mini|Die Lage der Befestigung am oberpannonischen Donaulimes Das Kastell Ad Mures ist ein ehemaliges römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus entlang der Donau zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die auf einer Flussterrasse über dem antiken Südufer entdeckten Reste des Kastells liegen unter den landwirtschaftlich genutzten Flächen von Bumbumkút, nordwestlich der Stadt Ács im Komitat Komárom-Esztergom, Nordungarn. Die bisherigen Ausgrabungen beschränkten sich auf die Südostecke. Damit bleibt dieses Lager bisher weitgehend unerforscht.
Lage Zur Zeit der Errichtung des Kastells verlief der Hauptarm der Donau im Bereich des heute unmittelbar nördlich verlaufenden Altarms. Damit lag der Fluss wesentlich näher an der Garnison als heute. Östlich der Befestigung mündete der Concó-Bach in den Strom. Die römischen Erbauer nutzten das überschwemmungssichere Hochufer am Rand der stark hochwassergefährdeten Donauauen. Die Trasse der für Heer und Handel bedeutenden Limesstraße, welche die beiden pannonischen Machtzentren Carnuntum und Aquincum verband, verlief von Westen nach Osten wohl unmittelbar durch den Kastellbereich. Sie ist in diesem Abschnitt jedoch nicht erhalten.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 52. Erstaunlich ist die in Pannonien einzigartige Nähe zum nächstgelegenen, westlichen Kastell Ad Statuas.Kastell Ad Statuas bei . Während die normale Entfernung zwischen den Garnisonsstandorten rund 15 bis 18 Kilometer (12 bis 13 römische Meilen) beträgt, liegen diese beiden Fortifikationen lediglich 5,4 Kilometer auseinander.Dénes Gabler: Untersuchungen am oberpannonischen Donaulimes. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms, II. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland-Verlag, Köln 1977, S. 297–312, hier: S. 298. Am gegenüberliegenden Ufer hatte der germanische Stamm der Quaden seinen Herrschersitz, der für Rom oftmals zum gefährlichen Gegner wurde.
Forschungsgeschichte Als erster veröffentlichte der Benediktinerpater Alois Remigius Sztachovics (1812–1880) im Jahr 1874 die von ihm vorgenommene Identifikation des Lagers bei Bumbumkút mit dem im Itinerarium Antonini überlieferten antiken Namen Ad Mures.Itinerarium Antonini 246. Nach dem im 3. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Itinerarium lagen die Kastelle Ad Statuas und Ad Mures ungefähr auf halbem Weg zwischen dem Kastell Arrabona (Győr) und dem Legionslager Brigetio.Legionslager Brigetio bei .Sándor Petényi: Ad Mures castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 72–74; hier S. 72. Ein anderer Benediktiner, der für seine archäologischen Forschungen bekannt gewordene Elemér Lovas (1889–1949), widersprach während seiner Zeit als Leiter des benediktinischen Museums „Flóris Rómer“ (heute: Flóris-Rómer-Museum für Kunst und Geschichte) in Győr dieser Theorie. Ihm schloss sich 1936 der Archäologe András Graf an. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich jedoch die Feststellung von Sztachovics durch. So unterstützten diese Meinung unter anderem die Archäologen László Barkóczi (1951) und Dénes Gabler (1977). In einer anderen bedeutenden antiken Quelle, der Notitia dignitatum, einem spätrömischen Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, wird Ad Mures genauso wenig erwähnt wie Ad Statuas.
