Dhadd () auch ḍhāḍ oder dhadh, ist eine kleine zweifellige Sanduhrtrommel, die im nordwestindischen Bundesstaat Punjab von den Dhadi (Dhadhi) genannten Musikern und Sängern zusammen mit der Streichlaute sarangi zur Begleitung epischer Gesänge gespielt wird. Dhadi heißt auch der weltliche punjabische Volksmusikstil und der von Sikhs gepflegte religiöse Gesangsvortrag. Dhadi jatha bezeichnet das aus drei Musikern bestehende Ensemble, das bei der religiösen Musik der Sikhs um einen Sprecher ergänzt wird, der den historischen Hintergrund der Lieder vermittelt. Die am häufigsten erzählten weltlichen Geschichten handeln von mythischen Liebespaaren, die durch das Schicksal getrennt wurden, und von ihrer ewigen Suche nach Wiedervereinigung. Die religiösen Themen beinhalten im Kern die Suche nach dem Göttlichen, die als verlustreicher Kampf menschlicher Helden beschrieben wird. mini|hochkant=0.7|Dhadd
Bauform Der Korpus der dhadd besteht aus einem ausgehöhlten Holzblock, der außen sanduhrförmig gedrechselt und glatt geschliffen wurde. Die beiden etwa gleich große Membrane bestehen aus ungegerbter Tierhaut, die über kreisrunde Ringe gezogen, umgeschlagen und festgeklebt werden. Die Membranringe sind etwas größer als die Enddurchmesser des Korpus. Sie werden auf die Korpusöffnungen gelegt und gegeneinander mit einer dicken umlaufenden Schnur V-förmig verspannt. Die flexible Verschnürung wird mittig mit einer quer verlaufenden Schnur umwickelt und entsprechend der gewünschten Tonhöhe angespannt. Eine engere Einschnürung ergibt einen höheren Ton.
Der Musiker hält die Trommel mit der linken Hand um die Taille des Korpus annähernd waagrecht nach vorn in Höhe des Oberkörpers und schlägt mit den Fingern der rechten Hand auf das obere Trommelfell. Den linken Daumen hat er unter die Verschnürung gesteckt, mit den übrigen Fingern umgreift er die Trommel oberhalb der Schnüre. Um während des Spiels einen höheren Ton oder einen jaulenden Ton von wechselnder Höhe zu produzieren, drückt er die flexible Verschnürung mit der Hand etwas zusammen. Diese Methode funktioniert bei einer derart kleinen Sanduhrtrommel. Bei der etwas größeren hurka, die in Garhwal und anderen Regionen im Bundesstaat Uttarakhand am Südrand des Himalaya gespielt wird, hängt sich der Musiker die Sanduhrtrommel mit einem Gurt, der an der mittigen Schnur befestigt ist, um die linke Schulter. Wenn er nun den Arm mit der Trommel ausstreckt, zieht er an der Verschnürung und erhöht so den Ton. Die dritte Methode praktiziert der Spieler der südindischen idakka, der sein Instrument unter der linken Armbeuge eingeklemmt hält und durch Zusammendrücken der Verschnürung einen Tonraum von bis zu zwei Oktaven spielbar macht. Die dhadd entspricht in Größe und Form weitgehend der noch etwas kleineren Sanduhrtrommel damaru, wobei letztere zu den Rasseltrommeln zählt. Zwei an Schnüren befestigte Steinchen schlagen durch schnelles Drehen des damaru gegen die Trommelfelle und erzeugen ein klackendes Geräusch. Bei der dhadd fehlen diese Rasselsteinchen. Das Trommelfell der dhadd wird mit schnellen Schlagfolgen der einzelnen Finger senkrecht oder in einem flachen Winkel gleitend bespielt.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant=0.7|Die südindische Tempeltrommel udukai gehört zum Kult der hinduistischen Muttergöttin Mariyamman. Sanduhrtrommeln haben in Indien eine Tradition, die weit in vorchristliche Zeit zurückreicht und genießen meist eine religiöse Wertschätzung. An buddhistischen Kultstätten (Stupas) sind Steinreliefs mit Abbildungen von Sanduhrtrommeln ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. erhalten. Die in der altindischen Literatur als Attribute in den Händen von Göttern (devas) beschrieben Trommeln wurden auf Sanskrit panava oder alingya genannt. Am bekanntesten ist der kleine damaru, mit dem Gott Shiva in Gestalt des Nataraja den kosmischen Tanz (tandava) aufführt.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 33
Größere Sanduhrtrommeln, die hudukka und huruk genannt wurden, sind in Mogulmalereien seit dem 16. Jahrhundert in Musik- und Tanzszenen abgebildet; neben der doppelten Kesseltrommel naqqara und der Rahmentrommel daira. Mehrere heutige Sanduhrtrommeln wie die südindischen Tempeltrommeln udukkai und idakka sind namensverwandte Nachfahren der mittelalterlichen Trommel. Keine Spannschnüre besitzt die von Straßenmusikern verwendete budbudiki, die (gemessen an einem Exemplar vom Ende des 19. Jahrhunderts) nur acht Zentimeter lang ist.Budbudiki. The Metropolitan Museum of Art (Abbildung) In ähnlicher Weise zur Liedbegleitung wie die dhadd wird die tudi in Karnataka eingesetzt. In Garhwal kommt neben der hurka die ähnlich große daunr vor, deren Membranen zwar ebenso mit Schnüren verspannt sind, deren Tonhöhe aber während des Spiels nicht verändert wird.
