mini|Die Wallfahrt zu den Mausoleen von Imam Hussein und Imam Abbas in Kerbela, Beispiel für eine schiitische Ziyāra Der arabische Begriff Ziyāra () bezeichnet im Islam den Besuch eines heiligen Ortes, der jedoch nicht mit der Heiligen Moschee in Mekka identisch ist (vgl. Haddsch). Wenn dafür längere Strecken zurückgelegt werden, lässt sich von einer Wallfahrt sprechen. Häufig befinden sich die Ziyāra-Orte aber auch in der unmittelbaren Umgebung der betreffenden Personen, so dass sie dafür keine Reise unternehmen müssen. Die Orte und Gebäude, die Gegenstand einer Ziyāra sind, werden , und genannt. Dementsprechend erscheint der Begriff in islamischen Ländern auch häufig in Toponymen.

Ziyāra-Ziele und -Bräuche Ziel dieser frommen Besuche sind meistens Gräber, deswegen wird der Brauch in der arabischen gelehrten Literatur üblicherweise unter dem Stichwort abgehandelt, aber in manchen Fällen gilt die Verehrung auch Höhlen, Bergen oder Bäumen oder Orten, die regelmäßig von Chidr aufgesucht werden sollen. Die Besucher dieser Orte bringen üblicherweise Weihegaben mit; umgekehrt versuchen sie durch das Aufsuchen dieser Orte deren Baraka (Segenskraft) zu erhalten.

Geschichte Bräuche des Besuchs von Gräbern haben sich zunächst im schiitischen Islam herausgebildet. Schon seit dem siebten Jahrhundert ist der Besuch von Husains Grab in Kerbela belegt. Nachdem man im späten 8. Jahrhundert ʿAlīs Grab in Nadschaf aufgefunden hatte, wurde auch dieser Ort zum Ziel einer schiitischen Wallfahrt.Vgl. Irute Schober: Das Heiligtum ʿAlī ibn Abī Tālibs in Naǧaf. Grabstätte und Wallfahrt. Frankfurt/Main u. a. 1990. Der schiitische Gelehrte Abū l-Qāsim Dschaʿfar Ibn Qulawaih (gest. 979) aus Qom verfasste im 10. Jahrhundert ein umfassendes Hadith-Werk über die Vorzüge der Wallfahrten zu den heiligen Stätten der Schiiten. Im frühen 11. Jahrhundert errichteten die schiitischen Fatimiden in Ägypten über den Gräbern von Angehörigen der Prophetenfamilie (z. B. Saiyida Nafīsa und Saiyida Ruqaiya im Süden von Kairo) Mausoleen, womit sich hier ebenfalls Ziyāra-Bräuche entwickelten.

mini|"Wer mein Grab und meinen Minbar besucht hat, dem steht dereinst meine Fürsprache zu", der von ad-Dārāqutnī überlieferte Prophetenausspruch in leicht abgewandelter Form im Privathaus eines ägyptischen Medina-Pilgers. Ab dem 10. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch des Gräberbesuchs zunehmend auch im Bereich des sunnitischen Islams, es wurde zum Beispiel üblich, den Haddsch nach Mekka mit einer Ziyāra des Prophetengrabes in Medina zu verbinden. Ein angeblicher Prophetenausspruch, den der irakische Hadith-Gelehrte ad-Dārāqutnī (gestorben 995) überliefert, stellt den jenseitigen Nutzen dieser Ziyāra heraus: „Wer mein Grab besucht, dem steht dereinst meine Fürsprache zu“ (man zāra qabrī waǧabat la-hū šafāʿatī).ad-Dārāqutnī: Kitāb as-Sunan. Kitāb al-Ḥaǧǧ. Bāb al-Mawāqīt. Nr. 2658. Ein anderes Prophetenwort, das weite Verbreitung fand, lautete: „Wer den Haddsch zum Haus (Gottes) unternimmt und mich nicht besucht, der ist mir gegenüber unfreundlich gewesen.“Ibn Taimīya: Maǧmūʿ al-fatāwā. 2004, Bd. XXVII, S. 25. Die Ziyāra des Prophetengrabes in Medina wurde im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Gegenstand mehrerer Spezialabhandlungen. So verfasste zum Beispiel im 16. Jahrhundert der mekkanische Gelehrte ʿAbd al-Qādir al-Fākihī (gest. 1574) einen Traktat über die Regeln (ādāb), die bei diesem Wallfahrtsritus zu beachten waren. Er hat den Titel Ḥusn at-tawassul fī ādāb ziyārat afḍal ar-rusul.Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Supplementband II. Leiden 1938. S. 529.

