mini|hochkant=1.4|Das ehemalige Glashüttengebäude, später zum Herrenhaus für den Glashüttenbesitzer umgebaut Die Glashütte Klein Süntel war eine neuzeitliche, um das Jahr 1620 erstmals urkundlich erwähnte Glashütte am südöstlichen Hang des Süntels in Klein Süntel, einem heutigen Ortsteil von Bad Münder in Niedersachsen. Sie wurde in ihrer rund 250-jährigen Geschichte mehrmals zerstört und wieder neu aufgebaut, so dass die Produktion nicht kontinuierlich verlief, sondern von vielen Unterbrechungen gekennzeichnet war. Die Hütte produzierte bis zu ihrer Stilllegung 1886 Grünglas, das als Hohlglas in Form von Flaschen in großer Stückzahl bis nach Amerika exportiert wurde. Sie gilt in der Deister-Süntel- und Osterwald-Region in Niedersachsen unter sieben Glashütten als früheste Gründung. Wegen ihrer Bedeutung für die Regional- und Industriegeschichte werden die Bodenreste der Glashütte seit dem Jahr 2011 archäologisch erforscht.

Lage und Baulichkeiten Als Standort der Glashütte wurde damals ein erhöhtes und freiliegendes Gelände am Süd-Osthang des Süntels gewählt. Die starken Winde in der Höhe dienten der Luftzufuhr für das Feuer zum Glasschmelzen. Dafür gab es in Klein Süntel, wie auch bei anderen Glashütten, gemauerte Schürkanäle unter der Erde, was die bisherigen archäologischen Untersuchungen belegen. In Ortsnähe wurde im Süntel Steinkohlebergbau betrieben. Die geförderte Kohle wurde nach Überlieferungen ab den 1830er Jahren, möglicherweise aber bereits im 17. Jahrhundert, in der Glashütte als Energieträger zum Glasschmelzen eingesetzt. In unmittelbarer Nähe der Glashütte lag eine Ziegelei.

mini|hochkant|Informationstafel als Glasstele am früheren Grundstück der Glashütte

Ein noch heute vorhandenes Bauwerk der Glashütte ist ein ehemaliges Produktionsgebäude unmittelbar an der Hauptstraße in Klein Süntel. Es war später das Wohnhaus des jeweiligen Glashüttenbesitzers und wurde um 1820 zum Herrenhaus umgebaut. Seit 1982 dient es als Verwaltungstrakt für die angrenzende Seniorenresidenz, die in den 1980er Jahren auf dem ehemaligen Glashüttengelände errichtet wurde.

Obwohl von einer oder zwei im Ort befindlichen Glashütten mit mehreren Manufakturgebäuden auszugehen ist, haben sich weitere Baulichkeiten oberirdisch nicht erhalten. Dagegen finden sich im Boden noch Reste von Anlagen, wie die bisherigen archäologischen Untersuchungen ergaben. Die dabei entdeckten Reste eines Glashüttengebäudes unter einem grasbewachsenen Hügel korrespondieren mit einer Schilderung in der Chronik von Flegessen, wonach etwa in diesem Bereich 1820 der Hamelner Kaufmann Johann Eduard Hentig auf einer früheren Hüttenhalde eine neue Glashütte errichtete, die bis 1886 in Betrieb war. Ein steinerner Pferdestall der Hüttenanlage wurde etwa in den 1980er Jahren abgerissen. Diese Steine wurden in jüngster Zeit für ein dekoratives Blumenrondell an dieser Stelle weiterverwendet.

Geschichte Nach neueren Erkenntnissen wurde eine Glashütte in Klein Süntel erstmals um 1620 erwähnt, dem früheren Erkenntnisstand zufolge erst um 1638. Standortfaktoren für den Betrieb einer Glasmanufaktur an diesem Ort war das Vorhandensein von Rohstoffen, wie Holz und Steinkohle aus dem Süntel, Quarzsand für das Glas, Sandstein für den Bau des Ofens und Ton für die Glashäfen als Schmelzgefäße. Lieferungsengpässe gab es häufig bei Salz und Pottasche.

Einer schriftlichen Überlieferung zufolge kam es zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) bei Kriegshandlungen im Raum Bad Münder zur Zerstörung der Hütte, so dass die Glasherstellung eingestellt wurde. Zuvor soll es bereits Versuche gegeben haben, statt Holz Steinkohle aus dem Süntel zum Glasschmelzen einzusetzen, was zu dieser Zeit noch eine problembehaftete Technologie war. Erst 1680 ist die Hütte wieder aufgebaut worden. 1718 wurde erneut eine Glashütte in Klein Süntel angelegt, die im Siebenjährigen Krieg – also etwa um 1760 – zweimal von Franzosen beschädigt wurde. In dieser Zeit bestand die Hütte aus einer oberen und einer rechten Glashütte sowie einem Wohnhaus. Da die Gebäude in einem schlechten Zustand waren, wurden sie 1769 durch einen Neubau mit Nebengebäuden ersetzt.

