mini|Der Anfang des Axiochos in der ältesten erhaltenen Handschrift: Paris, Bibliothèque Nationale, Gr. 1807 (9. Jahrhundert) Der Axiochos ( Axíochos, latinisiert Axiochus) ist ein antiker literarischer Dialog in altgriechischer Sprache, der dem Philosophen Platon zugeschrieben wurde, aber sicher nicht von ihm stammt. Die Unechtheit wurde schon in der Antike erkannt.

Den Inhalt bildet ein fiktives Gespräch zwischen dem Philosophen Sokrates und dem sterbenskranken Politiker Axiochos. Erörtert werden die Furcht vor dem Tod und die Frage nach dem Fortleben der Seelen Verstorbener. Sokrates bemüht sich, dem Todkranken zur Überwindung der Todesfurcht zu verhelfen. Dabei setzt er Argumente unterschiedlicher Art ein, die teils auf einem materialistischen Weltbild basieren, teils auf der Annahme, dass es eine unsterbliche Seele gebe. Nur die letzteren Überlegungen erweisen sich als tröstlich.

Der unbekannte Verfasser lebte in der Epoche des Hellenismus. In der Frühen Neuzeit erfreute sich das Werk beträchtlicher Beliebtheit, da es einem verbreiteten Bedürfnis nach Trostliteratur entgegenkam. In der Moderne hingegen wird dem Autor angekreidet, dass er seinen Sokrates Argumente vorbringen lässt, die auf miteinander unvereinbaren Voraussetzungen beruhen.

Inhalt

Der fiktive Dialog spielt sich in Athen im Zeitraum 406–403 v. Chr. ab.Zur Datierung der fiktiven Handlung siehe Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 333. Anfangs tritt Sokrates als Erzähler auf, der von einer vergangenen Begebenheit berichtet, dann gibt er den Gesprächsverlauf nur noch in direkter Rede wieder.

Sokrates befindet sich auf dem Weg zum Kynosarges-Gymnasium. Beim Fluss Ilissos trifft er eine Gruppe von drei Bekannten: Kleinias, dessen Geliebten Charmides und den Musiklehrer Damon. Kleinias ist der Sohn des Axiochos, der ein Onkel des berühmten Staatsmanns Alkibiades ist.Zum historischen Axiochos siehe Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 63–66; Peter J. Bicknell: Axiochos Alkibiadou, Aspasia and Aspasios. In: L’Antiquité Classique 51, 1982, S. 240–250. Zum Ort der Begegnung siehe Marie-Françoise Billot: Le Cynosarges. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 2, Paris 1994, S. 917–966, hier: 950f.; Jackson P. Hershbell (Hrsg.): Pseudo-Plato, Axiochus, Chico 1981, S. 53; Irmgard Männlein-Robert u. a. (Hrsg.): Ps.-Platon: Über den Tod, Tübingen 2012, S. 60f. Er berichtet Sokrates, dass sein Vater dem Tode nahe ist, und bittet ihn, dem Verzagten Trost zu spenden. Die Gruppe eilt zum Haus des Axiochos. Sokrates findet den früher stolzen, mutigen Mann im Zustand der Verzweiflung vor. Nun beginnt der Dialog des Philosophen mit dem Todkranken, die anderen Anwesenden schweigen.Axiochos 364a–365a.

Sokrates leitet seine Ausführungen, die auf die Überwindung der Todesfurcht abzielen, mit zwei Argumenten unterschiedlicher Art ein. Das erste ist eine materialistische Überlegung. Ihr zufolge kann das Leid nur den betreffen, der da ist. So wie die Übel, die vor der Geburt eines Menschen vorhanden waren, ihm kein Leid verursacht haben, so betrifft ihn auch das, was ab dem Eintritt seines Todes geschieht, nicht mehr. Der Tod beendet alle Empfindungen und damit auch jedes Leid. Das zweite Argument ist die sokratisch-platonische Überzeugung, dass die Seele unsterblich sei und durch den Tod vom Körper befreit werde. Die beiden Gedankengänge basieren zwar auf gegensätzlichen Voraussetzungen, führen aber zum selben Ergebnis: Die Todesfurcht erweist sich als unangebracht, der Tod ist nicht beklagenswert.Axiochos 365a–366b.

