mini|Günter-Grass-Haus (Fassade) (2008) Das Günter-Grass-Haus ist ein Gebäude und Museum in der Lübecker Altstadt, das dem literarischen, malerischen und plastischen Schaffen des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gewidmet ist, der im Alter bei Lübeck lebte. Träger des im Oktober 2002 eröffneten Hauses ist die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck.
Einrichtung Das Günter-Grass-Haus wurde als Forum für Literatur und bildende Kunst im Jahr 2002 in der Glockengießerstraße 21 in Lübeck eröffnet. Der Schwerpunkt des Museums ist die Erforschung und Vermittlung des Zusammenwirkens von Literatur und bildender Kunst in Grass’ Werk. mini|Skulpturenhof mit den Grass-Plastiken Der Butt im Griff und Sieben Vögel (2014)
Der 1927 in Danzig geborene Schriftsteller, Grafiker, Maler und Bildhauer lebte von 1986 bis zu seinem Tod 2015 in der Nähe der Hansestadt in Behlendorf, sein Sekretariat und sein Archiv befanden sich seit den 1990er Jahren im selben Gebäude der Glockengießerstraße.Das Günter-Grass-Haus in Lübeck. In: Hamburger Abendblatt, 24. April 2015. Trotz der räumlichen Nähe zu seinem Namensgeber arbeitete das Günter-Grass-Haus wissenschaftlich unabhängig. Die Leitung hatten in den ersten Jahren die Kunsthistoriker Kai Artinger und Stefanie Wiech inne. Auf Wiech folgte 2009 der Germanist und Historiker Jörg-Philipp Thomsa als Museumsleiter.Ein Grenzfall – das Günter Grass-Haus. In: Anna Rebecca Hoffmann: An Literatur erinnern. Zur Erinnerungsarbeit literarischer Museen und Gedenkstätten. Transcript Verlag, Bielefeld 2018, S. 380–388, ISBN 978-3-8376-4308-4. Michael-Müller-Verlag, abgerufen am 2. November 2019 (Interview).
Nach Grass’ Tod veranstaltete das Günter-Grass-Haus in Kooperation mit dem Steidl Verlag die zentrale Gedenkveranstaltung, die am 10. Mai 2015 im Theater Lübeck im Beisein des Bundespräsidenten Joachim Gauck stattfand. Die Hauptrede hielt der Schriftsteller John Irving. Helene Grass und Mario Adorf lasen Gedichte des Verstorbenen.Emotionaler Abschied von Günter Grass. In: NDR.de, 10. Mai 2015; Abschied mit Wehmut und Respekt. In: N-TV.de, 10. Mai 2015.
Anlässlich des 90. Geburtstags von Günter Grass richtete das Günter Grass-Haus am 28. November 2017 in der Lübecker Musik- und Kongresshalle eine Festveranstaltung mit Salman Rushdie aus, der mit dem Literaturnobelpreisträger befreundet war. Die Teilnehmer des von Günter Grass gegründeten Lübecker Literaturtreffens Dagmar Leupold, Eva Menasse, Benjamin Lebert, Fridolin Schley und Tilman Spengler lasen aus dem Roman Ein weites Feld.
Träger des Hauses ist die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck.Leiter des Grass-Hauses: „Wir wollen aufklären“. In: Focus Online, 24. April 2015. Der Freundeskreis Günter-Grass-Haus e. V. unterstützt und fördert die Arbeit des Museums. Mitglieder des Freundeskreises sind neben Bürgern Lübecks auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie u. a. Mario Adorf, Björn Engholm, Günter Netzer, Eva Menasse, Gerhard Schröder, Klaus Staeck, Frank-Walter Steinmeier, Volker Schlöndorff, Denis Scheck und Ulrich Wickert.
Standort Der Gebäudekomplex mit zwei sanierten Altstadthäusern in der Glockengießerstraße befindet sich unterhalb der Katharinenkirche. Die Gestaltung übernahm der Lübecker Architekt Thomas Schröder-Berkentien in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Studio Heller. Auf zwei schmalen 50 Meter langen Parzellen mit einem mittelalterlichen Innenhof befinden sich das Vorder- und das Hinterhaus mit der eigentlichen Ausstellungsfläche.Den Butt im Griff, Baunetz.de, 21. Oktober 2002, abgerufen am 3. November 2019. Im Innenhof sind im Skulpturengarten Bildhauerarbeiten von Grass wie die Skulptur Der Butt im Griff zu sehen. Jedes Jahr im Sommer findet hier ein großes Kinderfest mit wechselnden Themen sowie die Lübecker Museumsnacht statt. Über den hinteren Museumsgarten, in dem ebenfalls Plastiken von Günter Grass zu sehen sind, besteht eine Verbindung mit der Außenstelle der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in der Königstraße, dem 2007 eröffneten Willy-Brandt-Haus Lübeck.