Sunnitische Herrscher gingen im 11. Jahrhundert außerdem dazu über, die Gräber von Persönlichkeiten des sunnitischen Islams zu Mausoleen auszubauen, wie diejenigen von Abū Hanīfa in Bagdad und von asch-Schāfiʿī in Kairo, so dass sich dort ebenfalls Ziyāra-Bräuche herausbildeten. Auch fingen Gelehrte jetzt an, Wallfahrtsführer speziell für sunnitische Gläubige, die Gräber besuchen wollten, abzufassen. Das bekannteste ist das "Buch der Fingerzeige zur Kenntnis der Pilgerorte" (Kitāb al-Išārāt ilā maʿrifat az-ziyārāt) von ʿAlī ibn Abī Bakr al-Harawī (gest. 1215), das das Gebiet von Syrien und Palästina als eine heilige Landschaft voller Wallfahrtsorte beschreibt.Vgl. die engl. Übersetzung von Josef W. Meri: Lonely Wayfarer's Guide to Pilgrimage: ʿAlī ibn Abī Bakr al-Harawī's Kitāb al-Ishārāt ilā Maʿrifat al-Ziyārāt. Princeton 2004. Im 13. und 14. Jahrhundert entstanden im Zuge des Aufblühens der Heiligenverehrung im sunnitischen Islam an mehreren Orten Wallfahrtsorte von nationaler Bedeutung, so der Grabschrein des wundertätigen Sufi Ahmad al-Badawī (gestorben 1276) in Tanta, der Grabschrein von Muʿīn ad-Dīn Tschischtī (gest. 1230) in Ajmer und das Mausoleum von Ahmed Yesevi (gest. 1166) in Türkistan.

Normenrechtliche Einordnung im sunnitischen Islam Für die normenrechtliche Beurteilung des Besuchs von Gräbern allgemein war entscheidend, dass es zum einen im Koran eine Aussage gibt, in der dieser negativ beurteilt wird, nämlich: „Abgelenkt hat euch das Streben nach mehr. Sogar die Gräber habt ihr aufgesucht“ (alhākumu t-takāṯur ḥattā zurtumu l-maqābir; Sure 102:1–2), zum anderen aber ein Hadith existiert, wonach der Prophet den Gräberbesuch erlaubt hatte. In der Version, die Mālik ibn Anas überlieferte, lautet dieser Hadith: „Ich hatte euch verboten, Gräber zu besuchen, doch nun dürft ihr sie besuchen, solange ihr nichts Unziemliches sagt“ (kuntu nahaitukum ʿan il-qubūr fa-zūrūha wa-lā taqūlū huǧran).al-Muwaṭṭaʾ, Kitāb aḍ-ḍaḥāyā, Bāb iddiḫār luḥūm al-aḍāḥī. Hadith Nr. 1045. In einer andern Version, die Abū Dāwūd überliefert, lautete das Prophetenwort: „Besucht die Gräber, denn sie erinnern euch an den Tod!“Abū Dāwūd: Sunan, Kitāb al-Ǧanāʾiz, Bāb Ziyārat al-qubūr. Online-Version mit englischer Übersetzung

Nach Ibn Taimīya bestand unter den muslimischen Gelehrten Einigkeit darüber, dass der Prophet den Besuch von Gräbern ursprünglich verboten hatte. Uneinigkeit herrschte jedoch darüber, ob dieses Verbot durch den Hadith abrogiert worden war. Hierzu gab es drei Positionen: Eine Gruppe lehrte, dass das Verbot nicht abrogiert worden sei, eine andere lehrte, dass dies der Fall sei und dem Hadith eine Empfehlung zum Gräberbesuch enthalte, und eine dritte Gruppe vertrat die Ansicht, das Verbot sei lediglich in den Bereich der Erlaubtheit eingeschränkt worden, sodass der Besuch von Gräbern zwar erlaubt (mubāḥ), aber nicht erwünscht (mustaḥabb) sei. Dies, so erklärt Ibn Taimīya, sei eine Ansicht innerhalb der Rechtsschulen von Mālik ibn Anas und Ahmad ibn Hanbal. Die meisten Gelehrten hätten jedoch gelehrt, dass der Besuch der Gräber von Gläubigen, um für die Verstorbenen Bittgebete zu sprechen und ihnen Frieden zu wünschen, erwünscht sei.Ibn Taimīya: Maǧmūʿ al-fatāwā. 2004, Bd. XXVII, S. 376–377.

Der andalusische Gelehrte Ibn ʿAtīya (gest. 1147) meinte, dass man die koranische Verurteilung des Gräberbesuchs in Sure 102 differenziert verstehen müsse. Er kommentierte sie mit den Worten:

Verschiedene Angehörige der hanbalitischen Lehrrichtung, so zum Beispiel al-Barbahārī und Ibn ʿAqīl, beurteilten die Ziyāra-Bräuche strenger und verboten sie ohne Einschränkung. Besonders scharf wurden diese Bräuche von Ibn Taimīya kritisiert. Er verurteilte 1326 in einer Fatwa die in seiner Zeit gängige Praxis, zu Grabstätten oder zu anderen als segenspendend erachteten Orten zu reisen, als unerlaubte Bidʿa. Damit löste er öffentlichen Protest aus, der bis nach Kairo reichte und an dessen Höhepunkt ihn der malikitische Oberqādī in Ägypten, Taqī ad-Dīn al-Ichnā'ī (gest. 1349) in einer Fatwa zum Ungläubigen erklärte.Farid Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. De Gruyter, Berlin, Boston 2019. S. 35. Ibn Taimīya hatte seine Ablehnung von Reisen zum Zweck des Gräberbesuchs mit dem Vorbild der Prophetengefährten begründet:

