Hurka (Hindi ) auch hudka, hurki, ist eine zweifellige Sanduhrtrommel, die in der indischen Volksmusik in den Regionen Garhwal und Kumaon im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand zur Begleitung von epischen Liedern, Tänzen und Besessenheitszeremonien (jagar) in geschlossenen Räumen zusammen mit dem Flachgong thali eingesetzt wird. Die obere Membran wird mit einer Hand geschlagen. Eine ähnliche Form und Funktion besitzt in Garhwal die daunr, deren Handhabung jedoch anders ist.
In Uttar Pradesh und bei der darüber hinaus in Zentralindien verstreuten Volksgruppe der Gonds heißt dieser Trommeltyp huruk (auch awaj). Für die Gonds ist sie ein wesentlicher Bestandteil der ländlichen Unterhaltungsmusik.
Bauform Hurka und huruk gehören zu den Sanduhrtrommeln, deren etwa gleich große Membrane aus einer ungegerbten Tierhaut bestehen, die über kreisrunde Ringe gezogen und dort festgebunden werden. Die Ringdurchmesser sind etwas größer als die Enddurchmesser des hölzernen Korpus. Die Haut wird auf die Membranringe aus Bambus gezogen und festgeklebt. Dann werden die aufgespannte Häute auf die Korpusöffnungen gelegt und gegeneinander mit einer umlaufenden, durch sechs Löcher in jedem Ring gezogenen Baumwollschnur oder einem Hautstreifen V-förmig verspannt. Die hurka von Garhwal hat einen etwa 38 Zentimeter langen, auf der Drechselbank hergestellten Holzkorpus, dessen Durchmesser an beiden Seiten typischerweise 17 Zentimeter beträgt. Die Membranen ragen bis zu 1,5 Zentimeter über den Korpusrand hinaus. In Garhwal werden sie aus der Haut eines Ziegenmagens ausgeschnitten, die bis zu vier Membranen ergibt.Andrew Alter, 2016, S. 74
Die Trommel wird mit einem Tragegurt (holan) aus einem 3 Zentimeter breiten Stoffstreifen gehalten, der aus einer kleinen, um die Mitte der Trommel gelegten Schlaufe und einer großen Schlaufe besteht. Mit der großen Schlaufe hängt sich der Musiker die Trommel von der linken Schulter, mit der linken Hand greift er um die Taille des Korpus und schlägt mit den Fingern der rechten Hand nur auf das obere Trommelfell. Die flexible Verschnürung wird mittig durch eine quer anliegende Trageschlaufe zusammengefasst. Streckt der Musiker nun die Trommel mit der linken Hand von sich, so spannt er das Schnursystem an und erhöht damit die Spannung der Membranen, wodurch er um mehrere Notenwerte höher klingende Schläge produzieren kann.Alain Daniélou: Südasien, S. 86
Herkunft Sanduhrtrommeln besitzen seit ihrer ersten Erwähnung in der altindischen Musiktheorie Gandharva-Veda, wie sie in dem um die Zeitenwende entstandenen Werk Natyashastra gesammelt wurde, eine religiöse Bedeutung, die sich bei vielen der heute gespielten Instrumente besonders in Südindien und in der tibetischen Musik erhalten hat. An buddhistischen Kultstätten (Stupas) finden sich ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. Steinreliefs mit Abbildungen von Sanduhrtrommeln. Im Natyashastra werden die meist in den Händen von Göttern (devas) dargestellten Trommeln auf Sanskrit panava oder alingya genannt. Am bekanntesten ist der damaru, mit dem Shiva in Gestalt des Nataraja den kosmischen Tanz (tandava) aufführt.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 33
Für den altindischen panava werden 24 Zentimeter Länge, 12 und 7,5 Zentimeter Durchmesser für die beiden Membrane und 6 Zentimeter Durchmesser für die taillierte Mitte des Korpus angegeben. Diese Sanduhrtrommel besaß gemäß den Abbildungen des 3. bis 7. Jahrhunderts eine Schnurverspannung zwischen den Trommelfellen, sodass vermutlich wie bei vielen heutigen Instrumenten, besonders der südindischen idakka, durch Zusammendrücken oder Ziehen der Verspannung die Tonhöhe während des Spiels verändert werden konnte. Der Musiktheoretiker Sharngadeva beschrieb in seinem Werk Sangita-Ratnakara im 13. Jahrhundert die größere Sanduhrtrommel hudukka, deren Länge 36 Zentimeter