Für einige anschließend vorgebrachte Erwägungen beruft sich Sokrates auf den Sophisten Prodikos von Keos, von dem er sie gehört habe. Prodikos habe eingehend dargelegt, dass das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tod eine Kette von Mühsalen, Nöten und Leiden aller Art sei. Daher sei ein früher Tod ein Zeichen besonderer Gunst der Götter. Das Elend des Lebens betreffe einfache Menschen – Tagelöhner, Handwerker, Seeleute und Bauern – ebenso wie die Angehörigen der Oberschicht, die sich in der Politik und Kriegsführung betätigten. Sogar berühmte Staatsmänner müssten überaus schmerzliche Demütigungen und Niederlagen erleiden und seien von der Gunst des Pöbels abhängig. Besonders hart sei das Schicksal derer, die das Greisenalter erreichten und die damit verbundene Hinfälligkeit erlebten. Sie hätten den Verlust der Sehkraft, des Gehörs oder der geistigen Fähigkeiten hinzunehmen.Axiochos 366c–369a.

Axiochos bestätigt aus seiner Erfahrung die Unerfreulichkeit des Lebens als Politiker. Sokrates erinnert ihn daran, dass das Dasein der materiell versorgten, die Politik gestaltenden Oberschicht als die beste Lebensform des Menschen gilt. Wenn sogar diese so leidvoll sei, müssten alle übrigen noch schlimmer sein. Zusätzlich führt Sokrates erneut das materialistische Argument an: Prodikos habe gesagt, der Tod gehe weder die Lebenden noch die Toten etwas an, denn für die Lebenden sei er nicht da und die Toten seien nicht mehr da, sobald er eingetreten sei. Axiochos zeigt sich jedoch von diesen Darlegungen unbeeindruckt. Er meint, es seien leere Worte, die seinen Kummer über den Verlust der Güter des Lebens nicht lindern könnten.Axiochos 369a–e.

Darauf geht Sokrates zu einem anderen Gedankengang über. Er begründet seine Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele mit dem Hinweis auf die gewaltigen Fähigkeiten des Menschen. Ein Wesen, das weit stärkeren Tieren überlegen sei und Meere überqueren, Städte erbauen, Staaten gründen und die Naturgesetze erforschen könne, müsse etwas Göttliches in sich tragen. Ein solches Wesen könne daher nicht sterblich sein. Vielmehr stehe denen, die ein gutes Leben geführt hätten, eine leidfreie Zukunft in einer paradiesischen Welt bevor. Sokrates illustriert seine Jenseitserwartung mit der Erzählung eines Mythos vom Totengericht. Damit gelingt es ihm, Axiochos aufzumuntern und in eine optimistische Stimmung zu versetzen.Axiochos 370b–372.

Verfasser und Entstehungszeit

Aus der Einbeziehung hellenistischen Gedankenguts und aus sprachlichen Besonderheiten ist klar ersichtlich, dass es sich nicht um ein Werk Platons handeln kann. Für die Abfassung kommt frühestens die Zeit um 300 v. Chr. in Betracht. Die meisten Altertumswissenschaftler setzen den Dialog ins 2. oder ins 1. Jahrhundert v. Chr. In der neueren Forschung besteht eine Neigung zur Spätdatierung.Siehe zur Datierung Irmgard Männlein-Robert: Einführung in die Schrift. In: Irmgard Männlein-Robert u. a. (Hrsg.): Ps.-Platon: Über den Tod, Tübingen 2012, S. 3–41, hier: 5–7; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 333f.; Jackson P. Hershbell (Hrsg.): Pseudo-Plato, Axiochus, Chico 1981, S. 10–21; Mark Joyal: Socrates as σοφὸς ἀνήρ in the Axiochus. In: Klaus Döring u. a. (Hrsg.): Pseudoplatonica, Stuttgart 2005, S. 97–117, hier: S. 97 und Anm. 4.

