mini|Lucas Cranach der Jüngere: Porträt Martin Luthers, 1555

Das Verhältnis Martin Luthers zu Juden und Judentum ist wegen seiner Wirkungsgeschichte ein häufig untersuchtes Thema der inner- und außerkirchlichen Geschichtswissenschaft. Der Reformator (1483–1546) übernahm den gesamtmittelalterlichen Antijudaismus und versuchte, diesen durch seine christologische Bibelexegese zu untermauern. 1523 verlangte er als erster maßgebender christlicher Theologe eine gewaltfreie Judenmission und gesellschaftliche Integration der Juden. Unter dem Eindruck fehlender Missionserfolge und Gefährdung der Reformation rückte er seit 1525 zunehmend davon ab. 1543 forderte er die evangelischen Fürsten zur Versklavung oder Vertreibung der Juden auf und erneuerte dazu die judenfeindlichen Stereotype, die er 20 Jahre zuvor verworfen hatte. Damit überlieferte er diese in die Neuzeit.

Luthers Schrift von 1523 galt im deutschen Protestantismus meist als maßgebend. Seine späteren „Judenschriften“ wurden einige Male für lokale Aktionen gegen Juden benutzt. Antisemiten benutzten sie ab 1879 zur Ausgrenzung von Juden. Nationalsozialisten und Deutsche Christen (DC) legitimierten damit die staatliche Judenverfolgung, besonders die Novemberpogrome 1938. Große Teile der damaligen Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) stimmten dieser Verfolgung zu oder schwiegen dazu.

Seit dem Holocaust wurden die Ursachen und Folgen von Luthers Judentexten wissenschaftlich intensiv untersucht. Nach heutigem Forschungskonsens waren sie noch nicht von Rassismus, sondern von seiner antijudaistischen Theologie bestimmt. Diese trug jedoch erheblich dazu bei, dass viele Protestanten den Antisemitismus übernahmen und der nationalsozialistischen Judenverfolgung zustimmten oder nicht widerstanden. Seit den 1960er Jahren distanzieren sich viele evangelische Kirchen öffentlich von Luthers judenfeindlichen Aussagen. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.

Zeitgeschichtlicher Kontext mini|Darstellung einer Verbrennung von Juden während der Pestzeit in einer zeitgenössischen Chronik, den Antiquitates Flandriae (Brüssel, KBR, 13076, fol. 12v).

Überlieferter Antijudaismus

Zur Zeit Luthers waren antijudaistische Denkmuster seit langem verbreitet: Gott strafe die Juden wegen ihres angeblichen Gottesmords, der Kreuzigung Jesu Christi, fortwährend mit Tempelverlust (70), Zerstreuung (135) und Verfolgung. Sie seien gottlos, christenfeindlich, verstockt, verflucht, stammten vom Teufel ab, seien mit dem Antichrist identisch, verübten regelmäßig Ritualmorde, Hostienfrevel, Brunnenvergiftung und strebten heimlich nach Weltherrschaft. Seit etwa 1200 beschlagnahmten und verbrannten Kirchenvertreter öfter den Talmud. Seit etwa 1230 stellten Judensau-Skulpturen an Kirchengebäuden Juden in Intimität mit Schweinen dar. Christliche Zünfte und Gilden verdrängten Juden in von Christen verachtete Berufe, worauf man ihnen Wucher, Arbeitsscheu und Ausbeutung von Christen zuschrieb. Seit Erfindung der Druckpresse (um 1440) wurden alte und neue Adversus-Judaeos-Hetzschriften massenhaft verbreitet.Ben-Zion Degani: Die Formulierung und Propagierung des jüdischen Stereotyps in der Zeit vor der Reformation und sein Einfluß auf den jungen Luther. In: Kremers 1987, S. 3–37. Seit den Judenpogromen bei Kreuzzügen (12./13. Jahrhundert) und der Pestpandemie (1349) wurden überlebende Juden aus vielen Regionen West- und Mitteleuropas und fast 90 deutschen Städten vertrieben.Heiko A. Oberman: Die Juden in Luthers Sicht. In: Kremers 1987, S. 138 und Fn. 6. Reichsstädte, die vertriebene Juden aufnahmen, behielten weiterhin bestimmte Berufszweige Christen vor, isolierten Juden vielfach in Ghettos und verlangten eine Judentracht. Fürsten unterwarfen sie der Kammerknechtschaft und ließen sich Wohn- und Besitzrechte für sie zunehmend mit Judenregalen bezahlen. Da das Judentum insgesamt als Häresie galt, drohte Juden ständig die Vertreibung.Hans-Martin Kirn: Israel als Gegenüber der Reformatoren. In: Folker Siegert (Hrsg.): Israel als Gegenüber. Göttingen 2000, S. 290–321, hier: S. 292.