Während des rund 250-jährigen Bestehens der Glashütte in Klein Süntel gab es keine ununterbrochene Glasherstellung. Es kam zu längeren Unterbrechungen wegen häufiger Inhaberwechsel, Inhaberüberschuldungen, Kriegsereignissen, mangelnder Rohstoffversorgung und technischer Probleme. Vor allem während des 17. Jahrhunderts und beginnenden 18. Jahrhunderts gab es lange Perioden der Inaktivität; zeitweise wegen des zum Erliegen gekommenen Kohleabbaus im Süntel. Eine dauerhafte Produktion setzte erst um 1755 ein, und nach einer weiteren Pause wiederum ab 1815, als der Hamelner Kaufmann Johann Eduard Hentig die Hütte übernahm. Zu dieser Zeit bestand das Unternehmen aus dem Glashüttengebäude, dem Glasmagazin, der Glasmeisterwohnung, einem Stall, einem Nebengebäude und einem Wohnhaus. 1820 wurde eine neue Glashütte auf der früheren Hüttenhalde errichtet, wobei es sich um die bisher archäologisch untersuchten Gebäudereste handeln dürfte.

Weitere Glashütten in der Region bestanden in den damaligen Orten Münder (Süntelgrund und Münder), Osterwald (Lauensteiner Glas), Steinkrug (Glashütte Steinkrug), Hemmendorf (Hemmendorfer Dreisch) und Oldendorf (In der Sümpelbreite).

Produktion mini|Gesiegelte Glasflaschen der Glashütte, links Getränkeflasche von 1875 mit Preußischem Adler, rechts zwei hannoversche Bouteillen von 1800 und 1767 mit Welfenross

Die Hütte wurde Anfang des 17. Jahrhunderts zur Herstellung von Gebrauchsglas (damals vor allem Grünglas in Form von Flaschen) gegründet. Im Gegensatz dazu gab es in derselben Region das Lauensteiner Glas der Glashütte Osterwald. Sie stellte Feinglas für den hannoverschen Hofstaat und das Kurfürstentum Hannover her. Für die Glashütte Klein Süntel waren Flaschen das Hauptprodukt während ihrer gesamten Produktionszeit. Dazu zählen vor allem hannoversche Bouteillen, die ein Siegel mit dem Welfenross aufwiesen.Welfenross auf hannoverschen Bouteillen Für diese Flaschen hatte die Hütte in der Mitte des 18. Jahrhunderts vermutlich das Monopol des Kurfürstentums Hannover inne. Im 18. Jahrhundert bekamen die Flaschen allmählich ein Siegel aus Glas, das die Glashütte oder den jeweiligen Fabrikanten als Hersteller kennzeichnete. Dies geschah auf hoheitliche Anordnung wegen des zunehmenden Schankbetrugs durch die Herstellung von zu kleinen Flaschen. Siegelbeschriftungen der Klein Sünteler Hütte lauteten beispielsweise GL. FAB. A. Suntel (Glasfabrik am Suntel) um 1780 oder Suntelsche GL.H. (Suntelsche Glashütte) um 1800. Ein kurfürstliches Dekret von 1771 schrieb der Hütte außerdem vor, als Hoheitszeichen die Initialen GR für Georg Rex im Siegel zu verwenden, was bis 1818 gebräuchlich war.

Im 19. Jahrhundert produzierte die Glashütte im großen Stil auch Medizinflaschen. In geringerem Maß und auf Bestellung wurde Flachglas gefertigt; ebenso Einmachgläser sowie Schnaps- und Bierflaschen. Als Herstellungsmethode gab es in der Anfangszeit nur das Glasmachen durch mundblasen, später wurde Pressglas gefertigt. In ihren produktivsten Zeiten Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die Hütte jährlich bis zu 350.000 Flaschen und 500.000 Medizinflaschen her. Um 1880 wurde Gebrauchsglas vor allem in kobaltblau hergestellt. 1886 als dem letzten Betriebsjahr wurden nach Erkenntnissen von Historikern über 1,2 Millionen Flaschen hergestellt.