Über die Person des Verfassers lässt sich nichts Näheres ermitteln. Offenbar war er ein Rhetoriker ohne tieferes Interesse an Philosophie. Die echten Dialoge Platons waren ihm bekannt, denn an deren Vorbild knüpfte er formal und inhaltlich an.Mark Joyal: Socrates as σοφὸς ἀνήρ in the Axiochus. In: Klaus Döring u. a. (Hrsg.): Pseudoplatonica, Stuttgart 2005, S. 97–117, hier: 100–110. Im Unterschied zu den echten Dialogen wird aber im Axiochos nicht gemeinsam nach Wahrheit gesucht, sondern nur Belehrung erteilt und Trost gespendet. Das Werk gehört zur Gattung der Trostschriften. Neben der platonischen Seelenlehre hat der Verfasser vor allem eine epikureische Argumentation für seinen Zweck verwertet, ohne an der Unvereinbarkeit der beiden Ansätze Anstoß zu nehmen. Das platonische Unsterblichkeitskonzept steht unvermittelt neben dem materialistischen Gedanken der Epikureer, dass mit dem Tod alles endet. Auch stoischer und kynischer Einfluss ist erkennbar.Jackson P. Hershbell (Hrsg.): Pseudo-Plato, Axiochus, Chico 1981, S. 16–18; Tim O’Keefe: Socrates’ Therapeutic Use of Inconsistency in the Axiochus. In: Phronesis 51, 2006, S. 388–407, hier: 388–393. Manche Forscher vermuten, der Autor habe als Platoniker gegen den Epikureismus polemisieren wollen, denn er lässt seinen Axiochos die epikureische Argumentation als neumodisches Geschwätz verächtlich zurückweisen, die platonische Unsterblichkeitslehre hingegen am Schluss als echten Trost akzeptieren. Wenn dies zutrifft, ist es ein Indiz für Entstehung des Dialogs in der Frühzeit des Epikureismus um 300 v. Chr.Alfred E. Taylor: Plato. The Man and his Work, 5. Auflage, London 1948, S. 551f.; Jackson P. Hershbell (Hrsg.): Pseudo-Plato, Axiochus, Chico 1981, S. 2.

Mauro Tulli sieht in dem unbekannten Verfasser einen Angehörigen der Platonischen Akademie in hellenistischer Zeit. Dieser habe versucht, die Lehrinhalte des Platonismus dem geistigen Klima seiner Epoche anzupassen. Damals sei nicht mehr wie zu Sokrates’ und Platons Zeiten eine unablässige, ergebnisoffene denkerische Suche nach Wahrheit gefragt gewesen. Vielmehr habe man unter aussichtslos wirkenden Verhältnissen, die eine pessimistische Grundstimmung erzeugten, von der Philosophie nur noch Trost und Orientierung erwartet. Das Werk habe sich an Leser gerichtet, die im Leben keine Hoffnung mehr hatten und doch den Tod fürchteten.Mauro Tulli: Der Axiochos und die Tradition der consolatio in der Akademie. In: Klaus Döring u. a. (Hrsg.): Pseudoplatonica, Stuttgart 2005, S. 255–271. Vgl. Irmgard Männlein-Robert: Einführung in die Schrift. In: Irmgard Männlein-Robert u. a. (Hrsg.): Ps.-Platon: Über den Tod, Tübingen 2012, S. 3–41, hier: 7–9.

Rezeption mini|Der Anfang des Axiochos in der Erstausgabe, Venedig 1513 Da der Axiochos in der Antike als unecht galt, wurde er nicht in die Tetralogienordnung der Werke Platons aufgenommen. Der Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios führte ihn unter den Schriften auf, die übereinstimmend als nicht von Platon stammend angesehen wurden.Diogenes Laertios 3,62. Dennoch fand der Dialog erhebliche Beachtung, wie eine Reihe von Zitaten zeigt. Zu den wenigen Gelehrten, die an Platons Verfasserschaft glaubten, gehörte Johannes Stobaios, der den Axiochos ausgiebig zitierte.Siehe dazu Jackson P. Hershbell (Hrsg.): Pseudo-Plato, Axiochus, Chico 1981, S. 6.

Es ist kein antiker Textzeuge erhalten geblieben. Im Mittelalter war das Werk der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt des Westens nicht zugänglich. Im Byzantinischen Reich hingegen war es einer Reihe von Gelehrten bekannt. Die älteste erhaltene Handschrift stammt aus dem 9. Jahrhundert.Irmgard Männlein-Robert: Einführung in die Schrift. In: Irmgard Männlein-Robert u. a. (Hrsg.): Ps.-Platon: Über den Tod, Tübingen 2012, S. 3–41, hier: 39.

Nach seiner Wiederentdeckung im Zeitalter des Renaissance-Humanismus gehörte der Axiochos zu den geschätzten Schriften der Antike. In weiten Kreisen hielt man ihn sogar für ein echtes Werk Platons. Den frühneuzeitlichen Lesern kam es wie schon dem antiken Publikum auf die therapeutische, tröstende Wirkung angesichts des Todes an.Michael Erler: „Argumente, die die Seele erreichen“. Der Axiochos und ein antiker Streit über den Zweck philosophischer Argumente. In: Klaus Döring u. a. (Hrsg.): Pseudoplatonica, Stuttgart 2005, S. 81–95, hier: 81. Vgl. Jacques Chevalier: Étude critique du dialogue pseudo-platonicien L’Axiochos sur la mort et sur l’immortalité de l’âme, Paris 1915, S. 117–129 (mit Zusammenstellung einschlägiger Quellentexte).