Ikigai () ist frei übersetzt „das, wofür es sich zu leben lohnt“, „die Freude und das Lebensziel“.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Generell hat in der japanischen Kultur bedingt durch religiös-philosophische Überlieferungen die gründliche Selbsterforschung und die Suche nach dem Lebenszweck eine wichtige Bedeutung. Die Sinnfindung ist naturgemäß von Individuum zu Individuum sehr verschieden. Die japanische Ratgeberliteratur (ikikata no hon) hat hier das Konzept Ikigai entdeckt, das dem Sinnsuchenden Lebensfreude und damit innere Zufriedenheit vermitteln soll.

In den japanischen Medien werden häufig das landeseigene Selbstverständnis und die kulturelle Identität thematisiert. Demnach wird dort auch die Frage diskutiert, welche gesellschaftlichen Ideale als Grundlage für Ikigai dienen sollten, was man als Ikigai ansehen kann (und was nicht) und ob man Personen bei der Suche nach Ikigai in organisierter Weise anleiten sollte (oder nicht). Das Konzept Ikigai ist vor allem im Rahmen des neueren japanischen Sinnorientierungs- und Selbstoptimierungstrends ab den 1980er Jahren von Bedeutung, in denen auch der iyashi-Trend und der Trend zu einer neuen Spiritualität seinen Anfang nahm;

Entwicklung und Bedeutung des Begriffs Im Laufe der Zeit durchlief der Begriff Ikigai verschiedene Bedeutungen. Er taucht im Taiheiki bereits im 14. Jahrhundert auf, fand dann Verwendung in der Erzählung Kōjin (, 1912) von Natsume Sōseki und wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich auf Kaiser und Nation bezogen in dem Sinne, dass Ikigai auch gleichbedeutend war mit Shinigai (, „das, wofür es sich zu sterben lohnt“). Erst Mitte der 1960er-Jahre, als der Lebensstandard in Japan durch den ökonomischen Aufschwung eine Verbesserung erfuhr, setzte ein „Ikigai-Boom“ bei Büchern und in Zeitschriften ein, der bis heute anhält.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Ikigai kann zwei verschiedene Konnotationen haben, die man auch in dieser Differenzierung in der japanischen Literatur findet.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr). Einerseits sind es die bestimmten Interessensobjekte, Aktivitäten oder besondere Lebensumstände, die das Leben lebenswert machen (, ikigai taishō); in Folge visuelle Beispiele, die im Zusammenhang mit Ikigai erwähnt werden:

Andererseits bezeichnet Ikigai aber auch das Gefühl, diesen Zustand der Lebensfreude erreicht zu haben (, Ikigai kan). In dieser Bedeutung entspricht es aus westlicher Sicht einem subjektiven Wohlgefühl, das das Empfinden eines Sinngehalts des Lebens (eine Bestimmung) umfasst und dabei „die Freude lebendig zu sein“ einschließt,Christopher Peterson: The Good Life. Positive psychology and what makes life worth living. In: Psychology Today. 17. September 2008 (psychologytoday.com), abgerufen am 8. Februar 2013. etwa ähnlich dem Zustand, den Psychologen als gesunde Leidenschaft („Lebensinbrunst“) bezeichnen,R.J. Vallerand: On the psychology of passion: In search of what makes people's lives most worth living. In: Canadian Psychology. Band 49, 2008, S. 1–13. oder was im Französischen mit la joie de vivre und raison d’être umschrieben wird.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Der Einzelne für sich und in der Gruppe Verschiedene Autoren haben sich zu Ikigai geäußert, wobei sie es – je nach ihrem weltanschaulichen Standpunkt und damit verbundener Sicht auf die japanische Gesellschaft – entweder auf der Basis von Ittaikan (, ‚(Gruppen-)Zugehörigkeitsgefühl‘, ‚Einssein mit der Gruppe‘) oder auf der Basis von Jiko Jitsugen (, ‚Selbstverwirklichung‘) begründet sehen. Hamaguchi verwendete seit 1985 dafür die Begriffe kanjin, ein Mensch, dessen Identität in den Beziehungen zwischen ihm selber und anderen liegt, was der soziozentrischen japanischen Identität entspreche, und kojin, ein Mensch, der sich als autonomes Wesen verstehe, wie es häufiger in der westlichen Kultur vorkomme.Hamaguchi Esyun: A Contextual Model of the Japanese: Toward a Methological Innovation in Japan Studies. In: J. of Jap. Studies. Band 11, Nr. 2, 1985, S. 289–321. Dieses Selbstverständnis werde schon Kindern anerzogen: Während in Japan Kinder in allen Entwicklungsstufen shūdan seikatsu (, ‚Gruppenleben‘) lernen, werde im Westen mehr die Individualität der Persönlichkeit gefördert.Thomas P. Rohlen: Inside the Japanese system: Readings on Contemporary Society and Political Economy. Stanford University Press, 1988.