Absatzgebiete für die Glasproduktion waren Braunschweig, Bremen, Hannover, Magdeburg, Nordhausen, Sachsen, Ostfriesland und die Niederlande. Oft wurde die gesamte Jahresproduktion aufgrund von Abnahmeverträgen an bestimmte Partner geliefert. So wurden Flaschen in großer Stückzahl für die Abfüllung von Heilwasser in Pyrmont produziert, oder wurden über Bremen und die Niederlande nach Nord- und Südamerika verschifft.

Einzelne Flaschen aus der Produktion der Glashütte Klein Süntel sind heute in der Glashütte Gernheim ausgestellt. Einige Flaschen, darunter grün-gelbliche „hannoversche Bouteillen“, befanden sich im Besitz eines Mitglieds des 2006 gegründeten und in Bad Münder ansässigen Vereins Forum Glas.Kulturgüter für die Region in Neue Deister-Zeitung vom 25. Mai 2021 Der Verein kaufte 2021 die Flaschen gemeinsam mit anderem Gebrauchsglas von historischen Glashütten des Weserberglandes an.Bad Münder erwirbt historische Glassammlung bei Kulturstiftung der Länder vom 21. Mai 2021 Sie sollen in Bad Münder im Heimatmuseum im Wettbergschen Adelshof als „Albert-Schwiezer-Gebrauchsglas-Sammlung“ ausgestellt werden.„Albert-Schwiezer-Gebrauchsglas-Sammlung“. Historische Gläser sollen ausgestellt werden in DeWeZet vom 25. Mai 2021

Inhaber und Belegschaft Die Inhaber und Pächter der Glashütte wechselten häufig, was die dauerhafte Produktion beeinträchtigte. Allein im 19. Jahrhundert gab es rund zehn unterschiedliche Betreiber. 1810 schied der Glashüttenpächter Conrad Storm nach 17 Jahren aufgrund von Unstimmigkeiten aus dem Pachtvertrag aus. Er hatte 1799 in Obernkirchen die „Glashütte Schauenstein“ gegründet, die später zur Glashütte Heye gehörte und in jüngerer Zeit zur Ardagh-Gruppe kam. Die Belegschaft in Klein Süntel bestand im Schnitt aus 20 bis 30 Personen. Darunter befanden sich ein Meister und bis zu 12 Gesellen. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es bis zu 20 Glasmacher. Weitere beschäftigte Personen waren Frauen und meist jugendliche Einträger. Um 1834/35 produzierte der Bergmeister Christian Rave mit der Witwe Hentig in der Glashütte Bouteille-Glas.Mittheilungen des Gewerbevereins für das Königreich Hannover

Archäologische Untersuchungen Entdeckung 2011 mini|hochkant=1.5|Blick auf den grasbewachsenen Erdhügel mit Grabungsschnitten, 2013

Auf dem Gelände der früheren Glashütte wurde im September 2011 bei Baggerarbeiten ein unterirdischer Gang entdeckt. Er befindet sich unter einem etwa 15 × 30 Meter großen, grasbewachsenen Erdhügel () neben der Seniorenresidenz und dem Gebäude der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Der Gang ist sechs Meter lang, 2,5 Meter hoch und zwei Meter breit. Er weist nicht mehr die ursprüngliche Länge auf, da er an beiden Enden später mit Bruchsteinen zugemauert worden ist. Nach der Vermessung durch einen Denkmalpfleger wurde der Einstieg in den Gang mit einem Kontrollschacht gesichert. Anfangs wurde vermutet, dass es sich um einen früheren Schürkanal zur Belüftung oder Beschickungsstollen der Glashütte handelte.Bagger legt Eingang zu Schürkanal frei in: Neue Deister Zeitung vom 3. Januar 2012

Der Verein Forum Glas aus Bad Münder, der die Glasgeschichte in der Deister-Süntel-Region erforscht, bekam vom Landkreis Hameln-Pyrmont als unterer DenkmalschutzbehördeDer nächste Schritt: Graben für Gewissheit in: Neue Deister Zeitung vom 28. Juli 2012 das Projektmanagement einschließlich einer Grabungsgenehmigung für die Fundstelle übertragen. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) als obere Denkmalbehörde stufte die Örtlichkeit als Bodendenkmal ein und stellte sie durch die Aufnahme in die Denkmalliste unter Denkmalschutz. In Ermangelung eigener finanzieller Mittel empfahl das NLD dem Verein zur weiteren Erkundung geophysikalische Prospektionensmaßnahmen, die nicht in den Boden eingreifen und sich als kostengünstig erweisen.

Prospektion 2012