Die Operation Starvation (; übersetzbar mit „Operation Aushungerung“) war als strategische Seeminen-Operation der United States Army Air Forces Teil des alliierten Luftkriegs gegen Japan während des Pazifikkriegs. Das Unternehmen fand im Jahr 1945 und damit in der Endphase des Krieges im Pazifik statt. Ziel der Operation war es, die über See verlaufenden Nachschub- und Versorgungsrouten des Kaiserreiches Japan, besonders in den Gewässern um Kyūshū sowie in der Seto-Inlandsee, durch den umfangreichen Abwurf von Seeminen aus der Luft zu unterbrechen. Die Operation Starvation wurde in fünf Phasen (Starvation I bis V) eingeteilt und dauerte knapp fünf Monate (bis Anfang August 1945). Hinsichtlich der sehr geringen US-amerikanischen Verluste und der schweren japanischen Schiffsverluste, der Seeverkehr in den betroffenen Gebieten brach beinahe völlig zusammen, ist die Operation als taktischer Erfolg der Vereinigten Staaten einzustufen. Da zudem massive Lieferengpässe die japanische Rüstungsindustrie stark schwächten, ist die Operation auch als strategischer US-Erfolg zu werten.

Vorgeschichte Zwischen Mitte 1943 und Anfang 1945 waren die US-Streitkräfte beständig näher an das japanische Mutterland herangerückt (siehe Island Hopping). Dabei waren die Landungstruppen zunehmend auf erheblichen Widerstand gestoßen, unter anderem in der Schlacht um Peleliu, während der Kämpfe um Leyte und in der Schlacht um Iwojima. Der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Pazifik, Fleet Admiral Chester W. Nimitz, ließ infolgedessen, auch im Kontext der geplanten Landungen auf Okinawa und auf Japan selbst, Pläne für eine großangelegte Luftminenoffensive gegen südjapanische Küstengewässer ausarbeiten, um den japanischen Nachschubverkehr (sowohl von den besetzten Territorien nach Japan als auch von Japan nach Okinawa) zu unterbinden. Diese Idee entstand auch vor dem Hintergrund, dass die Royal Air Force zwischen Juni und Dezember 1944 eine umfangreiche Luftminenoffensive gegen den deutschen Schiffsverkehr im Skagerrak, im Kattegat und in der Deutschen Bucht durchgeführt hatte. Dabei waren 8.000 Minen aus der Luft abgeworfen worden, wobei innerhalb von sechs Monaten 124 Schiffe (zumeist kleinere Küstenfrachter) mit insgesamt rund 75.000 BRT in Verlust geraten waren,Pemsel, Helmut: Seeherrschaft. Eine maritime Weltgeschichte von der Dampfschiffahrt bis zur Gegenwart. Band 2. Weltbild Verlag. Augsburg 1995, S. 580. was den deutschen Küstenverkehr stark beeinträchtigt hatte. Zudem waren die britischen Flugzeugverluste (36 Maschinen in sechs Monaten) vergleichsweise gering gewesen.Pemsel, Helmut: Seeherrschaft, S. 580. Anfang 1945 erging schließlich die Order an das auf den Marianen stationierte XXI Bomber Command, mit den Vorbereitungen für eine Minenoperation gegen Japan zu beginnen.

Die Lage in Japan Zu Beginn des Jahres 1945 befand sich Japan in einer militärisch und hinsichtlich der Versorgungslage mit Rohstoffen (alleine 88 Prozent des kriegswichtigen Rohöls mussten importiert werdenWätzig, Joachim: Die japanische Flotte. Von 1868 bis heute. Brandenburgisches Verlagshaus. Berlin 1996, S. 195.) und Lebensmitteln äußerst angespannten Situation. Die kaiserlich japanische Marine, die die Sicherung der See- und Konvoirouten zu gewährleisten gehabt hätte, hatte 1944, vor allem während der Großkämpfe um die Marianen und im Golf von Leyte schwere Verluste erlitten. Die zur Verteidigung der Seewege und der besetzten Gebiete sehr wichtigen Flugzeugträgerkräfte waren hierbei weitgehend vernichtet worden. Die wenigen noch einsatzbereiten schweren Einheiten, darunter das Schlachtschiff Yamato sowie einige wenige Flugzeugträger (die aber kaum mehr einsatzbereite Flugzeuge an Bord hatten und häufig beschädigt in den Werften lagen), litten außerdem unter gravierendem Brennstoffmangel.

