Die Belagerung des Montségur war eine militärische Auseinandersetzung im Frankreich des hohen Mittelalters, in der ein Heer des französischen Königs die Burg auf dem Montségur (okzitanisch für „sicherer Berg“) belagerte, dem letzten Rückzugsort der während des Albigenserkreuzzugs (1208–1229) im Languedoc verfolgten Anhänger der katharischen Bewegung, die von der römisch-katholischen Kirche als häretisch eingestuft worden war. Die Belagerung dauerte zehn Monate vom Mai 1243 bis zum 16. März 1244 und endete mit der Kapitulation ihrer Verteidiger, nach der am Fuß des Bergkegels (okzitanisch: Pog) eine große Anzahl Katharer verbrannt wurde.
Hintergrund Die Burg auf dem Montségur war ursprünglich wie nahezu alle Befestigungsanlagen im okzitanischen Süden des heutigen Frankreichs auch eine befestigte Ortschaft (castrum) und steht heute aufgrund ihres historischen Hintergrunds synonym für die „Katharerburg“ schlechthin. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren ihre Befestigungsanlagen bereits weitgehend verfallen, als die führenden Geistlichen der katharischen Kirche auf einem 1206 abgehaltenen Konzil in Mirepoix den Grundherrn Raymond de Péreille mit ihrer Wiedererrichtung beauftragten, in Voraussicht auf die sich bereits abzeichnende militärische Konfrontation mit der römischen Kirche unter Papst Innozenz III. Die heute auf dem „Pog“ zu sehende Wehranlage ist allerdings nicht der katharische Bau von 1206, der nach seinem Fall 1244 abgetragen und durch die nun dort in Ruinen zu sehende Burg ersetzt wurde, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts errichtet worden war. Vom ursprünglichen Bau sind heute nur noch die Terrassen auf der Bergspitze erhalten, auf denen die aus Holz und Stein gebauten Behausungen des katharischen Höhendorfs gestanden hatten. Das Dorf befand sich am westlichen Ende des Bergkamms und wurde von einem Graben geschützt, der vermutlich als Steinbruch für die festen Behausungen und Wehranlagen gedient hatte. Erreichbar war und ist das castrum über zwei denkbar beschwerliche Aufstiege, die beide gut zu verteidigen waren. Da ist zum einen der normale Zugangsweg über den Südhang, der direkt zum castrum führte und von dort aus mittels eines Katapults leicht verteidigt werden konnte. Dann gab es noch den weitaus schwierigeren Aufstieg über den gesamten Bergkamm, der an seiner Ostseite von einem befestigten Außenposten, dem „Roc de la Tour“, bewacht wurde, der zudem noch weitere 300 Meter vom castrum entfernt und 250 Meter tiefer zu diesem lag. Die Fundamente dieses Postens sind noch heute zu besichtigen.
Während des Albigenserkreuzzugs von 1208 bis 1229 diente der Montségur als sicheres Refugium für die katharische Gemeinde des Ariège und Lauragais. Der katharische Bischof von Toulouse, Guilhabert de Castres, hatte hier ab 1209 seinen Sitz bezogen, wodurch der Montségur faktisch zum Hauptsitz der katharischen Religion avancierte. Der Anführer des Kreuzzugs, Simon de Montfort, hatte es nie gewagt, die Burg zu belagern. Ihre Höhenlage im nördlichen Randgebiet der Pyrenäen hatte eine langwierige und aufwendige Belagerung durch das unter chronischem Personalmangel leidende Kreuzzugsheer schlicht unmöglich gemacht. Der Montségur gehörte ursprünglich zu den Domänen der Grafschaft Foix, doch im Vertrag von Paris, der den Albigenserkreuzzug beendete, wurde die Burg dem Kreuzritter Guy de Lévis zugesprochen, der auch schon Mirepoix als unmittelbares Kronlehen erhalten hatte. Faktisch aber blieb der Montségur in Katharerhand und bildete fortan eine Art autonome Kommune, von der aus die katharische Kirche ihre Organisationsstruktur aufrechterhalten konnte. Der Kreuzzug hatte die soziale Fundierung des Katharertums in der okzitanischen Gesellschaft nur bedingt schädigen können, doch mit dem Frieden von 1229 begann sich die Lage für die Gemeinde zu ändern, die nun der königlichen Strafverfolgung und einem von der Inquisition etablierten Denunziantentum ausgesetzt war. Entsprechend war die Bedeutung des Montségur als sicheres Domizil für die Gemeinde gewachsen, der zugleich als Operationsbasis des militanten okzitanischen Widerstandes diente. Der Montségur beherbergte eine große Anzahl kampfwilliger Okzitanier, die aufgrund ihres Widerstands gegen die königlichen und kirchlichen Autoritäten als „Faydits“ (katalanisch/okzitanisch: faïdits/faidits, deutsch: Renegaten, Gesetzlose, VerbannteLe Dictionnaire de l'Occitan (Occitan-Français) de Communication) bezeichnet wurden, angeführt von Pierre Roger II. de Mirepoix, einem Vetter und Schwiegersohn Raymonds de Péreille. Die Faydits vom Montségur boten den katharischen Geistlichen auf deren Reisen Geleitschutz oder beteiligten sich an gewaltsamen Erhebungen gegen die königliche Obrigkeit, so zum Beispiel bei dem großen Aufstand des Raimund II. Trencavel im Jahr 1240.
