mini|hochkant|Nordwestseite der Kirche mini|hochkant|Südseite der Kirche mit Schießscharten im 2. und 3. Turmgeschoss Die evangelisch-lutherische Kirche St. Michaelis in Oberkleen, einem Ortsteil von Langgöns im Landkreis Gießen (Hessen), ist eine barocke Saalkirche, die im Jahr 1769 fertiggestellt wurde. Die originale Ausstattung ist zum großen Teil erhalten, darunter die mit hölzernem Schnitzwerk verzierte Kanzel und 25 Brüstungsgemälde von Daniel Hisgen. Aus dem 15. Jahrhundert ist der Westturm, ein spätgotischer Wehrturm, erhalten, dessen Spitzhelm von vier Wichhäuschen flankiert wird. Die Kirche prägt das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 340.
Geschichte mini|Turmhalle mit Treppenaufgängen zur Empore mini|Innenraum Richtung Westen Kirchlich gehörte Oberkleen ursprünglich zum Parochialverband (Pfarrei) Großen-Linden und damit zum Dekanat Wetzlar im Archidiakonat St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 202. Die Oberkleener mussten für Gottesdienste und Kasualien die Wegstrecke von 25 km zur Großen-Lindener Kirche auf sich nehmen. Dort fand auch das Sendgericht statt.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 14. Oberkleen hatte nach 1235 und vor 1347 eine eigene Kirche. Urkundlich wird am 6. Juni 1347 ein „BURGHARDUS pastor in superiori CLEYN“ namentlich genannt.Heimat- und Geschichtsverein Oberkleen e. V.: Präsentation des 3. Oberkleener Heimatheftes, abgerufen am 26. März 2018. Cleeberg war bis 1748 eine Filialkirche von Oberkleen, die jedoch um ihre Eigenständigkeit kämpfte. Die Herrschaft von Burg Cleeberg besuchte die Kirche in Oberkleen und die letzte Nachfahrin Philippa Riedeselin fand dort ihre letzte Ruhestätte.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 21. Eine Urkunde aus dem Jahr 1355 bezeugt, dass Oberkleen dem Patronat der Ganerben von Cleeberg unterstand.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 339. Die Kapelle in Cleeberg hatte zu dieser Zeit zwar einen eigenen Kaplan, gehörte aber weiterhin zur Mutterkirche in Oberkleen.
Das Patrozinium St. Michael, das sich auf den Erzengel Michael bezieht, ist zum ersten Mal 1669 und mehrfach im 18. Jahrhundert bezeugt. Im Mai 2009 beschloss das Presbyterium, den eingebürgerten Namen wieder zu führen.
Zwischen 1450 und 1500 wurde der Wehrturm errichtet.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 724. Der ebenerdige Turmraum diente gottesdienstlichen Zwecken, während die beiden Obergeschosse zur Verteidigung und Zuflucht dienten.ebersgoens.de: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen, abgerufen am 19. April 2013. Der Turm wurde, fränkischer und thüringischer Tradition folgend, nicht westlich, sondern östlich an die alte Pfarrkirche angebaut. Ein Durchgang bildete die Verbindung zwischen beiden Gebäuden.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 24 f.
Im Amt Cleeberg wurde 1531/1532 die Reformation eingeführt. Pfarrer Johann Wißbach konvertierte vom katholischen Glauben und wurde erster evangelischer Pfarrer. Sein Nachfolger Michael Weishuhn diente der Gemeinde von 1540 bis 1572. Der Turm wurde im Jahr 1699 repariert. Als die bürgerliche Gemeinde, die schon im 17. Jahrhundert die Baupflicht hatte, sich weigerte, dem Uhrmacher den Arbeitslohn zu zahlen, wurde sie „wegen dieser Gelder mit harter Execution angegrieffen, der Gemeind Vorstehern das Viehe aus denen Ställen gezogen und in Arrest gestellet“.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 551.
Erst im Jahr 1748 und endgültig 1765 mit der Erhebung zur eigenständigen Pfarrei erlangte Cleeberg seine kirchliche Unabhängigkeit von Oberkleen, als man sich an den Kosten für den Neubau des abgängigen und zu klein gewordenen Kirchenschiffs in Oberkleen nicht beteiligen wollte. Über Alter und Architektur der ersten Pfarrkirche ist nichts bekannt. Der Vorgängerbau, dessen Steine möglicherweise beim Neubau im Osten wiederverwendet wurden, wurde 1767 abgerissen.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 26, 36. Während der Übergangszeit fanden die Gottesdienste im Turm statt. Das neue Kirchenschiff wurde 1769 fertiggestellt und am 7. Oktober 1770 eingeweiht.
