mini|hochkant=1.2|Abteikirche, Südseite, Aquarell, Ende 18. Jahrhundert
Die ehemalige Abbaye de Silvacane liegt in der Région Provence-Alpes-Côte d’Azur, im Département Bouches-du-Rhône knapp einen Kilometer vom Südufer der Durance entfernt, im Gemeindebereich von La Roque-d’Anthéron, etwa 20 Kilometer südlich von Apt und etwa 25 Kilometer nordwestlich von Aix-en-Provence.
Eine Zisterzienserabtei mini|hochkant=0.6|links|Abtei von Citeaux im 16. Jahrhundert mini|hochkant=0.5|Robert de Molesme Silvacane ist eine Abtei des Zisterzienserordens, der im Jahr 1098 in Cîteaux – südlich von Dijon – von Robert de Molesme (~1028 – 1111), auch Robert von Citeaux genannt, einem Benediktinerabt, gegründet worden ist.Nathalie Molina, S. 1–2.
Die Angehörigen dieses benediktinischen Reformordens befolgten strikt die Regeln des heiligen Benedikt von Nursia (~480–550). Das Besondere an dieser Glaubensgemeinschaft ist die wirtschaftliche Eigenständigkeit der einzelnen Abteien sowie ihre ordensrechtliche Verfassung. Zwischen jeder „Mutterabtei“ und ihren „Töchtern“, das heißt ihren Neugründungen, besteht eine Art Familienbande. So brachten die ersten Filialhäuser der Abtei Cîteaux, besonders ihre vier bedeutendsten: La Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond, wiederum zahlreiche „Töchter“ hervor, die bald ganz Europa wie ein Netz überspannten.
Für alle Klöster gilt eine „Charta“, in der die Grundsätze des Ordens festgelegt sind. Die Äbte trafen sich, zumindest in der Frühzeit des Ordens, einmal im Jahr zu einem Generalkapitel im Kloster Cîteaux, dessen Abt sie unterstanden.
mini|hochkant|Bernhard von Clairvaux – Darstellung aus einem hochmittelalterlichen Manuskript Die Forderung nach schlichter Lebensweise und Eigentumsverzicht steht im Mittelpunkt des Lebens der Mönche, denn sie begünstigen die Verinnerlichung des Glaubens. Bernhard von Clairvaux, der berühmteste Abt und Theologe des Ordens (~1090–1153), verurteilte alles, was den Mönch von seinem Streben nach Gott ablenken kann, einschließlich Skulpturen, Gemälden, bunten Kirchenfenstern und Wandbehängen, wie sie viele mittelalterliche Bauten schmückten. Die einzigen Funktionen, die der Kunst zuerkannt wurden, sind die vollendete Gestaltung der Formen und Volumen, sowie Licht- und Schatteneffekte. Dabei boten grundsätzlich Ruhe und Natur den unverzichtbaren Rahmen.
Der Zisterzienserorden breitete sich außerordentlich schnell aus, und bei der Gründung der Abtei Silvacane (um 1145) zählte er bereits ungefähr 330 Klöster.
Das tägliche Leben der Zisterzienser Der streng geordnete Tagesablauf der Mönche oder Nonnen ließ wenig Freiraum. Ihre Hauptbeschäftigungen waren das Gebet, die Lektüre, körperliche Arbeit, und Ausruhen, wobei die zu verrichtenden Arbeiten von den Jahreszeiten und den Bedürfnissen der Abtei abhingen. Darüber hinaus übte fast jeder Mönch ein besonderes Amt aus, wie etwa Prior, zweiter Prior, Vorsänger, Küster, Verwalter, Krankenpfleger, Verantwortlicher des Gästetrakts, Pförtner, Novizenbetreuer und andere. Allerdings lebten in Silvacane nie mehr als zwanzig Mönche. Schweigen zählte zu den Vorschriften der Regel, die Mönche verständigten sich mit Zeichen. Die körperliche Arbeit, Garten- und Feldarbeit oder handwerkliche Aktivitäten, nahmen vier bis sechs Stunden in Anspruch, während der Rest des Tages mit Gebeten und mit Lesen verbracht wurde. Die Gebete wurden von den drei Chören: „gesunde Mönche“, „gebrechliche Mönche“ und „Novizen“ gesungen. Nach einer sechs-, im Winter neunstündigen Nacht wurden die Mönche zur Mette, zum Morgengebet, geweckt. Danach fanden sie sich im Laufe des Tages zu sieben weiteren Stundengebeten zusammen. Zisterzienser tragen eine ungefärbte Wollkutte, weshalb sie auch „weiße Mönche“ genannt werden.Nathalie Molina, S. 29.
