mini|Schlafendes Baby Schlaftraining (auch: Einschlaftraining, Schlaferziehung) wird in der Erziehung sowie zum Umgang mit Schlafstörungen von älteren Säuglingen und Kleinkindern angewandt. Die meisten Kinder lernen von allein, bei Müdigkeit in den Schlaf zu finden und durchzuschlafen, bis sie ausreichend erfrischt sind. Schlaftraining wird bei Kindern eingesetzt, die dies nicht können, und zielt darauf, sie zu bemächtigen, aus eigener Kraft und ohne weitere Hilfestellung einzuschlafen.
In den ersten 12 Lebensmonaten treten kaum echte Schlafstörungen auf. Insbesondere in den ersten 6 bis 9 Monaten wacht das Baby nachts wiederholt auf. Die Eltern sind gefordert, sich den Schlafzyklen des Babys anzupassen.James F. Pagel, S. R. Padi-Perumal (Hrsg.): Sleep Medicine. A Practical Guide, Humana Press, Totowa, New Jersey, 2007, ISBN 978-1-58829-992-5, S. 192 () Siehe auch: Säugling#Schlafen
In der Westlichen Welt haben etwa 20–30 % aller Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter Probleme einzuschlafen und während normaler nächtlicher Wachphasen in den Schlaf zurückzufinden.Timothy I. Morgenthaler u. a.: Practice Parameters for Behavioral Treatment of Bedtime Problems and Night Wakings in Infants and Young Children. Sleep, Band 29. Heft 20, 2006, S. 1277–1281 (Online-Text); J. A. Mindell: Empirically supported treatments in pediatric psychology: bedtime refusal and night wakings in young children, Journal of Pediatriatic Psychology, Band 24, 1999, S. 465–481; J. A. Mindell, B. Kuhn, D. S. Lewin, L. J. Meltzer, A. Sadeh (American Academy of Sleep Medicine): Behavioral treatment of bedtime problems and night wakings in infants and young children, Sleep, Band 29, 2006, S. 1263–1276; C. Johnson: Infant and toddler sleep: a telephone survey of parents in one community, Developmental and Behavioral Pediatrics, Band 12, 1991, S. 108–114; K. L. Armstrong, R. A. Quinn, M. R. Dadds: The sleep patterns of normal children, The Medical journal of Australia, Band 161, 1994, S. 202–206; A. Scher: A longitudinal study of night waking in the first year, Child: Care, Health and Development, Band 18, 1991, S. 701–711; S. Ottaviano, F. Giannotti, F. Cortesi, O. Bruni, C. Ottaviano: Sleep characteristics in healthy children from birth to 6 years of age in the urban area of Rome, Sleep, Band 19, 1996, S. 1–3Kulturelle Faktoren: A. Sadeh, T. Anders: Infant sleep problems: origins, assessment, interventions. Infant Mental Health Journal, Band 14, 1993, S. 17–34; O. G. Jenni OG, B. B. O’Connor: Children's sleep: an interplay between culture and biology, Pediatric, Band 115, 2005, S. 204–216. Längeres nächtliches Schreien und elterliche Interventionen führen bei den Eltern zu Schlafmangel und Stress und können Depressionen der Mutter begünstigen. Wenn es Eltern schwerfällt, aufgrund eigenem Stress und Schlaflosigkeit die (Müdigkeits-)Signale des Kindes wahrzunehmen, wird der Prozess selbstverstärkend.
Eine Studie ergab, dass bei 84 % der betroffenen Kindern die Schlafprobleme auch nach drei Jahren noch fortbestanden und bei 18 % auch im Grundschulalter noch auftraten.
Es wird angenommen, dass Kinder Probleme beim Ein- oder beim Durchschlafen entwickeln können, wenn: die Eltern nicht auf Anzeichen von Müdigkeit beim Kind reagieren oder nicht auf eine vorteilhafte Schlafhygiene achten (verpasster Mittagsschlaf während des Tages, fehlende Beruhigungsphase oder unregelmäßige Bettgehzeiten), das Kind nach dem Einschlafen an einen anderen Ort verbracht wird oder sich daran gewöhnt, von den Eltern zum Einschlafen stets gehalten, gestillt oder geschaukelt zu werden. (); (); David M. Hiestand: Pediatric Sleep I: Normal Sleep and Nonrespiratory Sleep Complaints – Infancy Through Adolesence. S. 93; James F. Pagel, S. R. Padi-Perumal (Hrsg.): Sleep Medicine. A Practical Guide, Humana Press, Totowa, New Jersey, 2007, ISBN 978-1-58829-992-5, S. 191–198 ()
Schlaftraining soll das Kind ermächtigen, aus eigener Kraft einzuschlafen, und ihm abgewöhnen, Einschlafhilfe durch andere Personen in Anspruch zu nehmen. Die Eltern sollen das Schreien und Weinen des Kindes zumindest phasenweise ignorieren, um es nicht durch Zuwendung und Aufmerksamkeit in diesem Verhalten beim Einschlafen zu bestärken.
