__NOTOC__ Manyas ist eine Stadt im gleichnamigen Landkreis der türkischen Provinz Balıkesir und gleichzeitig ein Stadtbezirk der 2012 geschaffenen Büyükşehir belediyesi Balıkesir (Großstadtgemeinde/Metropolprovinz). In Manyas ereignete sich am 6. Oktober 1964 ein Erdbeben mit einer Stärke von 6.9 auf der Mercalliskala. Bei dem Beben wurden 23 Personen getötet und mehrere Tausend Gebäude schwer beschädigt.
Lage-, Bevölkerungs- und Siedlungssituation Die Stadt liegt etwa 45 Kilometer nördlich des Provinz-Zentrums Balıkesir. Seit einer Gebietsreform 2012 ist die Kreisstadt flächen- und einwohnermäßig identisch mit dem Landkreis. Laut Stadtlogo wurde der Ort 1936 in den Rang eines Kaza-Zentrums (Kaza: frühere administrative Bezeichnung für Kreis, später İlçe) mit einer Belediye erhoben.
Der Landkreis liegt im Norden der Provinz Balıkesir im Süden des Manyas-Sees, Manyas selbst als Zentrum ist annähernd 10 km vom See entfernt. Die Höhe des Bezirks beträgt etwa im Mittel 55 m. Der nördliche Teil ist Tiefland und macht 30 % der Gesamtfläche aus. Der südliche Teil (70 %) hat bergiges und hügeliges Gelände. Es gibt 19.000 ha Waldfläche. Der Landkreis grenzt im Südosten an Susurluk, im Süden an den zentralen Landkreis Balıkesir, im Südwesten an Balya, im Westen an Gönen und im Norden an Bandırma. Im Norden grenzt der Landkreis an den Manyas-See, auch Kuş Gölü, deutsch „Vogel-See“. Der See wurde 1959 wegen seines Artenreichtums und der Gefährdung durch Industrieabwässer zum Nationalpark Kuş Cenneti Milli Parkı erklärt, was aber die Verschmutzung kaum verhindern konnte, sodass vom einstigen sogenannten Vogelparadies () nur wenig erhalten ist. Etwa zwei Kilometer nördlich passiert der Fluss Manyas Çayı (auch Kocaçay, Kocaavşar Deresi, Madras Deresi, oder Kadıköy Deresi) die Stadt und mündet in den See.
Von den 18.599 (2020) in den Statistiken angegebenen gesamten Einwohnern von Manyas entfallen lediglich 6.162 (2020) auf die Kernstadt. Von den für Manyas angegebenen 50 Mahalle (Stadtviertel) liegen nur vier in der Kernstadt: Atatürk, Çarşı, Maltepe und Yeni. Die restlichen sind separate Weiler und Dörfer – also ländliche Siedlungen – im näheren und weiteren Umfeld, oft mit bis zu 16 km Entfernung von der Kernstadt (z. B. Kocagöl).
Der Kreis bestand bis Ende 2012 aus der Kreisstadt (mit 5 Mahalles) und zwei Gemeinden (Belediye): Kızıksa (2 Mahalle) und Salur (3 Mahalle). Weiterhin gehörten zum Kreis 43 Dörfer (Köy), zusammengefasst in drei Bucaks: Darıca (9), Şevketiye (8) und dem zentralen Bucak (Merkez; 26 Dörfer). Diese 43 Dörfer und beiden Belediyes (deren Mahalles wurden zusammengelegt) wurden während der Verwaltungsreform 2013 in Mahalles umgewandelt. Derzeit existieren also 50 Mahalles, deren Größe zwischen 51 und 2.837 (Çarşı) Einwohnern liegt.Liste der Mahalles mit deren Muhtars
Widersprüchliche Quellen Versucht man, den Werdegang der kleinen, noch recht jungen Kreisstadt Manyas – speziell die Anfänge des Ortes – zu fixieren, so stößt man nicht nur auf eine dünne, sondern auch auf eine äußerst widersprüchliche Quellensituation hinsichtlich Ortslage und Alter. Dabei stiften bereits Vergleiche von verschiedenen Karten Verwirrung:
So vermerkt der Codex-Kultur-Atlas einerseits den rezenten Ort Manyas mit den Zusätzen „Maltepe“ und „Pemanios“ als historische bzw. antike Bezeichnungen, gleichzeitig aber auch 10 km südöstlich unterhalb des Keltepe einen Ort „Eskimanyas“ (heute Soğuksu) mit den Beinamen „Pemanios“ und „Poimanenon“. Offensichtlich ist dieser antike Ortsname auf zwei verschiedenen Siedlungen bezogen. Die Karte von Kleinasien von 1915 enthält ebenfalls zwei Positionen mit Eintragungen „Manijas“ und „Eski Manijas“, zusätzlich bei letzterem Ort die Ruinen von „Poemanenum“. Die amtliche topographische Karte der Türkei von 1950 verzeichnet ebenfalls zwei Orte: Das İlçe-Zentrum Manyas mit dem Zusatz „Maltepe“ und ein Dorf Eski Manyas bei einem als „Kale“ (Burg) bezeichneten Bergsporn am Keltepe.