Anlass Montségur haftete seither der Ruf einer berüchtigten Ketzerhochburg an, die sich jeder Autorität entzog. Der Geistliche Guillaume de Puylaurens nannte sie die „Synagoge des Satans“ (sathane synagoga) (Offb. 2,9).Historiae Albigensium auctore Guillelmo de Podio Laurentii, In: Recueil des Historiens des Gaules et de la France, Vol. 20 (1840), S. 770. 1241 hatte sich Graf Raimund VII. von Toulouse gegenüber König Ludwig IX. zur Beseitigung dieses Widerstandsnests verpflichtet, als Bedingung für die Wiederaufnahme in die königliche Gunst. Noch im selben Jahr hatte der Graf tatsächlich einige Soldaten am Fuß des „Pogs“ aufziehen lassen, nach wenigen Tagen aber den Versuch zur Einnahme für gescheitert erklärt, um darauf wieder abzuziehen. Im Mai 1242 hatte sich der Graf von Toulouse seinerseits im Bunde mit dem englischen König zum Aufstand gegen die Krone erhoben. Dadurch offenbar ermutigt, hatten die Faydits vom Montségur einen Schlag gegen die Inquisitionsgerichtsbarkeit durchgeführt, als sie in der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1242 angeführt von Pierre Roger de Mirepoix in Avignonet die dort zur Nachtruhe residierenden Inquisitoren von Toulouse, Étienne de Saint-Thibery und Guillaume Arnaud, ermordeten. Das Attentat hatte die römisch-katholische Obrigkeit in einen Schock versetzt und der Erzbischof von Narbonne, Pierre Amiel, hatte die Exkommunikation über die Täter ausgesprochen, die auf ihrem Heimmarsch nach Montségur in einigen Ortschaften von der Lokalbevölkerung ob ihrer Tat gefeiert wurden. Zwar hatte es seit ihrem Bestehen immer wieder gewaltsame Angriffe von Seiten der einheimischen Bevölkerung gegen Angehörige der Inquisition gegeben, besonders gegen ihre örtlichen Untersuchungsrichter, Vollzugsbeamten und Denunzianten, aber Hand an die Chefinquisitoren des Languedoc zu legen hatte bis dahin niemand gewagt.
Der Aufstand des Grafen von Toulouse war indes noch im Herbst 1242 aufgrund seiner militärischen Unterlegenheit und der Niederlage des englischen Königs bei Taillebourg gescheitert, worauf er sich der französischen Krone unterwerfen und die Bedingungen des Vertrags von Paris erneut anerkennen musste. Im April 1243 hatten die Erzbischöfe von Narbonne und Arles den okzitanischen und provenzalischen Klerus in Béziers zu einem Konzil einberufen, das sich mit der Wiederherstellung der kirchlichen Ordnung nach dem Aufstand befassen sollte.Histoire générale de Languedoc avec des notes et les pièces justificatives, Vol. 6, hrsg. von Claude Devic und Joseph Vaissète (1879), S. 757–758. Aller Wahrscheinlichkeit nach war auf diesem Konzil auch der Entschluss zu einem Feldzug gegen den Montségur als Vergeltung für das Attentat von Avignonet getroffen worden, auch wenn dieser Punkt in den nur spärlich erhaltenen Konzilsunterlagen nicht aufzufinden ist. Der königliche Seneschall von Carcassonne, Hugues d’Arcis, hatte in seinem Amtsbereich zur cavalgada aufgerufen, zum „Ritt des Königs“, was eine Mobilmachung aller wehrfähigen Männer bedeutete. Seine Amtsleute hatten allerdings bei der Durchsetzung des Musterungsbefehls bei der Lokalbevölkerung ihre Schwierigkeiten gehabt, da diese dem relativ jungen Regime der französischen Krone noch sehr reserviert gegenübergestanden hatte. Die Kirchenobrigkeit ihrerseits hatte mit dem Versprechen auf Kreuzzugsablässe um Söldner geworben, wenngleich die Charakterisierung des Montségur-Feldzugs als Kreuzzug bis heute umstritten ist, zumal eine offizielle Sanktionierung eines solchen