Eine erste Grabung fand unter dem archäologisch versierten Benediktiner Rudolf Gyulai (1848–1906) und dem altertumsbegeisterten Offizier Miloš Berkovics-Borota im Jahr 1886 statt. Sie fanden unter anderem 1,5 Meter starke Fundamente nahe der Mündung des Concó-Bachs in die Donau. Gyulais 1887 veröffentlichten Ergebnisse zu den Dimensionen des Lagers passen jedoch in keiner Weise zu dem tatsächlichen Befund, was möglicherweise auf Messfehler zurückzuführen ist.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 28. Die sichere Identifikation des Standorts gelang daher erst 1946 durch Barkóczi, der Geländebegehungen vornahm. Zwischen 1966 und 1972 führte Gabler weitere Begehungen durch, was ebenfalls zur Klärung der genaueren Lage des Kastells beitrug. Erneute Grabungen hatten bis dahin nicht stattgefunden.Denés Gabler: Ad Mures, Ács-Bumbumkút. In: Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 29. Dénes Gabler: Untersuchungen am oberpannonischen Donaulimes. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms, II. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland-Verlag, Köln 1977, S. 297–312, hier: S. 301. Ihm folgte 1985 der Archäologe Zsolt Visy mit einer neuen Prospektion. Das während dieser oberflächlichen Untersuchungen geborgene gestempelte Ziegelmaterial wurde von dem Archäologen und Ziegelstempelexperten János Szilágyi (1907–1988) bewertet. Erst 1989 fand eine kleine Ausgrabungen statt, als die Baureste durch anstehende Erdarbeiten bedroht wurden. Dabei konnte westlich des Concó-Bachs durch die Archäologen Sándor Petényi und Julianna Kisné Cseh in Zusammenarbeit mit dem Komitatsmuseum Kuny Domokos in Tata die Südostecke des Kastells untersucht werden.Denés Gabler: Könyvismertetések, Zsolt Visy: A ripa Pannonica Magyarországon. In: Communicationes archaeologicae Hungariae 2003. Budapest 2003, S. 203–206; hier: S. 204.
Baugeschichte Holz-Erde-Lager? Die Fortifikation wurde nach Visy höchstwahrscheinlich ungefähr zeitgleich mit dem Legionslager Brigetio errichtet. Dort wurde eine fragmentierte Bauinschrift entdeckt, die unter Kaiser Hadrian (117–138) entstand. Nach einer Ergänzung durch Barkóczi könnte die Inschrift in das Jahr 124 zu datieren sein, als dieser Kaiser die pannonischen Provinzen besuchte.Tilmann Bechert: Römische Lagertore und ihre Bauinschriften. Ein Beitrag zur Entwicklung und Datierung kaiserzeitlicher Lagertorgrundrisse von Claudius bis Severus Alexander. In: Bonner Jahrbücher. Band 171, 1971, S. 201–287, DOI:10.11588/bjb.1971.1.82067, hier S. 235. Die neuere Überlegung des Archäologen Zsolt Mráv, welche die in der Inschrift genannte Kaisertitulatur pater patriae zur genaueren Datierung benutzt, kommt auf eine Entstehungszeit „nach 128 n. Chr.“.Zsolt Mráv: Die Brückenbauinschrift Hadrians aus Poetovio. In: Communicationes archaeologicae Hungariae 2002, S. 15–57; hier: S. 34. Entsprechend den Angaben Visys und Gablers entstand Ad Mures jedoch schon während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117),Dénes Gabler: The Ripa Pannonica. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 37. möglicherweise zu Beginn des 2. Jahrhunderts, nach dessen Dakerkriegen (101/102, 105/106).Egon Schallmayer, Mario Becker: Limes. In: Realslexikon der Germanischen Altertumskunde 18, de Gruyter, Berlin, New York 2001. ISBN 3-11-016950-9. S. 403–442; hier: S. 438. Bis in die Zeit der Markomannenkriege (166–180) könnten Ad Mures dann als Holz-Erde-Lager existiert haben. Der Standort dieses Lagers kann aufgrund der Befunde zumindest nicht vollständig deckungsgleich mit dem späteren Steinkastell gewesen sein.
Steinkastell Prinzipat Das mit seiner Prätorialfront – der nördlichen Schmalseite – zur Donau hin orientierte Steinkastell entstand wohl nach 180 n. Chr.Sándor Petényi: Ad Mures castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 72–74; hier S. 74. an einem Platz, der zuvor schon bebaut worden war. Diese Bebauung wurde vor Anlage der Fortifikation einplaniert. Die Archäologen konnten aus der Vorgeschichte des Kastells in dessen Innenbereich noch ein aus Ziegeln errichtetes frührömisches Gebäude feststellen, das mehrere Räume besaß. Die steinerne Wehrmauer durchschnitt später dieses Haus.
