Lisdexamfetamin (LDX) ist ein synthetisch hergestellter Arzneistoff aus der Stoffgruppe der Amphetamine. Die Substanz wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ab 6 Jahren und Jugendlichen verwendet, die auf eine Therapie mit Methylphenidat unzureichend angesprochen haben. Es kann auch Erwachsenen verordnet werden, wenn die ADHS-Symptomatik bereits seit der Kindheit besteht. Lisdexamfetamin ist ein Prodrug und wird im Körper in Dexamfetamin gespalten, somit verlängert sich die Aufnahme des Wirkstoffs. Die Verabreichung erfolgt oral (Einnahme), als häufige Nebenwirkungen treten verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Gewichtsabnahme und Oberbauchschmerzen auf.

In Deutschland wird es als verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel aufgeführt, der Umgang ohne Erlaubnis oder Verschreibung ist damit grundsätzlich strafbar. In der Schweiz unterliegt es ebenfalls dem Betäubungsmittelgesetz. In anderen Ländern können teils strengere Regeln gelten und die Einreise mit dem Arzneimittel ist grundsätzlich illegal.

Anwendungsgebiete In Deutschland ist Lisdexamfetamin im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie zur Behandlung von ADHS für Kinder und Jugendliche ab 6 Jahren zugelassen, die auf eine Therapie mit Methylphenidat unzureichend angesprochen haben. Seit Februar 2019 umfasst das Anwendungsgebiet auch die Erstlinientherapie bei Erwachsenen, sofern die ADHS-Symptomatik bereits in der Kindheit bestand (was gegebenenfalls nachträglich bestätigt werden sollte). Die Behandlung muss unter der Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen durchgeführt werden. Zu einer therapeutischen Gesamtstrategie gehören außer der Pharmakotherapie auch pädagogische und psychosoziale Maßnahmen. In der Schweiz ist Lisdexamfetamin für Kinder ab 6 Jahren und Jugendliche sowie für Erwachsene bis 55 Jahren zugelassen, vorausgesetzt, dass eine Therapie mit Methylphenidat fehlschlug. Swissmedic, abgerufen am 8. Juni 2022.

Nachdem zwei Studien in der Indikation „Depression (bei Erwachsenen)“ erfolglos verliefen, erklärte der Hersteller Shire plc im Februar 2014, das klinische Entwicklungsprogramm für Lisdexamfetamin nicht länger fortzusetzen.

Wirkungsmechanismus Lisdexamfetamin ist ein Abkömmling des Dexamfetamins (D-Amphetamin), wobei dessen primäre Aminogruppe über eine Amidbindung kovalent mit der Carboxygruppe der Aminosäure L-Lysin verknüpft ist. Arzneilich verwendet wird Lisdexamfetamin in Form seiner Salze wie dem der Methansulfonsäure (Lisdexamfetamindimesilat) oder der Adipinsäure (Lisdexamfetamindiadipat).

Lisdexamfetamin ist eine pharmakologisch nicht aktive Prodrug und wird nach der Einnahme im Magen-Darm-Trakt rasch resorbiert. Erst dann findet vor allem an den Erythrozyten die Spaltung in Lysin und Dexamfetamin statt, welches pharmakologisch aktiv ist. Dieser Prodrug-Effekt verlängert – bei Einnahme nach fettreicher Mahlzeit – die Zeit, bis die maximale Konzentration im Blut erreicht ist: Für D-Amphetamin nach LDX-Einnahme beträgt sie 3,5 Stunden, für Amphetamin im Normalfall nur 2 Stunden. Die Wirkung hält zwischen 8 und 11 Stunden an.Manfred Gerlach (Hrsg.): Neuro-/Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter: Grundlagen und Therapie. Springer 2016. ISBN 978-3-662-48624-5. S. 298 f.

Der Mechanismus der therapeutischen Wirkung von Amphetaminen bei ADHS ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich beruht er auf einer vermehrten Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin in den synaptischen Spalt. Diese Ausschüttung wird vor allem durch eine Umkehr der Arbeitsrichtung der Dopamintransporter (DAT) bewirkt. Im Gegensatz zum Prinzip der Wiederaufnahmehemmung (wie etwa bei Methylphenidat) wird dabei der Transmitterspiegel unabhängig von der Aktivität der Nervenzelle erhöht.