Zum Wortumfeld dhadd gehören in Nordindien mehrere unterschiedlich geformte Röhrentrommeln. Die im Punjab bei Festveranstaltungen und Familienfeiern meist verwendete Trommel ist die fassförmige dholak. Der Name bezeichnet eine Vielzahl von zweifelligen Trommeln in ganz Nordindien, die in der Regel mit den Händen gespielt werden. Etwas größere, mit Stöcken geschlagene Röhrentrommeln werden allgemein als dhol, dhole oder dhak bezeichnet. Die Bandbreite reicht von der übergroßen Fasstrommel dhak in Westbengalen und Assam, die bei Hindu-Festen wie Durga Puja unverzichtbar ist, bis zu kleinen dholaks, mit denen junge Frauen bei Hochzeiten improvisieren oder die Bettelmusiker auf der Straße einsetzen.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 40 Als dhak wird im südlichen Rajasthan eine gänzlich andere Sanduhrtrommel bezeichnet, die in den Dörfern der Mina-Kaste bei Besessenheitsritualen eine Rolle als göttliches Symbol spielt.David Roche: The "Dḩāk", Devi Amba’s Hourglass Drum in Tribal Southern Rajasthan, India. In: Asian Music, Band 32, Nr. 1, Tribal Music of India, Herbst 2000 – Winter 2001, S. 59–99 Benachbarte Ethnien im Vindhyagebirge verwenden ebenfalls eine solche dhak. Weitere regionale Namensvarianten für Sanduhrtrommeln in Zentralindien sind dhakka und dhanka. Die im Punjab gespielte regionale Variante der Streichlaute sarangi wird auch dhad sarangi genannt.
Geschichte der Dhadi-Musiker Im Punjab besitzen Dhadis, also die dhadd und sarangi spielenden Musiker und Sänger, einen hohen Stellenwert innerhalb der Volksmusik, weil sie in ihren Balladen das Alltagsleben sowie Geschichten und Gebräuche der Region zum Ausdruck bringen. Während die Vorgeschichte der Dhadis länger zurückreicht, tauchen sie seit dem 15. Jahrhundert in der Literatur auf. Im Adi Granth, der heiligen Schrift der Sikhs, kommt mehrfach das Wort dhadi vor. Guru Nanak (1469–1539), der Gründer des Sikhismus, komponierte religiöse Lieder (nirgun bhajan). Er, Amar Das (1479–1574) und weitere nachfolgende Gurus bezeichneten sich selbst als dhadi und verstanden sich damit als ein Sänger, der zum Ruhm Gottes Lieder vorträgt.
Im 15. und 16. Jahrhundert trugen viele muslimische Berufssänger (rabābī), die sich auf der Zupflaute rabāb begleiteten, zur Verbreitung der Sikh-Musik bei. Die rabāb war der Vorläufer der im 19. Jahrhundert eingeführten sursingar und unterschied sich von der afghanischen rubāb. Ende des 16. Jahrhunderts, als professionelle Sänger wegen höherer Lohnforderungen in den Streik getreten waren, traten Amateursänger (raggī) teilweise an ihre Stelle. Die religiösen Balladensänger (dhadi) bildeten die dritte und besonders beliebte Gruppe der Sikh-Musiker.Joyce Middlebrook: Punjab. In: Alison Arnold (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Band 5: South Asia. The Indian Subcontinent. Routledge, New York / London 2000, S. 655, ISBN 978-0-8240-4946-1
Gemäß dem von Kahan Singh Nabha 1930 auf Panjabi verfassten Mahan Kosh, dem umfangreichen Standardlexikon zur Sikh-Literatur, ist Dhadi ein Preissänger, der Lieder über heldenhafte Krieger zur Begleitung der dhadd singt. An den Höfen der Rajputen-Herrscher waren Barden – Bhatts (gelehrte Brahmanen) oder Dhadis – angestellt, die mit ihren epischen Versen (var) die Heldentaten der Vorfahren besangen. Diesen auch im Volk beliebten Gesangsstil übernahmen die Sikhs für ihre religiösen Lieder. Der fünfte Guru Arjan Dev (1563–1606) fügte die von seinen Vorgängern verfassten Verse (gurbani) im Adi Granth zusammen. Zu neun dieser Verse wählte er erstmals Melodien bekannter Heldenlieder aus, die inhaltlich jedoch mit den religiösen Texten nichts zu tun haben.
