Guillaume Adeline (Adelme, Edelin, Hameline), Guillaume de Line oder Guilhelmus Linensis genannt de Lure (Luranus) (* zwischen 1400 und 1410 in St. Hilarius; † um 1457Teilweise wird in der Literatur unrichtig 1553 als Todesjahr angegeben. in Évreux) war ein französischer Theologe, vermutlich zeitweise Anhänger der Waldenser und früher Kritiker der Hexenverfolgung.
Leben Herkunft und Studium miniatur|links|Doktor und Rektor der Universität Sorbonne im 15. Jahrhundert|180px Guillaume (Guillelmus) Adeline (im Deutschen auch Wilhelmus Luranus) wurde im heutigen Illiers-Combray im Bistum Chartres geboren.Ein Guillaume d'Illiers et d'Adeline wird 1210 als Vater eines Kanonikers aus Chartres erwähnt; vgl. Eugène de Lépinois / Lucien Merlet: Cartulaire de Notre-Dame de Chartres, Bd. II, Garnier, Chartres 1863, S. 51. Er trat nach eigener Angabe um 1422/23 in den Orden der Karmeliten ein und studierte Theologie an der Universität Avignon unter Jean Faci († 1450).1434 bis 1450 Generalprior des Karmeliterordens.Vgl. Martine Ostorero: Un prédicateur au cachot. Guillaume Adeline et le sabbat. In: Médiévales 44 (2003), S. 73–96 (PDF; 250 kB).
Eine Priesterweihe scheint Guillaume Adeline, obwohl er später Prior und vielleicht Abt wurde, nie erhalten zu haben.
Unklar ist, wann Adeline in das Magisterkollegium der Universität Paris aufgenommen wurde. An der Sorbonne wurde ein „Guillelmus Adelie“ oder auch „Adeline“ am 12. Januar 1428 zusammen mit Guillaume Érard († 1439),Später Archidiakon von Rouen und Hofprediger von König Heinrich VI. (1421–1471), anwesend bei der Hinrichtung von Jeanne d'Arc. Nicolaus AmiciAb 1431 Gesandte der Pariser Universität auf dem Konzil von Basel. und anderen zum Lizentiaten promoviert und dort 1429, 1430 und 1431 als Magister der Theologie erwähnt.Vgl. Th. Sullivan: Parisian Licentiates, Bd. II, 2011, S. 25 („Adeline“)Heinrich Denifle, Emile Chatelain: Chartularium Universitatis parisiensis, Bd. IV, Delalain, Paris 1897, S. 470, 495, 498 und 520 (dort: „Adelie“). 1428 wird er als Dominikaner („Predicator“) bezeichnet, so dass fraglich bleibt, ob es sich um dieselbe Person handelt.Th. Sullivan 2003, Bd. I, S. 55, unterscheiden deswegen zwei Personen gleichen oder ähnlichen Namens. Nach einer Notiz von Jean Chartier († 1464),Auch Johannes Charterius, Abt von Saint-Denis. dem Biographen von König Karl VII. (1403–1461), ist Guillaume Adeline anfangs auch Augustiner und Kleriker verschiedener anderer Orden gewesen.Vgl. J. Chartier: Histoire, 1661, S. 282.
In den Akten des Inquisitions-Prozesses, der in Rouen gegen Jeanne d’Arc († 1431) geführt wurde, erscheint im April 1431 unter den Gutachtern der Pariser Universität und Beratern des Bischofs Pierre Cauchon († 1442), der den Prozess leitete, ein Magister oder Doktor der Theologie „Guillelmus Adelie“ oder „Adolis“.Vgl. Pierre Champion (Hrsg.): Procès de Condamnation de Jeanne d'Arc. Texte, Traduction et Notes (Bibliothèque du XVe Siècle 22), Bd. I, Edouard Champion, Paris 1920, S. 304f (OpenLibrary) [unterschiedliche Versionen von Namen und Grad in zwei handschriftlichen Überlieferungen]; englische Übersetzung: Daniel Hobbins (Hrsg.): The Trial of Joan of Arc, University Press, Harvard 2005, S. 166f (Google-Books, eingeschränkte Ansicht).
Konzil von Basel, Wirken im Burgund und in der Normandie Auf dem Basler Konzil, dem er am 23. Mai 1432 inkorporiert wurde,Vgl. Dean Loy Bilderback: The Membership of the Council of Basel (diss. phil. Washington D.C.), 1966, S. 282. verteidigte Guillaume Adeline das Papsttum und wandte sich gegen „Schismatiker“.
1437 war er Prior von Clairvaux-les-Lacs bei Lons-le-Saunier in der Freigrafschaft Burgund. Das dortige Karmeliterkloster von der alten Observanz war 1434 von Guillaume II. de Villersexel († 1475) gestiftet worden. Anschließend wirkte Guillaume Adeline in Orbec im Bistum Lisieux, in dem 1432 Pierre Cauchon Bischof geworden war.