Ausstellung mini|Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa mit Ute und Günter Grass (2014) Die Sammlungsausstellung wurde im Jahr 2012 komplett überarbeitet. In: Zeit Online, 15. Oktober 2012; Günther Grass verteidigt sein Israel-Gedicht. In: Focus Online, 15. Oktober 2012. Unter dem Titel „Das Ungenaue genau treffen“ bietet sie seitdem Einblicke in den Schaffensprozess des Künstlers und zeigt Verbindungslinien in seinen Wort- und Bildwelten auf. Die Schau beleuchtet in fünf Ausstellungselementen zum Teil weitestgehend unbekannte Facetten aus Grass’ Leben und Werk. Aktuell sind folgende Themenkreise zu sehen: Der Nationalsozialismus und seine Folgen, Politisches Engagement, Skandale, Literatur und bildende Kunst sowie Grass und die Religionen. Eines der Elemente wird jährlich zu Grass’ Geburtstag im Oktober ausgetauscht. Die Besucher können am Ende des Rundgangs darüber abstimmen, welcher Aspekt aus seinem Leben und Werk künftig in der Ausstellung gezeigt werden soll. In einem digitalen Archiv können die vergangenen Ausstellungselemente entdeckt werden, die das Publikum in den letzten Jahren selbst bestimmte. Dies waren „Sexualität im Werk von Günter Grass“ (2013), „Grass als Soldat“ (2014), „Grass und die Ostsee“ (2015), „Grass und die Kochkunst“ (2016), „Grass und die Religionen“ (2017), „Grass und Brandt“ (2018) und „Grass und der Wald“ (2019).
Sammlung Für die interdisziplinäre Forschung steht dem Museum eine Sammlung mit mehr als 1.400 originalen Zeichnungen, Lithographien, Aquarellen und Radierungen sowie zahlreichen Manuskripten aus dem Nachlass des Künstlers zur Verfügung. 2016 wurde der gesamte Sammlungsbestand digitalisiert.Archiv des Günter-Grass-Hauses künftig auch digital nutzbar. In: Focus, 24. Juni 2016.
Im Mai 2018 erwarb das Günter Grass-Haus 33 frühe Bilder von Günter Grass aus dem Bestand der Günter und Ute Grass Stiftung. Zum angekauften Konvolut gehören Aktstudien, Porträts, Aquarelle, Tuschezeichnungen und ein Druck des vermutlich einzigen Holzschnitts des Künstlers.https://www.zeit.de/news/2018-05/31/grass-haus-in-luebeck-erwirbt-bilder-von-guenter-grass-180531-99-531616
Mit Mitteln aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Possehl- und von Keller-Stiftung erwarb das Museum im Dezember 2020 die vollständigen Manuskriptfassungen der autobiografischen Werke „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und „Die Box. Dunkelkammergeschichten“ (2008) von der Günter und Ute Grass Stiftung.
Nachlass
Aus Grass’ Nachlass in seinem letzten Wohnsitz in Behlendorf kaufte das Grass-Haus 2026 für 30.000 Euro rund 800 Objekte für seine Sammlung an. Dazu gehören sein Reisepass aus den 1980er Jahren, der seine Reisen nachvollziehbar macht, sein Malkoffer, eine rostige Schere, die häufig in seinen Bildern auftaucht, ein Krug mit selbst gesammelten Federn, die er zum Malen benutzte, Bildhauerwerkzeug und seine Tabakspfeifen, seine fleckige Kochmütze, ein gerahmtes Porträt seiner Mutter und Kuriositäten wie getrocknete Amphibien, Tierzähne und ein Elchschädel. Die Gegenstände wurden digitalisiert, ab 2027 sollen sie ausgestellt werden. Die Bibliothek mit rund 4500 Bänden erhielt das Grass-Haus als Schenkung. Die Mittel für den Ankauf und die Konservierung des Nachlasses stammen aus 1,9 Millionen Euro Förderung des Bundes, mit denen außerdem die Ausstellungsflächen saniert und ein Seitenflügel umgebaut wird, in dem die Bibliothek untergebracht werden soll.
Digitales Mithilfe modernster Technologien erweckt die Virtual Reality-Anwendung „Inside Blechtrommel. Ein Literaturerlebnis“ den weltberühmten Roman von Günter Grass zum Leben. Die Besucher erleben aus der Perspektive des dreijährigen Oskar Matzerath die zentralen Motive der Handlung und erfahren mehr über die Entstehungsgeschichte des Debütromans von Günter Grass.
Mit der Augmented Reality-Tour Tatort Gerresheim. Oskar Matzerath und die verschwundene Krankenschwester lösen die Nutzer einen Kriminalfall aus dem dritten Teil der „Blechtrommel“, indem sie an neun verschiedenen Stationen mit den Exponaten des Museums interagieren.