Juden in Luthers Heimat Um 1500 lebten im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen weniger als 40.000 Juden (0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung). Sie erkannten ihre christlichen Herrscher nach talmudischen Grundsätzen an, hielten aber an ihrer Messiaserwartung fest und beurteilten das Christentum gemäß der Tora als Bilder- und Götzendienst. Im Kurfürstentum Sachsen lebten damals anteilig weit weniger Juden als anderswo. Seit 1536 bestand dort ein Aufenthalts-, Erwerbs- und Durchzugsverbot für sie, das 1543 auf Luthers Betreiben erneuert wurde.Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-55777-7, S. 1 und S. 10f. In Thüringen gab es um 1540 nur noch etwa 25 kleine jüdische Siedlungen ohne Synagogen und Einzelfamilien in randständigen Dörfern.Stefan Litt: Juden in Thüringen in der Frühen Neuzeit (1520–1650). Böhlau, Wien 2004, ISBN 3-412-08503-0, S. 35–40 und 213f.; Siedlungskarte S. 226.

In Luthers Wohn- und Aufenthaltsorten lebten damals keine Juden, nur in Eisleben (bis 1547). Seine wenigen persönlichen Kontakte mit Juden gingen von diesen aus, darunter 1525 ein Treffen mit zwei oder drei Rabbinern, nach dem er seine negativen Urteile über sie verstärkte. Er und seine Frau Katharina von Bora verdächtigten jüdische Mediziner, ihn ermorden zu wollen. Sein Judenbild wurde kaum von persönlicher Erfahrung, sondern von antijudaistischen Vorurteilen, seiner Bibelauslegung, innerchristlichen Konflikten und religionspolitischen Zielen bestimmt.Kaufmann 2013, S. 9f. und 156–158

Luthers Kenntnisse vom Judentum mini|Masoretischer Codex von Aleppo, Tiberias, um 920

Als Augustinermönch studierte Luther intensiv den masoretischen Text des Tanach nach Ausgaben christlicher Humanisten. Diese hatten Hebräisch bei jüdischen Gelehrten studiert und trieben mit päpstlicher Erlaubnis (1311) die Hebraistik an Europas Universitäten voran. Weil die Scholastik sie trotzdem als „Judenfreunde“ und heimliche Häretiker angriff, versuchten sie die Hebraistik mit judenfeindlichen Traktaten als Entkräftung der jüdischen Bibelexegese für eine erfolgreichere Judenmission zu rechtfertigen.

1506 erwarb Luther eine neue Hebräischgrammatik von Johannes Reuchlin. 1516 begann er das Buch der Psalmen anhand der hebräischen Textausgabe von Konrad Pellikan und der Grammatik von Wolfgang Capito zu übersetzen. 1518 und 1520 erwarb die Universität Wittenberg auf sein Drängen eine vollständige hebräische Bibel, wahrscheinlich die Ausgabe von Soncino (Brescia 1494). Er studierte wohl auch die damals neuen Lehrbücher hebräischer Grammatik von Johann Böschenstein (Wittenberg 1518) und Matthäus Aurogallus (Wittenberg 1523). 1534 erschien die Lutherbibel mit der vollständigen Übersetzung des Alten Testaments (AT). Danach erweiterte Luther seine begrenzten Hebräischkenntnisse nicht, sondern griff gegen Einwände von Rabbinern auf Argumente christlicher Hebraisten und jüdischer Konvertiten wie Nikolaus von Lyra und Paulus de Santa Maria zurück. Er betonte, grammatische Regeln seien formal unentbehrlich, dürften aber nicht die allgemeinverständliche Selbstauslegung der ganzen Bibel verdecken und könnten allein nicht zum eigentlichen Textsinn („was Christum treibet“) vordringen. Darum kritisierte er die lateinische, an rabbinische Exegese angelehnte Bibelübersetzung von Sebastian Münster (1534/35) als „judaisierend“ und gefährlich für den christlichen Glauben. Damit übernahm er ein Stereotyp, das seine katholischen Gegner gegen die Humanisten und ihn selbst gerichtet hatten.Stefan Schreiner: Was Luther vom Judentum wissen konnte. In: Kremers 1987, S. 58–71.