Kindliche Schlafmuster Etwa in der 32. Schwangerschaftswoche beginnt der REM-Schlaf des ungeborenen Kindes zyklische Muster aufzuweisen, die etwa in der 36. Woche – also vier Wochen vor der Geburt – in voll entwickelte Schlafzyklen übergehen; neben REM-Phasen umfassen diese auch lange Perioden ruhigen Schlafes. () Bereits vor der Geburt reagiert das Kind auf Bewegungen der Mutter und beginnt seinen Wach-Schlaf-Rhythmus dem ihren anzupassen. ()
Noch Neugeborene schlafen jedoch 12–16 Stunden pro Tag. Unterstützt u. a. von der hormonellen Entwicklung reift der 24-Stunden-Rhythmus in den ersten 2–3 Monaten nach der Geburt weiter aus.; S. Coons, C. Guilleminault: Development of sleep-wake patterns and nonrapid eye movement sleep stages during the first six months of life in normal infants, Pediatrics, Band 69, 1982, S. 793–798; J. Louis J.: Maturation du sommeil pendant les deux premières années de vie: aspects quantitatif, structurel et circadien, Neurophysiologie Clinique, Band 28, 1998, S. 477–491; S. M. Adams, D. R. Jones, A. Esmail, E. A. Mitchell: What affects the age of first sleeping through the night? Journal of paediatrics and child health, Band 40, 2004, S. 96–101. Während der ersten Lebenswochen schlafen Säuglinge zunächst auch tagsüber durchschnittlich 3–4 Stunden, später nehmen sie 1- bis 2-mal täglich ein Nickerchen. Gesunde, voll ausgetragene Kinder sind im Alter von 6 Monaten in der Regel physiologisch in der Lage, nachts ohne Fütterung auszukommen. Dabei nimmt die Häufigkeit des nächtlichen Aufwachens bei wenigstens zwei Dritteln der voll gestillten Säuglinge in den ersten sechs Monaten kaum abHerbert Renz-Polster: Schlafprobleme aus Sicht der Evolution, Fachartikel, In: www.Kinder-Verstehen.de und alle Säuglinge wachen im Durchschnitt 2- bis 6-mal pro Nacht kurz auf. Ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder unter einem Jahr – im englischen Fachjargon werden sie als self-soothers („Selbstberuhiger“) bezeichnet – sind dann in der Lage, sich selbst zu beruhigen und von allein wieder einzuschlafen; die Eltern bemerken solches Aufwachen meist gar nicht. „Selbstberuhiger“ sind Kinder, die daran gewöhnt sind, im müden, aber noch wachen Zustand hingelegt zu werden. Sie lassen sich meist ohne großen Aufwand zum Schlafen hinlegen.
Die Mechanismen, die den kindlichen Schlafrhythmus steuern, sind – anders als die des erwachsenen Schlafes – bis heute noch nicht vollständig erforscht.C. Cajochen, K. Blatter, D. Wallach: Circadian and sleep-wake dependent impact on neurobehavioral function. Psychologica Belgica, Band 44, 2004, S. 59–80; O. G. Jenni: Sleep-wake processes play a key role in early infant crying, The Behavioral and brain sciences, Band 27, 2004, S. 464–465.
Auch Faktoren, die einem weinenden Säugling beim Einschlafen helfen, sind wissenschaftlich nur wenig erforscht. Einer japanischen Studie zufolge fördert das Tragen des Säuglings das Einschlafen, nicht aber das Halten im Sitzen. Die Studie bestätigte zudem die allgemeine Beobachtung, dass Säuglinge häufig unmittelbar nach dem Ablegen wieder aufwachen; als entscheidend stellte sich vor allem die Zeitspanne zwischen dem Einschlafen und dem Ablegen heraus: Wurden Säuglinge nach dem Einschlafen zunächst acht Minuten lang im Sitzen gehalten und erst dann abgelegt, schliefen sie tendenziell weiter.
Allgemeiner Umgang mit Schlafproblemen
Bei Schlafproblemen wird häufig empfohlen feste Schlafzeiten einzuhalten und beim Zubettgehen sowie bei nächtlichem Erwachen für eine gewisse Zeit mit dem Kind zu interagieren. Alternativ kann versucht werden, das Kind erst dann ins Bett zu bringen, wenn es müde genug erscheint, um relativ bald einzuschlafen oder es wieder aufstehen zu lassen, wenn es nach einer festgelegten Zeit noch nicht eingeschlafen ist. Siehe auch #Zusätzliche Interventionen.
