mini|Kartenausschnitt der Uebersicht der Mineral-Vorkommen des Regierungs-Bezirks Wiesbaden von 1877, mit dem Westerwälder Braunkohle­revier mini|Teil eines Förderturmes und einer Grubenbahn der Grube Alexandria, des größten und letzten Bergwerkes des Reviers (als Industriedenkmal in Höhn aufgestellt) Das Westerwälder Braunkohlerevier ist ein Bergbaurevier im Westerwald, in dem vom 16. bis ins 20. Jahrhundert Braunkohle gewonnen wurde. Der Schwerpunkt der Lagerstätten liegt im Hoch- und Oberwesterwald um Westerburg und Bad Marienberg (Rheinland-Pfalz) sowie weiter östlich bei Breitscheid (Hessen).

Das Braunkohlerevier überschneidet sich geographisch mit Abbaugebieten anderer Bodenschätze, insbesondere Basalt, Quarzit, Ton und Eisenstein. Letztere Lagerstätten gehören zum Siegerländer Erzrevier. In einigen Fällen wurden Ton und Braunkohle aus derselben Grube gefördert.

Entstehung und geologischer Hintergrund mini|Lignitische Braunkohle aus Höhn (Deutsches Bergbau-Museum Bochum) Die Braunkohlevorkommen des Westerwaldes entstanden im Miozän (vor etwa 26 bis 9 Millionen Jahren), als sich in Einsenkungen in der Basalthochfläche des Hohen Westerwaldes Sümpfe und Moore bildeten. Unter und zwischen den Braunkohleflözen liegen sandige und tonige Schichten aus der Verwitterung von Grauwacke und Schiefer. Teilweise sind die kohleführenden Schichten wiederum durch eine Decke aus Basaltgestein überlagert.

Im Westerwald lassen sich zwei Arten von Braunkohle unterscheiden: Weichbraunkohle: Diese Kohle ist aufgrund des geringen Alters wenig inkohlt. Die Konsistenz ist weich, faserig und torfartig („Moorkohle“). Der Wassergehalt ist sehr hoch (bis etwa 50 %), der Heizwert entsprechend gering. Da die Kohle wegen ihrer geringen Festigkeit leicht zu „Kohlenklein“ (Grus) zerfiel, wurde sie zur besseren Handhabung mit Lehm vermischt, zu Ballen geformt und an der Sonne getrocknet. Hartbraunkohle: An einigen Orten, insbesondere dort, wo die Flöze durch vulkanisches Deckgebirge aus Basalt überlagert wurden (beispielsweise in der Grube Alexandria), ist die Kohle lignitisch, eichenholzartig und teilweise so hart, dass der Vortrieb durch Schießen (Sprengen) erfolgen musste. Durch den geothermischen Einfluss des Vulkangesteins trat eine erhebliche Beschleunigung der Inkohlung ein. Die Kohle hat einen – für eine so junge Braunkohle – ungewöhnlich geringen Wassergehalt von etwa 30-35 %, und dadurch einen hohen Heizwert. Dank der festen Konsistenz konnte die Kohle in stückiger Form transportiert und verarbeitet werden.

Geologisch verwandt mit den Braunkohlevorkommen ist die als Fossilienfundplatz bekannte Ölschieferlagerstätte Stöffel bei Enspel.

Geschichte Anfänge (16. bis 18. Jahrhundert) Erste Berichte über Kohlevorkommen im Westerwald reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. An Hängen, wo Flöze an die Oberfläche ausbissen, und in darunterliegenden Bach- und Flussbetten fand man Braunkohlestückchen, und auch in Steinbrüchen war man beim Abbau auf „unterirdisches Holz“ gestoßen. Wegen der holzartigen Struktur wurde die lignitische Kohle auch „Holzkohle“ genannt (siehe Kartenausschnitt unten) – nicht zu verwechseln mit in Meilern verkohltem Holz. Da zu dieser Zeit der Brennstoffbedarf durch Holz gedeckt wurde, blieb die Kohle zunächst ungenutzt.

Mitte des 17. Jahrhunderts wurde unter Fürst Johann Ludwig von Nassau-Hadamar bei Höhn ein erster Versuch unternommen, Kohle aus einer Grube zu gewinnen; wegen Problemen mit der Wasserhaltung, und da die Kohle nicht die erhoffte Qualität aufwies, wurde das Vorhaben bald wieder aufgegeben.

