mini|Nordseite der Kirche, 2010 Die Evangelisch-reformierte Kirche in Holzheim, einem Ortsteil von Pohlheim im Landkreis Gießen (Hessen), ist eine 1631/32 erbaute barocke Saalkirche. Die prächtige Stuckdecke und die Bemalung der Fensterumrahmungen wurden ermöglicht, weil Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach vorübergehend das lutherische Bekenntnis einführte und den Bau des Kirchenschiffes förderte. Der mittelalterliche Turmschaft stammt aus dem 13./14. Jahrhundert. Die Kirche prägt mit ihrem zweigeschossigen Turmhelm das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 430.

Geschichte mini|hochkant|Wappen von Landgraf Philipp III. mit Inschrift von 1631 über dem Nordportal Holzheim wird urkundlich erstmals am 24. Mai 790 im Lorscher Codex erwähnt. Im Jahr 793 wurde dem Kloster Lorsch eine frühmittelalterliche Basilika übertragen, die dem Patrozinium des hl. Petrus unterstand. Sie lag vermutlich in Klein-Holzheim, westlich des heutigen Ortes, das ab dem 14. Jahrhundert nicht mehr besiedelt war.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 422. Eine weitere Kirche in (Groß-)Holzheim mit dem Patrozinium des heiligen Nazarius ist im Jahr 823 nachgewiesen.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 90. Als Holzheim im Jahr 1276 nach Grüningen eingepfarrt und dessen Filiale wurde, mussten die Einwohner für Gottesdienste und Kasualien den Weg in den Nachbarort auf sich nehmen. Die Grüninger Mutterkirche hatte zu dieser Zeit das Patronatsrecht. 1309 wurde Holzheim zur eigenständigen Pfarrei erhoben, jedoch 1380 dem Amt Gambach zugeschlagen und Kloster Arnsburg inkorporiert. Bis zu seiner Auflösung im Jahr 1803 übte das Kloster das Patronat über die Kirche aus.Jung: 400 Jahre reformiertes Bekenntnis in Oberhessen. 1982, S. 30. Kirchlich gehörte Holzheim im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Maria ad Gradus in der Erzdiözese Mainz.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 19.

Die Bausubstanz im Turm und die kleine romanische Pforte in der östlichen Umfassungsmauer weisen auf einen Kirchneubau im Spätmittelalter (13. Jahrhundert) hin.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 432. Das neue Gotteshaus wurde an der Stelle der Nazarius-Kirche aus dem 9. Jahrhundert errichtet und den Heiligen Barbara, Katharina und Maternus gewidmet.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 429.

Die Kirche wandte sich um 1556 der Reformation zu und erhielt 1566 den ersten evangelischen Pfarrer, der durch den Abt von Kloster Arnsburg eingesetzt wurde. Das Recht auf die Präsentation der evangelischen Pfarrer verblieb auch nach Einführung der Reformation dem Kloster. Im Gegenzug mussten die evangelischen Pfarrer sich verpflichten, nicht gegen das katholische Kloster zu wettern.Conradi, Küther: Die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde nach der Reformation. 1965, S. 161. Erste Umbauten im Sinne einer evangelischen Predigtkirche geschahen im Jahr 1571, als eine Männerempore eingebaut wurde. 1582 führte Graf Konrad von Solms-Braunfels das reformierte Bekenntnis offiziell ein, woraufhin die Einrichtungsgegenstände aus katholischer Zeit entfernt wurden. Die beiden Seitenaltäre, Bilder, Kruzifixe und anderes wurden beseitigt und der Hauptaltar durch einen Abendmahlstisch ersetzt.

Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Gotteshaus trotz laufender Reparaturen zunehmend abgängig. An den alten Turm wurde 1631/1632 mit der Unterstützung durch den Landgrafen Philipp III. ein neues Kirchenschiff angebaut und auf dessen Anregung hin sein Vollwappen über dem Nordportal angebracht, die Stuckdecke reich gestaltet und das Kircheninnere ausgemalt.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 181. Während des Dreißigjährigen Krieges führte er als neuer Landesherr nach dem Motto Cuius regio, eius religio einen Wechsel zum lutherischen Bekenntnis herbei, sodass die Kirchengemeinde zwischen 1624 und 1648 vorübergehend lutherisch wurde. Nach dem Krieg kehrte sie wieder zur reformierten Konfession zurück, als Holzheim an Solms-Braunfels zurückfiel. Ursprünglich besaß die Kirche nur eine Westempore. Eine Orgel war von Anfang vorhanden, deren Standort allerdings nicht bekannt ist. Im Zuge des Kirchenneubaus wurden weitere Fenster in den Turm eingebrochen. Bereits im Laufe des 17. Jahrhunderts wurden die Nordemporen gebaut.

