Lilith ist ein altorientalischer weiblicher Dämon sumerischer Herkunft. Wie in der späteren akkadischen Auffassung und in ihrem spätantiken Nachleben wird mit ihr eine negative Konnotation verbunden.Vgl. Walter Farber: Lilû, Lilītu, Ardat-lilî. A. Philologisch. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 7, De Gruyter, Berlin 1990, ISBN 3-11-010437-7, S. 23–24. Der Name wird heute in verschiedenen Sprachen als Vorname vergeben.
Die Dämonin Lilith wohnte nach sumerischer Überlieferung im Stamm des Weltenbaumes (Heiliger Baum von Eridu). Nachdem dieser jedoch auf Befehl Inannas hin gespalten worden war, floh Lilith in ein unbekanntes Gebiet. In der Folge wurde sie sowohl im alten Orient als auch in späteren Quellen häufig als weibliches geflügeltes Mischwesen dargestellt. Neben mythologischen und magischen Schriften finden sich auch literarische Texte, in denen sie erwähnt wird.
In mesopotamischen Quellen wird Lilith (akkadisch lilītu) meist gemeinsam mit der ebenfalls weiblichen (w)ardat lilî („Dienerin des Windes“, „Windbraut“) und dem männlichen lilû genannt. Die beiden weiblichen Dämonen lassen sich jedoch nicht immer klar unterscheiden.Vgl. Walter Farber: Lilû, Lilītu, Ardat-lilî. A. Philologisch. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie. Band 7, De Gruyter, Berlin 1990, ISBN 3-11-010437-7, S. 23–24. Von allen dreien geht die Gefahr von Krankheit und Tod aus.
Name Der sumerische Name des Dämonen lautet KI.SIKIL.LIL.LA bzw. KI-SIKIL-LIL2.LA2.EN.NA und ist wohl mit „reiner Ort des Windes“ zu übersetzen. Außerdem wird der Name mit MUNUS LIL2.LA2 wiedergegeben.
Die deutsche Bezeichnung Lilith entwickelte sich über die akkadische Form lilītu aus der hebräischen Benennung . Darin findet sich die sumerische Wurzel LĺL, die vermutlich mit „Windhauch“ zu übersetzen ist, jedoch ist die genaue Bedeutung umstritten. Bei der Herleitung von „Nacht“ bzw. akkadisch līliātum „Abend, Nacht“ handelt es sich um eine Volksetymologie.Manfred Hutter: s.v. Lilith. In: Karel van der Toorn et al. (Hrsg.): Dictionary of Deities and Demons in the Bible. Leiden 1999, S. 520–521.
Im Jüdisch-Aramäischen wird der Name mit wiedergegebenen, im Syrischen mit lilītā und im Mandäischen mit lilit[a].
Alle drei Lil-Geister werden in mesopotamischen Belegen nur selten durch das Zeichen DINGIR als Gottheit ausgezeichnet. Als Ausnahme findet sich in CT 24,Leonard William King: Cuneiform Texts from Babylonian Tablets of the British Museum, London, 24 (1908). 44:146 eine Gleichsetzung von DDIMME.GI(6).GI und li-li-tu. Der Gottesdeterminativ taucht hier jedoch nur in der sumerischen Bezeichnung auf, die sonst akkadisch Lamaštu und nicht Lilitu gelesen wird.
In anderen Kulturen war dieser Dämon auch als Aberselia, Lamia und Gyllou bekannt. Aberselia leitet sich wahrscheinlich vom aramäischen Wort "parzela" (= Eisen) ab, ein apotropäischer Name der mit dem Abwehrzauber von Dämonen in Verbindung stand.Korshi Dosoo: Die Tochter des Teufels und die Kindermörderin. Artikel aus: Antike Welt. Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte, Nr. 4.25, S. 56.
→ siehe auch: Lilith (Vorname)
Darstellungen im Alten Orient mini|Mögliche Darstellung Liliths oder Ištars auf dem Burney-Relief Im Zusammenhang mit der Erzählung Inanna und der Hulupubaum ist die Göttin Lildu (Lilith) als im Stamm des Weidenbaumes wohnend dargestellt. Zusätzlich beherbergt der Hulupu-Baum zwei weitere Wesen, den Anzu-Vogel und die Schlange, die nicht verzaubert werden kann.
Das Burney-Relief zeigt eventuell Lilith mit der vierfachen Hörnerkrone, die sie als Göttin ausweist. Die Echtheit dieses Reliefs lässt sich jedoch nicht nachweisen.