Die wichtigsten Nachschubwege Japans, besonders die Seerouten zwischen den japanischen Heimatinseln und den Philippinen, Niederländisch-Indien und Mandschukuo, waren etwa ab Mitte 1943 verstärkt von amerikanischen U-Booten angegriffen worden, was die Nachschubsituation weiter verschärft hatte. Hatten etwa 1943 noch rund 4,3 Millionen Tonnen Eisenerz nach Japan eingeführt werden können, erreichten 1944 nur noch etwa 2,15 Millionen Tonnen die Inselnation. Auch die Nahrungsmittellage war angespannt: So waren die Importe an Reis von 990.000 Tonnen (1943) auf 652.000 Tonnen (1944) zurückgegangen.http://ww2total.com/WW2/History/Production/Japan/Military-production.htm Die japanische Handelsmarine war durch die alliierte Blockade trotz Zubau und Erbeutung von Schiffen von 6,1 Mio. BRT zum Ende 1941 auf 2,7 Mio. BRT Ende 1944 bereits mehr als halbiert worden.Lance E. Davis, Stanley L. Engerman: Naval Blockades in Peace and War. S. 372.

Die Vorbereitungen auf US-amerikanischer Seite Die für die Operation Starvation zur Verfügung stehenden Kräfte bestanden aus vier Gruppen des auf der Marianeninsel Tinian stationierten 313th Bombardement Wing (Brigadier General John H. Davies) des XXI Bomber Command (General Curtis E. LeMay). Jede Gruppe verfügte über etwa 40 schwere Bomber vom Typ Boeing B-29. Dieser Flugzeugtyp war in der Lage, entweder sieben Seeminen Mark 25 (von 907 Kilogramm Gewicht) oder zwölf Minen Mark 26 (von 454 Kilogramm Gewicht) aufzunehmen. LeMay, der selbst Nachtangriffe aus niedrigen Höhen favorisierte, hatte die 313th Bombardement Wing auch deswegen mit der Durchführung der Angriffe beauftragt, weil diese Anfang 1945 als einer der ersten Verbände des XXI. Bomber Command mit dem damals neu eingeführten Zielfindungs- und Bodenradar AN/APQ-13, welches sich für Nachtoperationen besonders anbot, ausgerüstet worden war. Ab dem 23. Januar 1945 trainierten alle vier Gruppen über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten hinweg den nächtlichen Präzisionsabwurf von Seeminen. Für gewöhnlich wurden die Minen aus 1.500 m bis maximal 2.500 m Höhe abgeworfen, die Geschwindigkeit der Flugzeuge durfte 440 km/h dabei nicht überschreiten.

Verlauf der Operation

Erste Einsätze im März und April 1945 Zwischen dem 27. März und dem 12. April 1945 wurden vom XXI. Bomber Command in sieben Nachtoperationen (246 Einsatzflüge) insgesamt 2.030 Minen abgeworfen (Operation Starvation I), hauptsächlich im Bereich der Straße von Shimonoseki, nahe Futaoi und vor Hiroshima. Die nächtlichen Angriffe kamen für Japan vergleichsweise überraschend, erst ab dem 26. April 1945 war die Shimonoseki-Straße wieder halbwegs befahrbar. Insgesamt sanken im genannten Gebiet nach Minentreffern bis Ende April 1945 14 Handels- und Hilfsschiffe mit zusammen 20.145 BRT,Pemsel, Helmut: Seeherrschaft, S. 732. sowie die Fregatte Mokuto und das Ausbildungs-U-Boot RO 64 mit seiner gesamten Besatzung von 51 Mann und 30 Kadetten. Fünf weitere Frachtschiffe wurden beschädigt. Die US-Verluste, beinahe alle Ausfälle und Beschädigungen waren auf Flak-Treffer zurückzuführen, beliefen sich im März auf drei Totalverluste und acht beschädigte B-29. Eine weitere Maschine der 313th Bombardement Wing stürzte am 7. April 1945 nahe Tinian nach einem Startunfall ab und explodierte.Mann, Robert A.: The B-29 Superfortress Chronology 1934 – 1960. McFarland & Company, Jefferson (NC) 2009, S. 133. mini|Eine B-29 beim Abwurf von Seeminen (Aufnahme um 1944).

