mini|Das Gleichnis von der kostbaren Perle in einem byzantinischen Evangeliar, 11. Jahrhundert (Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. VI.23, fol. 28r)

Das biblische Gleichnis Von der kostbaren Perle gehört zum Sondergut des Matthäusevangeliums. Es schließt sich direkt an das Gleichnis vom Schatz im Acker an und ähnelt diesem in Aufbau und Aussage. Außerbiblisch findet sich das Perlengleichnis im Thomasevangelium (Logion 76).

Text Im Novum Testamentum Graece und in der Lutherbibel 2017 lautet dieses Gleichnis () folgendermaßen:

Exegese Sprachlich-narrative Analyse Das Gleichnis folgt direkt an das Gleichnis vom Schatz im Acker. Die Einleitung verweist jeweils auf das Reich Gottes („Himmelreich“). Die Handlungsabfolge stimmt in beiden Gleichnissen überein: finden – alles verkaufen – erwerben. Das Interesse des Erzählers gilt aber nicht dem Schatz bzw. der Perle, sondern dem Verhalten des Finders. Obwohl der Kaufmann gewohnheitsmäßig Perlen sucht, stößt er unerwartet auf die einzigartige Perle; daher ist dieser Fund für ihn ein einmaliges Erlebnis genauso wie der Schatzfund im vorigen Gleichnis.Peter Müller: Die Freude des Findens, Gütersloh 2007, S. 420 f.

Sozialgeschichtliche Analyse mini|Römerin mit Perlen und Schmuckkasten (Fresko, um 310, Museum am Dom Trier) Das mit „Kaufmann“ übersetzte griechische Wort bezeichnet einen Großhändler:Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band 1/2, Zürich und Neukirchen-Vluyn 1999, S. 353. Er importierte Waren aus fernen Ländern, vorzugsweise auf dem Seeweg – sei es, dass er selbst Schiffseigentümer war oder dass er ein fremdes Schiff nutzte. Er organisierte das Verladen im Hafen und gegebenenfalls den weiteren Transport. Den Verkauf an die Kunden übernahmen seine Geschäftspartner.Michael Ernst: „… verkaufte alles, was er besaß, und kaufte die Perle“ (Mt 13,46): Der emporos im Neuen Testament und in dokumentarischen Papyri, 1997, S. 39. Der émporos disponierte über große Summen und war oft auf eine bestimmte Ware spezialisiert.Michael Ernst: „… verkaufte alles, was er besaß, und kaufte die Perle“ (Mt 13,46): Der emporos im Neuen Testament und in dokumentarischen Papyri. 1997, S. 44 f.

Perlen waren in der Levante in vorhellenistischer Zeit unbekannt und kommen folglich in der Hebräischen Bibel nicht vor. Seit der Zeit Alexanders des Großen wurden Perlen meist aus Indien importiert, waren in der Elite höchst begehrt und Inbegriff des Kostbaren.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band 1/2, Zürich und Neukirchen-Vluyn 1999, S. 353. Nach der römischen Einnahme der Metropole Alexandria Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. nahm die Verfügbarkeit von Perlen im Mittelmeerraum stark zu, und nun sind auch spezialisierte Perlenhändler (margaritarii) bezeugt.Christian Münch: Pear, Pearls II. Greco-Roman Antiquity and New Testament. In: EBR, Band 23 (2024), Sp. 785.

Analyse des Bedeutungshintergrunds „Sowohl der Schatz als auch die Perle üben auf ihre Finder wegen ihres außerordentlichen Wertes eine Faszination aus, die zum Handeln führt.“Peter Müller: Die Freude des Findens, Gütersloh 2007, S. 422. In spätantiker jüdischer Literatur steht die Perle für etwas einmalig Kostbares: für die Tora, die Weisheit, die Seele, den Jerusalemer Tempel oder den Schabbat.Eric Ziolkowski: Pear, Pearls III. Judaism. In: EBR, Band 23 (2024), Sp. 786–790.

Weil der Kaufmann alles investiert hat, um sich die Perle zu sichern, besitzt er eben nur noch die Perle. Sein Großhandel ist am Ende; er muss mit der Perle irgendetwas anfangen – was, bleibt offen. Ernest van Eck nimmt an, dass Großhändler im ländlichen Palästina, wo er Erzähler und Leser verortet, einen schlechten Ruf hatten. Dafür verweist er auf zeitgenössische Quellen, unter anderem Jesus Sirach und Philon von Alexandria. Für den Perlenbesitzer, der keinen Großhandel mehr hat, eröffnen sich neue Optionen. Er könnte im Reich Gottes vom Outsider zum Insider werden.Ernest van Eck: When an outsider becomes an insider: A social-scientific and realistic reading of the Merchant (Mt 13:45–46). 2015, S. 7.