Eine neue Orgel wurde 1834 fertiggestellt. Über das Vorgängerinstrument liegen keine genauen Angaben vor. Das Kirchenschiff wurde 1868 neu gestrichen. Im Jahr 1883 fand eine Innenrenovierung statt. Nach dem Ersten Weltkrieg stifteten Familienangehörige zum Gedenken an die Gefallenen ein Bleiglasfenster neben der Kanzel.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 84, 90.
Nach dem Zweiten Weltkrieg feierten die Katholiken des Ortes, deren Anzahl durch Heimatvertriebene stark gestiegen war, in St. Michael die Messe, bis 1960 die katholische Kirche Maria Königin errichtet wurde.
Im Jahr 1955 wurden Kirchenschiff und Kirchturm neu schiefergedeckt, 1956 wurde die Kirche renoviert. Die Rundbogenfenster hatten ursprünglich bleiverglaste sechseckige Fensterscheiben, die durch rechteckige in leichter Brauntönung ersetzt wurden. 1983 erfolgte eine Außenrenovierung, 1984 eine Innenrenovierung der Kirche mit der Wiederherstellung der grünen Farbtöne. Die Turm wurde zwischen 2002 und 2005 für rund 145.000 Euro umfassend saniert.ebersgoens.de: Abschluss der Kirchturmsanierung in Oberkleen, abgerufen am 19. April 2013.
Seit 1963 sind die evangelischen Gemeinden Oberkleen und Ebersgöns pfarramtlich verbunden.Frank Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. Wetzlars Kirchengeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Tectum, Marburg 2009, ISBN 978-3-8288-9950-6, S. 27. Oberkleen fusionierte zum 1. Januar 2021 mit Dornholzhausen und Niederkleen zur Evangelischen Kirchengemeinde Kleebachtal.
Architektur mini|Grundriss, links oben die Sakristei und der runde Treppenturm mini|Turmgewölbe mit spätgotischen Deckenmalereien Der mächtige Westturm über einem quadratischen Grundriss von 9 × 9 Metern hat eine Höhe von 30 Metern bis zum Turmknopf und 34,20 Metern bis zum Hahn. Der ungegliederte Turmschaft ist aus hiesigem Kalkstein-Bruchstein mit vereinzelter Eckquaderung aus Lungstein massiv aufgemauert. Der wehrhafte Chorturm ist dreigeschossig und hat 1,5 Meter mächtige Außenmauern. Die waagerechten Schießscharten an drei Seiten sind erhalten, ebenso die spitzbogigen Pforten, zu denen früher Leitern den Zugang ermöglichten. Im dritten Geschoss sind auf der Nord- und der Westseite die Zifferblätter der Turmuhr angebracht. Die beiden Maßwerk-Zwillingsfenster in der südlichen Turmwand mit unregelmäßigem Lungstein-Gewände wurden nachträglich durchgebrochen. Im hölzernen, achtseitigen Spitzhelm ist die Glockenstube mit einem Vierergeläut untergebracht. Die kleinen Gauben mit Dreiecksgiebeln dienen als Schalllöcher. Der verschieferte Helmaufbau ist von vier kleinen Wichhäuschen umgeben, die 1955 neu verschiefert wurden. Die schlanken Spitzhelme sind von einer Kugel bekrönt. Ein fehlendes Wichhäuschen an der Südseite wurde 1899 erneuert.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 32.
Das Westportal von 1768 dient als Haupteingang und enthält noch die barocken Türblätter aus Eichenholz. Ein Relief im oberen Sandsteingewände aus grünlichem Anröchter Grünsandstein zeigt zwei Löwen und zwei dreiblättrige Kleeblätter, das Wappen derer von Cleen. Ein hölzerner Vorbau hat einen verschieferten Schopfwalm.
An der Nordseite sind eine kleine Sakristei mit Kreuzgratgewölbe und ein halbrunder Treppenturm angebaut, der zum ersten Turmgeschoss führt. Der ursprüngliche Sakralraum in der Turmhalle besteht aus zwei Jochen mit gurtlosem Kreuzgratgewölbe auf Konsolen, das in einem figürlichen Schlussstein endet. Eine spitzbogige Tür mit einer Eichentür ermöglicht den Zugang zur Sakristei.