Operationen im Mai 1945 Anfang Mai griff das XXI. Bomber Command in mehreren Wellen (197 Einsatzflüge) erneut die Straße von Shimonoseki und zusätzlich die Häfen von Tokio, Kure, Nagoya und Kōbe sowie die Küstenlinie der Provinz Harima an (Operation Starvation II). Dabei wurden bis zum 5. Mai 1945 insgesamt 1.422 Minen abgeworfen. Ferner wurden vereinzelt Minen vor Niijima gelegt. Nur acht Tage später, am 13. Mai 1945, begann die Operation Starvation III, wobei bis Ende Mai auf acht Missionen (203 Einsatzflüge) nochmals 1.313 Minen in die Straße von Shimonoseki und vor Tokio, Nagoya, der Kii-Halbinsel sowie vor Osaka, Sasebo und Fukuoka abgeworfen wurden, darunter auch erstmals sogenannte Niederfrequenz-Akustikminen des Typs Mark 25 A3 und Mark 25 A5 sowie Druckminen des Typs Mark 25 A6. Die Folgen dieser Angriffe im Mai wirkten sich verheerend aus. Innerhalb von vier Wochen gingen 85 Handelsschiffe, Fischereifahrzeuge, kleinere Hilfsschiffe und BooteCraven, Wesley F. / Cate, James L.: The Army Air Forces in World War II (Volume V). The Pacific: Matterhorn to Nagasaki – June 1944 to August 1945. University of Chicago Press, Chicago 1953, S. 669. sowie das Minensuchboot Sōkaitei Nr.29 (43 Tote) und zwei kleinere U-Boot-Jäger auf diesen Minen verloren, weitere 137 Schiffe wurden beschädigt. Die Gesamttonnageverluste Japans durch Minen beliefen sich im Mai auf 109.991 BRT.Pemsel, Helmut: Seeherrschaft, S. 732. Der Küstenverkehr brach zeitweilig völlig zusammen. mini|Japanisches Minensuchboot W 29 (nach Minentreffer am 8. Mai 1945 in der Straße von Shimonoseki gesunken).

Um die Bedrohung durch die Minen bekämpfen zu können, stellten die Japaner bis zu 20.000 Luft- und SeeraumbeobachterCraven / Cate: The Army Air Forces, S. 671. entlang der bedrohten Küstenlinien auf, um den Abwurf von Minen rechtzeitig bemerken zu können. Außerdem wurden im Verlauf des Mai 1945 rund 200 Hilfsminensuchboote, zumeist requirierte Fischkutter und kleine Frachtschiffe, in Dienst genommen. Insgesamt waren 349 Räumfahrzeuge auf japanischer Seite im Einsatz. Auch die Flugabwehrbatterien in Küstennähe wurden verstärkt. Dies wirkte sich vor allem Ende Mai zunehmend aus, so waren zu Beginn des Monats zwar keine US-Verluste zu verzeichnen, indessen jedoch gingen in der Nacht des 25./26. Mai 1945 sieben B-29 der 313th Bombardement Wing verloren,Mann, Robert A.: Superfortress, S. 174. fünf davon wurden alleine im Großraum Tokio von Nachtjägern des Typs Nakajima J1N abgeschossen.Sakaida, Henry: Imperial Japanese Navy Aces 1937 – 1945. Osprey Publishing. Oxford 1998, S. 99f.

Operationen im Juni 1945 Der Juni 1945 sah eine massive Intensivierung der US-amerikanischen Minenlegeoperationen. So flogen Flugzeuge des XXI. Bomber Command ab dem 7. Juni 404 Einsätze und warfen innerhalb von drei Wochen 3.542 Minen ab (Operation Starvation IV), wobei erneut vor allem die Straße von Shimonoseki sowie die Seerouten nach Tokio, Maizuru, Sakai und Kōbe sowie die Küstenlinie der Provinz Harima betroffen waren. Die japanischen Abwehr- und Räumkräfte, die sich Ende Mai leicht erholen hatten können, waren diesem Großangriff nicht mehr gewachsen, da zudem ab Ende Juni und nach dem Ende der Kämpfe um Okinawa die wieder frei gewordene Task Force 38 zudem verstärkt mit Angriffen auf das japanische Mutterland und den küstennahen Schiffsverkehr begann. Im Verlauf des Juni 1945 konnten infolgedessen die Minenräumoperationen nur noch sehr begrenzt durchgeführt werden, was dazu führte, dass beispielsweise der Gütertransport nach Kōbe von rund 320.000 Tonnen (März 1945) auf nur mehr etwa 44.000 Tonnen zurückging (Juli 1945). Insgesamt gerieten im Verlauf des Juni 57 japanische Handelsschiffe mit 69.009 BRTPemsel, Helmut: Seeherrschaft, S. 732. und zwei Kriegsschiffe, darunter der Geleitzerstörer Enoki am 26. Juni 1945 vor Fukui und der U-Boot-Jäger Ch-195,Fock, Harald: Flottenchronik. Die an beiden Weltkriegen beteiligten aktiven Kriegsschiffe und ihr Verbleib. Koehlers Verlagsgesellschaft. Hamburg 2000, S. 197. durch Minentreffer in Verlust; 118 weitere Schiffe und Boote erlitten Schäden, darunter auch der Geleitzerstörer Nara, der am 30. Juni 1945 vor Shimonoseki durch einen Minentreffer schwer beschädigt wurde (das Schiff konnte zwar eingebracht werden, wurde aber bis Kriegsende nicht mehr repariert). Im Gegenzug büßte die 313th Bombardement Wing nur vier Maschinen ein. mini|Eine Mark 26-Seemine (454 Kilogramm) kurz nach dem Abwurf (Aufnahme aus einer B-29 im Jahr 1945).

Letzte Operationen im Juli und August 1945