mini|Südostansicht von Lews Castle Lews Castle ist ein Herrenhaus an der Ostküste der schottischen Hebrideninsel Lewis. Selten wird es auch als Lewis Castle oder bezeichnet. Es liegt an der Bucht von Stornoway gegenüber der Inselhauptstadt Stornoway.
Das Herrenhaus geht auf die Seaforth Lodge des Clans MacKenzie zurück, den König Jakob VI. von Schottland zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Insel betraute. Die MacKenzies, später als Earls of Seaforth, bestimmten von diesem Standort aus über beinahe zwei Jahrhunderte die Geschicke von Lewis. 1844 erwarb der Kaufmann Sir James Matheson die Insel. Er ließ die Seaforth Lodge zugunsten der Errichtung von Lews Castle am selben Ort abbrechen. Des Weiteren stieß Matheson die Anlage der weitläufigen Parks und Gärten an. Der Großindustrielle William Lever kaufte die Insel im Jahre 1918. Wenige Jahre vor seinem Ableben überließ er 1923 das Herrenhaus mit seinen Ländereien den Bürgern von Stornoway. Während der Nutzungsphase als Militärhospital während des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich der Zustand des Anwesens. In den 1950er Jahren wurde dort das Lews Castle College eingerichtet. Nachdem Lews Castle über einen längeren Zeitraum leergestanden hatte, begannen 2012 die Restaurierungsarbeiten, die drei Jahre später abgeschlossen wurden. Seit 2016 beheimatet es das Lews Castle Museum.
Die einbettende bewaldete Parkanlage mit teils exotischem Bestand bildet einen auffälligen Kontrast zu der weitgehend kargen Umgebung. Als einzige Anlage auf den Äußeren Hebriden ist Lews Castle als Site of Special Scientific Interest ausgewiesen – einem Gebiet von besonderem Interesse für den Naturschutz. Sowohl Lews Castle als auch mehrere Außenbauwerke sind als Einzeldenkmale in den schottischen Denkmallisten verzeichnet. Neben dem Herrenhaus wurde hierbei auch die Sea Gate Lodge eigenständig als Denkmal der höchsten Kategorie A eingestuft. Historic Scotland stuft die Gesamtanlage Lews Castle durch die Verleihung des höchsten Prädikats „herausragend“ in fünf von sieben Kategorien als besonders bedeutend ein.
Geschichte Archäologische Funde belegen, dass Lewis bereits in der Steinzeit besiedelt war. Vermutlich stellte der geschützte Naturhafen an der heutigen Inselhauptstadt Stornoway im Nordosten der Insel bereits zu diesen Zeiten einen attraktiven Siedlungsraum dar. So zeugt unter anderem ein Cairn auf der Anhöhe Cnoc na Croich in der Parkanlage südwestlich von Lews Castle von früherer Besiedlung dieser Region. Das rund 24 m durchmessende Bauwerk beinhaltet wahrscheinlich zwei Kammern, wurde jedoch bisher keiner eingehenden archäologischen Untersuchung unterzogen.
Vermutlich waren es Wikinger, die im 9. Jahrhundert die ersten geschlossenen Siedlungen auf Lewis gründeten. Auch sie ließen sich an der heutigen Bucht von Stornoway nieder und errichteten womöglich die Keimzelle der späteren Stadt. Zu dieser Zeit beherrschten ausgedehnte Waldlandschaften das Bild der Insel, welche erst durch Brandrodung und intensive Schafhaltung ihr heutiges karges Aussehen erhielt.D. Porter, D. Prince: Frommer’s Scotland. 1. Auflage. John Wiley & Sons, Hoboken 2006, ISBN 0-7645-9827-9, S. 390. Seit dem Mittelalter befand sich auch die Gerichtsbarkeit der Insel an diesem Ort, wovon der im heutigen Lews Castle Park gelegene Cnoc na Croich („Galgenhügel“) zeugt. Ein kleinerer Cairn aus neueren Zeiten markiert vermutlich den Standort des Galgens.
Im 12. Jahrhundert entstand eine Festung am Ort des heutigen Hafens von Stornoway, wodurch die Region weiter an Bedeutung gewann. Nachdem die nordischen Nicholsons (auch MacNicols) bis ins frühe 14. Jahrhundert Lewis beherrscht hatten, übernahmen die einheimischen MacLeods das Zepter. Im frühen 17. Jahrhundert galten die Bewohner von Lewis als barbarisch mit rohen Sitten. Um die Insel zu entwickeln, sprach Jakob VI. von Schottland (ab 1603 Jakob I. von England) 1610 den MacKenzies of Kintail Lewis zu.Eintrag im Gazetteer for Scotland. Bereits 1607 wurde Stornoway auf königlichen Erlass der Status eines Burgh of Barony verliehen.Eintrag im Gazetteer for Scotland. Nachdem die MacKenzies zunächst nur schrittweise an Einfluss gegenüber den MacLeods gewonnen hatten, brach die Zerstörung der MacLeod-Festung durch Truppen Cromwells deren Vorherrschaft.Peter Cunningham: The Castle of the Lews. 1. Auflage. Acair, Stornoway 2008, ISBN 978-0-86152-356-6, S. 12–13.