Die heute bekannten Dhadi-Tradition begann mit seinem Nachfolger, dem sechsten Guru Har Gobind (1595–1644). Um den Kampfesmut seiner Armee zu befeuern, ließ er Dhadis an seinem Hof Heldenlieder vortragen. Die Namen einiger damals berühmter Dhadis sind überliefert. Erst als sich nach dem letzten Guru Gobind Singh (1666–1708) mit dem Tod des Militärführers Banda Singh Bahadur 1716 die Gemeinschaft der Sikhs spaltete und in mehreren verlustreichen Kämpfen gegen das Mogulreich ihre Bedeutung verlor, ging auch die Unterstützung für die Dhadis zurück.
Arabische Händler erreichten in früheren Zeiten mit Kamelkarawanen über Iran und Afghanistan den Nordwesten Indiens. Was sie abends an Liedern sangen verschmolz mit der regionalen Volksmusik zum dhapa genannten und auf Panjabi gesungenen Stil. In den dhapa-Liedern geht es um die tragische Liebesgeschichte zwischen der reichen und schönen Hir aus der Jat-Volksgruppe und dem umherziehenden Ranjha, der am Hof ihres Vaters als Kuhhirte angestellt wird und schön die Flöte (bansuri, regional wanjhli) bläst. Die Hir-Ranjha-Liebesgeschichte wurde in der Versform qissa (Plural qisse) vorgetragen, die Anfang des 17. Jahrhunderts aufkam und bis Anfang des 20. Jahrhunderts die populärste Form der Punjabi-Volksliteratur war.Farina Mir: The Social Space of Language. Vernacular Culture in British Colonial Punjab. University of California Press, Berkeley 2010, S. 4, 7, ISBN 978-0-520-26269-0 Nach der frühesten bekannten Geschichte auf Panjabi in der Form von qisse des Dichters Damodar, die zwischen 1600 und 1615 entstand, gab es weitere Dichter, die ihre Versionen auf den Dörfern verbreiteten, bis sie bald von Sängern mit dhadd und sarangi aufgegriffen wurden. Unter Maharaja Ranjit Singh (reg. 1801–1839) begann in einer politisch stabilen und wirtschaftlich gesicherten Zeit die Gesangstradition mit dhadd und sarangi zu blühen. Dichter und Sänger waren an den Herrscherhäusern hoch angesehen. Dhadi-Gruppen erreichten gleichermaßen die Dörfer.
Zur Unterscheidung von den weltlichen Geschichten wurden die religiösen Anrufungen der Sikhs guru ka dhadi genannt. Die religiöse Gesangstradition ist bis heute lebendig. Die anderen, an geeigneten Plätzen (Panjabi: akhara) nahe Dörfern auftretenden Unterhaltungssänger der Volkserzählungen (gaun) erhielten den Beinamen gamantri. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts trugen die Volkssänger an den Fürstenhäusern von Patiala, Faridkot, Nabha und anderen Fürstenstaaten zum Ansehen der Herrscher (Maharadschas) bei und erhielten dafür Geschenke und regelmäßige Vergütungen. An den Höfen angestellte Sarangi-Meister zählten viele Dhadis zu ihren Schülern. Mit der Auflösungen der Fürstenstaaten in den 1950er Jahren war auch deren Patronage für die Dhadis beendet.Hardial Thuhi, S. 131–135, 154
Spielweise mini|Typische Dhadi-Gruppe mit sarangi, dhadd und Sänger Volksliedtradition Die weltlichen Lieder des Dhadi-Genres werden eingeteilt in: Heldenlieder, in denen die Taten von historischen und legendenumwobenen Kriegern besungen werden. Zu ihnen gehört Dulla Bhatti (eigentlich Rai Abdullah Khan Bhatti), ein Held der Rajputen, der im 16. Jahrhundert einen Aufstand gegen den Mogulkaiser Akbar I. anführte. Dasselbe taten die beiden Jugendlichen Jaimal Rathore und Patta (Fateh Singh Sisodiya) in den Jahren 1567 und 1568. Weitere kriegerische Helden in den Volkslegenden sind Dahud Badshah und Sucha Soorma.