Im Dezember 2020 erweitert das Museum seine digitalen Angebote mit einem virtuell begehbaren Archiv mit insgesamt 48 interaktiven 3D-Animationen. Darin präsentieren Persönlichkeiten wie Nina Hoss, Ranga Yogeshwar, T. C. Boyle, Anna Thalbach, Jan-Josef Liefers, Johann Lafer u. v. m. die Werke aus dem Sammlungsbestand und liefern Hintergrundinformationen über die Entstehungsprozesse der Grafiken, Skulpturen und Manuskripte von Günter Grass. mini|Kosmos Grass
Sonderausstellungen Das Museum präsentiert zudem in einer Sonderausstellungsreihe andere Künstler, die wie Grass in mehr als einer Disziplin arbeiteten oder noch arbeiten. Zu den Doppel- und Mehrfachbegabungen, die das Haus bisher gezeigt hat, zählen Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse, Wilhelm Busch, Friedrich Dürrenmatt, Gottfried KellerBundesweit erste Ausstellung über Gottfried Keller als Maler. In: Die Welt, 26. April 2012., Arno SchmidtStefan Diebitz: Arno Schmidt. Der Schriftsteller als Fotograf. In: Portal Kunstgeschichte, 22. Juli 2011., Ernst BarlachMatthias Gretzschel: Mythos Frau. Zwei Ausstellungen thematisieren Ernst Barlachs Kunst und Dichtung in Lübeck. In: Hamburger Abendblatt, 22. Februar 2011., JanoschRedaktion KinderZEIT: 1 Janosch + 2 Stifte = 1 schwarzgelbe Tigerente. In: Zeit Online, 10. März 2010., Robert Gernhardt, John Lennon In: NDR, 1. Juli 2013., Markus LüpertzStefan Grund: Poetisch gefärbte Skulpturen im Günter-Grass-Haus. In: Hamburger Abendblatt, 5. Juli 2013., Cornelia Funke In: Zeit Online, 23. April 2014; Katja Weise: In: NDR.de, 24. April 2014; Drachen, Feen und Fabelwesen. In: RTL Nord, 24. April 2014; Tilman Spreckelsen: Cornelia-Funke-Ausstellung. Die wilden Märchenhelden malt sie selbst. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juni 2014., Winston ChurchillDie unbekannte Seite von Winston Churchill. In: DW.com, 13. November 2016. und Joachim Ringelnatz.
In der Sonderausstellung „Don’t fence me in. Frühe Bilder von Günter Grass“ zeigte das Günter Grass-Haus zum ersten Mal Werke des Künstlers in der Öffentlichkeit, die 2013 durch Zufall entdeckt worden waren.Günter Grass’ verschollene Werke. In: NDR.de, 30. März 2016. Die Zeichnungen, Aquarelle und Plastiken hatte Grass als Steinmetzpraktikant und Kunststudent in Düsseldorf angefertigt.Grass im Schuppen. In: NDR.de, 31. März 2016.
Die Sonderausstellung „Verschiedene Ansichten. Böll und Grass“ eröffnete die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2015, Swetlana Alexijewitsch, am 21. Februar 2017.
2018 präsentierte das Museum zum ersten Mal in Deutschland Fotografien des Literaturnobelpreisträgers und Oscar-Gewinners George Bernard Shaw.
Von Oktober 2018 bis Februar 2019 zeigte das Forum für Literatur und bildende Kunst die Ausstellung „Grass in Farbe. Aquarelle von Günter Grass“. Die Arbeiten stammten hauptsächlich aus der Sammlung des Hauses.
Von Februar bis August 2019 verwandelte Jonathan Meese das erste Obergeschoss des Museums in ein Gesamtkunstwerk. In der Ausstellung unter dem Titel „GROSSVATER / GOLD“ zeigte der Künstler im Günter Grass-Haus zahlreiche Gemälde, Plastiken und Schriften. Die Ausstellung war Teil eines Gesamtprojekts in Lübeck, an dem die Kunsthalle St. Annen, die Overbeck-Gesellschaft, die St.-Petri-Kirche und die Kulturwerft Gollan mitwirkten.
Die Sonderausstellung „Grass, Kehlmann und die Welt des Barocks“ thematisierte die Bedeutung des Barocks im Werk von Günter Grass und Daniel Kehlmann (Tyll). Anlass war der 40. Geburtstag der Erzählung Das Treffen in Telgte von Günter Grass, Christiane Paul und Daniel Kehlmann eröffneten die Ausstellung am 26. August 2019 im Theater Lübeck.
Unter dem Titel „Günter Grass: Mein Fußballjahrhundert“ präsentierte das Günter Grass-Haus in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußballmuseum von März bis September 2020 eine Schau über die wenig bekannte Fußball-Leidenschaft des Literaturnobelpreisträgers.