mini|300px|Die Europäische Union bezog Algerien in ihrer Frühzeit als Teil des französischen Kernlandes mit ein; das nach dem Bürgerkrieg unabhängige Land verließ die Union 1962 (noch vor Grönland, welches 1982 ausschied).

Der Begriff Eurafrika beruht auf einer Vorstellung, die von der Komplementarität und gegenseitigen Abhängigkeit der beiden Kontinente Afrika und Europa ausgeht. Das Konzept erschien im 19. bis 20. Jahrhundert brauchbar zur Beschreibung des historisch komplexen Beziehungsgeflechtes der beiden Kontinente und zur Rechtfertigung der Fortführung kolonialer Machtstrukturen. Guy Martin: Africa and the Ideology of Eurafrica: NeoColonialism or PanAfricanism?. In: The Journal of Modern African Studies. Nr. 20, 1982, S. 221.

Eurafrika entwickelte sich im Spätkolonialismus zum realen politischen Projekt innerhalb komplexer Strukturen zwischen der EWG, Frankreich und ehemaligen französischen Kolonien in Afrika, welche im Jahr 1958 zur EWG assoziiert wurden. Martin Rempe: Decolonization by Europeanization? The Early EEC and the Transformation of French-African Relations. In: KFG Working Paper Series. Nr. 27, 2011, S. 3. Bis zum heutigen Zeitpunkt lässt sich in Handelsvereinbarungen und entwicklungspolitischen Abkommen zwischen den ungleichen Partnern EU und Afrika eurafrikanischer Grundgehalt nachzeichnen.

Ursprünge des Begriffs In Anbetracht des damaligen europäischen liberalen Zivilisationsglaubens, Sub-Sahara-Afrika in den europäischen Kontinent einzubinden, entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept eines eurafrikanischen Doppelkontinentes. Afrika sollte in ein fortschrittliches und vereintes Europa innerhalb einer gemeinsamen eurafrikanischen Interessen- und Wirtschaftsgemeinschaft einbezogen werden um den europäischen Einfluss in den Kolonien zu sichern. Thomas Moser: Europäische Integration, Dekolonisation, Eurafrika. Eine historische Analyse über die Entstehungsbedingungen der eurafrikanischen Gemeinschaft von der Weltwirtschaftskrise bis zum Jaunde-Vertrag, 1929–1963., 2000, S. 95.

In den 1920er Jahren gewann die Konzeption „Eurafrika“ innerhalb ideologisch geprägter integrationspolitischer Bewegungen an Prominenz und Tragweite. Namentlich wurde der Begriff zum ersten Mal von der Paneuropa-Union verwendet, die im Jahr 1922 unter Führung des Österreichers Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi gegründet wurde. Angesichts der Schrecken des Ersten Weltkrieges, der Ruhrbesetzung und der anhaltenden Grenzkonflikte zwischen Frankreich und Deutschland vertrat der Kosmopolit Coudenhove-Kalergi die Vorstellung eines friedlichen Europas durch die Organisation der Wirtschaft auf kontinentaler Ebene und der Vermittlung von Europa als spiritueller und weltanschaulicher Einheit. Peo Hansen/Stefan Jonsson: BRINGING AFRICA AS A ‘DOWRY TO EUROPE’. In: Interventions: International Journal of Postcolonial Studies. Nr. 13:3, 2011, S. 448 f.

Das Projekt Eurafrika spielte in der Vision einer wirtschaftlichen und geopolitischen Blockbildung insofern eine Rolle, als Afrika die notwendige Fläche unter europäischer Herrschaft darstelle, um die Schaffung eines mächtigen Europas zu sichern. Nur im Rahmen einer „Gemeinsamen Erschließung der Europäischen Kolonien“ Coudenhove-Kalergi: Paneuropa-Manifest. In: Paneuropa. Nr. 9, 1933. zur Versorgung von Europa mit Ressourcen, könnten, so Coudenhove-Kalergi, die Westeuropäer eine dritte Kraft gegen östliche und westliche Mächte bilden. Thomas Moser: Europäische Integration, Dekolonisation, Eurafrika. Eine historische Analyse über die Entstehungsbedingungen der eurafrikanischen Gemeinschaft von der Weltwirtschaftskrise bis zum Jaunde-Vertrag, 1929-1963., 2000, S. 104.