Lewis unter den Mackenzies of Kintail mini|hochkant|Kenneth Mackenzie, 3. Earl of Seaforth; Ölgemälde vermutlich von John Michael Wright Mit der Herrschaft der MacKenzies of Kintail über Lewis and Harris entstand eine neue Linie des Clans. 1623 wurde Colin MacKenzie als erster Earl of Seaforth installiert. Die Bezeichnung des Earldoms leitet sich von dem Meeresarm Loch Seaforth ab, der einen Teil der natürlichen Grenze zwischen Lewis und Harris bildet. Brahan Castle, der Stammsitz der Earls of Seaforth, befand sich jedoch nicht auf den Hebriden, sondern lag in der Nähe von Dingwall in Easter Ross. Um einen Stützpunkt auf Lewis zu schaffen, errichteten die Earls of Seaforth bis spätestens 1680 ein herrschaftliches Landhaus auf dem rauen Gelände westlich von Stornoway, das sie „Seaforth Lodge“ tauften. Von diesem steuerten sie bis in das 19. Jahrhundert die Geschicke der Insel. Zu keinem Zeitpunkt bewohnten sie das Anwesen jedoch dauerhaft und nahmen nur gelegentlich die beschwerliche Reise durch die Highlands auf sich, um ihren Verpflichtungen auf Lewis nachzukommen.Peter Cunningham: The Castle of the Lews. 1. Auflage. Acair, Stornoway 2008, ISBN 978-0-86152-356-6, S. 19–20.
Die Earls of Seaforth unterstützten zunächst die Herrscherdynastie der Stuarts, schlossen sich aber bei der Glorious Revolution 1688 den jakobitischen Thronprätendenten an. Nichtsdestotrotz blieb das Earltum unter den folgenden Stuartherrschern erhalten. Neben den Dukes of Argyll, Atholl und Gordon erwuchsen die Earls of Seaforth in dieser Zeit zu einer der vier einflussreichsten Adelslinien der Highlands. Da sich die abgelegene Insel Lewis als sicherer Hafen für die jakobitische Sache erwiesen hatte, fanden in der Seaforth Lodge konspirative Zusammenkünfte zur Planung der Jakobitenaufstände von 1715 statt.T. Innes, F. Adam: The Clans, Septs and Regiments of the Scottish Highlands 1934. 1. Auflage. Kessinger, 2004, ISBN 1-4179-8076-1, S. 86. Nach der Niederschlagung der Aufstände traten William Mackenzie, 5. Earl of Seaforth, dessen Earlswürde 1716 aberkannt worden war, und die adligen Anführer der Aufstände 1719 in der Seaforth Lodge zusammen. Dort wurde die Allianz aus jakobitischen und spanischen Truppen geschmiedet, die schließlich bei der Schlacht von Glen Shiel im Juni desselben Jahres den britischen Royalisten unterlag.Stornoway Historical Society: History of the Lews CastleStornoway Historical Society: Seaforth Lodge in 1719 Trotz seiner prominenten Rolle bei den Aufständen wurde William Mackenzie, 5. Earl of Seaforth 1726 begnadigt, ohne jedoch seine Adelstitel zurückzuerhalten. Mit Kenneth Mackenzie, 1. Earl of Seaforth wurde die Linie der Earls of Seaforth 1771 fortgeführt. Die Linie der Mackenzies of Seaforth starb mit dem Ableben von Francis Mackenzie, 1. Baron Seaforth im Jahre 1815 aus.
Unter den MacKenzies immigrierten Familien vom schottischen Festland nach Lewis. Sie brachten das Wissen um effizientere landwirtschaftliche Arbeitsweisen auf die Insel. Die Earls of Seaforth förderten die Schaffung von Weide- und Ackerflächen und implementierten mit dem Crofting ein Pachtwesen, das die Bewohner in Abhängigkeit hielt und sie zwang, Gelegenheitsarbeiten zu übernehmen, da ihnen kein Gemeinsames Land mehr zur Verfügung stand. Infolge der Bemühungen gelangten viele Inselbauern zu einem gewissen Wohlstand. So wurde Lewis nicht nur weitgehend unabhängig von Importen, sondern exportierte gar Teile seiner Feldfrüchte. Einhergehend setzte eine kulturelle Entwicklung der Inselbewohner ein.Peter Cunningham: The Castle of the Lews. 1. Auflage. Acair, Stornoway 2008, ISBN 978-0-86152-356-6, S. 14–17.