Professur an der Sorbonne In den 1440er Jahren war Guillaume Doktor und Professor der Theologie an der Sorbonne. Nach angeblich 18 Jahren Mitgliedschaft im Karmelitenorden lebte er in Paris zunächst in der dortigen Kartause an der Montagne Sainte-Geneviève und beabsichtigte, in den Kartäuserorden überzutreten. Unter zunehmendem Druck, sich dafür von seinem bisherigen Ordensgelübde entbinden zu lassen, entzweite er sich mit den Kartäusern und erhielt 1441 durch den Kurienbischof Christophorus de Sancto Marcello († 1444)1435 bis 1445 Bischof von Rimini („C. Ariminens“), seit 1444 Bischof von Siena. die Genehmigung von Papst Eugen IV. zum Wechsel in den Benediktinerorden.Päpstliche Urkunde von 1441, ausgestellt auf dem Konzil von Florenz. 1445 und 1448 begegnet er als Prior des Klosters Saint-Vincent et Saint-Germain in der königlichen Residenzstadt Saint-Germain-en-Laye bei Paris.Archivio Segreto Vaticano Rom (Registri Supplice Eugen IV., Nr. 405 (früher Nr. 398), Blätter 101f, und Reg. Lat. 416, Blatt 40). Das Priorat gehörte zur Abtei Notre-Dame de Coulombs – in der Nähe von Guillaumes Geburtsort gelegen – im Bistum Chartres.Vgl. Joseph Depoin: Le prieuré de Saint-Germain-en-Laye, origines et cartulaire, Cerf et Cie., Versailles 1895, bes. S. 11.
Wirken in der Normandie Guillaume Adeline trat später in ein Benediktinerkloster der Caener Kongregation („ordo sancti Benedicti Cadomi“) ein und hielt sich im Bistum Évreux auf. 1451 beschwerte sich das Generalkapitel der Zisterzienser, dass der Benediktiner Guillaume Adeline, Prior in Saint-Germain-en-Laye, zum Abt von Le Breuil-Benoît (Brolium Benedicti) im Bistum Évreux eingesetzt werden sollte.Vgl. Joseph-Marie Canivez (Hrsg.): Statuta capitulorum generalium ordinis Cisterciensis, Bd. IV Ab anno 1401 ad annum 1456, Bureaux de la Revue, Löwen 1936, S. 644. Tatsächlich wird in der „offiziellen“ Liste der Zisterzienser-Äbte des Klosters von 1451 oder 1452 bis 1458 Amaury (Amalricus) I. Sarradin genannt.Vgl. Jules Berger de Xivrey: Recherches historiques sur l'abbaye de Breuil-Benoit, au diocèse d'Évreux, Didot, Paris 1847, S. 55 und 136f. Adeline wurde zu dieser Zeit meist Guillaume de Lure (Luranus) genannt.Wohl verschliffen aus „Hiloranus“ nach dem Geburtsort. Möglicherweise kam Adeline aber auch nach 1449, als die Engländer dort durch König Karl VII. vertrieben worden waren, bzw. nach 1451 in die Abtei Notre-Dame de Lyre bei Évreux.
Eine Aufnahme in das Magisterkollegium und die Theologische Fakultät der Universität Poitiers, um die Guillaume sich in Gesprächen in Poitiers bemühte, kam nicht zustande.Vgl. P. Mamoris: Flagellum, o. J., Blatt 63 [33r].
Inquisitionsverfahren und Tod mini|Abschnitt über Guillaume Adeline im Inkunabeldruck von Pierre Mamor: Flagellum Maleficorum, vermutlich Lyon, letztes Viertel des 15. Jahrhunderts Guillaume galt als großer Prediger und vertrat in Predigten unter Berufung auf Bischof Agobard (* um 769; † 840) und Johannes von Salisbury (* um 1115; † 1180)Vgl. Barbara Helbling-Gloor: Natur und Aberglaube im „Policraticus“ des Johannes von Salisbury (diss. phil. Zürich), Benziger, Einsiedeln 1956. die Ansicht, die Erzählungen von Zauberei, Hexen und Hexenflug seien bloße Fabeln.Vgl. Jules Baissac: Histoire de la diablerie Chrétienne, Bd. I. Maurice Dreyfous, Paris 1882, S. 534. Er wurde daraufhin 1453 unter Bischof Guillaume VI. de Flocques († 1464) von Évreux„Guilleaume par miseracion divine evesque d'Evreux“; in der Liste der Bischöfe von Évreux wird dagegen Pierre I. de Treignac de Comborn bis 1463 als Bischof aufgeführt. angeklagt. Angeblich wurde er von einer vornehmen Dame, die von ihm schwanger geworden war, beschuldigt, ein Hexer zu sein.Vgl. Enguerrand de Monstrelet: Chronique. Paris 1512, unpaginiert; Jean Chartier: Chronique (vor 1464). Paris 1858, S. 45.Vgl. Pierre Guillebaud: Abrégé du troisième tome du Trésor chronologique et historique. François Clousier, Paris 1662, S. 287; Théophile Imarigeon Duvernet: Geschichte der Sorbonne. Straßburg 1791, S. 184–187. Ihm wurde auch vorgeworfen, mit seiner Nichte Inzest getrieben und seine Pflichten als Kleriker vernachlässigt zu haben.