Somit ließe sich die Synergie europäischer Staaten für die „Bewirtschaftung“ Afrikas im damaligen Kontext der Rassentrennung durchaus als identitätsstiftendes Moment der europäischen Bevölkerung deuten, denn Eurafrika vereine „die höchste Kulturvölker der weißen Rasse mit den primitivsten Naturvölkern der schwarzen“ Coudenhove-Kalergi: Afrika. In: Paneuropa. Nr. 5, 1929, S. 4.. Aus dem Zusammenschluss profitiere Europa zusätzlich von neuen Absatzmärkten und Lebensraum, Afrika im Gegenzug von der europäischen Moralität, Kultur, dem zivilen Fortschritt und demokratischen Strukturen. Peo Hansen/Stefan Jonsson: BRINGING AFRICA AS A ‘DOWRY TO EUROPE’. In: Interventions: International Journal of Postcolonial Studies. Nr. 13:3, 2011, S. 449 f. In dem Irrglauben, die Europäer träten nicht als Unterdrücker, sondern als Befreier der schwarzen Rasse auf, zeichnete sich in der programmatischen Skizze des Doppelkontinentes Eurafrika ein rassistischer, realitätsverzerrender Fortschrittsglauben ab, welcher sich mit imperialistischen europäisch-föderalistischen Grundgedanken verband. Thomas Moser: Europäische Integration, Dekolonisation, Eurafrika. Eine historische Analyse über die Entstehungsbedingungen der eurafrikanischen Gemeinschaft von der Weltwirtschaftskrise bis zum Jaunde-Vertrag, 1929-1963., 2000, S. 101 f.

Der Entwurf eines Doppelkontinents hatte es in der unmittelbaren Nachkriegszeit schwer, sich in realpolitische Strategien zu transformieren. Coudenhove-Kalergi plante keineswegs eine Weiterentwicklung nationaler Eigeninteressen, sondern proklamierte vorrangig ein Friedensprojekt durch die gemeinsame Nutzung wirtschaftlicher, militärischer und politischer Ressourcen der benachbarten Kontinente. Thomas Moser: Europäische Integration, Dekolonisation, Eurafrika. Eine historische Analyse über die Entstehungsbedingungen der eurafrikanischen Gemeinschaft von der Weltwirtschaftskrise bis zum Jaunde-Vertrag, 1929-1963., 2000, S. 144 f.

Das Projekt Eurafrika als asymmetrische, auf kolonialen Grundgedanken basierende Gemeinschaft zwischen Afrika und Europa, bildete im Folgenden unter Schriftstellern, Politikern und Wirtschaftsführern einen historischen Mythos, welcher sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg im Prozess der europäischen Integration in den 1950er Jahren zum realitätserzeugenden Projekt entwickelte. Thomas Moser: Europäische Integration, Dekolonisation, Eurafrika. Eine historische Analyse über die Entstehungsbedingungen der eurafrikanischen Gemeinschaft von der Weltwirtschaftskrise bis zum Jaunde-Vertrag, 1929-1963., 2000, S. 17.

Die Institutionalisierung Eurafrikas in der Nachkriegszeit Bei der Betrachtung der Ausgangssituation der Europäischen Integration fällt aus kolonialpolitischer Sichtweise auf, dass vier der sechs Gründungsstaaten noch Kolonialmächte waren und somit die Gründung der Europäischen Gemeinschaft nicht frei von kolonialpolitischen Ambitionen zu verstehen ist. Zwar hatten sich Italien und die Niederlande von ihren Kolonien getrennt, auch Deutschland verlor seine Kolonien bereits im Ersten Weltkrieg, doch verfolgten Belgien und insbesondere Frankreich nach wie vor eigennützige machtpolitische Strategien zum Erhalt ihres kolonialen Imperiums. Martin Klever: Die EU-Entwicklungspolitik zwischen Anspruch und Realität Europas Verantwortung für den afrikanischen Kontinent., 2006, S. 53.

Eurafrika ist somit untrennbar im Kontext von pazifistischen, ökonomischen und geopolitischen interessenleitende Ideen der europäischen Integrationsgeschichte zu interpretieren. Der europäische Einigungsprozess wird in der europäischen Integrationsforschung jedoch stark vom Gedanken des Fortschritts, der Friedenssicherung, sowie der Schaffung einer europäischen Solidarität und eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes dominiert. Peo Hansen/Stefan Jonsson: BRINGING AFRICA AS A ‘DOWRY TO EUROPE’. In: Interventions: International Journal of Postcolonial Studies. Nr. 13:3, 2011, S. 444 f. Die Vernachlässigung der Klärung der kolonialen Frage, so Hansen und Jonsson in ihrem Forschungsprojekt zu Eurafrika (2011), ließe sich vor allem auf die Transformation der Kolonialisierung von nationalen kolonialen Projekten zu einer gemeinschaftlichen „europäischen Kolonialisierung“ Afrikas während der Gründungsjahre der Europäischen Gemeinschaft zurückführen.

