mini|hochkant=1.2|Ein Ausschnitt aus François Gérards Gemälde Amor und Psyche (1798) dient als Umschlagsbild für Mosebachs Roman zur Illustration der von der Mutter abgelehnten Liebesbeziehung, in Umkehrung zur Sage, der Tochter.
Der Mond und das Mädchen ist der Titel eines 2007 publizierten Romans des deutschen Schriftstellers Martin Mosebach.
Handlungsverlauf Der Roman erzählt vor dem Hintergrund des Wandels der Großstadt und ihrer ethnischen Bevölkerungsgruppen die tragikomische Geschichte von Hans’ und Inas missglücktem Ehestart in einer Dachwohnung am verkehrsreichen Frankfurter Baseler Platz, bevor sie als Familiensitz ein Haus im Taunus erwerben.
Vorgeschichte (Kap. I) Hans und Ina legalisieren nach Abschluss der Universitätsausbildung ihre fünfjährige Studentenbeziehung mit einer für die Braut standesgemäßen Hochzeitsfeier und ziehen von Norddeutschland nach Frankfurt. Hier hat der junge Mann als assistant executive in einem gekühlten Glasturm seine erste Arbeitsstelle bei einer amerikanischen Bank gefunden. Ihrer Tochter hätte Irma von Klein eigentlich einen profilierteren Gatten und eine schönere Stadt als Wohnort gewünscht. Da ihre Mutter verwitwet ist, fühlt sich Ina verpflichtet, diese, wie bisher, unmittelbar nach ihrer Heirat bei ihrem Ferienaufenthalt nach Ischia zu begleiten.
Die Wohnungssuche (Kap. I–IV) Hans erhält deshalb die Aufgabe, ihre erste gemeinsame Wohnung zu suchen, und seine Frau versichert ihm am Telefon wiederholt ihr vollstes Vertrauen in seine Entscheidung, das er aber nicht rechtfertigen kann. Der Immobilienmarkt erweist sich nämlich als sehr schwierig: Zuerst interessiert sich Hans für ein teures Objekt in einem schönen alten, kastanienbestandenen Viertel in der Nähe eines kleinen Parks. Nach siebzehn weiteren erfolglosen Besichtigungen ermüdet er immer mehr und gibt sich schließlich mit einer aus zurückgelassenen Stücken verschiedener Vormieter teilmöbilierten Dachzimmerwohnung in einem tortenstückartigen Eckhaus neben einer den Baseler Platz zerschneidenden, vierspurigen Trasse zufrieden. Er spürt zwar, dass dieser Gegend in der Nähe der Bankhochhäuser und des Rotlichtbezirks die Atmosphäre fehlt, um in einer Stadt heimisch zu werden und Kinder großzuziehen, doch in seiner pragmatischen Art meint er auch Vorteile zu entdecken: der abendliche Blick aus dem Fenster auf die roten Rücklichter der Autos, der 10-Minuten-Fußweg zum Büro, die Nähe zu den Promenaden am Mainkai. Schließlich, sagt er sich, sei es ja nur ein Provisorium, da er auf der Karriereleiter wahrscheinlich bald die Stelle wechsele, und eine Liebesbeziehung benötige eigentlich nur Improvisationen zwischen Bett und Bad. Für eine liebevolle Renovierung mit individueller Farbgebung ist keine Zeit. Der marokkanische Hausverwalter Abdallah Souad organisiert mit einem ukrainischen Hilfstrupp einen schnellen weißen Wandanstrich sowie die Säuberung der schmuddeligen Küche und lässt aus dem Keller eine gebrauchte Matratze ins Schlafzimmer transportieren.
