mini|hochkant=1.4|Drei Zurichter an Dünnschneidemaschinen

Die Überführung der rohen Haut in Leder, also einen gegerbten, vor Fäulnis geschützten Zustand, wird in der Rauchwarenbranche als (Pelz‑)Zurichtung oder Rauchwarenzurichtung, österreichisch Rauwarenzurichtung, bezeichnet, der ähnliche Prozess in der Lederindustrie als Gerbung (Zurichtung dort: die Nachbearbeitung der Oberflächenstruktur). In der Schweiz ist dafür auch der Begriff «lidern» gebräuchlich.

Die weiterverarbeitenden Prozesse wie Färben, Scheren usw. werden unter dem Begriff (Pelz‑)Veredlung oder Rauchwarenveredlung zusammengefasst. Die Pelzzurichtung besteht im Entfleischen der Felle und einer anschließenden Behandlung mit Gerbstoffen und Fetten.

Fellmaterial

In der Rauchwarenwirtschaft wurden aus der Vielfalt der Tiere zeitweilig bis zu 180 Tierarten genutzt. Die meisten davon gehören den Klassen der Raubtiere, der Nagetiere und der Huftiere an.

In der Rauchwarenzurichtung und -veredelung werden die Pelztiere nur in zwei Klassen eingeteilt. Zur Wildware rechnen die Felle die vorwiegend aus der Ordnung der Raub- und Nagetiere stammen, wie der in den meisten Zeiten mit am wertvollsten erachtete Zobelpelz und das weltweit verbreitete, preiswerte Fellwerk Kanin. Zur Schafware gehören die Felle aus der Ordnung der Huftiere, die alle Lammfellarten, zum Beispiel das Persianerfell und auch alle Zickelarten mit einschließt. Kalbfelle und Fohlenfelle stammen zwar von Huftieren, sie werden aber trotzdem in die Wildware mit eingereiht. Während die Wildware, bis auf wenige Ausnahmen, von älteren, meist mehrjährigen Pelztieren stammt, kommt die Schafware, bis auf die Schaffelle, in der Regel von wenige Tage bis Wochen alten Jungtieren.

Obwohl der chemische Aufbau der Haut bei allen Pelztierarten gleich ist, so erfordern doch Alter und Geschlecht, Art und Rasse sowie die Jahreszeit des Pelzens unterschiedliche Behandlungsmethoden sowohl in der Zurichtung wie in der Veredelung. Die Anforderung des weiterverarbeitenden Kürschners an das Fell ist, es soll vor allem leicht und zügig sein, damit es sich gut ausspannen lässt und das Endprodukt soll ein, heute gefordertes, möglichst geringes Gewicht haben, außerdem soll es reiß- und stichfest sein und beim naturbelassenen Fell im Haar nicht verfärbt. Das Haarkleid darf durch die Zurichtung nicht nachteilig beeinflusst werden und soll möglichst vollständig erhalten bleiben. Die Felle unterscheiden sich einerseits durch die Struktur und Dicke der Lederhaut und durch das sehr unterschiedliche Haarkleid. So haben z. B. Biber, Bisam, Nutria, Waschbären aber auch Fohlen eine dichte, feste Faserstruktur der Lederhaut und erfordern daher eine intensivere Bearbeitung. Lammfelle oder Füchse besitzen eine eher locker strukturierte Lederhaut. Die Dicke der Lederhaut ist hauptsächlich von der Tierart aber auch vom Alter, Geschlecht und dem Entwicklungsstadium des Haarkleides abhängig. Da die Lederhaut am zugerichteten Fell für die physikalischen Eigenschaften wesentlich verantwortlich ist, müssen diese Unterschiede bei der Bearbeitung berücksichtigt werden. Beim Haarkleid können neben den natürlichen Farben, unterschiedliche Strukturen und die unterschiedliche Mächtigkeit unterschieden werden. Die Fellstruktur ergibt sich aus dem Verhältnis von dicken und festen Leit- und Grannenhaaren zu den feinen Haaren der Unterwolle. Bei Fellen mit feinem Haarkleid und viel Unterwolle muss die Gefahr des Verfilzens bei der Zurichtung beachtet werden. Beispiele für in diesem Zusammenhang besonders empfindliche Fellarten sind Füchse oder langwollige Schaffelle.

Bestimmte Felle werden im Streichverfahren zugerichtet, für andere kommt nur ein Tauchverfahren mit mehreren Bädern in Frage. Manche Felle werden mit Fett gewalkt, andere sind dagegen so fett, dass sie vorher gewaschen werden müssen usw. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Fellarten sind so erheblich, dass sich die Zurichtungs- und Veredlungsbetriebe häufig auf einige Fellarten spezialisieren.