Man muss also zwischen mindestens zwei verschiedenen Orten namens Manyas unterscheiden: Manyas und Eski Manyas (Alt Manyas). Beide werden mit der antiken Siedlung Pemanios bzw. Poimanenon bzw. Poemanenum in Verbindung gebracht, konnten aber zunächst nicht mit Sicherheit konkreten antiken Siedlungen zugeordnet werden. Dass beide Manyas-Orte mit demselben antiken Ort Poemanenus gekoppelt sind, weist auf ein Phänomen hin, das für viele Kleinstädte in der Türkei charakteristisch ist: Verlagerung einer zentralen Siedlung eines bestimmten Gebietes oder zumindest einer ihrer zentralen Funktionen (meist Verwaltung) zugleich mit dem Namen zu einem anderen Ort. Dabei schließt eine jüngere Siedlung an die Tradition eines älteren (hier antiken) Vorläufers in der Nachbarschaft an. Nur einer der beiden kann das umstrittene „Pemanios/Poemanenus“ sein. Der örtliche Zusatz „Maltepe“ spielt dabei ebenfalls eine Rolle.
Geschichtliche Hintergründe Was speziell die Entwicklungsgeschichte der Stadt Manyas betrifft, so muss man nach bisherigem Wissen insgesamt vier Ortschaften unterscheiden, die nacheinander jede für sich eine Zeitlang als regionales Zentrum südlich des Manyas-Sees fungierten:
Das ruinierte antike Poemanenus auf dem Keltepe (vor 535 n. Chr. Poimánenos); die alte Stadt Poe/manenus wird zweifellos immer mit dem Siedlungsnamen MANYAS in Verbindung gebracht. Aus Erfahrung weiß man für Kleinasien, dass sich viele antike Namen in heutigen Ortsbezeichnungen in irgendeiner Weise durchpausen. Poemanenus (Poimanenos) war eine antike Stadt im Süden von Kyzikos (bei Erdek), und im Südwesten des Sees Aphnitis (Manyas-See), die nur von sehr späten Autoren erwähnt wird. Sie gehörte zum Gebiet von Kyzikos, war gut befestigt und besaß einen berühmten Tempel des Asklepios. Seine Einwohner werden bei Plinius Poemaneni (Poimanenoi) genannt. Die seit langem aufgegebene osmanische Nachfolgestadt auf einem direkt benachbarten Bergsporn des Keltepe, Name vermutlich Manyas. Hamilton identifiziert es dem Namen nach mit „Maniyas“, der beschriebenen Lage-Situation nach aber mit Eski Manyas. Das Muhacirdorf (Tscherkessen) Eski Manyas (1902 Eski Manyas, 1928 Atik Manyas, später Soğuksu (kaltes Wasser) nach den dort vorhandenen Mineralquellen, heute wieder Eskimanyas), 1965 Dorf mit 387 Einwohnern aus dem frühen 19. Jahrhundert am Fuße des Keltepe unterhalb der Ruinen von Poemanenus. Die ehemalige Muhacir-Siedlung des späten 19. Jahrhunderts und heutige moderne Kreisstadt Manyas (Maltepe) südlich unweit des Manyas-Sees in 8 km Entfernung nordwestlich von den drei älteren Siedlungsplätzen. links|mini|Blick auf das Dorf Eski Manyas (Soğuksu) von der Höhe der Akropolis von Poemanenus 1984 mini|Bisweilen trifft man im Dorf Eski Manyas (Soğuksu) noch auf alte Dorfhäuser. Jeder dieser vier Orte verkörpert so jeweils eine bestimmte historische Epoche von der Antike bis zur Gegenwart. Jede neue Ortslage, d. h. jede vollzogene Ortsverlagerung bedeutete für die Stadt eine signifikante Zäsur. Etwa 1336/37 ging Manyas (das antike Poemanenus) an das Vilayet Karası. Aus dieser Frühzeit der osmanischen Periode existieren noch Reste einer Türbe und einer Moschee. 1592 wird Manyas als Kaza (Kreis) im Sandschak Karası erwähnt. In der Reisebeschreibung des Evliya Celebi aus dem 17. Jahrhundert wird die Einrichtung eines Jahresmarktes (Panayır) in Manyas beschrieben. Das Avariz-Register (osmanisches Steuer-Register von 1603–04) verweist auf die Entvölkerung einiger Stadtteile von Manyas infolge der Angriffe der „Celali-Banditen“,. Danach schweigt die Überlieferung, um erst im 19. Jahrhundert wiedereinzusetzen: links|mini|Das Bild zeigt die Lagesituation des rezenten Dorfes Soğuksu (Eski Manyas) zur wüsten antiken Akropolis von Poemanenus und den Ruinen eines osmanischen Badehauses an den Mineralquellen (Soğuksu=Kaltwasser) der osmanischen Nachfolgesiedlung (Eski Manyas). Hamilton und Wiegand setzten Manyas der Stadt Paemanenus gleich zu einer Zeit, als das heutige Manyas