mini|Miniatur aus einer Schāhnāme-Handschrift mit der Schlacht von al-Qādisīya

Schāhnāme oder Schahnameh (), im Deutschen bekannt auch als Königsbuch oder Buch der Könige, bezeichnet insbesondere das Lebenswerk des persischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī (940–1020) und damit das Nationalepos der persischsprachigen Welt. Für seine Niederschrift benötigte der Dichter nach eigenen Angaben 35 Jahre. Es ist eines der berühmtesten Werke der persischen Literatur und der Weltliteratur. Mit nahezu 60.000 Versen in Form von Distichen ist es mehr als doppelt so umfangreich wie Homers Epen und mehr als sechsmal so lang wie das Nibelungenlied.

Neben vielen mündlich überlieferten Erzählungen (vor allem – wie Firdausi selbst angibt – aus dem Umkreis der Dehqans) standen dem Autor auch schriftliche Vorlagen zur Verfügung. Eine wichtige Quelle scheint eine Übersetzung des im spätantiken Sassanidenreich angefertigten Herrenbuchs (Xwadaynamag) gewesen zu sein.

Daneben sind auch andere Schahnamehs (Königsbücher) oder ähnlich benannte Werke, die zu Ehren bzw. im Auftrag von Herrschern (Schahs) verfasst wurden, bekannt.Paul Horn: Geschichte der persischen Litteratur (= Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen. Band VI.1). C. F. Amelang, Leipzig 1901, S. 112–113.

Der historische Kern Das Heldenepos befasst sich mit der Geschichte Persiens vor der islamischen Eroberung im siebten Jahrhundert. Es beginnt mit der Erschaffung der Welt und beschreibt die mythische Entwicklung der persischen Zivilisation (Nutzung des Feuers, Entwicklung der Kochkunst, der Schmiedekunst und die Entstehung eines kodifizierten Rechtssystems, die Stiftung der traditionellen Festtage usw.). Das Werk führt den Leser, wenngleich nicht exakt chronologisch, von der Vergangenheit bis zum Untergang der Sassaniden, der letzten vorislamischen Herrscherdynastie, mit Bezugnahmen auf die Gegenwart Firdausīs. Einige der literarischen Figuren leben für mehrere hundert Jahre, aber die meisten erleben nur ein Menschenalter.

Je später die geschilderten Ereignisse, desto stärker wird der Bezug auf reale Vorgänge und Personen, so dass das Epos vor allem für die spätsassanidische Zeit auch viele echte historische Informationen enthält und eine teils durchaus wichtige Quelle darstellt. Zugleich ist allerdings auch hier mit Verfremdungen und Verzerrungen zu rechnen; so erscheinen die Sassaniden bei Firdausī als Monotheisten, während sie als Zoroastrier in Wahrheit mehrere Götter (wie Mihr oder Anahit) verehrten. Auch die Chronologie enthält Fehler – so lässt Firdausī den Propheten Mani ein Jahrhundert zu spät erscheinen –, und die Siege der iranischen Könige, etwa im Konflikt mit den Römern, werden weit übertrieben.

In seinem Werk benutzt Firdausī als geografischen Begriff für das Reich nicht das ihm unbekannte, aus dem Griechischen stammende Wort „Persien“, das die Griechen aus dem Namen der Provinz Fārs (griechisch Persis) herleiteten, sondern stattdessen die seit den Sassaniden übliche einheimische Bezeichnung Irān (), die ein weitaus größeres Gebiet umfasste als den heutigen Staat Iran. Die Schahs und Helden kommen und gehen, und das Einzige, was bleibt, ist – so erklärt es Firdausī – nur Irān. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, von denen keiner dem anderen gleicht, beschreiben das Vergehen der Zeit.

