Deutschsprachige, während des Zweiten Weltkrieges gehaltene Predigten gab es überwiegend innerhalb des Großdeutschen Reiches, wo die Prediger Anteil am kleinen Freiraum hatten, der den Kirchen im Rahmen ihrer Gottesdienste seitens der nationalsozialistischen Regierung gewährt wurde. Viele damalige Predigten enthielten zwar keine ausdrücklichen politischen Bezüge, aber sehr wohl entweder Aussagen, mit denen sie einzelne Anliegen des Nationalsozialismus unterstützten, oder aber Aussagen, mit denen sie nationalsozialistische Anliegen kritisierten. Während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) war auch in den Kirchen eine patriotische Grundhaltung und damit die Hoffnung auf einen deutschen Sieg verbreitet. Eine solche, die deutsche Kriegsführung unterstützende Haltung war in vielen Predigten erkennbar.
Zur Quellenlage
Predigten sind mündliche Vorgänge, aber des Historikers Informationen über Predigten der Vergangenheit beruhen auf schriftlichen Texten.Über eine „Predigtgeschichte“, also eine historische Auswertung von Predigten, reflektiert Reingrabner: Predigt in „großer“ und in „schwerer“ Zeit. 2000/2001, S. 163–166. Bei vom Prediger angefertigten Predigtmanuskripten liegt eine Unsicherheit darin, inwieweit er sich beim Predigen an den genauen Wortlaut des Manuskriptes gehalten hat. Bei einer Predigtnachschrift hängt die Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Predigtwortlaut davon ab, dass der Stenograph alles Gesagte erfasste und daran nichts veränderte.
Von den – im Vorhinein oder nachträglich – angefertigten schriftlichen Predigttexten blieb nur ein kleiner Teil erhalten.Zur Quellenlage siehe Hans Günter Hockerts: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg (1919–1945), Teil 1: Akten und Urkunden (= Quellenkunde zur deutschen Geschichte der Neuzeit von 1500 bis zur Gegenwart; 6). Darmstadt 1996, insb. Teil IV (Kap. 6 über Widerstand, Kap. 8 über Kirchen und Kap. 9 über Stimmungsberichte). Überdies sind aus der Kriegszeit weniger Predigten erhalten als aus der Zeit davor. Eine Untersuchung über apokalyptische Predigten aus der Zeit des Nationalsozialismus (so der Untertitel) bietet aus der Zeit von 1933 bis zum Kriegsbeginn etwa fünfmal so viel Material wie aus der Kriegszeit, obwohl beide Zeitabschnitte fast gleich lang sind und obwohl Kriegszeiten ein besonders günstiger Nährboden für apokalyptische Vorstellungen sind.Diestelkamp: Das Tier aus dem Abgrund. 1993. Jedenfalls konzentrieren sich kirchenhistorische Darstellungen der NS-Zeit auf die Zeit vor Kriegsbeginn, vor allem auf den Kirchenkampf.So etwa Friedrich Wintzer im Abschnitt Die Predigt im Umkreis der Wort-Gottes-Theologie und in der Zeit des Nationalsozialismus. In: TRE 27, 1997, S. 323–325.
Die mündliche Monologform hatten nicht nur Predigten, sondern auch Vorträge über Themen des christlichen Glaubens, die Prediger während der Woche im Rahmen kirchlicher Veranstaltungen hielten. Solche Vorträge konnten Predigten ähnlich sein. Von dem mündlich der kirchlichen Zuhörerschaft Mitgeteilten grundsätzlich zu unterscheiden sind schriftliche Mitteilungen, etwa kirchliche Verlautbarungen in Kirchenzeitungen. Bischöfliche Hirtenworte ergingen in schriftlicher Form; soweit sie von den Predigern der betreffenden Region im Gottesdienst vorzulesen waren, hatten sie eine predigtähnliche Funktion.
Predigttexte mit Kritik am Nationalsozialismus konnten den Prediger bis Kriegsende belasten, danach war es genau umgekehrt – nun konnten Zustimmung zum Nationalsozialismus beinhaltende Predigttexte für den Prediger nachteilig werden. Von daher ist auch mit absichtlicher Beseitigung einst vorhandener Predigttexte zu rechnen.
Wenn Predigthörer eine negative Haltung gegenüber dem Prediger oder der Kirche insgesamt hatten, kam es vor, dass sie mehr an NS-Kritik heraushörten, als tatsächlich gesagt wurde, und dass ihr Heraushören ihre sinngemäße Wiedergabe einzelner Predigtaussagen beeinflusste.Boberach: Berichte des SD. 1971, in der Einleitung, dort S. XL.
