mini|hochkant|Wappen der Familie Manfredi Francesco I. Manfredi (* um 1260; † 29. Mai 1343 in Faenza) war ein italienischer Adliger, dem es nach langwierigen Machtkämpfen gelang, sich von 1313 bis 1327 und von 1340 bis 1343 zum Herren von Faenza und von 1319 bis 1327 zum Herren von Imola zu machen. Er begründete damit die Signoria seiner Familie über die Stadt Faenza, die sich mit kurzen Unterbrechungen von 1313 bis 1501 erstreckte. Wolfgang Kuhoff: Manfredi. In: Volker Reinhardt (Hrsg.): Die großen Familien Italiens (= Kröners Taschenausgabe. Band 485). Kröner, Stuttgart 1992, ISBN 3-520-48501-X, S. 331.
Herkunft Francesco Manfredi stammte aus dem Adelsgeschlecht der Manfredi, die sich auf eine deutsche Herkunft beriefen, einen deutschen Wahlspruch führten: „Wenn ich mach“, und ihren Familiennamen von Manfredo di Guido ableiten, der einer der angesehensten Patrizier der Stadt Faenza war, als er vor dem 7. Mai 1050 verstarb. Hundert Jahre später war die Familie der Manfredi so angesehen, dass sie 1164 Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1155–1190) bei seinem Besuch in Faenza in ihrem Palazzo beherbergen konnte. Wolfgang Kuhoff: op. cit. S. 331
Der Vater Francescos war Alberghettino Manfredi († 23. April 1275), Herr von Brisighella (wenige Kilometer von Faenza entfernt, im Valle del Lamone – wo sich bis heute die 1228 von den Manfredi errichtete „Rocca“ (Burg) befindet) – Herr von Quarneto und von Baccagnano, Patrizier von Faenza und einer der führenden Köpfe der Partei der Guelfen in der Romagna. Seine Mutter war Geltrude Belmonti, eine Tochter von Riccardello Belmonti, des Herren der Rocca delle Caminate (diese bis heute bestehende mehrfach wieder aufgebaute Burg befindet sich in der Gemeinde Meldola etwa 16 km außerhalb von Forlì). Francesco hatte eine Schwester, Maddalena Manfredi, die mit Sebastiano Pepoli verheiratet war, der aus der führenden Patrizierfamilie von Bologna stammte.
Leben Jugend im Streit zwischen Guelfen und Ghibellinen Francesco erlebte in seiner Jugend die Auswirkungen der heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst, die sich in Italien in der Konfrontation zwischen den jeweiligen Anhängern – den papsttreuen Guelfen und den kaisertreuen Ghibellinen – widerspiegelte. Auch um die Kontrolle von Faenza kam es zu einem langdauernden Streit zwischen diesen politischen Orientierungen, wobei sich dort die Familien der Manfredi, die zu den führenden Vertretern der Guelfen zählten, und die der Accarisi gegenüberstanden, die in Faenza die einflussreichste Familie der Ghibellinen war.
Bereits in der Vergangenheit war es zu einem unerbittlichen Streit zwischen diesen Geschlechtern gekommen, der bis auf das Jahr 1103 zurückging, wo Alberico da Guido Manfredi von den Accarisi aus Faenza vertrieben wurde. Über hundert Jahre später, nach dem Sieg des Kaisers Friedrich II. (1220–1250) über den Bund der lombardischen Städte in der großen Schlacht von Cortenuova am 27. November 1237 gelang es den Accarisi erneut, ihre Rivalen Manfredi mit Hilfe des Kaisers aus Faenza zu vertreiben. Faenza nell’età dei Manfredi. Faenza Editrice 1990, S. 18. Erst vier Jahre später, im Jahre 1241, konnten die Manfredi mit anderen Guelfen in die Stadt zurückkehren und dort wieder ihren Einfluss geltend machen. Dies jedoch nur für kurze Zeit, da die Stadt bald darauf von Kaiser Friedrich II. erobert wurde und bis 1248 ghibellinisch blieb.
Nach der Niederlage von Kaiser Friedrich II. vor Parma übernahmen die Guelfen die Kontrolle der Stadt, wobei der Vater Francescos eine wesentliche Rolle spielte. Das Amt des Podestà wurde infolgedessen von 1256 bis 1274 von der Stadt Bologna, der guelfischen Führungsmacht in der Romagna, vergeben. Dies änderte jedoch nichts an der Feindschaft zwischen den Manfredi und den Accarisi. Mit Unterstützung des damaligen Anführers der Ghibellinen in der Romagna, dem Grafen Guido da Montefeltro, gelang es den Accarisi Faenza einzunehmen und die führenden Familien der Guelfen, und damit insbesondere die Manfredi, neuerlich aus der Stadt zu vertreiben.