Entstehungsgeschichte Die Entstehungsgeschichte des Schāhnāme Firdausis ist komplex; das betrifft vor allem die Quellen und Vorlagen, auf die zurückgegriffen wurde. Bereits in der späten Sassanidenzeit entstand offenbar ein in Mittelpersisch verfasstes Werk, dessen Inhalte später weiter rezipiert wurden und das in der Forschung als „Herrenbuch“ (Xwadaynamag) bezeichnet wird.Die Namenswiedergabe des Titels variiert. Zu diesem Werk siehe nun vor allem Jaakko Hämeen-Anttila: Khwadāynāmag. The Middle Persian Book of Kings. Leiden/Boston 2018. Die Entstehungszeit ist in der Forschung umstritten; die zeitlichen Erwägungen reichen von Chosrau I. bis Yazdegerd III., vgl. Jaakko Hämeen-Anttila: Khwadāynāmag. The Middle Persian Book of Kings. Leiden/Boston 2018, S. 229ff. Dabei handelte es sich anscheinend um eine offizielle iranische „Nationalgeschichte“.Theodor Nöldeke: Das iranische Nationalepos. 2. Auflage. Berlin 1920; vgl. auch The Oxford Dictionary of Late Antiquity. Band 2 (2018), S. 1599. Ebenfalls verloren ist mindestens ein weiteres mittelpersisches Werk, das frühislamischen Gelehrten noch vorlag und die Sassanidenkönige behandelte (bekannt in einer arabischen Bearbeitung unter dem Titel Kitāb Ṣuwar mulūk Banī Sāsān).Alessia Zubani: Recovering a Sasanian Royal Book in Early Islam. The Kitāb Ṣuwar mulūk Banī Sāsān and Its Arabic Transmission. In: Essays in Long Late Antiquity 1, 2026, S. 73–95.

Es ist bekannt, dass auf Betreiben von Abū Manṣur Moḥammad ibn ʿAbdor-Razzāq, dem seinerzeitigen Statthalter von Tūs, ein „Buch der Könige“ angefertigt wurde.Theodor Nöldeke: Das iranische Nationalepos. 2. Auflage. Berlin 1920, S. 16. Dieses Werk basierte auf Berichten zoroastrischer Priester, die in mündlichen Überlieferungen von Generation zu Generation weitergegeben worden waren und damit sassanidisch-mittelpersische Traditionen bewahrten.

Der Erste, der nach dem Untergang des Sassanidenreichs (651) die vorislamische Geschichte Persiens in Gedichtform fasste, war Abū Mansūr Muhammad ibn Ahmad Daqīqī.Vgl. Jaakko Hämeen-Anttila: Khwadāynāmag. The Middle Persian Book of Kings. Leiden/Boston 2018, S. 139 ff. Er war ein Dichter am Hof der Samaniden, unter deren Herrschaft die neupersische Sprache zum ersten Mal in ihrer Geschichte zur offiziellen Hof- und Kanzleisprache erhoben worden war. Aufgrund von Hinweisen in seiner Poesie wurde er nach Ansicht einiger Forscher für einen Zoroastrier gehalten. Doch sprechen mehrere Gründe dagegen, darunter sein vollständig arabischer Name.Vgl. Djalal Khaleghi-Motlagh: DAQĪQĪ, ABŪ MANṢŪR AḤMAD, in: Encyclopædia Iranica. Vor seinem gewaltsamen Ende (Ermordung durch seinen Sklaven) hatte er mit dem sogenannten Schāhnāme-ye Mansur tausend Verse verfasst, die mit der Schilderung der Herrschaft Goschtasps und des Auftretens Zarathustras beginnen.Abu'l-Qasem Ferdausi: Rostam – Die Legenden aus dem Sahname. Aus dem Persischen übersetzt und herausgegeben von Jürgen Ehlers. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-050039-7, S. 383. Ein Vers seiner Dichtung lautet:Ferdowsis Shahnameh. Zoroastrian Heritage (englisch)