Nähere Angaben zum Aussehen des Kastells sind durch ein in den späten 1980er Jahren bekannt gewordenes Luftbild möglich geworden. Danach nahm die Anlage auf dem überhöhten Rand des Flussufers noch eine Fläche von 130 (ostwestlich) × 175 (nordsüdlich) Meter ein, wobei die nordsüdliche Ausdehnung nicht mehr die vollständige Länge angibt, da die Nordfront des Kastells durch die Donau abgeschwemmt wurde. Die Anlage besaß den für mittelkaiserzeitliche Kastelle typischen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform), in denen Wachtürme standen. Wie die 1989 vorgenommene Grabung ergab, war der im Innenwinkel der Südostecke errichtete rechteckige Turm gleichzeitig mit der Umwehrung entstanden.Sándor Petényi: Ad Mures castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 72–74; hier S. 73. Als Annäherungshindernis konnte ein zu diesem Kastell gehörender, singulärer Spitzgraben beobachtet werden.
Als Garnisonstruppe wird eine Vexillation der Legio I Adiutrix angenommen.
Spätantike Während der Spätantike lassen sich für den Bereich des 1989 erforschten Südostturms zwei Bauphasen beobachten, die den Turm betreffen, wobei sich beide Phasen direkt überlappen. Zunächst erfolgte die für spätrömische pannonische Wehrbauten typische Umrüstung der Ecktürme. Sie wurden gegen mächtige fächerförmige Nachfolger mit abgerundeter Front ersetzt, die weit in den Bereich des bisherigen Umfassungsgrabens hineinreichten. Daher musste vor Baubeginn dieser alte Graben planiert werden. Ein neuer, wesentlich breiterer Graben entstand anschließend vor diesen bastionsartigen Neubautürmen.Sándor Petényi: Ad Mures castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 72–74; hier S. 73–74. Nach dem bereits genannten Luftbild hat Visy die Breite dieses Umfassungsgrabens mit 16 Metern bestimmt. Während seiner Feldbegehung 1985 konnte der Archäologe dem Grabenverlauf noch gut folgen, da er sich als ein bis zwei Meter tiefe Bodenwelle im Gelände abzeichnete. Eine in Zusammenhang mit gleichen Umbauten am Kastell Annamatia aus dem zugeschütteten Kastellgraben der Prinzipatszeit geborgene Münze, die während der Regierungszeit des Kaisers Konstantin II. (337–340) geprägt wurde, könnte dabei den Terminus post quem liefern.Péter Kovács: Annamatia Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 120. In der ungarischen Archäologie gilt diese Münze als frühester Beleg für entsprechende Baumaßnahmen an den Donaukastellen. Diese Umbauten werden wohl zu einer mehr oder minder langen, zusammenhängend organisierten Baukampagne gehört haben.Endre Tóth: Gruppe C. Festungen mit fächerförmigen Eck- und U-förmigen Zwischentürmen. In: Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In: Archaeologiai Értesitő 134, 2009, S. 44. Bei der zweiten spätantiken Bauphase könnte es sich um eine Renovierung oder Reparatur handeln.
Laut den archäologischen Befunden wurde die Befestigung zuletzt durch barbarische Foederaten gehalten.Friedrich Lotter: Völkerverschiebungen im Ostalpen-Mitteldonau-Raum zwischen Antike und Mittelalter (375–600). de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017855-9, S. 74, Fußnote 265.
Funde Zu den wichtigsten Funden gehören die Ziegelstempel, von denen mehrere zeitlich entsprechende Typen unterschiedlicher Truppenverbände aus dem Boden kamen: Legio XIII Gemina Legio XIIII Gemina Legio XV Apollinaris VEXIL TRES VEXILLATIO Vexillationen (Abteilungen) der drei genannten Legionen waren auch am Bau des Legionslagers Brigetio beteiligt. Dies gilt als ein Beleg für die gleichzeitige Errichtung beider Kastelle.
Vicus und Gräberfeld