Groteske Verwicklungen (Kap. V–XV) Mit Inas Rückkehr beginnt die einmonatige groteske, im Ehe-Chaos endende Zufalls- bzw. Schicksalskette. Hans hat für den ersten Abend ein Picknick mit Champagner, gebratener Ente bei Kerzenlicht vorbereitet, doch als beide das Schlafzimmer betreten, ist das Bett durch Vogeldreck verunreinigt und eine verendete Taube liegt am Boden. Sie ist offenbar durch das zum Auslüften des Farbgeruchs offene Fenster hereingeflogen, und nachdem Souad dieses wegen eines Gewittersturms geschlossen hatte, flatterte sich das Tier zu Tode. Ina reagiert verstört und gesteht ihrem Mann ihre Angst vor Tauben (Kap. IV). Hier beginnen die divergierenden Handlungsabläufe beider Protagonisten: Ina versucht in den nächsten Tagen einerseits die Räume mit Vorhängen und einigen fehlenden Möbelstücken für sich bewohnbar zu gestalten (Kap. V), vermeidet andererseits den Kontakt zu den Mitbewohnern und verlässt, zumal sie mit ihrem kunsthistorischen Magistergradabschluss noch keine Anstellung hat, kaum das Haus zu Stadterkundungen. Sie wird immer unglücklicher, erleidet Weinkrämpfe und klagt über Sinnestäuschungen (Kap. XI). Hans weicht solchen angespannten Situationen aus und setzt sich nach der Arbeit in eine vom Schnellimbiss »Lalibella« im Erdgeschoss aus bewirtschaftete Hinterhofkneipe (Kap. III, IV, VI. VII, X). Hier bedient der Äthiopier Tesfagiorgis abends ein international zusammengewürfeltes Publikum, u. a die mit dem Hausbesitzer Sieger verheiratete, aber zurzeit mit ihm zerstrittene, aus Syrien stammende Despina Mahmouni. Die Gäste, meist Emigranten, sprechen über ihre geschäftlichen Projekte, ihre Erlebnisse und gescheiterten Ehen und tauschen ihre nüchternen Lebensweisheiten aus. Da sich Ina nur einmal zu einem Begrüßungsbesuch bei der eine Etage tiefer wohnenden Schauspielerin Britta Lilien und ihrem Mann Dr. Elmar Wittekind drängen lässt (Kap. VIII), tritt Hans bei den weiteren Einladungen allein auf und hört sich zu Wein und Gin die Vorträge des im Museum arbeitenden Kunsthistorikers und neuen Duzfreundes über die Einwanderer und die Grenzen der Assimilation, die Veränderung der europäischen Kultur zu einem phönizischen Krämergeist oder seine Philosophie des Abenteuers als „poetisches Geschenk[]“Mosebach, Martin: Der Mond und das Mädchen. Hanser, München 2007, S. 129. ISBN 978-3-446-20916-9. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. des Lebens an (Kap. V, VI). Aus der Verstimmung über Inas Distanziertheit gegenüber dem erhofften ehelichen Liebesleben und den ermunternden Blicken Brittas entsteht als Glied der Zufallskette eine kurze Affäre (Kap. XI): Hans hat den Termin für eine Abendgesellschaft bei einem Kollegen verwechselt und so muss er am Sonntag mit seiner verstimmten Frau, die ihren inneren Zorn nur mühsam beherrschen kann, wieder nach Hause fahren (Kap. X). Die ihnen im Treppenhaus begegnenden Wittekinds bieten einen Ersatztrunk an, den jedoch nur Hans annimmt (Kap. XI). Bei seiner Rückkehr in die Wohnung muss er feststellen, dass er keinen Schlüssel hat. Da seine Frau zum Einschlafen ihre Ohren mit rosa Wachstropfen, „ein Hochzeitsgeschenk ihrer Mutter“,Mosebach, S. 131. um es neben einem Ehemann auszuhalten, verstopft hat, hört sie nicht sein Klingeln. Britta bemerkt, dass er ausgesperrt ist, bietet ihm eine Schlafgelegenheit in ihrem Bett an und versichert, der ihr Bedürfnis für persönliche Spielräume tolerierende Museumsmann habe nichts gegen eine kleine sexuelle Affäre. Sie achtet jedoch darauf, dass dabei dessen Schlaf nicht gestört wird. Am Morgen kehrt der zum ersten Mal untreue Hans zerknittert und mit schlechtem Gewissen in seine Wohnung zu seiner wegen der angeblichen Übernachtung auf der Treppe schuldbewussten Frau zurück. Seinen, wie er beim Duschen bemerkt, fehlenden Ehering, den Britta dem Schlafenden aus einer Laune heraus von seinem Finger gezogen hat, ersetzt er durch einen anderen: den zuvor in einem Münzteller auf der Fensterbank (Kap. IX) entdeckten, der Siegers Frau gehört. Die neu beringte Hand präsentiert er am nächsten Abend der Schauspielerin, als diese durch ein spöttisch im Hinterhof gesungenes Lied provozierend auf seinen Verlust anspielt, während Wittekind, offenbar ohne ihm gegenüber eine Peinlichkeit zu empfinden, wieder zur Sie-Form zurückkehrt. Britta erkennt, dass ihr Spiel mit dem