Anstelle menschlicher Füße hat die dargestellte Frau vogelähnliche Krallen. Die herabhängenden Flügel sind das typische Symbol einer Unterweltgottheit. Als Herrschaftssymbol trägt sie Ring und Stab in den Händen. Flankiert von zwei Eulen steht Lilith auf zwei liegenden Löwen. Farbreste bezeugen, dass Lilith ursprünglich einen roten Körper hatte, die Flügel und die Mähnen der Löwen waren schwarz, ein Flügel der Eulen im Wechsel rot und schwarz. Im unteren Bildbereich ist eine doppelte Schuppenreihe zu erkennen, die vermutlich als Symbol für das Totenreich ein Gebirge darstellen. Anzumerken ist, dass das Bild im Gegensatz zu anderen Dämonendarstellungen nicht unheimlich wirkt.
Da es keine Bildbeschriftung gibt, muss offenbleiben, ob es sich um die direkte Darstellung von Lilith bzw. (w)ardat lilî oder um Ištar, möglicherweise in ihrer Manifestation als DNIN.NIN.NA („Herrin der Eulen“) oder DKI.LIL.I (Schutzpatronin der Prostituierten) handelt.
Mesopotamische Überlieferung Der älteste bekannte Beleg für einen Lil-Dämon findet sich im sumerischen Epos „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“, der ins 3. Jahrtausend v. Chr. datiert wird. Hier bezeichnet KI-SIKIL-LIL2.LA2 („reiner Ort des Windes“) „the shrieking maid, the joyful, the bright queen of heaven“, die in einem Baum wohnt, den Gilgamesch für Inanna fällen soll. Altbabylonisch finden sich nur Belege, die zwei Windgeister nebeneinander nennen. Erst in jüngeren sumerischen Beschwörungen treten lilû, lilītu und (w)ardat lilî zu dritt auf.
Akkadische Texte beschreiben die drei Lil-Geister als zī / āqīqu („Beherrscher der Winde“). Dabei stehen sie auch in einem engen Zusammenhang mit Gefährdung durch Krankheit und Tod. Insbesondere an besonderen Lebensübergängen wie der Geburt überfallen sie unerwartet die Menschen. Hervorgehoben wird die sexuelle Konnotation der weiblichen Lil-Geister, die Männer verführen und töten. Ihre Vorliebe für nächtliches Auftreten begründet die volksetymologische Namensdeutung „die Nächtliche“.
Lilith ist unfruchtbar. Sie bringt Neugeborene um, indem sie die Kinder mit dem Gift ihrer Brüste säugt.
Die drei Lil-Geister unterstehen Pazuzu, der das Epitheton „König der Lil, der bösen“ trägt. Sie wohnen in Ruinen, die als gefährliche Orte gelten, die außerhalb der Zivilisation liegen. Ihr Auftreten in biographischen und an geographischen und zeitlichen Grenzsituationen zeigt die besondere Gefahr dieser Situationen.
Aramäische Überlieferungen Während die keilschriftlichen Zeugnisse zur Lilith-Gestalt vergleichsweise spärlich sind, wächst das Belegmaterial in aramäischen Beschwörungsformeln aus dem spätantiken 5. bis 7. nachchristlichen Jahrhundert als Textkorpus beträchtlich an. Das Material besteht in der Regel aus unglasierten Keramik-Zauberschalen und Metallamuletten, überwiegend aus Blei, die im Irak, Iran und teilweise in Nordsyrien gefunden wurden.Christa Müller-Kessler: Zauberschalen und ihre Umwelt. Ein Überblick über das Schreibmedium Zauberschale. In: Jens Kamran, Rolf Schäfer, Markus Witte (Hrsg.): Zauber und Magie im antiken Palästina und in seiner Umwelt. (= Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins 46). Wiesbaden 2017), S. 59–94, Tf. 1–8. ISBN 978-3-447-10781-5 Eine weitere wichtige Quelle ist die mandäische Dämonenliste auf Bleirollen aus dem Pir Nukraya-Archiv, British Museum, und diverse Einzeldämonengeschichten, die sich um Lilith-Gestalten unterschiedlichster Art ranken.Christa Müller-Kessler: Interrelations between Mandaic Lead Rolls and Incantation Bowls. In: Tzvi Abusch, Karel van der Toorn (Hrsg.): Mesopotamian Magic. Textual, Historical, and Interpretative Perspectives (= Ancient Magic and Divination 1), Groningen 1999, S. 197–209. ISBN 90-5693-033-8
In dieser Periode tritt die individuelle Gestalt der Lilith häufig in Gruppen auf, gemischt aus männlichen und weiblichen (Lils und Liliths), oder auch nur neutral bezeichnet mit ihrem Stamm.
Hinsichtlich der Charakteristik der spätantiken Lilith-Gestalten lassen sich mehrere Traditionslinien unterscheiden.