Guillaume Adeline bezichtigte sich selbst in einem vermutlich mit angedrohter Folter oder Todesstrafe erpressten Geständnis eines Teufelspaktes und der Teilnahme am Hexensabbat. 1437 sei er unter dem Einfluss des Herren von Clairvaux – gemeint ist vermutlich Olivier de Longwy († um 1463)Olivier de Longwy, seigneur de Fontaine-Français et de Rahon, hatte 1433 die Erbtochter Claudine de Villersexel geheiratet, und nannte sich seitdem „signeur de Clairvaux“; vgl. Alphonse Rousset, Frédéric Moreau: Dictionnaire géographique, historique et statistique des communes de la Franche-Comté, Bd. V Département de Jura, A. Robert, Lons-le-Saunier 1857, S. 393. – der „sogenannten Sekte der Waldenser“ beigetreten und habe 1438 an ihren heimlichen nächtlichen Versammlungen in der Diözese Besançon teilgenommen. Nach Ansicht der Inquisitoren hat er danach auch selbst in Orbec ketzerische Irrlehren gepredigt.Vgl. zur Nachwirkung Franck Mercier: Le diable à Lisieux? Fragments retrouvés d’un sabbat sous l’épiscopat de Thomas Basin (1463). In: Cahiers de Recherches Médiévales et Humanistes. Journal of Medieval and Humanistic Studies 22 (2011), S. 256–278 (; abgerufen am 10. November 2018).
In den Prozessakten werden innerhalb des lateinischen Textes mittelfranzösische Sätze zitiert, die angeblich in den Hexensabbaten der „Synagoge der Waldenser“ verwendet wurden, tatsächlich aber auch aus einer waldensischen Gottesdienst-Liturgie stammen können:
Der Versammlungsleiter (demon presidens) sei Monseigneur (mon Senior) genannt worden. Die Formel, die bei der Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft gesagt wurde, soll gelautet haben: Diese Aussagen entsprechen jedoch eher den römisch-katholischen Häresievorwürfen gegen die WaldenserVgl. das Referat aus Bernard Gui: Liber Sententiarum Inquisitionis Tholosanae (1307–1323) bei Christoph Ulrich Hahn: Geschichte der Ketzer im Mittelalter, Bd. II. Steinkopf, Stuttgart 1847, bes. S. 367–385 (Google-Books). als ihrem eigenen Selbstverständnis.
Der Inquisitionsprozess wurde von dem bischöflichen Richter Simon Senestre (Chenestre, Capistri)Dekan der Kathedrale von Évreux. und dem Dominikaner Mag. Enguerrand Synard (Signard) († 1485)Aus Condé-sur-Noireau, Studium in Caen, Prior der Dominikaner (Jacobins) in Caen, Beichtvater des Herzogs Karl von Burgund, von 1474 (Wahl) bis 1477 Bischof von Auxerre, sein Epitaph befand sich in der Dominikanerkirche in der Rue Saint-Jacques in Paris; Lucien-Victor Dumaine: Tinchebray et sa région au bocage normand, Bd. I. H. Champion, Paris 1883, S. 189–192 (Google-Books). als Stellvertreter des französischen Großinquisitors Roland Le Cozic († um 1476) durchgeführt. Guillaume Adeline suchte vergeblich Unterstützung bei der Universität Caen,Vgl. Anonym [Werk eines Kartäuser-Mönches aus der Chartreuse Valdieu-Réno bei Feings (Orne)]: Dialogus de diversarum religionum origine. In: Edmond Martène: Veterum scriptorum et monumentorum moralium, historicorum, dogmaticorum ad res ecclesiasticas monasticas et politicas illustrandas collectio, Bd. VI, Montalant, Paris 1729, Sp. 11–94, bes. Sp. 56–59 (Google-Books). die ein Jahr zuvor (1452) nach Vertreibung der Engländer gegen Ende des Hundertjährigen Krieges wieder neu errichtet worden war. Ein Gutachten der Theologischen Fakultät der Pariser Universität sprach gegen ihn. miniatur|links|Apsis der Kathedrale Notre-Dame d'Èvreux|180px