Learie Nicholas Constantine, Baron Constantine (TC; * 21. September 1901 in Petit Valley, Trinidad; † 1. Juli 1971 in Brondesbury, London) war ein Cricketspieler, Rechtsanwalt und Politiker von den British West Indies. Er war der erste schwarze Life Peer des Vereinigten Königreichs. 2011 wurde eine Sammlung von Dokumenten sowohl seines öffentlichen als auch seines privaten Lebens in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen.
Leben
Frühe Jahre Learie Constantine war zweites Kind der Familie und ältester von drei Brüdern.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 3. Sein Vater Lebrun Constantine war ein Enkel von Sklaven und stieg bis zum Aufseher einer Kakaoplantage in Cascade bei Maraval auf.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 23, 26.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 2–3. Schon der Vater war auf der Insel als erstklassiger Cricketspieler bekannt, der zweimal mit einer westindischen Mannschaft nach England gereist war. Er nannte seinen Sohn Learie nach einem Iren, mit dem er sich auf einer Englandreise 1900 angefreundet hatte.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 23. Die Mutter von Learie Constantine hieß Anaise Pascall, war die Tochter von Sklaven, und auch ihr Bruder Victor war ein bekannter Cricketspieler, ebenso ein Bruder von Learie, Elias, der später in der Mannschaft von Trinidad spielte.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 3–4.
Constantine besuchte die St Ann’s Government School in Port of Spain, anschließend bis 1917 die St Ann’s Roman Catholic School.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 5. In der Schule spielte er für das Cricketteam, dessen Kapitän er in den letzten beiden Schuljahren war.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 28–29. Bis er 19 Jahre alt war, verbot ihm sein Vater, für ein Wettkampfteam zu spielen, da er zunächst beruflich Fuß fassen sollte.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 7.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 33–34. Nach dem Abschluss der Schule nahm Learie Constantine deshalb eine Stelle als Büroangestellter in einer Anwaltskanzlei an, ohne große Aussicht, als Schwarzer beruflich aufzusteigen.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 31–32.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 6.
Sportliche Laufbahn Ab 1920 spielte Learie Constantine für den Shannon Cricket Club. Anfangs spielte er in der zweiten Mannschaft, aber nachdem er im dritten Spiel 50 Punkte (runs) in einer Stunde erzielt hatte, kam er in die erste Mannschaft.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 34. Cricket in Trinidad war zu jener Zeit strikt nach Hautfarben und sozialen Schichten aufgeteilt; so war der Shannon Cricket Club der Verein für Schwarze der unteren Mittelklasse.C. L. R. James: Beyond a Boundary. London 1963, 1983, S. 50. Die Spieler waren hoch motiviert, auch als Reaktion auf die Rassendiskriminierung, der die Spieler und ihre Anhänger täglich ausgesetzt waren. Constantine wurde in dieser Zeit bewusst, dass Weiße oder hellhäutige Spieler oftmals besseren schwarzen Spielern vorgezogen wurden.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 9–10.
1921 zog sich Lebrun Constantine aus der Auswahl von Trinidad zurück in der Hoffnung, dass sein Sohn an seine Stelle treten könnte. Der Teamcaptain Bertie Harrigan, ein Weißer, erkannte Learie Constantines Talent und nominierte ihn für die Auswahl. Im September 1921 debütierte er erfolgreich in einem Spiel gegen Barbados beim Inter-Colonial Tournament. Auch im Jahr darauf spielte er für Trinidad bei diesem Turnier. Im zweiten Spiel des Turniers kam auch Lebrun Constantine in die Mannschaft, eines der wenigen Male, wo Vater und Sohn in einem erstklassigen Spiel zusammenspielten.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 11. Trinidad verlor zwar im Finale gegen Barbados, aber der Kapitän des westindischen Cricketteams Harold Austin, der auch Captain des Teams von Barbados war, wurde auf Constantine aufmerksam und nominierte ihn für eine Tour der Mannschaft nach England im Jahre 1923.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 11–12. Als Constantine Probleme mit seinem Arbeitgeber wegen seines zeitaufwändigen Trainings bekam, kündigte er.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 12.
Auf der Tour durch England spielte das westindische Team 21 hochwertige (First-Class) Partien, bei denen Learie Constantine einen starken Eindruck hinterließ. Verschiedene englische Spieler wie Jack Hobbs und Pelham Warner sowie die Presse hoben Constantines Qualitäten als Fielder hervor, obwohl er eine unorthodoxe Spielweise habe.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 14. Auf dieser Reise erkannte Constantine, dass Cricket ihm die Möglichkeit bot, sozial aufzusteigen.
Nach seiner Rückkehr nach Trinidad war Constantine arbeitslos und musste sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten, bis er eine Anstellung bei Trinidad Leaseholds bekam. Er hatte aber das Ziel, professioneller Cricketspieler in England zu werden, und trainierte dafür, wann immer er konnte. 1927 heiratete er seine Frau Norma. Das Ehepaar bekam eine Tochter. 1928 wurde er für die Tour nach England, die die ersten drei Tests für die West Indies enthielt, nominiert und kam so seinem Ziel näher, Profispieler in England zu werden.
Diese Tour beendete Constantine als erfolgreichster nicht-englischer Spieler. Seine Spielweise, seine Kampffreude und sein Unterhaltungswert machten großen Eindruck auf die Zuschauer. In der Folge bot ihm der Nelson Cricket Club der Lancashire Cricket League einen Profivertrag an.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 27. Für diesen Club spielte Learie Constantine bis 1937, eine ungewöhnliche lange Zeitspanne im Cricket. Er verdiente 500 GBP pro Saison plus Erfolgsprämien und Reisespesen.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 30–31. In den neun Saisons, in denen Constantine für Nelson spielte, gewann der Club siebenmal die Liga und zweimal den Cup. Er war nie schlechter als auf dem zweiten Platz positioniert.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 94. Außerdem spielte Constantine weiterhin für die westindische Auswahl in England und Australien. 1934 arbeitete er in Indien als Trainer und bestritt zwei Spiele beim Moin-ud-Dowlah Gold Cup Tournament.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 62–63.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 105. 1939 wurde er Wisden Cricketer of the Year.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 28.