Zurichten mini|Konservierung durch Einsalzen mini|hochkant|Langziehen der Felle an der Kürschnerbank mini|Reparieren von Schlachtschnitten mit der Pelznähmaschine mini|Eine Wildschweinschwarte in der Haspel mini|hochkant|Ein Schaffell wird mit der Rauhmaschine von Spreu gereinigt

Die Zurichtung, das Umwandeln der Haut in ein zugerichtetes Fell, ist eine mehr oder weniger beständige Gerbung (im ledertechnischen Sinn eine Halbgerbung). Die abweichende Bezeichnung drückt bereits aus, dass es eine andere Art der Behandlung ist als die Ledergerbung. Da der intensive chemische Hautaufschluss der Lederherstellung nicht möglich ist, er würde zu einer Schädigung des Haarkleides führen, erfolgt die Auflockerung des Hautfasergefüges über eine verstärkte mechanische Bearbeitung. Im Allgemeinen sind folgende Arbeitsschritte für eine Zurichtung von Pelzfellen erforderlich: Vorarbeiten Vorweiche Weiche Entfleischen Wäsche, Entfettung Pickel Dünnschneiden Gerbung Fettung Trocknen Entfetten Feuchtläutern Falzen Stollen, Bakeln, Millen, Breit- und Langziehen (Witten), Strecken Trocknen Trockenläutern Kämmen Bügeln des Haarkleides

Vorarbeiten Der größte Anteil der Rohware, die zu Pelz verarbeitet wird, ist durch Trocknen konserviert. In diesem Zustand werden die Felle auch international gehandelt und kommen so zum Zurichter. Für eine hochwertige Konservierung werden die Felle vorentfleischt, aufgespannt und getrocknet. In diesem Zustand ist die Rohware gut haltbar, muss aber kühl, luftig und trocken gelagert werden. Bei einem so fäulnisempfindlichen Produkt wie der rohen Pelzhaut kommt der Eingangskontrolle im Zurichtbetrieb eine wesentliche Rolle zu. Die Rohware muss sofort ausgepackt und locker gelagert werden. Sie ist auf eventuelle Schäden, zum Beispiel durch Schimmelbefall oder Selbsterwärmung infolge zu enger Verpackung zu prüfen. Gegen Ungeziefer, Motten, Mäuse und Ratten bedarf es der öfteren Desinfektion.

Der Zurichter stellt Partien für die Einarbeitung zusammen. Für ein optimales Zurichtergebnis darf nur Rohware einer Art und Provenienz gemeinsam eingearbeitet werden. Durch Lochstempel kann jedes Fell der Charge auch noch nach dem Zurichten dem Auftraggeber zugeordnet werden. Die Lagerung der einzelnen Auftrags-Chargen erfolgt in Förderwagen oder Förderflechten,Ohne Autorenangabe: Maschinen und Apparate der Rauchwarenveredelung. In Der Rauchwarenmarkt. Nr. 1/2, 2. Januar 1942, Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig/Wien, S. 7. heute weniger aus geflochtenem Korb, sondern aus preiswerterem und pflegeleichterem Kunststoff. Je nach Kundenwunsch werden die Bälge aufgeschnitten oder durchlaufen „rund“ den Zurichtprozess.

Weiche Die Weiche versetzt das Rohfell wieder in den Quellungszustand zurück, in dem es sich vor der Konservierung befand. Wichtigstes Weichmittel ist Wasser, dem schmutzlösende, fettemulgierende und das Bakterienwachstum hemmende Chemikalien zugefügt werden. Die Weiche ist mitentscheidend für die Weichheit und Zügigkeit des zugerichteten Felles; Fehler, die hierbei gemacht werden, sind später kaum mehr auszugleichen. Die Vorweiche geschieht in Bottichen oder ruhend in Haspeln oder Fellwenden, die nach Durchweichen der Felle diese während des restlichen Weichens von Zeit zu Zeit bewegen. Bei der gesamten Pelzzurichtung ist darauf zu achten, dass die Felle gut im Wasser schwimmen, um nicht zu verfilzen. Von Zeit zu Zeit werden sie deshalb langsam bewegt, bevorzugt in schonenden Haspel und Fellwenden.

Enzymbeizen Eine eventuelle Enzymbeize bewirkt eine Auflockerung des Fasergefüges der Haut, sie wird bereits seit längerer Zeit in der Lederindustrie angewendet.

