mini|Deutsch-reformierte Kirche Die Deutsch-reformierte Kirche war ein Kirchengebäude in Magdeburg in Sachsen-Anhalt am Kaiser-Otto-Ring, heute am östlichen Ende der Henning-von-Tresckow-Straße.
Sie wurde von 1896 bis 1899 im Stil der Neogotik errichtet. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde sie nicht wieder aufgebaut und die Ruine 1955 abgerissen.
Geschichte Vorgeschichte Im Erzstift Magdeburg war im 16. Jahrhundert die lutherische Reformation eingeführt worden; diesem Bekenntnis gehörte in den folgenden Jahrhunderten die große Mehrheit der Bevölkerung an. Durch Zuwanderung aus den Niederlanden und dem Westen Deutschlands bildeten sich in den Städten auch kleine reformierte (calvinische) Gemeinden. In Magdeburg hielten sich vermutlich einige Reformierte auf, ohne jedoch eine Gemeinde zu bilden. Elisabeth Charlotte von Anhalt-Harzgerode, Ehefrau des ersten brandenburgischen Gouverneur Magdeburgs und reformierter Konfession, bestellte am 26. Oktober 1666 den reformierten Heinrich Duncker als Hofprediger. Er hielt im damaligen Regierungsgebäude am Domplatz Weihnachten 1666 seine erste reformierte Predigt in Magdeburg. Hier sammelten sich die Reformierten der Stadt, ohne dass jedoch eine offizielle Gemeinde gebildet wurde.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 6 Von Seiten der Mehrheitsbevölkerung gab es ernste Anfeindungen.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 7 1680 kam das Gebiet des Erzstifts endgültig an Brandenburg-Preußen, dessen Herrscherhaus seit 1613 calvinisch war. Das bedeutete für die reformierte Minderheit – in Magdeburg die „wallonische“ (französischsprachige) und die „deutsche“ – eine gesellschaftliche Aufwertung und das Heraustreten aus der Verborgenheit. Beim Ausbruch der Pest im Jahr 1681 verließ der Hofstaat des Gouverneurs samt Prediger Duncker die Stadt. Nach dem Ende der Seuche lebten noch 60 Reformierte in Magdeburg.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 8
Nutzung der Sankt-Gangolfi-Kapelle mini|Reste der Gangolfikapelle, um 1900 Am 23. Juni 1681 wies der Kurfürst Friedrich Wilhelm den Reformierten in Magdeburg die Sankt-Gangolfi-Kapelle zu, wodurch die reformierte Gemeinde der Stadt begründet wurde.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 9 Der Kurfürst berief am 18. Juli 1681 Friedrich Wilhelm Thulemeyer als Prediger.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 12 Die Kapelle wurde hergerichtet. Nach dem während der Arbeiten die Gottesdienste zunächst im Freien auf dem Hof statt fanden, fand der erste Gottesdienst in der Kapelle am 31. August 1681 statt.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 13 f. Die Bezahlung Thulemeyers war mit 200 Talern im Jahr sehr knapp und wurde dann vom Kurfürsten auf 300 Taler erhöhte. Um eine finanzielle Grundlage zu schaffen, veranlasste der Kurfürst 1684, dass die eigentlich der zerstörten Ambrosiuskirche in der Sudenburg zustehenden Einnahmen nun an die reformierte Gemeinde gingen. Hierbei handelte es sich um 28 Morgen Acker im Wiedersdorfer Feld, zwölf Scheffel Weizen die von 3,5 Vierteln Land vor Sohlen zu leisten waren und 1,25 Hufe Acker im Rottersdorfer und Schrotdorfer Feld.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 15 f. Weitere Einnahmen wurden aus Langenweddingen, Hohenwarsleben, Schnarsleben, Groß Ottersleben, Salbke, Atzendorf, Altenweddingen, Osterweddingen und Biere erzielt.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 41 f. Von den Äckern im Rottersdorferfeld gingen später 19 Morgen für den Bau von Schanzen der Festung Magdeburg verloren, für die die Gemeinde allerdings entschädigt wurde.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 162 f. Die Gemeinde war durch die Einnahmen aus dem ihr zugeflossenen Grundbesitz in der Lage, auch einen Kantor und Schulmeister sowie einen Organisten einzustellen, so dass inklusive des Predigers drei Personen beschäftigt wurden.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 18 Erster Schulmeister war Gottlieb Christian Voigt, der die Kinder zunächst in seiner Wohnung unterrichtete. 1689 erhielt die Gemeinde das nahe der Kapelle liegende Haus Domplatz 2, das dann bis 1696 als Schule und Schulmeisterwohnung genutzt, dann vermietet und letztlich 1715 wurde. Der Erlös von 200 Talern wurde zu 6 % Zinsen angelegt. Jährlich wurden stiftungsgemäß zwölf Taler zum Unterhalt des Schulmeisters entnommen.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 54
Der Gemeinde gehörte auch der Gouverneur der Festung Magdeburg, Generalmajor Ernst Gottlieb von Börstell an. Er stiftete anlässlich der ersten in der Kapelle gefeierten Kommunion einen vergoldeten silbernen Abendmahlskelch und Brotteller. Kriegskommissarius Johann Steinhäuser stiftete bereits 1681 ein Taufbecken und Ostern 1686 einen weiteren Abendmahlskelch. Diese Gegenstände waren zumeist auch noch im 20. Jahrhundert in der Gemeinde in Benutzung. Gleiches galt für zwei silber-vergoldete Kannen. Ein aus rotem Samt und Silber gefertigter Klingelbeutel wurde 1683 vom Apotheker Johann Adam Tuchscherer gestiftet,Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 19 der jedoch bereits 1690 gestohlen wurde und dann neu angeschafft werden musste.
