mini|Hugh Scanlon (1977) Hugh Parr Scanlon, Baron Scanlon (* 26. Oktober 1913 in Melbourne; † 27. Januar 2004 in Broadstairs, Kent) war ein britischer Gewerkschaftsfunktionär und Life Peer.

Mit der Amalgamated Engineering Union leitete er von 1968 bis 1978 eine der größten Gewerkschaften des Vereinigten Königreichs und galt als einflussreiche Figur des linken politischen Spektrums. Konfrontationen mit den Regierungen von Harold Wilson und Edward Heath über geplante Einschränkungen von Gewerkschaftsrechten in einer ersten Phase stand dabei ab 1974 seine Zusammenarbeit mit den Labour-Regierungen von Wilson und James Callaghan im Zeichen eines Sozialvertrags gegenüber. Dass der ehemalige Kommunist und bekennende Marxist 1978 die Peerswürde akzeptierte, galt als überraschend und entfremdete ihn von früheren Weggefährten.

Leben Jugend und Beginn gewerkschaftlicher Arbeit Scanlon war der zweitgeborene Sohn von Hugh Scanlon, einem Raumausstatter, und seiner Frau Anne, geborene Prince. Das Ehepaar war 1911 von Salford in Lancashire nach Australien ausgewandert. Der Vater starb ein Jahr nach Hughs Geburt und die Mutter, hochschwanger mit einer Tochter, kehrte mit den beiden Söhnen um die Jahreswende 1914/1915 nach England zurück.Alastair J. Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Januar 2008, Online Edition, Januar 2011. Zugriff am 20. April 2013. Lord Scanlon. Nachruf des Telegraph vom 28. Januar 2004. Zugriff am 20. April 2013. Die Familie zog im Elternhaus der Mutter in Davyhulme nahe Manchester ein, wo sie in ärmlichen Verhältnissen lebte. Als Beschäftigte in einer Seifenfabrik musste Anne Scanlon hart arbeiten, um ihre drei kleinen Kinder aufziehen zu können. Diese Kindheitserfahrungen prägten Hugh ebenso wie der Einfluss des Großvaters, eines Mitglieds der Labour Party, der den Enkel zur Lektüre der Werke von Jack London und Upton Sinclair anregte.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography.

Scanlon besuchte die St Mary’s Church School in Davyhulme und dann die Stretford Elementary School in Stretford. Seine schulischen Leistungen waren mittelmäßig.Lord Scanlon. Nachruf des Telegraph vom 28. Januar 2004. In dieser Zeit trug er zum Lebensunterhalt der Familie bei, indem er Brot und Zeitungen auslieferte. Mit 14 Jahren fing er eine Lehre bei einem Instrumentenbauer an, dessen Werkstatt im großen Industriepark der Maschinenbauwerke Metropolitan-Vickers im südlich des Manchester Ship Canal gelegenen Trafford Park lag, wo Scanlon in den nächsten zwanzig Jahren arbeiten sollte. Als er 17 Jahre alt war, begann sein gewerkschaftliches Engagement durch Beitritt zur Amalgamated Engineering Union (AEU).Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Lord Scanlon. Nachruf des Telegraph vom 28. Januar 2004. 1935 wurde er Betriebsrat und schloss sich der League of Youth an, der damaligen Jugendorganisation der Labour Party.Lord Scanlon. Nachruf des Telegraph vom 28. Januar 2004. Bei Abendkursen des gewerkschaftlich organisierten National Council of Labour Colleges bildete er sich fort, konzentrierte sich dabei aber weniger auf Ingenieurwissenschaften als auf Aspekte, die ihm als Arbeitnehmervertreter nützlich sein würden – wirtschaftswissenschaftliches und betriebspsychologisches Wissen ebenso wie Redner- und Führungsqualitäten.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography.