Pharmakokinetik Nach oraler Einmalgabe wird Lisdexamfetamindimesilat rasch resorbiert. Spitzenspiegel traten bei Kindern nach ca. 1 Stunde auf. Bei der Biotransformation entstehen zunächst der aktive Hauptmetabolit Dexamfetamin – Spitzenspiegel unter Nüchternbedingungen ca. 3,5 Stunden (Kinder) bzw. 3,8 Stunden (Erwachsene) – und in der Folge weitere, ebenfalls aktive Metaboliten (Norephedrin, 4-Hydroxyamphetamin). Cytochrom-P450-Enzyme sind an der Biotransformation nicht beteiligt, werden aber zum Teil (CYP1A2, 2D6, 3A4) geringfügig gehemmt. Dadurch kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen kommen, die über diese Stoffwechselwege metabolisiert werden. Nach oraler Gabe von radioaktiv markiertem Lisdexamfetamin an gesunde Probanden wurden innerhalb von 120 Stunden etwa 96 % der oral verabreichten Radioaktivität im Urin wiedergefunden. Die Halbwertszeit von Dexamfetamin beträgt ungefähr 11 Stunden.Shire plc: Fachinformation Elvanse 20/30/40/50/60/70 mg Hartkapseln, Stand Dezember 2024. PDF

Nebenwirkungen Die häufigsten Nebenwirkungen entsprechen denen anderer Stimulantien: verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Gewichtsabnahme und Oberbauchschmerzen.Otto Benkert u. a.: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. Springer 2016. ISBN 978-3-662-50333-1. S. 809f.

Daten aus der Pharmakovigilanz nach der Markteinführung im FDA Adverse Event Reporting System (FAERS) umfassten von Juli 2024 bis Juni 2026 insgesamt 7.011 Meldungen im Zusammenhang mit Lisdexamfetamin. Zu den am häufigsten gemeldeten Ereignissen gehörten mangelnde Arzneimittelwirkung (1.104 Meldungen), absichtliche Überdosierung (1.086) und absichtliche Selbstverletzung (1.029); bei 221 Meldungen wurde ein tödlicher Ausgang angegeben. Da FAERS auf spontanen und freiwilligen Meldungen beruht, belegen diese Daten keinen ursächlichen Zusammenhang mit Lisdexamfetamin und können nicht zur Bestimmung der tatsächlichen Häufigkeit oder des individuellen Risikos solcher Ereignisse verwendet werden.

Anwendungsbeschränkungen Auch die Anwendungsbeschränkungen sind vergleichbar mit denen für andere Stimulantien. Es besteht ein Potential für Missbrauch, jedoch soll dieses geringer ausgeprägt sein als das des aktiven Dexamfetamins, da die Spaltung des Amids nach intravenöser Gabe nur sehr langsam erfolgt.

Bewertung Frühe Nutzenbewertung nach AMNOG Seit 2011 müssen sich in Deutschland neu zugelassene Medikamente mit neuen Wirkstoffen aufgrund von § 35a SGB V (AMNOG) einer „frühen Nutzenbewertung“ durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unterziehen, wenn der pharmazeutische Hersteller einen höheren Verkaufspreis als nur den Festbetrag erzielen möchte. Nur wenn ein Zusatznutzen besteht, kann der Arzneimittelhersteller mit dem GKV-Spitzenverband einen Preis aushandeln.

Dies gilt auch für Lisdexamfetamin. In einer ersten Bewertung hält das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen einen Zusatznutzen von Lisdexamfetamin für nicht belegt gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie (Strattera, Wirkstoff Atomoxetin). Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sieht im Vergleich zur zweckmäßigen Vergleichstherapie keinen Zusatznutzen von Lisdexamfetamindimesilat.Stellungnahme der AkdÄ zu Lisdexamfetamindimesilat (Elvanse®). (PDF; 105 kB) Vorlage zur Abgabe einer schriftlichen Stellungnahme zur Nutzenbewertung nach § 35a SGB V; abgerufen am 9. Oktober 2013. Der G-BA folgte den Einschätzungen und traf im November 2013 den endgültigen Beschluss über das Ausmaß des Zusatznutzens, der die frühe Nutzenbewertung abschließt: „Zweckmäßige Vergleichstherapie zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) bei Kindern ab einem Alter von sechs Jahren im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn das Ansprechen auf eine zuvor erhaltene Behandlung mit Methylphenidat als klinisch unzureichend angesehen wird, ist: Atomoxetin. Ausmaß und Wahrscheinlichkeit des Zusatznutzens gegenüber Atomoxetin: Ein Zusatznutzen ist nicht belegt.“Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Lisdexamfetamindimesilat, Beschluss des G-BA zur Nutzenbewertung nach § 35a SGB V; abgerufen am 6. Dezember 2013. Zum 1. Juni 2014 einigten sich der Hersteller Shire Deutschland und der GKV-Spitzenverband auf einen Erstattungsbetrag für das Arzneimittel in Deutschland.Erstattungsbetrag für ADHS-Medikament steht – Keine Mehrkosten für die gesetzliche Krankenversicherung. Gemeinsame Pressemitteilung von Shire Deutschland GmbH und GKV-Spitzenverband, 2. Juni 2014.