Firdausī berichtet, dass ihm Daqīqī, der ermordet wurde, bevor sein Werk tausend Verse erreicht hatte, Edmund A. Bayer: Einleitung des Herausgebers. 1890, S. XIII. im Traum erschienen sei und ihn gebeten habe, sein Werk fortzusetzen. Firdausī hat einige Versvorlagen Daqīqīs in sein Werk einbezogen. Er begann 977 mit der Niederschrift und beendete sein Werk um 1010. Firdausī schrieb sein im Versmaß MutakaribVgl. Encyclopaedia of Islam. (vier Bacchien, deren letzter um eine Silbe verkürzt ist, also einen Jambus darstellt)Edmund A. Bayer: Einleitung des Herausgebers. 1890, S. XXXII f. verfasstes, gewaltiges Epos in einer Zeit und widmete sie der neuen Dynastie der Ghasnawiden unter ihrem bedeutendsten Herrscher Sultan Mahmud.Vgl. hier. Firdausī beschritt in seiner Dichtung einen etwas anderen Weg als Daqīqī, so dass einige Rezeptoren behaupten, mehrere Verse Daqīqīs, die gegenüber der Herrscherschicht zu kontrovers gewesen wären, seien von Firdausī nicht übernommen worden. Fontana bezeichnet das Schahnameh als „Resultat einer Vergeschichtlichung und Islamisierung der altpersischen Epik“.Maria Vittoria Fontana: Frühislamische Kunst. Katalognummern 163–178. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 297–326, hier: S. 297. Dennoch enthält das Werk, dem damaligen Zeitgeist unter den Samaniden und Ghasnawiden entsprechend, deutliche Hinweise auf die vorislamischen Traditionen Irans, die auch heute noch unter anderem in der Feier des iranischen Neujahrsfestes „Nouruz“ lebendig sind.

Inhalt Das Schāhnāme ist in 62 Sagen, bestehend aus 990 Kapiteln mit nahezu 60.000 Versen, gegliedert. Firdausī selbst spricht von 60.000 Versen. Die vorliegenden Veröffentlichungen enthalten 50 Sagen mit etwas mehr als 50.000 Versen.

Hauptfigur ist neben den in den jeweiligen Sagen dargestellten Königen der mythische Held Rostam, Prinz von Zabulistan, der bei vielen Schlachten die Grenzen des antiken Irans gegen seine Feinde, insbesondere gegen die Turaner, verteidigt.

Das Schāhnāme ist nicht nur ein Denkmal der persischen Dichtkunst, sondern auch ein Stück geschichtlicher Erzählung, da Firdausī in seinem Werk wiedergibt, was er und seine Zeitgenossen als die Geschichte Irans betrachteten. In die Darstellung historischer Ereignisse lässt Firdausī an seine Mitmenschen gerichtete Ratschläge einfließen. Er nutzte offenbar schriftliche und mündliche Quellen, doch handelt es sich um keine Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne: Oft sind historische Geschehnisse mit sagenhaften Erzählungen verknüpft, so dass sich tatsächlich belegte Personen und Ereignisse mit fiktiven Schilderungen mischen.

Das Epos beginnt mit der Regierungszeit der Urkönige, in der die rasche Entwicklung der menschlichen Zivilisation dargestellt wird. Wirklich lebendig wird das Epos mit der Sage 4 von Dschamschid und dessen Auseinandersetzungen mit Zahak, dessen Sturz durch den Schmied Kaveh und Fereydūn. Die Teilung des altiranischen Reiches unter den drei Söhnen des Fereydūn führt zum ersten Brudermord. Iradsch wird von seinen Brüdern Tur und Salm ermordet. Damit beginnt die Blutsfeindschaft zwischen Iran und Turan. Zunächst rächt Manutschehr den Tod seines Vaters Iradsch.

Unter Manutschehrs Regierung wird von Sām berichtet. In diese Zeit fallen auch die abenteuerlichen Jugendgeschichten von Sāms Sohn Zāl, seine Liebe zu Rudabeh und die Geburt und die ersten Abenteuer von Rostam. Die Ermordung des in Gefangenschaft geratenen Königs Nowzar, des Nachfolgers von Manutschehr, durch den turanischen König Afrasiab entfacht wieder den Krieg mit Turan. Der Krieg sollte, zwar mehrmals auf längere Zeit unterbrochen, die Zeit der Regierung der fünf folgenden Könige andauern. Rostam kann zwar bereits in der ersten Schlacht Afrasiab am Gürtel packen, doch der Gürtel reißt und der feindliche König entkommt. In die Regierungszeit des im Gegensatz zu seinem als Herrscher beliebten Vater Kai Kobad unverständigen Kai Kawus fallen die großartigsten Heldentaten dessen Dieners Rostam und auch der tragische Zusammenstoß mit seinem Sohn Sohrāb, der durch seinen eigenen Vater aus Unkenntnis über dessen wahre Identität getötet wird. Afrasiab tötet Siyawasch, der sich wegen Misshelligkeiten mit seinem Vater Kai Kawus zu ihm geflüchtet und dem er seine Tochter zur Ehe gegeben hat. Diese Mordtat macht den Krieg unversöhnlich.