betrug, bei einem äußeren Durchmesser der beiden Membranscheiben von 42 Zentimetern und einem mittleren Trommeldurchmesser von 13,4 Zentimetern.Emmie Te Nijenhuis (Hrsg.): Saṅgītaśiromaṇi: A Medieval Handbook of Indian Music. E.J. Brill, Leiden 1992, Anmerkungen zur Übersetzung S. 549f Nach einer anderen Maßangabe war die mittelalterliche hudukka (auch avajna oder skandavaja) 53 Zentimeter lang mit Membranen, die auf einem Metallring von 63 Zentimetern Durchmesser aufgespannt waren und einem Mittendurchmesser des Korpus von 13 Zentimetern. Die Wandstärke des hölzernen Korpus betrug 2 Zentimeter.Huḍukkā. In: The Oxford Encyclopaedia of the Music of India, S. 435
Am Hof des Mogul-Kaisers Akbar I. (reg. 1556–1605) entfaltete sich die Mogulmalerei, die durch die Verschmelzung persischer und hinduistischer Kunst zu einem eigenständigen Stil wurde. Die vom Herrscher in Auftrag gegebene offizielle Chronik Akbarnāma („Buch von Akbar“) aus den 1590er Jahren enthält eine Miniatur, auf der eine Musikszene mit den für die höfische Unterhaltungsmusik üblichen Instrumenten dargestellt ist. Um einen männlichen Schwerttänzer und eine Tänzerin mit Zimbeln (tala) in den Händen im Zentrum gruppieren sich die Musiker, die neben dem Doppelrohrblattinstrument shehnai, der Längsflöte nai und einer Streichlaute mehrere Trommeln spielen. Ein Mann schlägt mit Stöcken auf die doppelte Kesseltrommel naqqara, zwei Frauen halten die Rahmentrommel daira hoch und ein männlicher Musiker spielt die Sanduhrtrommel huruk. An ihrer Kleidung und im Vergleich mit der zeitgenössischen Literatur lassen sich die Musiker als Mitglieder der nach der Sanduhrtrommel benannten Gemeinschaft der hurukiya aus Rajasthan identifizieren, die in der Tradition der Rajputen stehen. Als Hindus, die nicht zum Mogulhof gehören, sind sie auf dem Bild am linken unteren Rand dargestellt, möglichst weit entfernt von Akbar, der rechts oben auf seinem Thron sitzt.Bonnie C. Wade: Visual Sources. In: Alison Arnold (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. South Asia: The Indian Subcontinent. Vol. 5. Garland, New York / London 2000, S. 305f
Die hudukka steht am Ausgangspunkt einer Reihe namensverwandter Sanduhrtrommeln, die abgesehen von der hurka in Uttarakhand und der huruk in Uttar Pradesh heute überwiegend in Südindien verbreitet sind. Hierzu gehören die Trommeln hudukka, hurukka, huruk, hurka, hudki und die südindische Tempeltrommel udukkai. Eine anders benannte Sanduhrtrommel ist die tudi, die in Karnataka und Kerala auf den Dörfern zur Begleitung von Liedern und Tänzen gespielt wird. Es gibt Geschichten, wonach ihr eine magische Bedeutung zugesprochen wurde. Mit acht Zentimetern Länge (gemessen an einem Exemplar vom Ende des 19. Jahrhunderts) eine sehr kleine und ohne Spannschnüre auskommende Sanduhrtrommel ist die budbudiki.Budbudiki. The Metropolitan Museum of Art (Abbildung) Im Bundesstaat Karnataka ziehen mit ihr Straßenmusiker, die genauso heißen wie die Trommel, als Wahrsager von Haus zu Haus.Promode Kumar Misra, Chennkeswara Ramanuja Rajalakshmi, Isaac Verghese: Nomads in the Mysore City. In: Anthropological Survey of India. 1971, S. 12–14 Die am meisten verehrte südindische Sanduhrtrommel ist die idakka, die in Kerala bei hinduistischen Prozessionen und Tempelfesten gespielt wird.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 41 f. Die dhadd im Panjab wird von den Dhadis, einer zu den Sikhs gehörenden Musikerkaste zusammen mit der Streichlaute sarangi zur Begleitung religiöser Gesänge verwendet. Kleine Sanduhrtrommeln mit Rasseln vom Typ des damaru (auch damru) haben ihr Verbreitungszentrum im indischen Teil des Himalaya, im Nepal und in Tibet (tibetisch gcod-dar), wo sie meist in der religiösen Musik verwendet werden. Im übrigen Indien benutzen sie häufig Schausteller, die mit Affen oder in seltenen Fällen noch mit Tanzbären herumziehen.