Im 18. Jahrhundert stieg mit dem Einsetzen der Industrialisierung und dem Wachstum der Eisenhütten im Siegerland der Brennstoffbedarf deutlich an, und man machte sich auch im Westerwald auf die Suche nach Kohle. Dabei wurde man an verschiedenen Stellen fündig, etwa bei Höhn, Schönberg, Bach und Stockhausen. Da es sich bei der gefundenen Kohle aber nicht wie erhofft um hochwertige Steinkohle, sondern durchweg nur um Braun- und Moorkohle handelte, die – wie Versuche zeigten – für die Eisenverhüttung ungeeignet war, blieben die Nutzungsmöglichkeiten gering und der wirtschaftliche Erfolg des Kohlebergbaus zunächst aus. Die minderwertige Kohle wurde überwiegend von der niederen Landbevölkerung als Hausbrand verwendet. Auch wurde diese Kohle auf Wiesen und Äckern verbrannt und ihre Asche als Dünger verteilt. Die Gruben dieser Zeit waren überwiegend kleine Kuhlen an der Erdoberfläche, die mit einfachen Werkzeugen gegraben wurden; selten nur wurden kurze Stollen angelegt. Eindringendes Grubenwasser wurde durch oberirdische Gräben („Röschen“) abgeführt.

Wachstum und Blüte (19. bis 20. Jahrhundert) mini|„Holzkohlen-Gruben“ bei Marienberg Anfang des 19. Jahrhunderts (Kartenausschnitt von 1819) Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurden Holz und Steinkohle immer knapper und teurer, wodurch die Braunkohle als Alternative wirtschaftlich zunehmend konkurrenzfähig wurde. Immer mehr bedienten sich nun auch Handwerk und Gewerbe (Bäcker, Bierbrauer, Branntweinbrennereien, Essigfabriken …) des billigen Brennstoffes. Um die Verbrennungseigenschaften zu verbessern, wurde die Kohle teilweise in Meilern – ähnlich wie Holz zu Holzkohle – „verkohlt“. In dieser veredelten Form und in Mischung mit Steinkohle war die Braunkohle auch von Betrieben nutzbar, die einen höheren Heizwert benötigten, wie etwa Schmieden, Schlossereien und vereinzelt sogar Eisenhütten.

Mit der zunehmenden Nachfrage stieg auch der Preis der Braunkohle und in der Folge die Zahl der aufgefahrenen Bergwerke. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es bereits 22 Bergwerke, die jährlich etwa 50.000 Tonnen Kohle förderten. Zudem ging man immer mehr dazu über, die höherwertige, tieferliegende Hartbraunkohle im Untertagebau mittels Stollen, Schächten und Strecken zu gewinnen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Konzentration: Kleine, ausgekohlte und unwirtschaftliche Gruben wurden geschlossen, die verbleibenden wurden organisatorisch und baulich zusammengeschlossen. Die Zahl der Gruben wuchs kaum, ging zeitweise sogar zurück, die Zahl der beschäftigten Bergleute und die geförderte Kohlemenge stieg aber deutlich an.

Ende des 19. Jahrhunderts führten Massenstreiks im Ruhrrevier zu einer Verknappung von Steinkohle und zu einem deutlichen Nachfrage- und Preisanstieg bei der Braunkohle. Von diesem profitierte – wenn auch nicht so stark wie andere Braunkohlereviere – auch das Westerwälder Revier beträchtlich.

Der Bau der Westerwaldquerbahn im Jahr 1906, an die in der Folge fast alle großen Gruben angeschlossen wurden, verbesserte die Transport- und Vertriebswege und damit die Absatzmöglichkeiten der Westerwälder Kohle, jedoch nicht so stark wie zuvor erhofft.

Im Jahr 1914 eröffnete die Elektrizitätswerk Westerwald AG (EWAG), der mit der Grube Alexandria in Höhn das größte Bergwerk des Reviers gehörte, neben der Grube ein Elektrizitätswerk, welches bald zum Hauptabnehmer der minderwertigen Westerwälder Braunkohlen wurde, sowie eine Dampfziegelei.

Niedergang (20. Jahrhundert) Trotz der genannten Verbesserungen blieb das Westerwälder Revier gegenüber den rasant wachsenden deutschen Steinkohlerevieren (insbes. dem Ruhrrevier) und auch gegenüber dem nahegelegenen Rheinischen Braunkohlerevier in der wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Im Vergleich zur Steinkohle waren die Verwendungsmöglichkeiten der Westerwälder Braunkohle zu eingeschränkt; erneute Versuche, die Kohle in der Eisenverhüttung oder zur Verschwelung zu verwenden, waren gescheitert. Im Vergleich zum anderen deutschen Braunkohlerevieren, wo die Kohle kostengünstig im Tagebau gewonnen werden konnte, war der untertägige Abbau im Westerwald weit aufwändiger und teurer.

Zwar trat vor und nach dem Ersten Weltkrieg nochmals ein ähnlich positiver Effekt wie nach den Streiks von 1889 ein, als zunächst der große Bedarf der Rüstungsindustrie und später die fälligen Reparationslieferungen sowie die Besetzung des Rheinlandes und des Ruhrgebietes die Preise für Kohle in die Höhe trieben. Der dadurch bewirkte Aufschwung war aber nur von kurzer Dauer: Die Wirtschaftskrise ab Ende der 1920er-Jahre führte zu einem dramatischen Einbruch der Nachfrage und zu einem Verfall der Preise. Die Westerwälder Kohle konnte gegen das Überangebot an billiger Rheinischer Braunkohle und hochqualitativer Ruhrsteinkohle nicht bestehen. Binnen weniger Jahre wurden fast alle Gruben geschlossen. 1940 waren im ganzen Revier nur noch vier aktive Braunkohlegruben übrig. Der Zweite Weltkrieg brachte den Abbau dann vorübergehend fast vollständig zum Erliegen.