Nachbarn zu Ende ist, und wirft den Ring verärgert als Quelle erwünschter Streitigkeiten in Hans’ und Inas Briefkasten (Kap. XIV). Dazu kommt es jedoch nicht. Der Ringtausch verbindet sich nämlich mit der Geschichte Siegers und seiner Frau Despina Mahmouni, die der korpulente Hausbesitzer Ina bei den Besuchen seiner alten Wohnung, in der immer noch einige seiner Möbel stehen, erzählt hat (Kap. VI. XII). Sie erfährt so von der Liebe eines „Willensschlaffen“Mosebach, S. 146. zu einer willensstarken Frau mit großer Hassenskraft. Sie warf ihm beim Abschied den Ehering vor die Füße. Jetzt sucht er ihn, um ihn ihr zurückzugeben, aber er findet ihn nicht mehr im Münzteller. Ina kann sich in seine unglückliche Situation wegen ihrer eigenen Lage gut hineinversetzen. Sie fühlt sich ebenso „unendlich verlassen und zu kurz gekommen“Mosebach, S. 150. und denkt: „Hier wohnt ‚die vollständige Hoffnungslosigkeit‘“.Mosebach, S. 151. Als sie, die sowieso an ihrer Wahrnehmung zweifelt, einen Ring im Briefkasten findet, hält sie ihn ungeprüft für den von Sieger gesuchten. Ohne Hans etwas mitzuteilen, ruft sie den Hausbesitzer an, der das verloren geglaubte Stück glücklich bei ihr abholt (Kap. XIV), um es als Zeichen seiner Treue seiner Frau zu überreichen. Sie versöhnen sich wieder und Despina Mahmouni regelt im Hinterhof die Verhältnisse neu nach ihrem Prinzip: „Es gibt für jede Handlung tausend Gründe; hoffnungslos, sie zu erforschen. Und außerdem sind viel mehr Menschen, als man glaubt, verrückt. […] also kein Warum.“Mosebach, S. 186 f. Sie übernimmt nach Klärung des Verhältnisses zu ihrem Mann wieder die Verwaltung des Hauses und gibt Souad eine neue Aufgabe in ihrem Hotel. Inas Desorientierung steigert sich nach dem Besuch Siegers (Kap. XIV). Sie flüchtet aus der Wohnung, irrt durch verschiedene Stadtteile und kehrt bei Neumond verzweifelt zurück (Kap. XV). Zuhause versucht sie ihre Sachen für die Reise nach Hamburg zu packen, aber alles entgleitet ihren Händen. An Hans denkt sie in ihrem Unglück nicht und gibt ihm keine Schuld daran: „Er war im Schutz seines schlechten Gewissens wohlgeborgen vor dem Medusenanblick der Sinnlosigkeit.“Mosebach, S. 184. Als sie ihren Mann bei der Hofgesellschaft sieht und Wittekinds Bemerkung »Aber es kommt doch gar nicht darauf an, glücklich zu sein.«Mosebach, S. 188. aufschnappt, geht sie tranceartig auf Hans zu, zerschlägt eine Bierflasche auf seinem Kopf und wartet „in der verzauberten Stille“Mosebach, S. 189. auf irgendetwas, das geschehen würde (Kap. XV).
Epilog (Kap. XVI) Im letzten Kapitel erfährt der Leser, dass Ina mit Hans und zwei Kindern in einem Haus im Taunus nordwestlich der Großstadt wohnt.
Literarische Einordnung Der Mond und das Mädchen ist nach Das Bett, Westend, Eine lange Nacht und Das Blutbuchenfest der fünfte Roman der Frankfurt-Pentalogie des Schriftstellers. Im Unterschied zu den ersten drei Vorgängern mit ihren einheimischen, meist im bürgerlichen Westend oder Holzhausenviertel wohnenden Familien sind die Protagonisten Neubürger, welche mit fremdem Blick die anonyme Großstadtszenerie durchwandern, ohne die Historie der Wegstationen zu kennen, und zufällig an einem verkehrsreichen Platz im Bahnhofsviertel mit internationalem Einschlag gestrandet sind: Eine ethnisch gemischte Bevölkerung belebt die angrenzenden Straßen mit äthiopischem Schnellimbiss, pakistanischem Gemüseladen, philippinischer Wäscherei, bengalischem Zeitungskiosk, Tattoo-Studio, islamischem Reisebüro und libanesischem Restaurant. Damit spiegelt dieses Werk, ebenso wie der erste Teil von Die Türkin, den Wandel des Stadtbildes und der Bewohner. Das Schlusskapitel dagegen stellt thematisch-geographisch die Verbindung her zu den Taunusvilla-Gesellschaftsromanen Ruppershain und Was davor geschah.
Erzählform Ein Auktorialer Erzähler präsentiert in sechzehn Kapiteln im Wesentlichen chronologisch mit eingeblendeten Rückblicken aus wechselnder Perspektive vor allem Hans’ und Inas, aber z. B. auch Brittas, die auf ca. einen Monat zwischen Voll- und Neumond verdichtete Krisensituation der Protagonisten. D. h. der Leser verfolgt die Aktionen und die in direkter bzw. indirekter Rede wiedergegebenen Gespräche der Beteiligten im Wesentlichen aus den Blickwinkeln der beiden Hauptfiguren.
In der Form der Erlebten Rede („Das musste Ina dann doch gefallen.“Mosebach, S. 95.