Geschichte Die Abtei Silvacane wurde kurz vor 1145 von Mönchen gegründet, die aus Morimond kamen, dem vierten Tochterhaus von Cîteaux. Nach Angaben von Gelehrten des 19. Jahrhunderts, die sich auf heute nicht mehr existierende Dokumente stützten, wurde das Kloster am Standort einer Einsiedelei aus dem 11. Jahrhundert errichtet. Kürzlich wurden an der Westwand des Kreuzgangs Teile von Fundamenten eines Gebäudes entdeckt, das älter ist als die Abtei, was diese These untermauert.
Historisch-religiöser Hintergrund Über die Umstände, unter denen sich die Zisterzienser in Silvacane niederließen, ist kaum etwas bekannt. Die Beweggründe des Adels, dessen Unterstützung wesentlich zum Erfolg des Ordens beitrug, waren oft von politischer Art. Das scheint auch bei dem in späteren Jahrhunderten oft als Klostergründer aufgeführten Raimond des Baux der Fall gewesen zu sein. 1145 hatte Raimond andere provenzalische Adelsfamilien überzeugt, sich gemeinsam gegen den Grafen der Provence aufzulehnen. Vielleicht versprach er sich einen politischen Nutzen von einer Abteigründung am Fluss Durance, das heißt an einer natürlichen Grenze zwischen der Grafschaft Provence, einem Besitztum des Hauses Barcelona, und dem Marquisat der Provence, das dem Hause Toulouse angehörte. Es steht jedenfalls fest, dass der Graf der Provence die Abtei 1150 in seinen Schutz nahm, bis bald darauf die Herren des benachbarten Schlosses La Roque und schließlich der Adelsfamilien von Lambesc und Cadenet diese Rolle übernahmen.
Eine Generation später, das heißt 1181, wird Bertrand des Baux, der Sohn Raimonds, von den Mönchen von Silvacane in einem Eintrag auf seiner Totenrolle als fundator (Gründer) bezeichnet. Auf diese Weise wurden wahrscheinlich die großzügigen Spenden gewürdigt, mit denen Bertrand die ecclesia (ein Ausdruck der sowohl die Kirche als auch den gesamten Klosterkomplex bezeichnen konnte) bedacht hatte. Der Urkunde zufolge war die ecclesia zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt.Nathalie Molina, S. 4–8.
Wahl des Standorts und Lösung des Wasserproblems Die Mönche von Morimond hatten die Vor- und Nachteile genau abgewogen, bevor sie sich für dieses klar abgegrenzte Grundstück entschlossen. Es lag an einer Durchgangsstraße, die dem Lauf der Durance folgte, in der Nähe des Schlosses La Roque und einige hundert Meter von Gontard entfernt, wo eine Fähre zum Überqueren der Durance bereitstand. Der Wunsch der ersten Zisterzienser, sich von der Welt abzuschließen, von der sie nichts zu erwarten und der sie nicht zu bieten hatte, außer ihren Gebeten, konnte sich also hier nicht vollständig erfüllen.
Der Name Silvacane – silva bedeutet „Wald“ und cana „Schilf“ – könnte darauf hinweisen, dass es sich um ein sumpfiges Gelände gehandelt hat. Doch geomorphologische Studien aus jüngerer Zeit belegen, dass die Feuchtigkeit, die von zwei Quellen stammten, keine gesundheitsgefährdeten Auswirkungen hatte. Außerdem trat die Durance nur äußerst selten in für die Abtei bedrohlichem Ausmaß über die Ufer. Solche Widersprüche lassen sich vermeiden, wenn cana als Adjektiv aufgefasst wird: canus, -a, -um bedeutet „grau“. Silvacane wäre also ein Ort bzw. gegründet an einem Ort, wo es einen „grauen Wald“ gab. Das würde auf Olivenbäume hindeuten, deren Farbe als graugrün, silbrig glänzend und grau beschrieben wird.
Den Mönchen gelang es, das reichlich vorhandene Quellwasser für ihren täglichen Bedarf zunutze zu machen. Mehrere Entwässerungsgräben, die bereits aus der Zeit vor der Erbauung stammten, zeugen von den Anstrengungen, die Feuchtigkeit einzudämmen und abzuleiten. Die südliche Quelle speiste einen Bach, der wahrscheinlich um das Gelände herum geleitet wurde, so dass er auf der Nordseite der Konventsgebäude unter den Latrinen verlief, sowie den Klostergarten und den Brunnen des Kreuzgangs versorgte. Im Südwesten speiste eine zweite Quelle die „Hôtellerie“ oder Gästetrakt und wahrscheinlich weitere Anlagen des Wehrflügels, die handwerklich oder landwirtschaftlich genutzt wurden. Die Mühle, von der keine Überreste erhalten sind, lag vermutlich im Norden des Komplexes. Nordwestlich der Konventsgebäude findet sich eine Zisterne.