Unternehmens niemals ausgesprochen wurde.Das Papsttum war im April 1243 seit fast eineinhalb Jahren vakant. Erst im Juni 1243 wurde mit Innozenz IV. ein neuer Papst gewählt. Wie groß das Heer war, dessen Truppenteile ab den späten Maitagen 1243 am Fuß des Montségur nach und nach eintrafen, kann nicht ermittelt werden. Die häufig genannte Zahl von 10.000 ist rein hypothetisch und in Anbetracht der schwer zugänglichen Lage des Ortes und der damit verbundenen Versorgungslage wohl auch deutlich zu hoch gegriffen.Roquebert, S. 368. Wahrscheinlich war es nicht größer als 1.000 Mann. Angeführt wurde das Heer von dem königlichen Seneschall Hugues d’Arcis, dessen Amtsbezirk der Montségur unterstand, dem Erzbischof von Narbonne, Pierre Amiel und dem Bischof von Albi, Durand de Beaucaire. Die beiden Prälaten waren nicht die ganze Dauer der Belagerung vor Ort geblieben, zu Winterbeginn hatten sie sich zu einem Kirchenkonzil nach Narbonne begeben.
Zu Beginn der Belagerung im Mai 1243 hatten sich mindestens 361 Personen auf dem Montségur befunden, von denen etwa die Hälfte die kampffähige Garnison ausmachte. Angeführt wurde das castrum von der Péreille-Mirepoix-Sippe, die mit 29 Familienangehörigen präsent war. 15 wehrfähige Männer, davon 12 Ritter, weiterhin 13 Frauen und einem Kleinkind, den Sohn des Befehlshabers Pierre Roger de Mirepoix. Dazu kamen noch 8 Ritter, von denen sieben als Faydits verfolgt wurden. Die Ritter wurden unterstützt von 10 Knappen und 55 weiteren bewaffneten Männern. Dazu waren noch 10 Meldegänger, die sich vermutlich an der Verteidigung beteiligt hatten, und ein Katapultkonstrukteur auf Montségur eingetroffen. Insgesamt dürfte die Garnison etwa 100 Mann ausgemacht haben. Die religiöse Gemeinschaft des Montségur hatte mindestens 210 Katharer umfasst, womit sich die Anzahl der Laien also auf etwa 150 belaufen haben muss. Von den Gläubigen sind 49 namentlich bekannt, von denen 34 Perfecti und 15 Perfectae waren. An der Spitze der Gemeinde stand der Katharerbischof von Toulouse, Bertrand Marty, der um das Jahr 1240 Guilhabert de Castres nachgefolgt war. Auch der Katharerbischof des Razès, Raymond Agulher, war anwesend.
Die Belagerung
Beginn Über die Anfänge der Belagerung und ihren Verlauf in den immerhin noch knapp sieben Monaten des Jahres 1243 ist kaum etwas bekannt. Das französische Heer hatte sich nach und nach am Fuß des „Pogs“ eingefunden, aber von größeren Kampfhandlungen ist in diesem langen Zeitraum nichts bekannt. Dass das königliche Heer nicht übermäßig groß gewesen sein kann, verdeutlicht allein schon die Tatsache, dass es den Berg nicht mit einem geschlossenen Belagerungsring von der Außenwelt abriegeln konnte. Stattdessen mussten um ihn herum mehrere Wachposten errichtet werden, deren Abstände zueinander genügend Raum für Schlupflöcher boten, durch die die Verteidiger Kontakt zur Außenwelt halten konnten. Die Belagerer dürften darauf bedacht gewesen sein, die Versorgung des castrums zu unterbinden, das auf Nahrungsmittellieferungen aus dem Umland angewiesen war. Tatsächlich waren die Versorgungsströme mit Eintreffen der Franzosen augenblicklich abgebrochen, da sich die Händler aus Furcht vor ihnen nicht mehr vor den „Pog“ trauten. Allerdings hatten die Verteidiger ihre Vorratskammern bereits aufgefüllt und sich somit für eine lange Belagerung gewappnet. Zweifelsohne hatte Pierre Roger de Mirepoix den Plan zum unbedingten Durchhalten gefasst in der Hoffnung, dass die Belagerer bei Einbruch des Winters aufgeben würden.