miniatur|Frontalansicht der Triumphkreuzgruppe oberhalb des Lettners

Die Triumphkreuzgruppe im Dom St. Stephanus und St. Sixtus in Halberstadt in Sachsen-Anhalt stellt die Kreuzigungsszene auf Golgatha dar. Sie besteht aus fünf hölzernen überlebensgroßen Figuren, die auf einem mit Reliefs verzierten Triumphbalken platziert sind. Die Kreuzigungsszene befindet sich oberhalb des Lettners in der Mitte des Langhauses. Es handelt sich um das bedeutendste Kunstwerk, das in den gotischen Neubau übernommen wurde. Im Vergleich mit den Triumphkreuzgruppen in Wechselburg und Freiberg ist sie die älteste und „in der ursprünglichen Gestaltung ihrer Gesamtkomposition am besten erhaltene“Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 80. Kreuzgruppe.

Schon seit dem 10. Jahrhundert dienten solche Großkreuze als Trennung zwischen dem Bereich der Laien im Mittelschiff und des Klerus im Chorbereich. Seit dem 12. Jahrhundert entstanden Kreuzigungsgruppen mit den trauernden Gestalten der Maria und des Johannes. Die Kreuzigungsgruppe in Halberstadt ist eine Besonderheit, da auch Großplastiken von Engeln vorhanden sind.Johanna Flemming, Edgar Lehmann, Ernst Schubert: Dom und Domschatz von Halberstadt. Böhlau, Wien/Köln 1974. S. 33.

Historischer Hintergrund

Die Triumphkreuzgruppe entstand um 1215, spätestens jedoch gegen 1220, im Jahr der Neuweihe des Doms und wurde in der Einwölbung des Chores des ottonischen Doms in Halberstadt aufgestellt. Der Schöpfer der Kreuzgruppe ist unbekannt. Der Vorgängerbau des ottonischen Doms war ein karolingischer dreischiffiger und kreuzförmiger Dom. Nach dem Einsturz des karolingischen Domes begann der Bau des ottonischen Doms, der im Jahre 992 geweiht wurde. In den darauf folgenden gotischen Bau wurde die Kreuzgruppe als Werk der späten Romanik übernommen. Die Triumphkreuzgruppe musste in dem ottonischen Vorgängerbau einen geringeren Raum ausfüllen, weswegen sie vermutlich auf eine noch eindringlichere Weise wahrnehmbar war. Ebenfalls wirkte die Gruppe wesentlich massiver, da sie sich nicht, wie im gotischen Bau, in einem lichtdurchfluteten, durch Spitzbögen und Pfeiler nach Vertikalität strebenden Raum befand. Die Räumlichkeiten des romanischen Baus waren wesentlich niedriger, dunkler und geschlossener.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 89.

Um die Kreuzgruppe in den gotischen Raum zu integrieren, sollte eine Auflösung der Schwere durch Vertikalisierung stattfinden. Um die horizontalen und vertikalen Linien in Einklang zu bringen und auszugleichen, entstand nach 1500 die gotische Lettnervorhalle. Die Vorhalle mit ihren zwei spitzbogigen Portalen, den hohen Fialen und der Balken mit der Kreuzgruppe wurden zu einem einheitlicheren und monumentalen Objekt.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 90.

Als byzantinischer Einfluss gilt eine Weihbrotschale aus dem 12. Jahrhundert, die von Bischof Konrad von Krosigk nach seiner Rückkehr aus dem vierten Kreuzzug in den Halberstädter Dom mitgebracht und mit anderen byzantinischen Werken der Kleinkunst in einer Schenkungsurkunde von 1208 dem Dom übereignet wurde. Auf ihr befindet sich ebenfalls eine Darstellung der Kreuzgruppe. Schon in der byzantinischen Kunst und in der frühmittelalterlichen Buchmalerei ist die Darstellung der Kreuzigungsszene mit Maria und Johannes vorhanden. Sie diente als Anregung für Plastiken und Skulpturen der spätromanischen Kunst und kann als Inspiration für die Triumphkreuzgruppe oberhalb des Lettners betrachtet werden.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 84.