Lilith als Zweig des Dämonenbaums Ein Traditionsstrang aus der mandäischen Dämonenliste beschreibt die Liliths als Zweige eines auf einem Berg befindlichen Baumes. Dieser Strang verweist möglicherweise zurück auf die Beschreibung im Gilgamesch-Epos, in dem die Lilith im Stamm des huluppu-Baumes haust und nach dessen Fällung in die Steppe vertrieben wird.Christa Müller-Kessler: Lilit(s) in der aramäisch-magischen Literatur der Spätantike. In Altorientalische Forschungen, 28, 2001, S. 343–344.Christa Müller-Kessler: Jüdische und gnostische Beschwörungen medizinischen Inhalts aus der Spätantike des Ostens. In: Axel Karenberg, Christian Leitz (Hrsg.): Heilkunde und Hochkultur II. “Magie und Medizin” und “Der alte Mensch” in den antiken Zivilisationen des Mittelmeerraumes. (= Naturwissenschaft – Philosophie – Geschichte 16), Münster 2002, S. 198.
Lilith als Wüstenbewohnerin Eine aus der hebräischen Bibeltraditionslinie bekannte Lilith-Auffassung findet sich in der mandäischen Dämonenliste wieder, in der eine Lilith-Gestalt auftritt, die als Wüstenbewohnerin charakterisiert ist und deren Wohnort und der ihrer Sippe mit dem iranischen Wüstengebiet um Komiš verbunden wird.
Lilith als Kindsmörderin Eine weitere Charakteristik der Lilith findet sich sowohl in der Dämonenliste als auch in diversen anderen Beschwörungsgeschichten, vornehmlich auf Zauberschalen: die Charakterisierung der Lil/Lilit-Dämonen als Incubus- bzw. Succubus-Dämonen, die des Nachts Menschen heimsuchen und auf vielfältige Art den Kindstod verursachen. In einer anderen Variante haust eine solche Lilith auf der Türschwelle und erschlägt oder erwürgt die Kinder.
Aufgrund dieser Idee wird Lilith als besondere Bedrohung im Zusammenhang mit der Schwangerschaft und Neugeburt wahrgenommen.
Jüdische Textamulette mit den Namen der drei Engel Senoi, Sansenoi, und Semangelo sollten das Kind vor Lilith beschützen. Dies lässt sich auf die Geschichte Liliths zurückführen, in der Gott drei Engel schickt, um Lilith zurück zu Adam zu bringen. Sie sind in dieser Aufgabe ohne Erfolg, aber Lilith gibt zu, geschaffen worden zu sein, um Kindern zu schaden. Dabei verspricht sie, Kinder in Ruhe zu lassen, die den Namen oder Antlitz der drei Engel mit sich tragen.
Ein weiterer jüdischer Brauch aus dem Elsass und Umgebung ist mit dem sogenannten Krasmesser (oder Kreismesser) verbunden. Bereits 1560 wird in einem Text des Rabbiners Naphtali Hirsch ben Elieser Treves ein Brauch erwähnt, bei dem ein Kreis um die gebärende Frau gezogen wird, um sie vor Lilith und Dämonen zu schützen. Dies geschah mit dem Krasmesser, das von der Hebamme oder dem Vater geführt wurde.
Paul Christian Kirchners Beschreibung jüdischer Geburtsbräuche aus dem Jahr 1734 enthält eine Abbildung, die ein Messer oder ein Schwert in der Nähe des Bettes zeigt, und auch Johann Christian Georg Bodenschatz beschreibt ein Schwert in der Nähe der schwangeren Frau im 18. Jahrhundert. Diese Details weisen darauf hin, dass der Brauch weiter ausgeübt wurde. Mündliche Überlieferungen aus Baden-Württemberg aus dem 20. Jahrhundert verweisen ebenfalls auf kreisende Bewegungen mit einem Messer, um eine gebärende Frau vor Lilith zu schützen.
Diese Liliths werden u. a. als Töchter der Zarnay-Lilith beschrieben bzw. mit Namenszusätzen wie Hablat-Lilith, Taklat-Lilith, Bguzan-Lilith oder Azat-LilithChrista Müller-Kessler: Die aramäische Beschwörung und ihre Rezeption in den mandäisch magischen Texten am Beispiel ausgewählter aramäischer Beschwörungsformulare. In: Rika Gyselen (Hrsg.): Magie et magiciens, charmes et sortilèges (= Res Orientales. Band 14). Louvain 2002, ISBN 978-2-9508266-8-8, S. 203–205. versehen. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich ursprünglich um unterschiedliche Lilith-Gestalten handelt, die später in der mittelalterlichen oder jüdischen Vorstellung vielleicht unter einer Charakteristik zusammengefasst wurden.
Ugaritische und phönizische Überlieferung Über die Bedeutung der Lil-Geister in Ugarit lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen, da alle betreffenden Texte durch Beschädigungen Ergänzungen benötigen. Ikonographische Zeugnisse existieren nicht.