Mit dem Ableben Francis Mackenzies fiel Lewis dessen Tochter Mary zu. Wenige Jahre später heiratete sie James Stewart, der fortan den Namen Stewart-Mackenzie führte. In den folgenden Jahrzehnten setzten die Stewart-Mackenzies die Bemühungen der Earls of Seaforth fort. So wurden in der Zeit mehrere Schulen gegründet und das Anwesen der Seaforth Lodge gepflegt. In den 1830er Jahren wurde eigenes Papiergeld ausgegeben, dessen Gestaltung sich an der 1-Pfund-Note orientierte. Mit dem Tod Stewart-Mackenzies 1843 endete die Herrschergeschichte der Mackenzies auf Lewis.Peter Cunningham: The Castle of the Lews. 1. Auflage. Acair, Stornoway 2008, ISBN 978-0-86152-356-6, S. 24–27.Peter Cunningham: The Castle of the Lews. 1. Auflage. Acair, Stornoway 2008, ISBN 978-0-86152-356-6, S. 33.
Matheson, Lever und Lews Castle mini|hochkant|Sir James Matheson, 1. Baronet um 1837 Sir James Matheson, 1. Baronet, der sein Vermögen mit dem Opiumhandel im Fernen Osten gemacht hatte, erwarb die Insel Lewis 1844 zum Preis von 190.000 £. Bereits kurze Zeit später begannen Planungen für den Neubau eines Herrenhauses am Standort der Seaforth Lodge. Nachdem die feierliche Grundsteinlegung sicher auf den 30. November 1847 datiert werden kann, zur Geschichte von Lews Castle sind in der Literatur verschiedene Angaben bezüglich der Fertigstellung verzeichnet. So wurden die Arbeiten entweder 1851, 1854Eintrag im Gazetteer for Scotland oder 1860 abgeschlossen. Die Diskrepanzen sind vermutlich auf unterschiedliche Definitionen des Endzeitpunkts zurückzuführen und spiegeln die über Jahrzehnte andauernde Anlage von Außengebäuden wider. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 60.000 £. In einer zweiten, teils parallel laufenden Bauphase, ließ Matheson das junge Lews Castle in eine ausgedehnte Parkanlage einbetten. Diese Maßnahme erforderte neben dem Einzug von Acker- und Weideflächen die Evakuierung und Einebnung verschiedener Höfe und landwirtschaftlich geprägter Weiler, wodurch Matheson sich den Unmut der Bevölkerung zuzog. Auf der anderen Seite bedeuteten die Baumaßnahmen die Schaffung von Arbeitsplätzen und Bereitstellung von Nahrungsmittel in einer durch die Hungersnot infolge von Kartoffelfäule gezeichneten Zeit. Auch wurde die Verkehrsinfrastruktur im Zuge der Arbeiten vollständig überarbeitet und modernisiert, sodass die öffentlichen Straßen das erweiterte Anwesen säumten. Die Arbeiten schlugen mit 49.000 £ zu Buche. Eine andere Quelle spricht von Gesamtinvestitionen von 306.500 £ auf der Insel, davon 100.000 £ allein für Lews Castle. Matheson verstarb 1878 und die Insel Lewis wurde innerhalb der Familie vererbt.
mini|hochkant|links|William Lever, 1. Viscount Leverhulme 1918 erwarb William Lever, 1. Viscount Leverhulme, Mitgründer des Reinigungsmittelherstellers Lever Brothers (heute Teil des Unilever-Konzerns), die Insel Lewis zum Preis von 143.000 £. Im folgenden Jahr fügte er auch Harris, den südlichen Teil der Doppelinsel Lewis and Harris, seinen Besitztümern hinzu. Innerhalb von drei Jahren wandte Lever 2 Millionen £ zur Entwicklung der Wirtschaftsstruktur der Insel auf, wobei er einen Fokus auf Stornoway legte. Auch Lews Castle modernisierte Lever umfassend. So ließ er das Gebäude elektrifizieren, eine Heizung sowie eine Telefonanlage installieren und zusätzliche Baderäume einrichten. Damit verfügte Lews Castle als erstes Gebäude der Insel über eine Versorgung mit elektrischem Strom. Mit dem am Kopf der Bucht erbauten erforderlichen Kraftwerk wurde erstmals überhaupt Strom auf der Doppelinsel produziert.