In der Saison 1938 spielte Learie Constantine für den Rochdale Cricket Club in der Central Lancashire Cricket League, blieb aber in Nelson wohnen. Er verdiente 812 GBP in dieser erfolgreichen Saison, musste aber deswegen mit dem Neid mancher Mitspieler auf sein hohes Einkommen leben. Zudem gab es einen rassistischen Vorfall, der vom Liga-Komitee unter den Teppich gekehrt wurde.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 52–53. Anschließend beendete Constantine vorerst seine Profikarriere, spielte aber während des Zweiten Weltkriegs als Amateur für den Club von Nelson.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 98.
Leben in England mini|Constantine in Aktion (1930) Während Learie Constantine in Nelson lebte, war er dort äußerst populär und blieb ein „Lokalmatador“, auch nachdem er 1949 von dort weggezogen war.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 37. Zu dieser Zeit gab es in Nelson nur wenige dunkelhäutige Einwohner, und Constantine erhielt anfangs rassistische Zuschriften. Daraufhin wollte er nach Trinidad zurückkehren, aber seine Frau überredete ihn, in England zu bleiben. Schließlich entwickelte sich ein Freundeskreis in der neuen Umgebung, und die Familie fuhr nur noch im Winter auf Besuch nach Trinidad.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 111.C. L. R. James: Beyond a Boundary. London 1963, 1983, S. 110.
Ab 1932 engagierte sich Constantine in der Unabhängigkeitsbewegung von Trinidad und wurde Mitglied der League of Coloured Peoples, einer Organisation, die für die Gleichberechtigung von Schwarzen in Großbritannien kämpfte.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 47–48. Er verhalf seinem politisch engagierten Landsmann C. L. R. James zu einem Job beim Manchester Guardian; im Gegenzug half ihm James beim Schreiben seines ersten Buches Cricket and I, das 1933 publiziert wurde und großen Einfluss auf den westindischen Nationalismus hatte.
Während des Zweiten Weltkriegs blieb Constantine in Nelson, engagierte sich im Luftschutz sowie in der Evakuierung und wurde schließlich im Ministry of Labour und National Service angestellt.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 82–33. Er setzte sich für die vielen Westinder ein, die während des Kriegs im Nordwesten von England Fabrikarbeit leisteten, und unterstützte sie im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung.Gerald Howat: Learie Constantine. Newton Abbot 1976, S. 77. Auf Bitten der Regierung machte er Rundfunksendungen für die westindischen Inseln, in denen er über den Fortgang des Krieges berichtete. In der Folge wurde er oft in Radiosendungen eingeladen und beteiligte sich 1943 am Dokumentarfilm West Indies calling. Für seine Aktivitäten in der Kriegszeit wurde Constantine 1947 zum Member of the British Empire (MBE) ernannt.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 88.
Prozess gegen das Imperial Hotel Im August 1943 nahm Constantine an einem Wohltätigkeits-Cricketmatch in London teil und buchte ein Zimmer für sich, seine Frau und seine Tochter im dortigen Imperial Hotel; bei der Buchung wurde ihm gesagt, seine Hautfarbe sei kein Problem.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 94. Als er mit seiner Familie eintraf, wurde ihm mitgeteilt, dass er nur eine Nacht bleiben könne. Einem Kollegen aus dem Ministry of Labour teilte die Geschäftsführerin des Hotels mit: „We are not going to have these niggers in our hotel.“ (dt. „Wir wollen diese Nigger nicht in unserem Hotel haben.“), und dass die Anwesenheit der Constantines insbesondere US-amerikanische Gäste stören könne. Seine Familie wurde daraufhin in einem anderen Hotel desselben Besitzers untergebracht. Dieses Erlebnis verletzte Constantine zutiefst, auch besonders deshalb, weil er für ein britisches Team spielen sollte.
Der Vorfall war Thema einer Anfrage im House of Commons, und Constantine verklagte das Hotel. Obwohl es damals kein Gesetz gegen Rassendiskriminierung gab, entschied der Richter des High Court of Justice zugunsten von Constantine, der argumentierte, das Hotel habe den Vertrag gebrochen. Das Gesetz erlaubte lediglich eine Strafe von fünf Guinees, aber Constantine fühlte sich bestätigt, zumal er viel Zuspruch aus der Öffentlichkeit bekam.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 97. Im Evening Standard erschien dazu eine vielbeachtete Karikatur von David Low, in der Bezug auf die Rassentheorie der Nationalsozialisten genommen wurde.David Low: Imperial Welcome. In: Evening Standard. 7. September 1943; cartoons.ac.uk Dieser Fall war ein erster Schritt auf dem Weg zum Race Relations Act of 1965.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 99.
Studium 1944 schrieb sich Learie Constantine als Student im Middle Temple in London ein.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 111. Um sein Studium zu finanzieren, spielte er bis 1948 wieder als Profi Cricket in Bradford und war als Trainer tätig. Er arbeitete auch weiterhin als Journalist und im Rundfunk und schrieb mehrere Bücher über Cricket. Von 1947 bis 1951 war er Vorsitzender der League of Coloured Peoples, 1948 wurde er Präsident des Caribbean Congress of Labour und von 1947 bis 1950 war er Mitglied des Colonial Social Welfare Advisory Committee.Peter Mason: Learie Constantine. Oxford 2008, S. 115.