Kostenvergleich Laut Arzneiverordnungs-Report für 2014 und 2015 waren die Kosten für das Lisdexamfetamin-Arzneimittel Elvanse (bezogen auf die definierte Tagesdosis) deutlich höher als für Methylphenidat-Produkte, aber niedriger als für das Atomoxetin-Präparat Strattera.Nettokosten für Elvanse in Deutschland: 3,10 Euro (2014) und 2,73 Euro (2015). Aus: Arzneiverordnungs-Report 2015. ( ISBN 978-3-662-47186-9. S. 968f.) und Arzneiverordnungs-Report 2016. ( ISBN 978-3-662-50351-5. S. 683 f.)

Das pharmakritische arznei-telegramm bemängelte 2013 das Fehlen von aussagekräftigen Daten für die zugelassene Indikation (Anwendung im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie zur Behandlung von ADHS bei unzureichendem Ansprechen auf Methylphenidat) und zu Sicherheitsvorteilen gegenüber Dexamfetamin. Die Therapiekosten mit Lisdexamfetamin seien erheblich teurer als mit retardiertem Methylphenidat (Concerta) oder Dexamfetamin (Attentin).Neu auf dem Markt: Lisdexamfetamin (Elvanse) bei therapierefraktärem ADHS? In: arznei-telegramm, 13. September 2013.

Rechtslage Lisdexamfetamin ist in Deutschland seit dem 17. Juli 2013Kabinett beschließt 27. Betäubungsmittel-Änderungsverordnung. (PDF) Bundesministerium für Gesundheit, Pressemitteilung, 22. Mai 2013. in der des Betäubungsmittelgesetzes aufgeführt und somit ein verkehrsfähiges und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel. Der Umgang ohne Erlaubnis oder Verschreibung ist grundsätzlich strafbar.

Auch die Schweiz kontrolliert den Handel, Umgang sowie die Verschreibung von Lisdexamfetamin im Rahmen des Betäubungsmittelgesetzes. Die entsprechende Verordnung des Innendepartements erfasst «Lisdexamphetamin» seit dem 1. Oktober 2014 im Verzeichnis aVerordnung des EDI über die Verzeichnisse der Betäubungsmittel, psychotropen Stoffe, Vorläuferstoffe und Hilfschemikalien Anhang 2, auf fedlex.admin.ch und unterstellt die Substanz damit allen betäubungsmittelrechtlichen Kontrollmassnahmen.

Die Mitnahme des Medikaments ins Ausland ist individuell geregelt. Einheitliche Bestimmungen bestehen im Schengen-Raum. Hier wird eine behördlich bestätigte Bescheinigung in bestimmter Form des Arztes gefordert. Für gewisse Staaten wird eine Voranmeldung vor der Anreise benötigt und teilweise die ärztliche Verordnung in der Amtssprache (Übersetzung und notarielle Bestätigung) des Ziellandes gefordert. Dies gilt auch für Transferländer, in denen am Flughafen ein Umstieg erfolgt. In manche Länder ist die Einreise mit dem verordneten Arzneimittel illegal und stellt eine Straftat dar.

Fertigarzneimittel Elvanse (D, A, CH), Elvanse Adult / Erwachsene (D, A, UK), Vyvanse (USA), Livizux (HU, SK); Generika

In der Europäischen Union (EU) wurde das Arzneimittel nach einem durch die britische Arzneimittelbehörde im Jahr 2012 geleiteten Beurteilungsverfahren zunächst in acht EU-Staaten zugelassen.

Situation in Deutschland