Die geostete Saalkirche aus Bruchstein ist 17,80 × 12,10 Meter groß; die Mauern sind 1,20 Meter mächtig. Sie ist von einem Satteldach abgeschlossen, das an jeder Seite mit fünf kleine Gauben trägt. Das Schiff ist durch hohe rundbogige Fenster und einen dreiseitigen Ostabschluss geprägt. Nord-, Ost- und Südseite haben je drei Fenster. Die mittleren Fenster der beiden Langseiten setzen in halber Höhe an um Platz für die darunter liegenden Portale frei zu halten. Von den beiden Portalen an den Langseiten ist gegenwärtig nur das nördliche geöffnet; das Südportal mit Segmentbogen, über dem sich das Christus-Fenster befindet, ist zugemauert.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 36.
Ausstattung mini|Ostteil des Innenraums mini|Christi Himmelfahrt als Deckengemälde mini|hochkant|Kanzel neben dem Christus-Fenster Auf die gottesdienstliche Funktion des Eingangsraums im Turm weisen die Piscina an der Ostseite, die Sakramentsnische aus gotischer Zeit mit dem AllianzwappenDehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 725. der Isenburger und Nassauer Grafen und die Nischen in der Nord- und Südwand für die Ministranten hin. An diesen beiden Wänden befinden sich fünf Weihekreuze aus vorreformatorischer Zeit. Die Grabplatte von Philippa Riedeselin liegt in der ehemaligen Sakristei. In den Turm wurde 1768 eine zweiläufige Eichentreppe eingebaut. In die Querbalken, die vielleicht aus der abgerissenen Pfarrkirche übernommen wurden, ist der Bibelvers eingeritzt:Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 63 f. „[Es ist dir gesa]GT MENSCH WAS GVT IST VNDT WAS DER HE[rr von dir fordert, nämlich Gottes Wort hal]TEN LIEB VBEN VNDT DEMVTIG SEIN FVR DEIN[em Gott].“ Aus der Zeit der Kirchenneubaus datiert auch die Bemalung der Fensterumrahmung. Seit 2006 ist dort das barocke Vortragekreuz aufgestellt, dessen Christusfigur möglicherweise aus der Romanik stammt. Über dem Westportal befinden sich Reste eines Schriftzugs mit den Bibelworten aus (um 1770). Links neben den Schriftzug wurde im Jahr 2003 im Zuge der Kirchturmsanierung der Bibelvers auf die Wand gemalt. Auf dem Türblatt der Innentür zum Treppenturm ist ein Bundschuh eingeritzt, vom 13. bis 15. Jahrhundert Symbol der bäuerlichen Bundschuh-Bewegung.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 58 f.
Die barocke Ausstattung des Kirchenschiffs ist weitgehend erhalten und wird von verschiedenen Grüntönen dominiert. In vier Ecken ist die Decke mit Rocaillen bemalt. Das ovalförmige Deckengemälde in bäuerlicher Malerei von Daniel Hisgen aus der Erbauungszeit der Kirche (1770) stellt Christi Himmelfahrt dar. In volkstümlicher Malweise zeigt es zentral Christus mit ausgebreiteten Armen in einem Wolkenkranz. Am linken Bildrand kauert die Gruppe der elf Apostel auf einer Anhöhe zusammen. Zwei Engel in weißen Gewändern ohne Flügel belehren die Apostel und zeigen auf Christus. Bernd Beierlein restaurierte im Jahr 2003 Deckengemälde samt Rocaillen.Uta Barnikol-Lübeck: Bilder von Daniel Hisgen machen biblische Geschichten anschaulich, abgerufen am 21. September 2020. Die an drei Seiten umlaufende hölzerne Empore ruht auf balusterförmigen Säulen. An der Brüstung haben 25 Ölgemälde von Daniel Hisgen (1770) mit biblischen Darstellungen im Stil des Rokoko die Themen von der Schöpfung bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes zum Gegenstand.Glaum: Die evangelische St. Michaelis Kirche zu Oberkleen. 2015, S. 78. 13 Bilder zeigen Szenen aus dem Alten Testament (Adam und Eva, Erzväter, Mose, David, Elija und Daniel). 11 von 12 Bildern zum Neuen Testament stellen Szenen aus dem Leben Jesu (Verkündigung des Herrn bis zur Auferstehung) dar. Sie wurden 1979 von Heide Giel aus Wiesbaden restauriert.