Das Verhältnis zu den Lutheranern war weiter nicht frei von Problemen. So wurde 1686 beklagt, dass die lutherische Seite bei der Heirat von Reformierten und Lutheranerinnen Probleme bereitete, soweit die Hochzeit in der reformierten Kirche erfolgen sollte. Der Kurfürst musste streitentscheidend eingreifen.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 21 f. Beklagt wurde auch, dass Gottesdienste durch Lutheraner gestört wurden, die sich Sonntags johlend vor der Kapelle einfanden und die Kapelle auch mit Steinen bewarfen. Die Gemeinde drängte daher darauf, dass der Hof der Kapelle gegenüber der restlichen Platzfläche abgegrenzt würde, was vom Kurfürsten dann auch 1689 so verfügt wurde.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 52 f.
Das Taufregister der Gemeinde ist seit dem Jahr 1681, das Heiratsregister seit 1683, das Sterberegister seit 1711 und das der Kommunionen seit 1717 erhalten. Vor 1683 vorgenommene Trauungen wurden, soweit die Häuser der Pest verdächtigt waren, vor der Kirchentür durchgeführt.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 30
Ab 1689 kamen reformierte Glaubensflüchtlinge aus Mannheim nach Magdeburg. Die darunter befindlichen französischsprachigen Wallonen bildeten bereits ab Juli 1689 eine eigene Gemeinde und nutzten die Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen für ihre Gottesdienste. Die deutschsprachigen Pfälzer schlossen sich hingegen zunächst der Deutsch-reformierten Gemeinde an. Im Taufregister wird in einem Eintrag vom 1. Januar 1690 erstmalig die Anmerkung aus Mannheim vermerkt. Mit der weiteren Zunahme der Flüchtlingszahl und der Einwanderung des Mannheimer Predigers Thilemann Ghim wurde dann jedoch die Forderung nach einer eigenen Gemeinde laut. Zunächst waren Gottesdienste im Saal des Innungshaus der Gewandschneider durchgeführt worden. Es wurde der Anspruch erhoben, ebenfalls die Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen zu nutzen. Die wallonische Gemeinde sprach sich dagegen aus, der Kurfürst entschied jedoch für eine gemeinsame Nutzung. Es kam am 13. September 1691 zu Streitigkeiten, da sich beide Gottesdienste überschnitten und die Pfarrer um den Zugang zur Kanzel stritten. Der Kurfürst entschied daraufhin am 20. März 1692, dass sich die beiden deutschsprachigen Gemeinden vereinigen sollen, so dass sie gemeinsam die Gangolfikapelle nutzten.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 65 Die Pfälzer wandten sich, letztlich vergeblich, gegen diese Vereinigung. Zum Zeitpunkt der Vereinigung gibt es unterschiedliche Angaben. So wird der 30. März 1692 genannt, andere Angaben gehen von einer Vereinigung bereits im Jahr 1691 aus.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 70 Prediger Thulemeyer verweigerte zunächst eine gleichberechtigte alternierende Predigt mit Ghim, so dass erst der Kurfürst ein alternieren der Predigt anordnete. In späterer Zeit wurde erst der Bezug der neuen Kirche am 28. Januar 1700 als endgültige Vereinigung betrachtet.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 71 Mit der Vereinigung gelangte die gesamte Gemeinde zur Pfälzer Kolonie.
Da Prediger Ghim erkrankte, wurde Tilemann Heinrich Siegel als dritter Prediger zur Unterstützung berufen. Er hielt am 7. Januar 1698 seine Antrittspredigt und wurde nach Ghims Tod im März 1698 zweiter Prediger. 1695 wurde mit der späteren Friedrichsschule eine Schule der Gemeinde gegründet. Aus ihr ging 1780 die Töchterschule der Gemeinde in der Großen Marktstraße hervor.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 146
Da die Gemeinde deutlich wuchs, erwies sich die Kapelle, trotz der Umbauten des Jahres 1692, bald wieder als zu klein. Bemühungen zumindest für sonntägliche Gottesdienste die dann ungenutzte Liebfrauenkirche des Klosters Unser Lieben Frauen oder die Nicolaikirche nutzen zu dürfen, scheiterten jedoch.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 88 1696 gab es daher Überlegungen für einen Neubau. Im Gespräch war ein Grundstück von Görz Christens am Markt bzw. der Weiße Hirsch von Hans Ehren am Peterssteg.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 89 Diese Überlegungen wurden jedoch nicht weiter verfolgt. 1696 wurde beklagt, dass bei Gottesdiensten viele Gemeindemitglieder vor der Kapelle bleiben müssten, da drinnen kein Platz mehr wäre. Drei Frauen seien bei einem großen Andrang in Ohnmacht gefallen.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 91