In Westnepal war die Sanduhrtrommel hudka namensgebend für die sie spielende Volksgruppe Hudki, die eine Unterkaste der Damai sind. Die Damai bilden eine Kaste musizierender Schneider, die zwar als professionelle Musiker bei Festen und Familienfeiern gefragt sind, aber am untersten Schicht der Gesellschaft stehen.Gert-Matthias Wegner: Nepal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. (MGG) 2. Auflage, Sachteil 7, 1997, Sp. 60
Spielweise Hurka mini|Shiva, der in der Volksreligion von Kumaon als Golu Devata verehrt wird. Tempel im Dorf Udaipur bei Binta, etwa 50 Straßenkilometer nordwestlich von Almora In den Regionen Garhwal und Kumaon mit der Stadt Almora im Zentrum, die in Uttarakhand an den Südausläufern des Himalaya liegen, hat sich eine besondere Tradition von mündlich überlieferten epischen Versen erhalten, die von Legenden und Ereignissen aus der Geschichte handeln. Die gesungenen Erzählungen enthalten neben den phantastischen Anteilen auch historische Fakten, die in vielen Fällen einer archäologischen Überprüfung standgehalten haben und teilweise mit Reliefszenen an Tempeln des 12./13. Jahrhunderts übereinstimmen. Einige Erzählungen, die Shivapuranas, gehören zu den Mythen um Shiva und seinen göttlichen Begleitern, andere handeln von mythischen Figuren, denen magische Kräfte zugesprochen werden und erklären die Kosmogonie der Welt oder die Entstehung der Menschen.
Vorgetragen werden diese Geschichten von den hurkiya. Diese sind Berufssänger, die sich auf der Sanduhrtrommel hurka begleiten und überwiegend, aber nicht notwendigerweise aus der gleichnamigen sozialen Gruppe stammen, die zur untersten Kaste der Doms gehört. Die Doms zählen zu den alteingesessenen Bewohnern (Dalits), die nach Berufsgruppen unterteilt werden; in Uttar Pradesh unter anderem in Schmiede (lohar), Abdecker (chamar) und Fell- und Lederverarbeiter (hurkiya). Die Musikethnologin Marie-Thérèse Dominé-Datta untersuchte in den 1950er Jahren erstmals in Almora die Erzähltradition der hurkiya.Vgl. Marie Thérèse Dominé-Datta: Himalaja: Die Epen von Kumaon. In: The World of Music, Band 18, Nr. 1, 1976, S. 57–60
Der Sänger und Trommelspieler wird gelegentlich von zwei hewar genannten Männern unterstützt, die einen gesungenen Bordunton hinzufügen und so die Pausen zwischen zwei musikalischen Einheiten ausfüllen. Anstelle der Trommel kann auch das Publikum den Takt mit kleinen Handzimbeln (manzira), Händeklatschen oder Zungenschnalzen angeben. Steuert die Erzählung auf einen dramatischen Höhepunkt zu, so improvisieren Zuschauer zuweilen Tänze mit sparsamen Bewegungen. Die Tänzer agieren stets unabhängig voneinander, auch wenn sie zu mehreren auftreten. Die epischen Lieder werden meist in den Nächten der Wintermonate vorgetragen.
Neben der Sanduhrtrommel hurka werden im Gebiet von Kumaon noch die kleine Kesseltrommel damau (auch dhamu oder damaung) mit einem Metallkorpus von 25 Zentimetern Durchmessern gespielt. Wenn diese Trommel mit einem Glöckchenband umwickelt ist, heißt sie kamchini (von Sanskrit kanchi, „Schellengürtel“). Größer ist die zweifellige Fasstrommel dhol, die hier „dholki“ heißt, wie andernorts eine kleinere Fasstrommel genannt wird. Damau und dholki werden stets zusammen von Mitgliedern der dholak-Kaste gespielt, deren soziale Stellung noch unterhalb der hurkiyas eingestuft wird.Alain Daniélou: Südasien, S. 88 Die Aktionsbereiche der beiden Musikerkasten sind streng getrennt. Die dholaks, Musiker der auji-Kaste, treten speziell bei Hochzeiten mit dem Trommelpaar dhol-damau und mit der Sackpfeife mashak bin auf.Vgl. Andrew Alter: Garhwali Bagpipes: Syncretic Processes in a North Indian Regional Musical Tradition. In: Asian Music, Band 29, Nr. 1 Herbst/Winter 1997/1998, S. 1–16 Kürzer als die mit der rechten Hand geschlagene hurka ist die Sanduhrtrommel daunr, die auf dem linken Trommelfell mit der Hand und rechts mit einem dünnen Stock geschlagen wird.