Da die Konzeption Eurafrika nicht vornehmlich Ziel und Leitidee aller sechs EWG-Gründerväter darstellte, ist Letzteres im Wissenschaftsdiskurs jedoch umstritten. Frankreich nahm eine besondere Rolle in der Verhandlung um die Integration der Überseeterritorien im Jahr 1956 ein. Es sei daher wahrscheinlicher anzunehmen, dass die Entwicklungskooperation Eurafrika als eine Art Kompensationszahlung zur Einwilligung Frankreichs zum Gemeinsamen Markt fungierte, so Gary Marks in seiner Kritik Gary Marks: Scale, Community and ‘Eurafrica’: A Response to Hansen and Jonsson. In: JCMS. Nr. 50:6, 2011, S. 1043. an den Ausführungen von Hansen und Jonsson.

Die Rolle Frankreichs

Die Meinung, dass Frankreichs treibende Kraft im Prozess der Europäischen Integration vor allem auf das französische Bestreben zurückzuführen ist, den Einfluss in Afrika zu erhalten und zu verstärken, wird von vielen Europa-Wissenschaftlern geteilt.Martin Rempe: Decolonization by Europeanization? The Early EEC and the Transformation of French-African Relations. In: KFG Working Paper Series. Nr. 27, 2011, S. 5. Die Festigung der Beziehungen von Frankreich und dem französischen Kolonialreich wurde bereits auf Basis der Union française, ein das französische Kolonialreich umfassender Wirtschaftsgroßraum, welcher im Jahr 1946 institutionalisiert wurde, gewährleistet. Urban Vahsen: Eurafrikanische Entwicklungskooperation. Die Assoziierungspolitik der EWG gegenüber dem subsaharischen Afrika in den 1960er Jahren., 2010, S. 66. Die geostrategische Wichtigkeit der afrikanischen Kolonien in Subsahara-Afrika ergab sich zudem aufgrund der Weigerung der asiatischen Kolonien wie Indochina, dem Bündnis beizutreten. Jacques Thobie: Histoire de la France coloniale., 1990, S. 368 f. Im Zuge des Endes des Zweiten Weltkrieges geriet die autarke Afrikapolitik Frankreichs zunehmend in eine internationale und interne Legitimationskrise, welche durch neue Formen der investitions-getriebenen Entwicklungspolitik in den afrikanischen Kolonien gelöst werden sollte.Martin Rempe: Decolonization by Europeanization? The Early EEC and the Transformation of French-African Relations. In: KFG Working Paper Series. Nr. 27, 2011, S. 7.

Indem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft finanzielle Mittel zur Stabilisierung der afrikanisch-französischen Beziehungen in den ehemaligen Kolonien zur Verfügung stellte, als auch die gemeinsame Europäische Entwicklungspolitik sich am Entwicklungsmodell Frankreichs orientierte Urban Vahsen: Eurafrikanische Entwicklungskooperation. Die Assoziierungspolitik der EWG gegenüber dem subsaharischen Afrika in den 1960er Jahren., 2010, S. 122 ff., führte zunächst auch die frühe Europäische Gemeinschaft koloniale Strukturen im frankophonen Afrika weiter. Die gleichzeitige Existenz von bilateralen französisch-afrikanischen Abkommen und multilateralen Entwicklungskonzepten der EWG sorgte für eine kompetitive Situation in der jungen europäischen Gemeinschaft. Da die Europäische Entwicklungspolitik, gleich nach der gemeinsamen Agrarpolitik, eines der aktivsten Politikfelder der jungen Gemeinschaft wurde, setzte eine gewisse „Europäisierung“ der kolonialen Beziehungen Frankreichs ein.Martin Rempe: Decolonization by Europeanization? The Early EEC and the Transformation of French-African Relations. In: KFG Working Paper Series. Nr. 27, 2011, S. 10. Besser gesagt, musste Frankreich im Zuge der Europäischen Integration seine Entwicklungsstrategie aus dem kolonialen Zeitalter in Richtung eines nachhaltigen dekolonisierten Politikfeldes verändern.Martin Rempe: Decolonization by Europeanization? The Early EEC and the Transformation of French-African Relations. In: KFG Working Paper Series. Nr. 27, 2011, S. 16. Das politische Schlagwort Eurabia nimmt einige der Aspekte wie tatsächliche Vernetzung im Umfeld der Eurafrikadiskurses im rechtspopulistischen Umfeld mit auf.

OEEC, Haager Kongress und die Gründung des Europarats