Haupt der Familie Im gleichen Jahr starb Francescos Vater Alberghettino Manfredi am 23. April im Exil in Imola, wodurch Francesco als ältester Sohn 1275 zum Haupt der Familie wurde und von seinem Vater die Herrschaften Brisighella, Quarneto und Baccagnano erbte. Nach einigen Jahren im Exil zeichnete sich für die Manfredi eine Wende ab, da der römisch-deutsche König Rudolf I. (1273–1291) von Habsburg 1278 zugunsten des Kirchenstaates auf die Romagna verzichtete. Papst Nikolaus III. (1277–1280) war nach dieser bedeutenden Abtretung bemüht, die Kontrolle der Kirche über die verschiedenen Stadtstaaten der Romagna sicherzustellen und beauftragte mit dieser Aufgabe seinen Neffen Bertoldo Orsini. Auf dessen Anordnung konnte Francesco Manfredi im Jahre 1279 nach Faenza zurückkehren. Die Accarisi waren daher gezwungen, mit den Manfredi Frieden zu schließen. Dieser Friede hielt jedoch nicht lange, da es den Accarisi nach kurzer Zeit gelang, die Manfredi neuerlich aus der Stadt zu vertreiben. Wolfgang Kuhoff: op. cit. S. 333
Ein Jahr später hatten jedoch die Guelfen wieder die Oberhand, wodurch die Manfredi nach Faenza zurückkehren konnten, jedoch nur, um nach neuerlichem Aufflammen der Parteikämpfe wieder aus der Stadt vertrieben zu werden. Nicht genug damit, kam es auch innerhalb der exilierten Familie zu schweren Auseinandersetzungen, indem der von Dante in der Göttlichen Komödie im XXXIII. Gesang des Inferno erwähnte Alberico Manfredi, Herr von Fognano, Rontana, Cesate und Quarneto, ein Cousin Francescos, aus persönlicher Rache am 2. Mai 1285 nicht nur seinen Vetter Manfredo Manfredi Signore di Serravalle al Senio, sondern auch dessen Sohn Alberghetto Manfredi sowie einige ihrer Freunde bei einem Gastmahl in Cesate (liegt etwa 18 km außerhalb von Mailand) ermorden ließ.
Parteiwechsel zu den Ghibellinen Für die Manfredi wurde die Situation zunehmend unerträglich, da sie durch das Exil gezwungen waren, sich auf die Bewirtschaftung ihrer ererbten und erworbenen ländlichen Besitzungen zu beschränken und auf politische Macht und Einfluss in Faenza zu verzichten. Sie entschlossen sich daher zu seinem dramatischen Schritt. Nachdem sie über hundert Jahre lang zu den Führern der papsttreuen Guelfen der Romagna gezählt hatten, wechselten sie die Seiten: Als 1286 der neue Führer der Ghibellinen in der Romagna, Maghinardo Pagani da Susinana (* vor 1250 in Florenz, † 1302), als Podestà in Faenza die Macht ergriff und den Titel „Defensor civitatis“ (Verteidiger der Stadt) annahm, deklarierten sich die Manfredi als Ghibellinen und konnten dadurch wieder nach Faenza zurückkehren. Dante Alighieri war von den Qualitäten Paganis offensichtlich weniger überzeugt, da er ihn in seiner Divina Commedia ins Inferno versetzt und dort im XXVII. Gesang erwähnt.
Diese politische Wende blieb jedoch ohne dauernden Erfolg, da die Manfredi nach diesem Lippenbekenntnis weiterhin für die päpstliche Politik eintraten und daher bald darauf neuerlich aus der Stadt vertrieben wurden. Francesco nützte die Zeit, indem er sich erfolgreich um die Ausweitung seines Landbesitzes bemühte, um die Machtbasis seiner Familie zu erweitern. Ab 1309 war er auch Herr von Calamello, Cavina, Montemaggiore, Fornazzano und Valdifuso, erwarb 1312 Marradi und Biforco, und 1313 Oriolo. Er bewohnte den Palazzo der Familie, der, naturgemäß verändert, bis heute in der Via Comandini erhalten ist: ein einfacher Backsteinbau mit zwei Geschoßen und einem Mezzanin unter dem Dach, der außer dem rustizierten Hauptportal und einigen Resten von girlandengeschmückten Fensterleibungen keinen weiteren Außenschmuck aufweist. Der Innenhof zeigt zwei übereinandergestellte Arkadenreihen, von denen die untere Rundbögen, die obere Spitzbögen hat.