Luther misstraute jüdischen Konvertiten, die wie Böschenstein auch jüdische Schriften auslegten oder wie Matthäus Adriani seine Bibelübersetzung in Frage stellten. Jakob Gipher (Bernhardus Hebraeus) verschaffte er eine Stelle als Privatlehrer für Hebräisch in Wittenberg, aber keine Pastorenstelle. Werner Eichhorn, der ihn in mehreren Ketzerprozessen denunzierte, nährte sein Misstrauen.

Luthers reformatorische Grundposition mini|Luther beim Reichstag zu Worms. Kolorierter Holzschnitt, 1557

Luther ließ die Bibel als einzigen Maßstab christlicher Erkenntnis und Handlungen gelten („sola scriptura“). Ihr Zentrum war für ihn der unbedingte Zuspruch (Evangelium) der Gnade Gottes („sola gratia“), die sich exklusiv in der stellvertretenden Schuldübernahme des für die Menschen gekreuzigten Sohnes Gottes ereignet habe („solus Christus“) und allein durch das unbedingte Vertrauen auf ihn wirksam werde („sola fide“). Indem Gott sich im Leiden und Sterben Jesu Christi offenbare (Kreuzestheologie), richte er alle, die sich durch Eigenleistung („Werke“) vor Gott rechtfertigen, als „Feinde des Kreuzes Christi“.Michael Korthaus: Kreuzestheologie. Geschichte und Gehalt eines Programmbegriffs in der evangelischen Theologie. 2007, ISBN 978-3-16-149337-9, S. 350.; Eduard Ellwein (Hrsg.): Luthers Epistel-Auslegung Band 3: Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 218. Weil Gott die menschliche Sünde allein vergeben wolle, führe die „Werkgerechtigkeit“ trotz und gegen Gottes Gnade in die Verdammnis.Jin H. Kwon: Christus pro nobis. Lit Verlag, Münster 2008, ISBN 978-3-8258-1365-9, S. 46.

Als Hauptvertreter dieser Werkgerechtigkeit zählte Luther in frühen exegetischen Werken oft Papsttum, Judentum und Islam miteinander auf.Stolle / Siegert 2000, S. 343, Fn. 118 Für ihn missbrauchten diese Gruppen wie auch die „Schwärmer“ Gottes Gesetz zur Selbstrechtfertigung, spiegelten damit die Gefährdung aller Gläubigen und bedrohten deren endzeitliche Heilsgemeinschaft.Hans-Martin Kirn: Israel als Gegenüber der Reformatoren. In: Folker Siegert (Hrsg.): Israel als Gegenüber. Göttingen 2000, S. 293. Seine Kritik an der Selbstrechtfertigung zielte zuerst auf die Christen selbst, nicht erst auf die Andersgläubigen.Ekkehard Wohlleben: Die Kirchen und die Religionen. Perspektiven einer ökumenischen Religionstheologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-56551-8, S. 153. Luther ordnete das Judentum theologisch also von Beginn an als „Gesetzesreligion“ ein, die den wahren Glauben gefährdet.Udo Kern: Das Verständnis des Gesetzes bei Juden, Christen und im Islam. Lit Verlag, 2000, ISBN 3-8258-4863-9, S. 77. Dagegen widersprachen seine späteren Ratschläge zum politischen Umgang mit den Juden direkt seinen früheren. Ob dieser Wandel aus seiner Rechtfertigungslehre hervorging oder ihr widersprach, ist das entscheidende Deutungsproblem.Stolle / Siegert 2000, S. 325 und Fn. 17

Einflüsse des Reformationsverlaufs Luthers Texte zu Juden spiegeln den Verlauf der Reformation und waren Teil innerchristlicher Konflikte. Seit 1520 erwartete Luther von den Landesfürsten, eine reformatorische Kirchenverwaltung mit aufzubauen und zu schützen, ohne in Glaubensfragen zu bestimmen (Zwei-Regimenten-Lehre). Luthers Schrift von 1523 spiegelt den Aufbruch, als die evangelischen Lehren sich vielerorts durchsetzten. Er wollte den bislang unterdrückten Juden ein humanes Zusammenleben in evangelischen Gebieten ermöglichen und schien ihnen so eine freie Religionsausübung zu gewähren. Er befristete dieses Angebot jedoch zeitlich, machte es vom Erfolg der Reformation und der Judenmission abhängig und gründete die angestrebte Integration der Juden anders als Reuchlin nicht auf ihr römisches Bürgerrecht.