Seit 1761 bildet Dorf-Güll mit Holzheim eine gemeinsame Pfarrei und wurde im Jahr 1900 eingepfarrt. Die Malereien in der Holzheimer Kirche wurden im 18. Jahrhundert übertüncht und erst wieder 1932 freigelegt. Für den Orgelneubau 1830 wurde die Ostempore vergrößert. Die wachsende Einwohnerzahl erforderte mehr Sitzplätze in der Kirche. Wohnten zur Erbauungszeit der Kirche keine 500 Personen in Holzheim, wurden an drei Sonntagen zwischen 1885 und 1887 rund 800 erwachsene Gottesdienstbesucher und 200 Kinder gezählt. Im Jahr 1852 erfolgte eine weitere Umgestaltung des Innenraums: Durch eine Südempore erhielt der Raum seine symmetrische Form. Die alte Kanzel wurde auf der Mittelachse zwischen Orgel und Altar platziert. Zuvor war sie an der Südwand angebracht, wo der Haken für die Aufhängung des Schalldeckels noch zu sehen ist.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1993, S. 122. Trotz der mehrfachen Erweiterung der Plätze reichte die Zahl im 19. Jahrhundert nicht aus. Die Männer auf den Emporen wechselten sich nach der Hälfte der Predigt mit dem Sitzen ab. Erst ab 1930 war ein allmählicher Rückgang der Gottesdienstbesucher zu verzeichnen.Jung: 400 Jahre reformiertes Bekenntnis in Oberhessen. 1982, S. 37.

mini|hochkant|Sanierung der Dachkonstruktion, 2012 Zwei große Öfen wurden 1883 installiert, die 1957 durch eine elektrische Nachtspeicherheizung und 1964 durch eine Ölheizung ersetzt wurden. Ein Innenanstrich erfolgte 1905, wobei es der Kirchenvorstand mit Verweis auf die streng reformierte Gemeinde ablehnte, Blumengirlanden aus der Erbauungszeit, die sich an der Emporenbrüstung zeigten, freizulegen.Großherzogliches Ministerium des Innern (Hrsg.): Jahresbericht der Denkmalpflege im Großherzogtum Hessen 1902–1907. Bd. 1. Staatsverlag, Darmstadt 1910, S. 109. Eine Kirchenrenovierung folgte 1932. Unter anderem wurden die auf dem Dachboden erhaltenen Einzelteile des Kanzeldeckels, der 1863 durch einen neuen aus Weißblech ersetzt worden war, zusammengesetzt und vervollständigt. Zudem wurden die alten Malereien an den Fenstern und den Emporenfüllungen wieder freigelegt. Die Stuckdecke wurde 1958 instand gesetzt und 1968/69 farblich erneuert. Von 1961 bis 1963 erfolgte eine Außensanierung. Ein neuer Fußboden unter dem Kirchengestühl und ein neues Chorgestühl wurden bei einer Innenrenovierung in den Jahren 1964 bis 1966 geschaffen. Weitere Instandsetzungen und Renovierungen folgten in den 1970er bis 1990er Jahren.

Eine umfassende Instandsetzung der Dach- und Deckenkonstruktion, dem sich eine Innenrenovierung anschloss, wurde von 2012 bis 2014 durchgeführt. Durch Feuchtigkeit entstanden Schäden an den Sparren und Deckenbalken im Bereich der Fußpunkte und Auflagen auf dem Seitenmauerwerk, sodass Ausbesserungen der Stuckarbeiten und eine Neueindeckung der Verschieferung in Altdeutscher Art an der Süd- und Ostseite sowie der Turmhaube erforderlich wurden. Von den Kosten in Höhe von rund 700.000 Euro musste die Kirchengemeinde ein Fünftel aufbringen.RG-BOX News – Nachrichten vom 11. April 2013: Schriftstücke vom Holzheimer Kirchturm berichten von stürmischen Zeiten.