Beschreibung der Triumphkreuzgruppe

Die Triumphkreuzgruppe befindet sich über dem Lettner und steht auf einem Balken, der als Triumphbalken bezeichnet werden kann. Ursprünglich war der Balken zum Mittelschiff hin mit Büsten der zwölf Apostel versehen, während auf der Chorseite die Büsten von zwölf Propheten zu erkennen waren. Über ihren Häuptern befinden sich Baldachine. Durch die Übernahme der Triumphkreuzgruppe vom ottonischen in den gotischen Bau musste der Balken im 15. Jahrhundert gekürzt werden, da er nicht zwischen die breiteren gotischen Vierungspfeiler passte, die zur Stabilisierung der hohen Gewölbe dienen sollten. Aus diesem Grund sind auf beiden Seiten nur noch je zehn Büsten vorhanden. Seine ursprüngliche Länge muss etwa 9,5 Meter betragen haben. Durch seine Kürzung verringerte sich die Länge etwa um einen Meter. Sein Durchmesser beträgt 75 Zentimeter. Der horizontal verlaufende Balken verhält sich nicht korrespondierend zu der vertikalen Raumausstattung.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 90.

Die Triumphkreuzgruppe besteht aus einem monumentalen Kreuz, an dem Jesus Christus gekreuzigt dargestellt ist. Es befindet sich in der Mitte des Triumphbalkens. Zur rechten Seite Christi befinden sich die heilige Mutter Maria und zur linken Johannes der Evangelist. Jeweils daneben befindet sich eine Engelsgestalt.

Vor allem anderen dominiert das symmetrische Kreuz. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass das Holzkreuz, das an allen vier Enden kleeblattförmige Dreipässe besitzt, das eigentliche schmalere Kreuz, an das die Jesusfigur geheftet ist, einfasst. Dreipässe sind eine Gestaltungsform, die bereits in der zeitgenössischen Kleinkunst vorhanden war.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 82. Das rahmende und breitere Kreuz besitzt eine Größe von über fünf Metern. In den seitlichen Dreipässen befindet sich jeweils ein Engel, der das Kreuz scheinbar zu stützen versucht. Im unteren Dreipass befindet sich Adam, der nach oben schaut. Unter Adam fixieren zwei Engel das schwere Kreuz außerhalb des Dreipasses. Auf der gleichen Höhe im Chorbereich befindet sich eine Reliefdarstellung der Osterszene, in der die Frauen einem Engel begegnen, der ihnen die Auferstehung Christi verkündet. Im oberen Dreipass befindet sich ein weiterer Engel, der den Kreuztitulus hält. Es handelt sich um ein Spruchband mit der Pilatusüberschrift „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“, die mit INRI abgekürzt wird.

„Pilatus aber schrieb eine Überschrift und setzte sie auf das Kreuz; und war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Überschrift lasen viele Juden; denn die Stätte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuzigt ward. Und es war geschrieben in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache“.

In der Vierung des Kreuzes befindet sich ein angedeuteter Heiligenschein. Jesus befindet sich im Moment des Sterbens. Er stützt seinen Körper auf einem schlangenartigen Drachen ab, der als Suppedaneum dient. Der Drache steht symbolisch für die durch Christi Tod überwundene Sünde. Jesu Körper bildet eine leicht geschwungene Form. Er ist mit vier Nägeln an das Kreuz geschlagen. Er hat seinen Kopf geneigt und trägt keine Dornenkrone. Auch die Wundmale sind kaum zu erkennen. Diese Kreuzigungsdarstellung verbindet Merkmale der romanischen und der gotischen Epoche.

Neben dem gekreuzigten Jesus Christus, der an das imposant wirkende Kreuz geschlagen ist, befinden sich je zwei Personen zur linken bzw. zur rechten Seite des Kreuzes. Die Figuren sind 2,20 Meter hoch und entsprechen dem Größenverhältnis des Kreuzes. Auf der rechten Seite befindet sich die Figur der heiligen Mutter Maria. Sie trägt ein Gewand, das bis zum Boden reicht. Die Spitzen ihrer Füße sind zu erkennen. Ihr Körper ist in eine Dreiviertelposition zum Kreuz hin gedreht. Ihr Haupt ist leicht geneigt und ihre Hände sind als Symbol der Trauer gefaltet, wobei die linke Hand die rechte umfasst. Sie hat weit geöffnete Augen und ein starres Gesicht.