Entfleischen Von den vollkommen durchgeweichten Fellen wird das Unterhautbindegewebe mit den darin ein- beziehungsweise angelagerten Fleisch und Fettteilen entfernt (Rabatzen, Scrapen, Abreißen). Das geschieht entweder auf der Kürschner-, auch Zurichter- oder Fleischbank genannt, oder auf dem auch in der Lederindustrie üblichen Gerberbaum; in großen Betrieben heute jedoch möglichst mit der rationelleren, auf das Material angepassten Entfleischmaschine, auch Rundmesser oder Dünnschneidemaschine genannt. Ein weiterer Name, Falzmesser, beruht darauf, dass beim regelmäßigen Schleifen des rotierenden Rundmessers die Schneide nach einer Seite zum Falz umgelegt wird.Spezialmaschinen der Rauchwarenveredlungsidustrie. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 106, 4. September 1930, S. 3.

Das Scrapen erfolgt für Felle, die auf die Auktionen gehen, heute in der Regel mit halbautomatisch arbeitenden Maschinen in speziellen Fellentfettungsbetrieben, englisch scrape stations.

Auf der Kürschnerbank und am Gerberbaum wird im Reitsitz gearbeitet. Am vorderen Ende befindet sich ein senkrechter Posten, der Stempel, dieser trägt am oberen Ende den Stollen. Das daran befestigte Fleisch- oder Kürschnereisen ist leicht halbmondförmig gebogen und mit seiner scharfen Seite dem auf der Bank sitzenden Arbeiter abgewendet. Indem das Fell straff gespannt über das geschärfte Eisen gezogen wird, wird das Aas abgestreift. Eine weitere Möglichkeit ist die Bearbeitung auf der Dünnschneidemaschine (Kreismesser).

Wäsche Der Reinigungseffekt der Weiche ist meist nicht ausreichend. Vor allem stark verschmutzte Fellarten mit hohem Naturfettanteil, wie zum Beispiel Lamm- und Schaffelle, erfordern eine zusätzliche Wäsche und Entfettung. Die Wäsche kann sowohl vor, günstiger aber nach dem Entfleischen geschehen. Die ältesten Waschmittel sind Seifen, die aber wegen ihrer relativ geringen Waschwirkung, ihrer geringen chemischen Beständigkeit und dem alkalischen pH-Wert (Gefahr der Haarschädigung) praktisch nicht mehr eingesetzt werden. Neuere, neutral reagierende Waschmittel haben diesen Nachteil nicht mehr. Ölfarbe wird mit Lösungsmitteln soweit möglich entfernt, Zecken und andere mechanische Verunreinigungen durch Ausspritzen und Auskratzen. Die Durchführung erfolgt in Gefäßen mit Bewegung wie Haspel, Fellwender oder Weichfass.

Zurichtungsarten Die Zurichtungsarten richten sich nach dem späteren Verwendungszweck des Pelzfelles. Hauptsächlich werden Mineralgerbstoffe auf Basis von Aluminium- und Chrom-III-Salzen verwendet. Zur Verbesserung der chemischen Beständigkeit werden sie mit Aldehyden oder synthetischen Gerbstoffen (Syntane) kombiniert. Sämischgerbung und andere Gerbarten wie die vegetabilische Gerbung sind für die Pelzzurichtung von untergeordneter Bedeutung, sie kommen nur für Spezialfälle in Betracht.

Pickel Für diese Mineralgerbungen müssen die Felle vor der eigentlichen Gerbung sauer gestellt werden. Diese erfolgt im Pickel, einem eigenen Prozessschritt. Der Pickel setzt sich aus unterschiedlichen Säuren wie beispielsweise Ameisen-, Essig-, Milch-, Glykol- oder Schwefelsäure und Neutralsalz zusammen (zum Beispiel Natriumchlorid oder Natriumsulfat). Durch ihren Einsatz werden die löslichen Proteine abgebaut. Neben der Vorbereitung auf die Gerbung bewirkt die Pickellösung eine Auflockerung des Lederfasergefüges (Hautaufschluss). Dieser Hautaufschluss ist für ein weiches und zügiges Pelzfell von großer Bedeutung. Ergänzt wird der Hautaufschluss durch die oftmalige mechanische Bearbeitung (strecken, langziehen, breitstellen, bakeln etc.) zwischen den chemischen Prozessen.

Nachfolgend die bekanntesten Zurichtungsarten:

Leipziger Zurichtung