Herr von Faenza und Imola mini|350px|Der Palazzo del podestà in Faenza bei Nacht Das eigentliche Ziel, nicht bloß ländliche Güter, sondern eine selbständige Herrschaft über eine bedeutendere Stadt zu erwerben, konnte Francesco schließlich durch die geschickte Nutzung der gegebenen Instabilität der politischen Lage erreichen. Es stand damals an sich schlecht um die Partei der Guelfen, denn Heinrich VII. von Luxemburg hatte 1312 Rom besetzt, die Kaiserkrone empfangen und war bereit, nunmehr die feindlichen Guelfen niederzuwerfen. In Faenza waren die Guelfen daher in größter Sorge wegen der befürchteten Machtübernahme durch die Ghibellinen. Francesco benützte in dieser Situation eine Unruhe in der Stadt als Vorwand, um im Namen der Guelfen die Macht an sich zu bringen, indem er sich am 4. Januar 1313 gegen den Willen des Stadtadels durch das Volk zum „Defensor populi“ (Verteidiger des Volkes) der Stadt Faenza wählen ließ. Die gefürchtete Konfrontation mit der kaiserlichen Armee fand jedoch nicht statt, da Kaiser Heinrich VII. am 24. August 1313 verstarb. mini|Robert d’Anjou, Miniatur aus einer Bibel um 1340
Die Machtübernahme Francescos entsprach nicht den Intentionen des Führers der Guelfen, Robert von Anjou (* 1278, † 20. Januar 1343) König von Neapel (1309–1343), der von 1310 bis 1318 päpstlichen Statthalter „in temporalibus“ (d. h. in weltlichen Angelegenheiten) in der Romagna war, da er die Aufgabe hatte, die direkte Kontrolle der Kirche über die Städte der Romagna wiederherzustellen. Angesichts der kritischen Lage schien es ihm jedoch immer noch besser, dass ein Vertreter der Guelfen irregulär die Macht übernahm, als wenn dort ein von der Stadt regulär bestellter Vertreter der kaisertreuen Ghibellinen an die Macht gekommen wäre. Faenza nell’età dei Manfredi. S. 18. Francesco achtete darauf, dass die städtischen Verwaltungsämter formell unverändert erhalten blieben und beeilte sich, dem Statthalter des Papstes seine vollständige Treue zum Heiligen Stuhl zu versichern, um dadurch die Legalisierung seiner Machtübernahme zu erreichen. Bald darauf konnte Francesco tatsächlich die offizielle Funktion eines „Capitano del Popolo“ in Faenza übernehmen.
Aus anderen Gründen geriet er jedoch in direkten Konflikt mit der Kirche. Wenige Monate nach seiner Machtergreifung langte beim Bischof von Faenza ein Schreiben des Erzbischofs von Ravenna ein, in dem dieser aufgefordert wurde, Francesco Manfredi mitzuteilen, dass dieser die Benefizien der Kirche von Ravenna, die dieser sich angeeignet hatte – unter anderem Oriolo – zurückgeben müsse, andernfalls das Interdikt über Faenza verhängt werden würde. Francesco dürfte jedoch wenig Bereitschaft zur Rückgabe gezeigt haben, da 1313 tatsächlich das Interdikt über Faenza verhängt wurde. Dieses wurde auf Anordnung von Papst Johannes XXII. erst im Jahre 1318 vom Bischof von Imola wieder aufgehoben, wobei Francesco Manfredi bei der Verkündigung der Aufhebung nicht anwesend war, da er als Capitano del popolo formal nicht betroffen war. Faenza nell’età dei Manfredi. S. 43.
In ganz ähnlicher Weise gelang es Francesco Manfredi, die Macht in Imola zu übernehmen, wo er im darauf folgenden Jahr, am 9. November 1314 zum Capitano del Popolo gewählt wurde. Auch dies erfolgte mit Duldung des päpstlichen Statthalters, König Robert von Neapel, der seine Verbundenheit mit der Familie Manfredi zeigte, indem er Riccardo, dem Sohn Francescos, 1316 den Ritterschlag erteilte. Faenza nell’età dei Manfredi. S. 18. Diese Toleranz des päpstlichen Legaten gegenüber der – illegalen – Machtergreifung Francescos in Imola erklärt sich aus der prekären Situation der Guelfen, die von den kaisertreuen Ghibellinen bedroht wurden, da es deren Führer, dem Vikar des neuen römisch-deutschen Königs Ludwig dem Bayern (1314–1328, Kaiser ab 1328), in der Lombardei, Matteo I. Visconti (* 1250, † 1322), dem Herren von Mailand gelungen war; zwischen 1314 und 1316 in einer beeindruckenden Militäraktion u. a. die Städte Pavia, Alessandria, Tortona, Vercelli, Parma und Piacenza zu erobern.