Architektur mini|hochkant|Mittelalterliche Turmgeschosse Die Kirche ist leicht erhöht im Ortszentrum inmitten einer Umfassungsmauer aus Bruchsteinmauerwerk errichtet. Ältester Baukörper ist der hohe mittelalterliche Turmschaft aus dem 13./14. Jahrhundert, der auch als Haupteingang und Windfang dient. Er steht im Westen des Langhauses auf quadratischem Grundriss (6,25 × 6,95 Meter) und weist eine Mauerstärke von 1,40 Metern auf. Über einem niedrigen Sandsteinsockel mit Schräge erhebt sich der gemauerte Unterbau aus Basalt-Bruchstein mit Eckquadern aus Lungstein 16,75 Meter hoch. Die zwei Geschosse werden durch ein Sandsteingesims in 7,50 Metern Höhe getrennt. Den oberen Abschluss des Unterbaus bildet ein hölzernes Gesims.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1993, S. 124. An der Nord- und Südseite unter der Mauerkrone wurde wahrscheinlich während des Umbaus im Jahr 1631 je ein kleines, rechteckiges Fenster mit Sandsteingewände eingebrochen. Hingegen stammen das gefaste Spitzbogenportal mit Sandsteingewände und das gekuppelte und gefaste Doppelfenster über dem Eingang aus gotischer Zeit. An der Westseite im Obergeschoss sind übereinander drei kleine, spitzbogige Fenster angebracht. Der zweigeschossige, achtseitige Turmhelm mit geschweifter Haube misst von der Mauerkrone bis unter den Turmknopf 16,20 Meter. In beiden Geschossen haben alle acht Seiten des Oktogons Rundbogenöffnungen mit breiten Jalousien. Der gesamte geschieferte Holzaufbau aus Eiche ist im Wesentlichen unverändert erhalten. Er wird von einem Turmknopf, Kreuz, Windfahne und einem Hahn bekrönt. In die Windfahne ist das Jahr 1633 eingestanzt. Der Glockenstuhl beherbergt drei Bronze- und zwei Eisenglocken. Die Gesamthöhe des Turms beträgt 37 Meter.

Der rechteckige, nahezu geostete Grundriss der barocken Saalkirche von 24,90 × 12,20 Metern hat an der Ostseite einen 3/8-Chorabschluss. Der Sockel ist wie beim Turm abgeschrägt. Bis heute hat das Gebäude keine wesentlichen baulichen Veränderungen erfahren. Die gotisierende Form ist bei einer nachreformatorischen Steinkirche in Oberhessen erstmal in Holzheim nachweisbar.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 91. Sie findet sich auch bei der benachbarten Kirche Dorf-Güll, die über 100 Jahre später errichtet wurde (1737). Die lichte Höhe des Innenraums beträgt etwa 6,98 Meter, bis zur Maueroberkante sind es 7,40 Meter. Das Schiff wird von einem Satteldach mit Sparrendachkonstruktion abgeschlossen, das noch die originalen, kleinen Dachgauben aufweist.

Der Innenraum erhält durch große, leicht spitzbogige Fenster in Holzrahmen Licht, die innen von den Emporen durchschnitten werden.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1993, S. 121. Je drei Fenster sind an den beiden Langseiten und der Apsis eingebaut. Über dem spitzbogigen Nordportal ist das Wappen des Landgrafen Philipp III., der den Kirchenbau gefördert hat, aus rotem Sandstein angebracht. Philipp hatte sich das Vollwappen der Landgrafen von Hessen-Darmstadt zu eigen gemacht, das in der Mitte das Herzschild der landgräflichen Herrschaft zeigt, darüber die drei Helme der Grafschaft Katzenelnbogen, der Landgrafenschaft Hessen und der Grafschaft Ziegenhain. Auf der Inschrift unten ist zu lesen: „V. T. D. M. D. PHILIPPUS D.G. LANDG. HASSIAE, COMES CATTIMELIB. DECIAE, ZIGENH. ET NIDDAE ETC: A. C. 1631“ (: „Deine Wege lehre mich, Herr.“ Philipp von Gottes Gnaden Landgraf von Hessen, Graf von Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda u. a. sorgte für die Erbauung 1631).

Gegenüber dem Westeingang sind neun Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert aufgestellt, darunter die der Pfarrer Konrad und Johannes Bröder (Bröter) und ihren Ehefrauen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1993, S. 126.

Ausstattung mini|300px|Die Kreuzigung in der Stuckdecke vor und nach der Restaurierung, 2014