In der Nachkriegszeit zog die Nachfrage nach Kohle wegen des Wiederaufbaus der Industrie und das einsetzende Wirtschaftswunder wieder an, und der Abbau in der Grube Alexandria wurde wieder verstärkt. Kurzzeitig kam es auch zu „wilder“ Kohlengräberei in kleinen Kuhlen; diese wurde aber von Seiten der Bergaufsicht bald unterbunden. Auch gab es einen erneuten Versuch, den Abbau nach dem Vorbild der großen deutschen Braunkohlereviere mit Großgeräten im Tagebauverfahren zu betreiben. Hierfür wurde in Marienberg am Bacher Lay mit einem 45-Tonnen-Bagger (Typ Menck) der Tagebau Neuhaus II aufgeschlossen. Dieser stellte aber bereits nach wenigen Monaten wegen Unwirtschaftlichkeit den Betrieb ein.

Ab 1954 war als letzte verbliebene Grube des Westerwälder Braunkohlereviers nur noch die Schachtanlage Alexandria mit dem angeschlossenen Kraftwerk in Betrieb. Als 1959, nach mehreren Eigentümerwechseln in schneller Folge, die Stilllegung des Kraftwerks in Höhn beschlossen wurde und somit der Hauptabnehmer der Kohle wegfiel, war auch das Ende des Bergbaus absehbar. Etwa zwei Jahre später, im Frühjahr 1961, wurde der Betrieb des letzten Bergwerkes eingestellt.

Erhaltene Reste

Heute erinnern nur noch Spuren an die langjährige Geschichte des Braunkohlebergbaus im Westerwald: einige in Ortschaften als Denkmal aufgestellte Fördergerüste und Geräte, z. B. in Höhn (von Grube Alexandria, siehe Bild), Norken (von Grube Späth) und Kaden (von Grube Anna) einige erhaltene Verwaltungs- und Betriebsgebäude, z. B. das der Grube Anna in Kaden oder die Ruine des Kraftwerks in Höhn zahlreiche Pingen und Bergehalden im Bereich der ehemaligen Grubengelände

Liste von Bergwerken Die folgende unvollständige Liste enthält Bergwerke des Westerwälder Braunkohlereviers. unterteilt in die Kreise Siegen-Wittgenstein, Altenkirchen, Lahn-Dill-Kreis, Westerwaldkreis und Limburg-Weilburg sowie die dortigen Städte und Gemeinden bzw. Verbandsgemeinden. Überwiegend waren diese dem Bergrevier Dillenburg zugehörig:

Landkreis Altenkirchen (Rheinland-Pfalz) Name des Bergwerks (Grube, Zeche) Gemeinde Ortsteil Lage Beginn Ende Bemerkungen / Quellen Bild Adolfsburg Daaden-Herdorf Emmerzhausen 1846 1948 Stollen am Stegskopf; verliehen am 23.3.1847; Betriebszeiten: 1847-72, 1903–11, 1921–24, -1948; Förderung: 1847-72 - 1.400 t/Jahr. 1920-24 - 5.473 t, 2.WK - 5.488 t, 1946-48 - 125 t; Stollenlänge am 31.12.1947 von 400 m Antonsglück Daaden-Herdorf Nisterberg 1891 (vor) Schacht bei Nisterberg Fortuna II Betzdorf-Gebhardshain Nauroth Gustavsegen Betzdorf-Gebhardshain Nisterberg 1891 (vor) Schacht bei Nisterberg Habsburg Betzdorf-Gebhardshain Nisterberg 1873-06-05Gangkarte des Siegerlandes, Blatt Elkenroth, 1909, Markscheiderbüro des königlichen Oberbergamts zu Bonn Habsburg II Betzdorf-Gebhardshain Nisterberg 1876-12-13 Oswald I-IX Betzdorf-Gebhardshain Nisterberg 1891 (vor) Schacht östlich von Nisterberg Schützenhof Betzdorf-Gebhardshain Nisterberg 1891 (vor)

Kreis Siegen-Wittgenstein (NRW) Name des Bergwerks (Grube, Zeche) Gemeinde Ortsteil Lage Beginn Ende Bemerkungen / Quellen Bild Blücher Burbach Oberdresselndorf 1804 Grubenfeld Blücher IV Burbach Oberdresselndorf 1804 Grubenfeld Concordia II Burbach Niederdresselndorf 1841 1857 3 Stollen Fortuna Burbach Oberdresselndorf / Rabenscheid 1891 (vor) 3 Stollen östlich von Liebenscheid links- und rechtseits des Winterbaches