Auf der linken Seite des Kreuzes befindet sich ein Mann, bei dem es sich um den Jünger Johannes den Evangelisten handelt. Seine Körperhaltung ist frontal zum Betrachter positioniert, wobei sich sein Oberkörper zur Seite neigt und sich somit von dem Kreuz entfernt. Sein Blick ist nicht auf den Gekreuzigten gerichtet. Auch er trägt ein bodenlanges Gewand. Der linke Arm ist angewinkelt. Die Hand greift nach seinem Gewand im Bauchbereich. Der rechte Arm ist ebenfalls angewinkelt, wobei diese Hand auf der rechten Seite seines Gesichtes aufliegt. Dieser Gestus wirkt sorgenvoll. Maria steht auf einer drachenähnlichen Schlange und Johannes auf einem König, der für das Heidentum steht.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 84–85. Auf ein Übermaß an emotionalem Ausdruck im Antlitz Marias und Johannes’ ist verzichtet. Entsprechend dem Trauergestus der Romanik ist der Ausdruck verhalten. Der Schmerz wird nicht veranschaulicht. Dies ändert sich in der Darstellungsweise der späten Gotik, in der Trauer vergegenwärtigt wird. Maria und Johannes werden zu Mitleidenden, die der Szene beiwohnen. Als spätromanisches Werk in einer gotischen Kirche wirken Erscheinung und Sinngebung auf die Zeitlosigkeit der Kreuzgruppe ein.

An den jeweils äußeren Enden des Balkens befindet sich je ein Engel mit sechs Flügeln, die an die biblischen Seraphim erinnern. Zwei der Flügel verschränken sich vor der Brust, zwei andere verschränken sich über dem Kopf. Die verbliebenen zwei Flügel sind nur auf der Seite des Chorbereichs zu erkennen. Ihre Füße sind zu sehen. Sie befinden sich auf sonnenähnlichen Rädern, die auf die Feuerräder der Cherubim hinweisen, die in der Bibel erwähnt werden. Die Figuren sind direkt dem Betrachter zugewandt. Ihre Hände sind nach oben gedreht und starr vom Körper distanziert. Ihr Gewand reicht bis zu ihren Knöcheln. Die Blicke und die Mimik sind neutral. Während der Engel zur Linken Jesu frontal nach vorne blickt, ist der Kopf des Engels zu seiner rechten Seite auf das Kreuz gerichtet.

Durch leichte Hinwendungen der Figuren (die Dreiviertelhaltung Marias) oder durch das Drehen des Kopfes (der Engel zur rechten Seite Christi) zum Kreuz hin wirken die einzelnen Figuren der Gruppe wie eine geschlossene Einheit. Gleichzeitig lässt die frontale Darstellung einzelner Figuren die heilsgeschichtliche Szene auf die Gemeinde wirken. Auf der Triumphkreuzgruppe befinden sich erhebliche Reste mittelalterlicher Farben. Somit konnte die farbige Erscheinung rekonstruiert werden. Das Leinentuch, das um die Hüften Christi gebunden ist, ist in Gold gehalten. Das umrahmende Kreuz besitzt immer noch einen rötlichen Ton, während das innere Kreuz in blau und grün gehalten ist.Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1962. S. 89, 94.

Darstellungsweise Christi am Kreuz

Die ursprüngliche Ikonographie Christi in der Epoche der Romanik orientierte sich an der Verbildlichung des heiligen und triumphierenden Christus. In dieser Form der Darstellung wurde weniger die Marter thematisiert als vielmehr der königliche Heiland. Dies äußerte sich durch den meist aufrecht stehenden und immer noch lebenden Christus, durch das Fehlen der Dornenkrone und den Viernageltypus. Bei dem Viernageltypus befanden sich die Füße Christi auf dem Suppedaneum nebeneinander, was augenscheinlich einen besseren Halt sicherte und weniger schmerzvoll wirkte. Der Körper Jesu nahm eine lebendig wirkende, aufrecht stehende Position ein.