Beispiele verschiedener Sichtweisen Die klinische Psychiaterin Mieko Kamiya (1914–1979) vertrat die Meinung, dass Ikigai nicht nur in der Anpassung an eine soziale Rolle, beispielsweise als Mutter, gefunden werden kann. In ihrem Buch, das 1966 erschien und mittlerweile mehr als 12 Auflagen erreicht hat, weist sie darauf hin, dass es Menschen gibt, die ihre bisherige soziale Position bewusst aufgeben, um ein ganz anderes, ein neues Leben zu führen, beispielsweise indem sie einer Berufung folgend Missionar werden oder als Forscher Familie und Freunde zurücklassen, um in einem fremden Land mit einer fremden Kultur zu leben und zu arbeiten. Nach Kamiya sei Ikigai „absolut individuell“, sollte aus eigener Faszination heraus zum Ziel der eigenen Befriedigung gesucht und nicht nur als rein zweckmäßiger Gemeinnutz verstanden werden. Aus ihrer auch existenzialistisch geprägten Sichtweise sei Ikigai die Rechtfertigung für das Leben eines jeden einzelnen, wobei gerade auch das Wissen um die Vergänglichkeit aller materiellen und ideellen Güter, das Leiden und den eigenen Tod den Menschen in die Lage versetze, ein positives Gefühl für das Lebendigsein zu entwickeln.Kamiya Mieko: Ikigai ni tsuite. 1966.