Zusammenschau Das zweimalige „alles verkaufen“ in den aufeinanderfolgenden Gleichnissen vom Schatz und von der Perle erinnert den Leser des Matthäusevangeliums an den Besitzverzicht, der im Zentrum der Bergpredigt steht () und laut von einem reichen Menschen, der Jesus nachfolgen möchte, gefordert ist.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (= Das Neue Testament Deutsch. Band 1 der Neubearbeitung), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 225. Dieses matthäische Grundthema schließt, so Ulrich Luz, weitere bildlich-metaphorische Dimensionen nicht aus.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band 1/2, Zürich und Neukirchen-Vluyn 1999, S. 353 f. Joachim Jeremias betont, dass der Besitzverzicht nicht als extreme Forderung bzw. als heroischer Entschluss verstanden werden sollte, sondern als ein Überwältigt-Werden von der Freude des Finders.Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. Göttingen 1998, S. 199.

Wirkungsgeschichte Spätantike Schon früh wurde Jesus Christus mit der kostbaren Perle identifiziert. Antike Anschauungen über die Entstehung von Perlen ließen sich nämlich auf die Inkarnation hindeuten. So las man im Physiologus, die Purpurmuschel trinke „herab den himmlischen Tau und den Strahl der Sonne und des Mondes und der Sterne und bringt so die Perle zustande aus den Lichtern von oben.“ Wie die Perle, so auch Christus, erläuterte Ephräm der Syrer († 373) mit Anklängen an den Aphrodite-Mythos.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band 1/2, Zürich und Neukirchen-Vluyn 1999, S. 355. Die Identifikation Christi mit der Perle hat in der syrischen Christenheit einen vergleichbaren Stellenwert wie in Lateineuropa das Motiv des Heiligen Grals.Eric Ziolkowski: Pear, Pearls IV. Christianity. In: EBR, Band 23 (2024), Sp. 797.

Origenes († 253 oder 254) verschmolz Informationen über Perlen aus dem Physiologus und der Naturalis historia des Plinius mit dem Gleichnis von der kostbaren Perle und dem Perlen-Logion . Er kam zu dem Ergebnis, dass Christus (= die eine kostbare Perle) aus den Worten (= Perlen) von Gesetz und Propheten im Alten Testament hervorgegangen sei, die aber nun ihren Wert verloren hätten. Die Christen seien die Perlenhändler, die gute Perlen finden und die alles daran setzten, die eine kostbare Perle zu erlangen.Eric Ziolkowski: Pear, Pearls IV. Christianity. In: EBR, Band 23 (2024), Sp. 798.

Hieronymus war in der Exegese oft ein Schüler des Origenes. Zu Mt 13,45−46 kommentierte er: „Das Gesetz, die Propheten und die Kenntnis des Alten Testaments, das sind gute Perlen. Eine aber ist die überaus kostbare Perle: die Kenntnis des Erlösers, des Geheimnisses (sacramentum) seiner Passion und des Geheimnisses (arcanum) seiner Auferstehung. Wenn ein Kaufmann, zum Beispiel der Apostel Paulus, diese Perle entdeckt, betrachtet er alle Geheimnisse (mysteria) und Gebräuche des Gesetzes und der Propheten, nach denen er bisher untadelig gelebt hatte, als bloßen Unrat und Abfall, weil er Christus gewinnen will.“Hieronymus: In Matthaeum, 2. Buch, CCSL 77, S. 113.1025-114.1035.

Mittelalter Hugo von Saint-Cher († 1263) schrieb, wie die Perle in der Muschel verborgen sei, werde Christus von jenen gefunden, die im verborgenen Kämmerlein bei geschlossener Tür zum Vater beten. Verborgen habe Christus auch nach seiner Geburt in einer Krippe gelegen.