Enttäuscht darüber, dass sich die Labour Party nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs gegen eine Einmischung in den Konflikt aussprach, brach er 1936 mit seiner Partei und schloss sich der Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB) an. Mit 30 Jahren stieg er zum 1. Sekretär des Betriebsrats der nunmehr als Associated Electrical Industries bezeichneten Maschinenwerke in Trafford Park auf und war jetzt in einer Vollzeittätigkeit der höchste Gewerkschaftsfunktionär für 6000 Arbeitnehmer. Im Jahr 1947 wurde er zum Cheforganisator aller Aktivitäten der AEU im Nordwesten Englands mit Sitz in Manchester.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Nachdem er bei den Wahlen 1945 in Stretford noch für sie kandidiert hatte, trat er 1954 aus der Kommunistischen Partei aus, vollzog diesen Schritt aber im Stillen und weigerte sich auch in späteren Jahren, sich öffentlich scharf von seinen ehemaligen Genossen abzugrenzen. Das nährte den Verdacht von Widersachern, er habe seine kommunistische Einstellung nicht wirklich aufgegeben.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Geoffrey Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004. Zugriff am 20. April 2013. Biographische Skizze auf der Webseite www.stuartthomson.co.uk. Zugriff am 21. April 2013.

Linker Gewerkschaftsführer Zeit der Konfrontation (1968–1974) Die AEU-Mitglieder wählten den 50-jährigen Scanlon 1963 als Vertreter des linken Gewerkschaftsflügels in den Vorstand. Die Gewerkschaft war in dieser Zeit ebenso von kräftigem Zuwachs bei Mitgliederzahlen und Selbstbewusstsein wie von Richtungskämpfen geprägt, die sich auch an der Frage entzündeten, wie auf die sich abzeichnende Krise in der britischen Maschinenbauindustrie reagiert werden sollte. Unter dem Vorsitz des Katholiken William Carron war die AEU rechts und antikommunistisch ausgerichtet. Die Wahl eines bekennenden Marxisten wie Scanlon in den Vorstand war daher kontrovers und führte zu einem langwierigen Rechtsstreit, den Scanlon jedoch in letzter Instanz gewann. Im Jahr 1968 forderte er Carron daraufhin erfolgreich bei der Wahl des Vorsitzenden heraus und trat dabei auch mit dem Versprechen an, der Lohnpolitik der von Harold Wilson geführten Labour-Regierung Widerstand leisten zu wollen. Dies stellte einen Bruch mit der bis dahin vorherrschenden Linie einer engen Zusammenarbeit der Gewerkschaften mit der Labour Party dar. Sein Aufstieg an die Spitze einer Gewerkschaft mit einer Million Mitgliedern galt in der Öffentlichkeit – je nach politischer Ausrichtung – als Hoffnungs- oder Schreckenssignal.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004. Biographische Skizze auf der Webseite www.stuartthomson.co.uk.

Er entwickelte sich in den folgenden zehn Jahren zu einem der profiliertesten Gewerkschaftsführer in Großbritannien, einer der letzten „Trade Union Barons“, bekannt – und in Arbeitgeberkreisen gefürchtet – für seine unnachgiebige Haltung in Verhandlungen über höhere Löhne, Renten und Krankengelder, gleiche Bezahlung für Frauen, bessere Arbeitsbedingungen sowie kürzere Wochenarbeitszeit und längeren Urlaub inklusive Zahlung von Urlaubsgeld.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004. Er gehörte von 1968 bis 1978 dem Generalrat des Gewerkschaftsdachverbands Trades Union Congress sowie dessen Ausschuss für Wirtschaft an. Von 1969 bis 1978 fungierte er zudem als Vizepräsident des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes und von 1974 bis 1978 als Präsident des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes. Biographische Skizze auf der Webseite www.stuartthomson.co.uk.