Unter Rückbezug auf Ibn Taimīya verdammten später auch die Wahhabiten die Ziyāra-Bräuche.Meri: Ziyāra. 1. In the central and eastern Arab lands during the pre-modern period. 2002, S. 525b. Allerdings meinte Ibn Kathīr, dass man Ibn Taimīya missverstanden habe, weil dieser in Wirklichkeit nicht den Besuch von Gräbern an sich, sondern nur Reisen zum Zweck des Gräberbesuchs verboten habe. Ersteren habe er sogar für wünschenswert gehalten und empfohlen.Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa-n-nihāya. in Muḥammad ʿUzair Šams und ʿAlī Ibn Muḥammad al-ʿImrān: al-Ǧāmiʿ li-sīrat šaiḫ al-islām Ibn Taimīya ḫilāla sabʿat qurūn. 2019, S. 553–554. Digitalisat

Unterschiedlich wurden von den Gelehrten die populären Hadithe über den Besuch des Prophetengrabes in Medina eingeordnet. Während Ibn Taimīya sie als „erfunden“ (mauḍūʿ) zurückwies, Tādsch ad-Dīn as-Subkī (gest. 1370) sie für authentisch.Olesen: Culte des saints et pèlerinages chez Ibn Taymiyya (661/1263 - 728/1328). 1991, S. 134–135.

Siehe auch Liste islamischer Pilgerstätten Ziyarat al-Nabi Schuʿaib

Literatur Arabische Quellen Abū l-Qāsim Ǧaʿfar ibn Muḥammad Ibn Qulawaih (gest. 979): Kāmil az-ziyārāt. Ed. Ǧawād al-Qaiyūmī al-Iṣfahānī. Našr al-Faqāha, [Qum], 1996. Digitalisat Abū l-Ḥasan ʿAlī ibn Abī Bakr al-Harawī (gest. 1215): Kitāb al-Išārāt ilā maʿrifat az-ziyārāt. Ed. ʿAlī ʿUmar. Maktabat aṯ-Ṯaqāfa ad-dīnīya, Kairo, 2002. Digitalisat Ibn Taimīya (gest. 1329): Maǧmūʿ al-fatāwā. Ed. ʿAbd ar-Raḥmān b. Muḥammad b. Qāsim. Maǧmaʿ al-Malik Fahd, Medina 2004. Bd. XXVII. Online-Version Ibn-Tamīm al-Maqdisī (gest. 1363): Muṯīr al-ġarām ilā ziyārat al-Quds wa-š-Šām. Ed. Aḥmad al-Ḫuṭāimī. Dār al-Ǧīl, Beirut, 1994. Digitalisat

Sekundärliteratur Mahmoud Ayoub: Redemptive suffering in Islām: a study of the devotional aspects of „Ashūrā“ in twelver Shī'sm. Mouton, Den Haag 1978, S. 180–197 und 254–259. Marcel Behrens: „Ein Garten des Paradieses“. Die Prophetenmoschee von Medina. Ergon, Würzburg 2007, ISBN 978-3-89913-572-5, S. 227–276. F. De Jong: “Cairene Ziyâra-Days: A Contribution to the Study of Saint Veneration in Islam.” in Die Welt des Islams 17/1 (1976) 26–43. Harald Einzmann: Ziarat und Pir-e-Muridi: Golra Sharif, Nurpur Shahan und Pir Baba. Drei muslimische Wallfahrtstätten in Nordpakistan. Steiner-Verlag, Stuttgart 1988 (= Beiträge zur Südasienforschung. Band 120), ISBN 3-515-04801-4. Marianus Hundhammer: Prophetenverehrung im Ḥaḍramaut: die Ziyāra nach Qabr Hūd aus diachroner und synchroner Perspektive. Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-87997-381-1. Robert Langer: Pīrān und Zeyāratgāh: Schreine und Wallfahrtsstätten der Zarathustrier im neuzeitlichen Iran. Peeters Publishers, Löwen 2008, ISBN 978-90-429-2193-1, S. 132–138. Niels Hendrik Olesen: Culte des saints et pèlerinages chez Ibn Taymiyya (661/1263 - 728/1328). Paris 1991. Laila Prager: Alawi Ziyara Tradition and Its Interreligious Dimensions. Sacred Places and their Contested Meanings among Christians, Alawi and Sunni Muslims in Contemporary Hatay (Turkey). In: The Muslim World. Band 103, Nr. 1, 2013, S. 41–61. Nancy Tapper: „Ziyaret“: gender, movement, and exchange in a Turkish community. In: Dale F. Eickelman, James Piscatori (Hrsg.): Muslim Travellers: Pilgrimage, Migration and the Religious Imagination. Routledge, London 1990. S. 236–255. Christopher S. Taylor: In the vicinity of the righteous. Ziyāra and the veneration of Muslim Saints in late medieval Egypt. Leiden 1999. Josef W. Meri: Ziyāra. 1. In the central and eastern Arab lands during the pre-modern period in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 2002. Band XI, S. 524–529.

Einzelnachweise

Kategorie:Islamische Wallfahrt