Gut zugänglich sind nachträglich gedruckte Predigten, aber der Druck von Predigten der Kriegszeit erfolgte zumeist erst nach Kriegsende. Manchmal ist unklar, inwieweit diese Predigten für den Druck überarbeitet, gewissermaßen „aktualisiert“ wurden. Ein Beispiel einer sorgfältigen Edition ist die Ausgabe der Predigten des evangelischen Bekenntnispfarrers Gerhard Ebeling (1995); darin werden Überlieferung und Wiedergabetreue sowie Zuhörerkreis erläutert.Ebeling: Predigten. 1995, im Vorwort sowie im Nachwort S. 163f; über den Zuhörerkreis S. 165.
Weniger klar ist die Sachlage bei Predigten des Ethikers Helmut Thielicke. Er hielt in den letzten Kriegsjahren in Stuttgart eine Serie vielbesuchter Donnerstag-Vorträge; diese wurden nach Kriegsende als eine Art „Laien-Dogmatik“ herausgegeben – stilistisch überarbeitet, aber ohne sachliche Änderungen, wie Thielicke im Vorwort angibt.Helmut Thielicke: Der Glaube der Christenheit. Unsere Welt vor Jesus Christus. 3. Auflage. Göttingen 1955, S. 7. Gemäß diesem gedruckten Buch sprach Thielicke in jenen Predigten z. B. vom Töten durch Vergasen oder durch Euthanasie-Spritzen, und er erwähnte im Zusammenhang mit der Euthanasie die „leergewordenen Irrenhäuser“.Außerdem machte Thielicke Aussagen, wonach Juden, Arier und andere prinzipiell auf einer ähnlichen Stufe stehen. Thielicke: Glaube der Christenheit. 1955, S. 131, 103 (zur Euthanasie), S. 122 u.ö. (über Juden). Falls Thielicke das wörtlich so ausgedrückt haben sollte, waren das starke Provokationen. In anderen auf die NS-Zeit zurückgehenden Texten Thielickes lässt sich jedoch kaum Politisches erkennen,So Graf-Stuhlhofer: Von der „Grenze des Möglichen“. 1999, S. 18, mit Verweis auf mehrere Ausgaben von Thielickes Predigten. so dass es unsicher bleibt, ob Thielicke tatsächlich damals solche NS-Kritik öffentlich vorbrachte.
Politische Einschränkungen beim Predigen
Die während des Zweiten Weltkrieges gehaltenen Predigten waren in ihren Aussagemöglichkeiten in politischer Hinsicht stark eingeschränkt. Diese Einschränkungen beruhten auf mehreren gesetzlichen Vorschriften und ihrer diktatorischen Handhabung.
Der sogenannte Kanzelparagraph wurde 1871 ins Strafgesetzbuch eingefügt. Damals sollten die kirchlichen Prediger zur politischen Zurückhaltung verpflichtet werden. Dieses Anliegen wurde auch von den Nationalsozialisten geteilt. Zu dieser Forderung einer grundsätzlichen Zurückhaltung kam 1934 als weiteres Druckmittel das sogenannte Heimtückegesetz, das sich weitgefasst interpretieren ließ und dann jede Kritik an der nationalsozialistischen Regierung verbot. Kurz vor Kriegsbeginn wurde die sogenannte Wehrkraftzersetzung durch Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt am 26. August 1939 mit Todesstrafe bedroht. Zu diesem Straftatbestand gehörten auch pessimistische Äußerungen – man sprach damals oft von Defätismus – über den Kriegsverlauf.
Manche Predigthörer betätigten sich als Denunzianten. Die Bedrohung für die Prediger wurde noch durch eine manchmal weitgefasste Auslegung der gesetzlichen Bestimmungen sowie durch harte Strafen verstärkt.
mini|P. Richard Henkes SAC
Mit Hilfe solcher gesetzlichen Bestimmungen wurden Kritiker früher oder später verhaftet und zum Schweigen gebracht, oft bereits vor Kriegsbeginn: Der evangelische Pfarrer Martin Niemöller wurde 1937 verhaftet, ebenso der Jesuit Rupert Mayer – „der verstummte Prophet“, wie ihn eine Biographie nennt.Roman Bleistein: Rupert Mayer. Der verstummte Prophet. Frankfurt am Main 1993. Insgesamt wurden in Deutschland (ohne Österreich) etwa 300 Priester aufgrund eines mit dem Gottesdienst verbundenen Verhaltens (z. B. wegen ihrer Predigten) eingesperrt, wobei die Freiheitsstrafen bei den meisten länger als eine Woche dauerten, teilweise erstreckten sie sich über Monate oder Jahre.Ulrich von Hehl: Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Band 37), 3. Auflage. Paderborn 1996, S. 131. Der schlesische Pater Richard Henkes SAC wurde mehrmals wegen seiner kritischen Predigten von der Gestapo vorgeladen und ins KZ Dachau eingeliefert, wo er 1945 an Typhus starb.