In Politik und Medien Großbritanniens griff während der 1960er Jahre parteiübergreifend die Überzeugung um sich, die Gewerkschaften des Landes seien zu mächtig und gefährdeten durch den häufigen Einsatz von Streiks die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem hinsichtlich der als strategisch wichtig angesehenen Automobilindustrie. Barbara Castle, Wilsons Staatssekretärin für Beschäftigung und Produktivität, regte daher 1969 in dem White Paper In Place of Strife eine Einschränkung des gewerkschaftlichen Streikrechts durch gesetzlich geregelte Friedenspflicht und Urabstimmungen an. Der Vorschlag spaltete das Regierungslager und Scanlon, der bei Eingriffen in die Tarifautonomie eine rote Linie überschritten sah, organisierte in Zusammenarbeit mit Jack Jones, ebenfalls linksgerichteter Generalsekretär der Transport and General Workers’ Union, den gewerkschaftlichen Widerstand, der die Regierung in arge Verlegenheit brachte.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004. Häufig zitiert ist ein angebliches Zitat von Premierminister Wilson, das während eines Treffens mit Scanlon in Chequers in dieser Zeit gefallen sein soll: „Zieh deine Panzer von meinem Rasen zurück, Hughie!“Im Original: „Get your tanks off my lawn, Hughie.“ Zitiert nach: Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004. Dass Castles Initiative schließlich scheiterte, wird oft mit den Protesten der Gewerkschaften in Verbindung gebracht – ebenso wie die Wahlniederlage der Labour Party im darauffolgenden Jahr. Die Partnerschaft von Scanlon und Jones, von rechten Presseorganen bevorzugt als „die schrecklichen Zwillinge“ („the terrible twins“) bezeichnet, hielt ein ganzes Jahrzehnt und stellte das markanteste Beispiel solch einer Zusammenarbeit zweier einflussreicher linksorientierter Gewerkschaften in Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg dar.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Goodman: Lord Scanlon of Davyhulme. Nachruf des Guardian vom 28. Januar 2004.

Erwartungsgemäß war die neue Tory-Regierung von Edward Heath noch entschlossener als die Vorgängerregierung, die Rechte der Gewerkschaften einzuschränken. Das Ergebnis war der Industrial Relations Act 1971, der unter anderem „wilde Streiks“ eindämmen sollte. Unter Führung von Scanlon und Jones organisierte sich der gewerkschaftliche Widerstand, der vor allem in einer Serie von eintägigen Proteststreiks bestand, die 1972 ihren Höhepunkt erreichten, als so viele Arbeitstage im Land verloren gingen wie seit dem Generalstreik von 1926 nicht mehr. Die Gewerkschaftsmitglieder ignorierten dabei oftmals einfach Bestimmungen des neuen Gesetzes, obgleich dies die Zahlung von Bußgeldern implizierte. Obwohl letztere sich schließlich allein für Scanlons (seit 1971 als Amalgamated Union of Engineering Workers, AUEW, firmierende) Gewerkschaft auf 140.000 Pfund häuften und Scanlon darüber Gefängnis drohte, weigerten sich die Gewerkschaften nachzugeben – mit Erfolg. Als die Labour Party 1974 zurück an die Regierung kam, erneut mit Harold Wilson als Premierminister, kam es zur Aufhebung des umstrittenen Gesetzes und das Bußgeld der AUEW wurde von anonym bleibenden Industriellen bezahlt.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography. Lord Scanlon. Nachruf des Telegraph vom 28. Januar 2004. Hatte die Forderung nach Bewahrung der Rechte der Gewerkschaften im Einklang mit einer langen Tradition gestanden, war das Phänomen der Betonung außerparlamentarischer Kräfte und Prozesse und des offenen Bruchs gültigen Rechts doch neu. Dies stärkte nochmals die Überzeugung insbesondere in konservativen Kreisen, eine Einschränkung der Macht der Gewerkschaften sei von höchster Dringlichkeit – ein Nährboden für den späteren Thatcherismus.Reid: Scanlon, Hugh Parr, Baron Scanlon (1913–2004). In: Oxford Dictionary of National Biography.

Kooperation im Zeichen des „Sozialvertrags“ (1974–1978)