denen die Juden zuvor verpflichtet waren, abgeschafft, es kam zur absoluten Gleichberechtigung zwischen Juden und Christen. Außerdem hatten die Juden seit diesem Datum das Recht, sich überall in den Spanischen Niederlanden niederzulassen. Ein am 8. September 1808 erlassenes Gesetz legte fest, dass jede Familie sich mit einem Familiennamen eintragen musste, jedoch besaßen viele Juden zu dieser Zeit nur Vor- und Vatersnamen. Dabei ergab sich, dass damals in Luxemburg 75 Juden lebten, davon 13 Männer, 15 Frauen und 47 Kinder.
Die Anzahl der Juden stieg relativ schnell an, unter anderem auch weil sich die Juden aus der luxemburgischen Gegend mit Gemeinschaften aus Lothringen und Deutschland zusammengeschlossen hatten. 1817 wurde der erste Judenfriedhof im Stadtteil Clausen eingeweiht. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in Luxemburg ein jüdisches Glaubenszentrum. 1821 kaufte die jüdische Gemeinschaft ein Haus in der „Rue du Séminaire“, das als Nationalgut zur Zeit der Französischen Revolution an die Stadt Luxemburg verkauft wurde. In diesem Haus wurde 1824 die erste luxemburgische Synagoge offiziell eingeweiht. Diese konnte etwa hundert Leute aufnehmen und stand anfangs unter der Leitung von Pinhas Godchaux (1800–1871).
19. Jahrhundert bis 1933 mini|hochkant|Neue / zweite Synagoge in Luxemburg (1894–1943)
Die Eröffnung der ersten Synagoge in Luxemburg stellt einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Luxemburg dar. Seit der Unabhängigkeit Luxemburgs im Jahr 1839 war das jüdische Konsistorium Luxemburgs eine unabhängige Institution geworden, deren Mitglieder vom Ministerium gewählt wurden.
Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 und nach der Annexion Lothringens und des Elsasses durch das Deutsche Reich 1871 zogen viele Juden nach Luxemburg. Bald war die 1823 erbaute Synagoge zu klein für die gewachsene Gemeinde. Schon 1876 begann man, den Bau einer neuen Synagoge vorzubereiten. Die alte Synagoge wurde mitsamt Grundstück der Stadt Luxemburg zurückgegeben, im Gegenzug erhielt die jüdische Gemeinde ein neues Grundstück zwischen der Avenue de la Porte Neuve und der Rue Aldringen.
Der Synagogen-Neubau wurde von luxemburgischen und belgischen Juden sowie zum Teil auch vom luxemburgischen Staat finanziert. Zunächst erstellte der renommierte deutsche Architekt Ludwig Levy einen Entwurf. Die Ausführung erfolgte dann jedoch nach Plänen des luxemburgischen Staatsarchitekten Karl Arendt im neo-orientalischen Stil. Der Grundstein wurde im Juli 1893 gelegt, eingeweiht wurde das Gebäude am 28. September 1894. Zu dieser Zeit war Isaac Blumenstein der Rabbiner der luxemburgischen Synagogengemeinde, Präsident des Konsistoriums war Louis Godchaux, ein luxemburgischer Unternehmer.
1933–1940 Die Anzahl der Juden in Luxemburg stieg zwischen 1927 und 1935 von 1717 auf 3144. Nach 1933, zur Zeit des Nationalsozialismus, flüchteten viele deutsche Juden vor den Nazis nach Luxemburg, das in den 1930er-Jahren zu einem wichtigen europäischen Asyl- und Durchreiseland für Juden wurde. Die luxemburgische Regierung griff auf ein Gesetz vom 28. Oktober 1920 zurück, das ihr die Absetzung von politischen Flüchtlingen und Antifaschisten über die Grenze ermöglichte.
Zum Zeitpunkt der Besetzung Invasion Luxemburgs durch die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 lebten ungefähr 3700 Juden in Luxemburg.
1940–1945
mini|Nazi-Aufmarsch vor der Synagoge, um 1941/42
Am 20. Mai 1940, zehn Tage nach der Invasion Luxemburgs durch die Wehrmacht, ordnete die militärische Verwaltung in Luxemburg die Beschlagnahmung aller Rohstoffe, Lebensmittel und Edelmetalle, die sich in jüdischem Besitz befanden, an. Am 2. August 1940 wurde Gustav Simon durch Führererlass zum Chef der Zivilverwaltung (CdZ) im CdZ-Gebiet Luxemburg ernannt; unter dessen Verantwortung wurden alle weiteren Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung geplant und durchgeführt. Am 10. Mai 1940 wurden rund 1000 Juden angesichts der Kriegshandlungen mit der Zivilbevölkerung des Südens nach Südfrankreich evakuiert. Die Regierung untersagte ihnen die Rückkehr. Danach verließen weitere 1000 Juden das Land, die meisten davon in die französische Zone libre, weitere unter anderem nach Belgien. Nur etwa 500 gelangten in die Schweiz, nach Kuba, Argentinien oder in die Vereinigten Staaten.
Die Nürnberger Gesetze wurden am 5. September 1940 ebenfalls in Luxemburg umgesetzt, mit denselben Maßnahmen gegen Juden wie in Deutschland. Alle in Luxemburg lebenden Juden mussten eine Behauptungserklärung abgeben. Jeder, der ein Unternehmen besaß, war verpflichtet, sein Unternehmen jederzeit zu verkaufen. Ab dem 1. Oktober 1940 wurden die Juden gezwungen, ihr gesamtes Geld auf Bankkonten an die Nazis zu übergeben. Zudem konfiszierte die Gestapo bei Überfällen Schmuck, Fahrräder, Schreibmaschinen, Kameras, Radios und sogar warme Kleidung (im Winter 1942) und Seife. Die Kleider wurden alle an die Wehrmacht verkauft.
Am 22. Oktober 1940 wurde die Ettelbrücker Synagoge verwüstet. Im Mai 1941 wurde die Synagoge der Stadt Luxemburg durch die Gestapo geschlossen, entweiht und anschließend abgerissen, was bis zum Herbst 1943 andauerte. Am 3. Juni 1941 erlitt die Escher-Synagoge dasselbe Schicksal. 350 meist ältere Jüdinnen und Juden wurden ab 1941 in ein leerstehendes Kloster in Fünfbrunnen im Norden des Landes verbracht, das unter der Tarnbezeichnung „Jüdisches Altersheim Fünfbrunnen“ als Sammellager funktionierte. Am 7. Februar 1941 wurde ein Gesetz erlassen, wonach der gesamte Besitz derjenigen, die 1940 oder früher ausgewandert waren, konfisziert wurde. Ab dem 18. April 1941 galt dies auch für die Juden, die noch in Luxemburg lebten. Das Beschlagnahmte wurde von der NSDAP verkauft. Ein Teil des Geldes wurde verwendet, um die Germanisierungspolitik in Luxemburg zu finanzieren, das Gau Moselland. Im November 1941 wurden alle jüdischen Organisationen aufgelöst und über 35.000 Reichsmark konfisziert.