Einige Autoren empfehlen darüber hinaus Nickerchen am Tage und eine angemessene Schlafdauer, um einer Übermüdung vorzubeugen.
Die Psychologin Lisa Adams (Arkansas Children’s Hospital) und der Kinderarzt Vaughn Rickert (University of Arkansas) zeigten in einer Studie, dass Kinder deren Eltern mit ihnen vor dem Einschlafen ruhig, zugewandt und liebevoll interagieren, weniger schreien als Kinder, denen beim Zubettgehen weniger Aufmerksamkeit zugedacht wird.Lisa Adams, Vaughn Rickert: Reducing Bedtime Tantrums: Comparison Between Positive Routines and Graduated Extinction. Pediatrics, Band 84, Heft 5, 1989, S. 756–761. Wenn das Kind seine Müdigkeit mit angenehmen Erlebnissen assoziiert, fördert dies seine Einschlafautonomie. Die Abendroutine könnte etwa darin bestehen, dass die Eltern 20 Minuten vor dem geplanten Einschlafen beginnen, dem Kind vorzulesen oder vorzusingen oder gemeinsam Musik zu hören.; Die Wohligkeit des selbstständigen Einschlafens überträgt das Kind dann auch auf nächtliches Halberwachen.K. Minde, K. Popiel, N. Leos, S. Falkner, K. Parker, M. Handley-Derry: The evaluation and treatment of sleep disturbances in young children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, Band 34, 1993, S. 521–533.
Kinder von Eltern, die vor der Geburt an bestimmten Elternkursen teilgenommen hatten, schliefen in klinischen Studien signifikant besser als Kinder nicht geschulter Eltern.Timothy I. Morgenthaler u. a.: Practice Parameters for Behavioral Treatment of Bedtime Problems and Night Wakings in Infants and Young Children. Sleep, Band 29. Heft 20, 2006, S. 1277–1281. Auch Kinder, die Übergangsobjekte wie Schmusedecken, Kuscheltiere oder Schnuller verwenden und sich damit in Abwesenheit der Mutter selbst zu beruhigen vermögen, sind weniger anfällig für Schlafprobleme.I. Paret: Night waking and its relation to mother-infant interaction in nine-monthold infants. In: J. Call, E. Galenson, R. Tyson (Hrsg.): Frontiers of infant psychiatry. New York, NY: Basic Books, 1983; T. F. Anders, L. Halpern, J. Hua: Sleeping through the night: a developmental perspective, Pediatrics, Band 90, 1992, S. 554–560.
Verhaltensbedingte Schlafprobleme der Kindheit Die Forschung beschäftigt sich mit Schlafproblemen von Kindern erst seit Mitte der 1980er Jahre.S. Jenkins, C. Owen, M. Bax, H. Hart: Continuities of common behaviour problems in preschool children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, Band 25, 1984, S. 75–89; T. Anders, M. Keener: Developmental course of nighttime sleep-wake patterns in full- term and pre-term infants during the first year of life, Sleep, Band 8, 1985, S. 193–206. Kindliche Schlafprobleme, deren Ursachen im Erziehungsumfeld liegen, werden im englischen Fachjargon oft als infant and toddler sleep disturbance (ITSD, „Schlafstörung bei Säuglingen und Kleinkindern“) bezeichnet. Im Klassifikationssystem der American Academy of Sleep Medicine, ICSD, heißt das Phänomen behavioral insomnia of childhood (BIC, „verhaltensbedingte Schlaflosigkeit der Kindheit“). Volle Dyssomnien im Sinne des international anerkannten Klassifikationssystems der American Academy of Sleep Medicine werden bei Kindern nur selten diagnostiziert; um die hier dargestellten Störungen dennoch klassifizieren zu können, hat die Entwicklungspsychologin Erika Gaylor (SRI International) eine Nosologie für kindliche Protodyssomnien entwickelt, also für Vorformen von Dyssomnien. Unterschieden werden zwei Typen: Einschlafprobleme (in den ersten 24 Lebensmonaten: mehr als 30 Minuten) und Durchschlafprobleme (in den ersten 24 Lebensmonaten: mehr als zweimal pro Nacht). Häufig kommt beides zusammen.E. Gaylor, B. Goodlin-Jones, T. Anders: Classification of young children’s sleep problems: a pilot study. Journal of American Academy on Child and Adolescent Psychiatry, Band 40, 2001, S. 61–67.