Der baptistische Prediger Arnold Köster (1896–1960) kritisierte den Nationalsozialismus in seinen Predigten öffentlich und gehört damit zum christlich geprägten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er blieb trotz Gestapo-Verhören von einer Verhaftung verschont. Über die Gründe, weshalb Köster trotz seiner NS-Kritik bewahrt blieb, können letztlich nur Mutmaßungen angestellt werden: Vielleicht lag es daran, wie sich Köster gegenüber der Gestapo präsentierte: Vermutlich geradlinig – das wird manchmal eher respektiert als eine Verstellung. Vielleicht lag es an der geringen Bedeutung der Baptisten: In Österreich war der weltanschauliche Hauptgegner der Nationalsozialisten die katholische Kirche – vielleicht wurden alternative christliche Gruppen, die ja eine Art Konkurrenz zur katholischen Kirche darstellten, grundsätzlich weniger streng behandelt.Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik. 2001, S. 201 und 6.
Zu Kriegsbeginn untersagte Adolf Hitler jede Aktion gegen die beiden Großkirchen, um das Verhältnis zwischen Staat und Partei einerseits und den Kirchen andererseits nicht zu verschlechtern.Kurt Meier: Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich. München 1992, S. 175–196: Die Kirche im Zweiten Weltkrieg. Im Hinblick auf die angestrebte Unterstützung der Bevölkerung bei den Kriegsanstrengungen sollte es also während des Krieges eine Art „Burgfrieden“ geben.
Einfluss des Krieges auf die Predigten
Bei der historischen Beschäftigung mit Predigten im Dritten Reich steht die in diesen Predigten ausgedrückte Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus im Vordergrund. Widerstand oder offene Kritik wurden jedoch nur von sehr wenigen Predigern ausgesprochen. Während der Kriegsjahre war es auch für politisch zurückhaltende Prediger naheliegend, auf das Kriegsgeschehen Bezug zu nehmen, da dieses insbesondere in den späteren Kriegsjahren das Leben vieler Zuhörer persönlich betraf.
Diese Haltung kann in einer Reihe von Themenfeldern sichtbar werden, z. B. im Umgang mit dem Thema „Kriegsleid“.
Legitimation deutscher Kriegsanstrengungen
Die Einschätzung des Krieges als Verteidigungskrieg der Deutschen beinhaltet auch eine Rechtfertigung der deutschen Kriegsanstrengungen. So predigte der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher:
mini|hochkant|Lampenlicht am dunklen Ort, eine Ausgabe mehrerer Predigten Arnold Kösters
Auch regierungskritische Prediger wagten kaum öffentlich zu sagen, dass Deutschland Angriffskriege führe. Der Baptistenprediger Arnold Köster bestritt die deutsche Unschuldsbehauptung zumindest indirekt: „Es gibt kein Volk, das auftreten und sagen kann: ‚Wir führen unseren Krieg um unserer Gerechtigkeit willen.‘“ (2. Januar 1944) Darüber hinaus spielte Köster auf bestimmte Tendenzen der – nicht ausdrücklich genannten – Hitler-Diktatur an. Am 19. Mai 1940 hinterfragte er das Großmachtstreben: Generationen junger Menschen werden mit dem Versprechen, dadurch der Welt schließlich Frieden zu bringen, in Kriegen geopfert.Am 19. Mai 1940 über Psalm 2 (‚Die Könige der Erde lehnen sich auf …‘). Nach Franz Graf-Stuhlhofer: Nationalsozialismus als Konkurrenz zum christlichen Glauben. Der Wiener Baptistenprediger Arnold Köster über Anschluß und Kriegsanfänge. Eine Dokumentation zu den Jahren 1938 bis 1940. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. Band 112, 1996, S. 137–183. In einer späteren Predigt sprach Köster dieses Großmachtstreben konkret England, Amerika und Deutschland zu.Am 25. Februar 1943. Nach Graf-Stuhlhofer: Predigten während Stalingrad, 2000, S. 1096.