nachweislich noch gar nicht existierte, also mit dem Ort Eski Manyas (was auch der beschriebenen Lage und Situation entspricht). Wiegand erwähnt dabei zwei Moscheeruinen und eine Türbe mit drei Heiligengräbern auf der Höhe südöstlich der Burg Paemanenus und unterhalb ein Tscherkessendörfchen mit einer neuen Moschee – offensichtlich das Dorf Eski Manyas. Philippson beschreibt Eskimanyas 1902 – belegt mit einem Photo – am Ausgang eines Gebirgstales als einen Ort neu angesiedelter Tscherkessen meist aus Reisighütten bestehend. Er verweist zugleich auf den eigentlichen älteren türkischen und inzwischen aufgelassenen Ort Eski Manyas in unmittelbarer Nachbarschaft auf einem Bergsporn und einer kleinen Bergterrasse im Bereich der Ruinen von Poimanenon mit zahlreichen Häusern, zwei altertümlichen Moscheen und einer verfallene Türbe. links|mini|Ein gewaltiger Mauerring umschließt noch heute die Akropolis der antiken Stadt Poemanenus bei Eski Manyas. mini|Antike Inschriftenspolie in der Akropolis-Mauer von Poemanenus bei Eski Manyas. links|mini|Ruinen von osmanischen Türben (Grabbauten) auf einem Sporn des Keltepe bei Eski Manyas mini|Verfallene Türbe (Grabbau) aus osmanischer Zeit in Poemanenus auf einem Sporn des Keltepe bei Eski Manyas. Nach Stewig bestand dieser Ort Manyas 1835 noch aus etwa 500 Häusern mit 2500 Einwohnern. Jones erklärt Paemanenus als tribales Zentrum der Poemanenen, das zeitweise als selbständige Kommune, zeitweise als Dorf unter Kyzikos stand. Cuinet hat offenbar 1895 keine Kenntnis von der Existenz einer zweiten Siedlung gleichen Namens in unmittelbarer Nachbarschaft und bezieht alle Informationen und Angaben fälschlicherweise auf nur eine Siedlung: Er beschreibt das Dorf Manyas an der Stelle der alten Bischofsstadt Poemaninus mit Ruinen und byzantinischen Mauerresten auf einem Hügel „Mal-tépé“, was aber eindeutig auf den Ortsteil Maltepe des heutigen Manyas hinweist. Andererseits erwähnt er Mineralquellen in der Nähe von Manyas, die aber bei Eski Manyas liegen. Kıpçak übernimmt noch 1968 Cuinets Angaben mit der Einschränkung, dass Maltepe möglicherweise mit Poemanenus identisch ist. Er erwähnt Reste einer Befestigung bei Soğuksu (Eski Manyas). Dieser alte Ort ist offensichtlich – auch im Bewusstsein der Bevölkerung – eindeutig der Vorläufer von Manyas (Maltepe), dem rezenten Kreiszentrum. Die Stadtverwaltung von Manyas vermerkt dazu sehr richtig, dass man die Geschichte von Manyas in zwei Teilen betrachten sollte: Den Part von „Manyas Kalesi“, ein in der Geschichte als Manyas häufig erwähnter Ort Eski Manyas, und den Teil, der das Bezirkszentrum Manyas betrifft, das viel später gegründet und auch Manyas genannt wurde. Der Platz der Kreisstadt Manyas ist nicht identisch mit der antiken Stadt Poemanenus, sondern mit einer bislang noch nicht identifizierten (möglicherweise) antiken Siedlung.
Das neue Kreiszentrum Manyas Kıpçak erwähnt „Miletopolis“ als alten Namen von Manyas. Vergleicht man die Namen „Miletopolis“ und „Maltepe“ miteinander, so deutet sich an, dass „Maltepe“ die sprachlich verstümmelten Relikte von „Miletopolis“ (Mil-e-topo-lis) enthält, einem antiken Ort, der sonst immer mit der benachbarten Kreisstadt Karacabey in Verbindung gebracht wird. Bislang besteht allerdings Unsicherheit, ob Manyas überhaupt an diesem antiken Siedlungsplatz liegt. Bei Notgrabungen 1975 (Autobahnbau) wurde nach türkischen Angaben Miletopolis in der Flur Melde Bayırı bei Mustafakemalpaşa identifiziert. Bei anderen Ausgrabungen in Ergili am Manyas Gölü 12 km nordöstlich von Manyas wurden ostgriechische Keramikstücke aus dem 6. und 7. Jahrhundert und verschiedene architektonische Stücke aus der Zeit der Ionier sowie zwei Mauern aus hellenistischer Zeit gefunden und mit dem Ort Daskyleion identifiziert. links|mini|In den 1980er Jahren war das Ortsbild von Manyas an vielen Stellen noch geprägt von typischen Gehöften einst angesiedelter Muhacır. mini|Das Bild zeigt eines der älteren Muhacır-Gehöfte in Manyas in den 1970er Jahren