Der Buddhist Nikkyō Niwano (1906–1999), Begründer der Organisation Risshō Kōseikai ( „Gesellschaft für Aufrichtung von Recht und mitmenschlichen Beziehungen“) und ein Verfechter von Ittaikan, sah vor allem die Familie und ihr Umfeld – und darin auch die externe Arbeit, die familieninterne Produktivität, Verantwortung, Freizeit, den Zusammenhalt und altruistische Opferbereitschaft – als die natürliche Quelle für Ikigai. In seinem unreferenzierten Traktat von 1969 schreibt er beispielsweise, dass auch Senioren in diesem Zusammenhang weiter aktiv zum gemeinschaftlichen Leben beitragen sollten und Nikkyō plädiert damit für ein demokratisches, (nicht militärisch) diszipliniertes Japan, in dem das Ikigai des Einzelnen vor allem durch seine Rolle in der Gruppe erwächst.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Der Psychiater Tsukasa Kobayashi (* 1929) unterstützt die Sichtweise von Kamiya, argumentiert aber in schärferem Ton gegen die konventionellen Normen der japanischen Gesellschaft. Viele Firmenangestellte verhielten sich wie Arbeitsroboter, die der Illusion erliegen würden, dass sie mit ihrem Tun ihre Familie, ihre Firma und Japan unterstützten und darin ihr Ikigai fänden. Doch am Ende des Arbeitsprozesses würden sie feststellen, dass sie problemlos ausgetauscht werden könnten und in Wirklichkeit kein echtes Leben geführt hätten. Ikigai sei nicht durch materielle Güter zu erreichen, sondern erfordere eine „Freiheit des Geistes“.Tsukasa Kobayashi: Ikigai to wa nanika. 1996. Ikigai werde nicht nur fälschlich mit „der Arbeit“ assoziiert, sondern auch irrtümlich gleichgesetzt mit beispielsweise „Gateball“ (, Gētobōru, einem beliebten Seniorensport), „Blumenzüchten“ oder dem „Schreiben von Haiku“;Tsukasa differenziert, dass im Falle von Masaoka Shiki, einem berühmten Haiku-Dichter des 19. Jahrhunderts, der seine Studien aufgab, um ausschließlich Haiku zu schreiben, und der, nachdem er in seinen letzten sieben Jahren an Tuberkulose litt und sogar noch auf seinem Sterbelager dichtete – er starb mit knapp 35 Jahren – und ein einzigartiges Werk hinterließ, „Haiku-Schreiben“ sehr wohl Ikigai sein könne. ersteres sei aber Hatarakigai (, das Gefühl, dass die eigene Arbeit es wert sei, getan zu werden), die anderen Beispiele seien Asobigai (, Spielereien, die die Zeit wert sind, die man mit ihnen verbringt). Aber Ikigai sei mehr: Auf der Basis menschlicher Lebenserfahrung und Erkenntnis sei es das Gefühl der Befriedigung von Wünschen und Erwartungen, von Liebe und von Glücklichsein – allein oder zusammen mit anderen Menschen –, also die Gesamtwahrnehmung des Wertes des (eigenen) Lebens.Kobayashi Tsukasa: Ikigai – jibun no kanōsei, kaikasaseru katei. Nihon Keizai Shinbun, 4. April 1990. Wie Kamiya vertritt damit auch Tsukasa eine eher westliche Sichtweise, in der er die japanische Gesellschaft wie ein von negativen Aspekten befreites Amerika sieht, ohne Gewalt, Drogen und Zynismus, in dem das Individuum – ohne Zwang durch die Gesellschaft – seinen eigenen Traum (er)leben kann.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Der Amerikaner Gordon Mathews, Professor für Anthropologie, verglich Anfang der 1990er Jahre die Präsentation und Wahrnehmung von Ikigai in den japanischen Medien und führte gleichzeitig vor Ort Interviews zu dem Thema durch. Er stellte fest, dass in Zeitschriftenartikeln und Büchern im Laufe der Zeit mehr und mehr Jiko Jitsugen in den Vordergrund rückte, während in seinen Interviews persönliches Ikigai stärker mit Ittaikan im Zusammenhang gebracht wurde. Mathews interpretiert dies in seinen Publikationen als eine langsame Veränderung der japanischen Gesellschaft, die aber individuell mit Verzögerung (lag phase) an- und wahrgenommen werde.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr).

Ikigai als Herausforderung im Ruhestand Seit einigen Jahrzehnten gibt es in japanischen Unternehmen Bestrebungen, älteren Mitarbeitern bei der Suche nach Ikigai zu helfen. Die Notwendigkeit dieser Unterstützung durch Arbeitgeber wird am Beispiel der „Shōwa-hitoketa-Männer“ () deutlich, die der Generation der etwa 1926 bis 1935 Geborenen entspricht. Diese Generation war es, die durch harte Arbeit und ohne viel Freizeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Basis für die später aufstrebende Wirtschaft Japans legte. Shōwa-hitoketa-Männer werden charakterisiert als „… können nicht tanzen, können nicht Englisch sprechen, wissen nur, wie man Befehle befolgt, essen alles auf, was man ihnen auf den Teller legt, und finden ihr Ikigai nur in der Arbeit“.Gordon Mathews: What Makes Life Worth Living? How Japanese and Americans Make Sense of Their Worlds. Kapitel 1, S. 12–26 (books.google.fr). Erreichen sie das Rentenalter und die vertraute Routine der Arbeit fällt weg, verlieren sie auch ihr Ikigai, sie neigen zu Depressionen und sie werden für ihr Umfeld – besonders für ihre Ehefrauen – zur Belastung. Dieses in der japanischen Gesellschaft oft diskutierte Phänomen wurde ebenso wie die japanische Taugenichtsfigur Hikikomori schon in der europäischen Literatur behandelt, etwa in Milena Flašars Roman Herr Katô spielt Familie (2018). Die Autorin beschäftigt sich anhand des Herrn Katô mit der Frage eines authentischen Lebens. Indem der Protagonist mehrere Fake-Existenzen durchspielt, kommt er dem Problemkreis Sinnkrise, Identitätssuche, Entfremdung und Vereinsamung näher.