Thomas von Aquin stellte in der Catena aurea (1260er Jahre) verschiedene Kirchenväter-Zitate zu Mt 13,45−46 zusammen, die er wie folgt einleitete: „Für die Predigt muss zweierlei vorhanden sein: die Abkehr von den weltlichen Beschäftigungen und die Wachsamkeit. Beide Eigenschaften kennzeichnen den Kaufmann. Außerdem ist die Wahrheit eine und ungeteilt, deshalb heißt es, eine einzige Perle sei gefunden worden.“

Für Nikolaus von Lyra († 1349) entsprachen die guten Perlen, die der Kaufmann suchte, den Tugenden; die kostbare Perle aber sei nach die Liebe. Um sie zu erlangen, solle man bereit sein, alles aufzugeben ().Gloss-e. gloses et commentaires de la Bible latine au Moyen âge

Frühe Neuzeit mini|Das Gleichnis von der köstlichen Perle (Domenico Fetti, 1600/1620, Kunsthistorisches Museum Wien) Das Perlengleichnis wurde von Mystikern im 16. Jahrhundert viel rezipiert.Eric Ziolkowski: Pear, Pearls IV. Christianity. In: EBR, Band 23 (2024), Sp. 804 f.

Am Anfang steht die anonyme Autorin der Evangelischen Perle (Die evangelische peerle, 1530er Jahre). Sie wird im Umkreis des St. Agnesklosters in Arnhem vermutet. Die kostbare Perle von Mt 13, 45−46, die diesem Klassiker der Frauenmystik den Namen gab, „verweist auf den verborgenen Schatz im Grund jeder Person: die potentielle mystische Union mit Gott. Das ganze Werk umkreist dieses Thema … Spirituelle Armut und ‚Gelassenheit‘ sind notwendig, damit Gott im Tiefsten der Seele geboren werden kann.“Kees Schepers: Arnheimer Mystik. In: Geist und Leben, Band 90(2017), S. 83-90, hier S. 86.

Die spanische Karmelitin Teresa von Ávila bezeichnete in ihrem Hauptwerk Las Moradas (1577) die menschliche Seele metaphorisch als „diese so strahlend schöne Burg, diese orientalische Perle, diesen Lebensbaum, der an den lebendigen Wassern des Lebens – das ist Gott selbst – gepflanzt ist“.Teresa von Ávila: Wohnungen der Inneren Burg. Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Ulrich Dobhan und Elisabeth Peeters. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2005, S. 87.

Ihr Zeitgenosse, der sächsische Pfarrer und Theosoph Valentin Weigel formulierte das Konzept der Gottesgeburt in der Seele so: „Es ist Gott in unß der Schatz, im Acker verporgen, das Perlein, das Senffkorn usw.“Hier zitiert nach: Peter Müller: Die Freude des Findens, Gütersloh 2007, S. 426.

Literatur Sara Kuehn, Christian Münch, Eric Ziolkowski: Pearl, Pearls. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception (EBR), Band 23 (2024), Sp. 782–836. Michael Ernst: „… verkaufte alles, was er besaß, und kaufte die Perle“ (Mt 13,46). Der emporos im Neuen Testament und in dokumentarischen Papyri. In: Protokolle zur Bibel. Band 6 (1997), S. 31–46. (PDF) Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. 11. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-53514-7, S. 197–199 (Digitalisat) Jacobus Liebenberg: The Language of the Kingdom and Jesus: Parable, Aphorism , and Metaphor in the Sayings Material Common to the Synoptic Tradition and the Gospel of Thomas (= Beihefte zur Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft. Band 102). De Gruyter, Berlin / New York 2001, S. 244–257. Gerhard Lohfink: Die vierzig Gleichnisse Jesu Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2. Auflage 2020, S. 65–73 [= Kapitel II,3: Der Schatz im Acker und die Perle]. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (= Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band 1/2). 3. Auflage. Benziger, Zürich und Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1999, S. 348–356. Peter Müller: Die Freude des Findens (Vom Schatz im Acker und von der Perle) – Mt 13,44.45f. (EvThom 76; 109). In: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, S. 420–428. (PDF mit abweichender Seitenzählung). Bruno Planty: La parabole de la perle (Mt 13,45–46): Quand un marchand découvre ce qu'il savait déjà. In: Etudes théologiques et religieuses. Band 95, 2020, S. 687–699. Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05200-4. Ernest van Eck: When an outsider becomes an insider: A social-scientific and realistic reading of the Merchant (Mt 13:45–46). In: HTS Theological Studies. Band 71, 2015 ( PDF).

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Anmerkungen

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