Die verschiedenen Bauherren mussten die besondere Beschaffenheit des Geländes, vor allem dessen Höhenunterschiede, in ihren Planungen einbeziehen. So weist bereits der Fußboden der Abteikirche beträchtliche Höhenunterschiede auf, die man schon an der verschiedenen Höhenlage der Schwellen der drei Portale der Fassade erkennen kann. Die Bodenhöhen der Konventsgebäude nördlich der Kirche folgen gleichfalls dem natürlichen Gefälle des Geländes.Nathalie Molina, S. 5.
Datierung der Klausur Die genaue Datierung der Errichtung der Klausurgebäude, aus der Kirche und den Konventsgebäuden, ist äußerst schwierig. Sicher ist, dass die Bauarbeiten zwischen 1145 und 1181, dem Todesjahr von Bertrand des Baux, aufgenommen und wahrscheinlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit dem Refektorium beendet worden sind. Aus einer erhaltenen Urkunde, die „vor dem Altar“ unterzeichnet wurde, geht hervor, dass der Altarraum eingewölbt war und bereits einen Altar enthielt. Aus stilistischen Elementen leiteten Historiker ab, dass die Kirche und der Ostflügel des Konvents zwischen 1175 und 1220, der Kreuzgang im 13. Jahrhundert und das Refektorium im 14. Jahrhundert entstanden sein müssen. Diese Datierungsversuche erweisen sich im Wesentlichen als richtig, wenn sie auch im Einzelnen korrigiert werden müssen. So traten bei kürzlichen Restaurierungsarbeiten neue Anhaltspunkte zu Tage, über deren Auswertungen noch keine Quellen bekannt sind.Nathalie Molina, S. 22.
Zwei Jahrhunderte geistlicher und wirtschaftlicher Ausstrahlung Einige Jahre vergingen, bis die Abtei ausreichende Spenden erhielt, um sich wirklich entfalten zu können. Doch ab 1170 stellte sie unzweifelhaft ein bedeutendes wirtschaftliches und geistiges Zentrum der Region dar.Nathalie Molina, S. 8–10.
Sie betreute die Kirche von Goiron im gebirgigen Hinterland Chaîne des Côtes, aber auch Saint-Victor in Gontard, Saint-Ètienne-de-Tertre in Saint-Estève-Janson und schließlich die Pfarrkirche von La Roque. Die Stifter wünschten meistens, in der Abtei begraben zu werden, einige ruhten sogar in der Abteikirche selbst.
1188 ist die Zahl der Mönche und das Spendenaufkommen soweit angestiegen, dass man ein Tochterkloster gründen konnte. So entstand mit der Unterstützung der Familie Simiane, die bereits die Gründung von Sénanque initiiert hatte, in der Diözese Apt das Kloster Valsainte.
Erhalten ist unter anderen eine Urkunde über die Schenkung der Hälfte des zwischen der Durance und dem Château de Contard gelegenen Waldes an das Kloster Saint-Victor um 1050. Im 12. Jahrhundert ging dann das Waldstück an Silvacane.
Zu Silvacane gehörten auch fünf kleine Bauernhöfe (frz. Grange), die von Laienbrüdern bewirtschaftet wurden. Die Gehöfte liegen alle auf dem linken Ufer der Durance, die das Kloster den, je nach Zeitabschnitt mehr oder weniger großzügigen Schenkungen der Herrschaften von La´Roque verdankte. Die Grange de Contard, die in der Nähe der Fähre und der Kirche Saint-Victor angelegt wurde, lebte hauptsächlich von Gemüse-, Wein- und Olivenanbau, während in der größeren, westlich der Abtei liegenden Grange de La Borde Getreideanbau und Viehzucht betrieben wurden. Nach und nach überschrieben die Adelsfamilien von Cadenet, Mallemort uns Lambesc dem Kloster auch die sumpfigen, aber auch fruchtbaren Ländereien am rechten Ufer des Flusses und überließen es den Mönchen die notwendigen Entwässerungsmaßnahmen zu treffen. Diese Grundstücke bildeten drei Gehöfte, die Grange Ferrage, in der Nähe des heutigen Dorfs Cadenet, die Grange du Lauron, sowie die Anfang des 13. Jahrhunderts entstandene Grange des Segadas, die zur Gemeinde Villelaure gehörte.