Misophonie (von griechisch μῖσος misos ‚Hass‘μῖσος. In: Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon (online im Perseus Project). und φωνή phonḗ ‚Geräusch‘φωνή. In: Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon (online im Perseus Project).), wörtlich „Hass auf Geräusche“, ist eine Form der verminderten Geräuschtoleranz gegenüber bestimmten Geräuschen. Eine Klassifizierung nach ICD-10 oder DSM-5 besteht nicht.

Der Begriff „Misophonie“ wurde Anfang des 21. Jahrhunderts durch die US-amerikanischen Neurowissenschaftler Pawel und Margaret Jastreboff geprägt. Ein häufig verwendetes Synonym ist selective sound sensitivity syndrome, auf Deutsch etwa „Selektives Geräuschempfindlichkeits-Syndrom“. Obwohl diese Bezeichnung als die wissenschaftlich exaktere der beiden erscheint, setzte sich der Begriff der Misophonie in der Forschung durch. Stimuli, die die beschriebenen Reaktionen hervorrufen, werden als Trigger bzw. Triggergeräusche bezeichnet.T. H. Dozier: Counterconditioning Treatment for Misophonia. In: Clinical Case Studies. Band 14, Nr. 5, 2015, S. 374, doi:10.1177/1534650114566924.

Abgrenzung alt=Einordnung der Misophonie im Zusammenhang mit verwandten Konstrukten.|mini|Abb. 1. Einordnung der Misophonie im Zusammenhang mit verwandten Konstrukten. Geräuschintoleranz ist ein heterogenes Konstrukt, das in unterschiedlicher Weise definiert wird. Eine typische Unterteilung findet zwischen Hyperakusis und Misophonie innerhalb der Geräuschintoleranz statt. Oftmals werden jedoch auch andere klinische Krankheitsbilder als Geräuschintoleranz definiert; die Trennschärfe der Definitionen ist bislang gering und daher kommt es teils zu uneinheitlichen Bezeichnungen. Eine der wichtigsten Differenzierungen ist daher innerhalb der Geräuschintoleranz zwischen Misophonie und Hyperakusis vorzunehmen. So unterscheiden sich diese grundlegend hinsichtlich der physischen Eigenschaften, der Bedeutung und des Kontextes bestimmter Geräusche. Im Gegensatz zu der krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber Schall (Hyperakusis) betrifft Misophonie nur bestimmte Geräusche, die unabhängig von Lautstärke oder physischer Konstitution als belastend wahrgenommen werden. Misophonie beinhaltet darüber hinaus aversive Reaktionen, abhängig von der subjektiven Geräuschbedeutung oder dem Kontext.M. M. Jastreboff, P. J. Jastreboff: Treatments for Decreased Sound Tolerance (Hyperacusis and Misophonia). In: Seminars in Hearing. Band 35, Nr. 2, 2014, S. 105–120. doi:10.1055/s-0034-1372527

Einige Forscher ordnen Phonophobie (Angst vor Geräuschen) der Misophonie zu, mit der Spezifizierung, dass Angst die prädominante Emotion als Reaktion auf distinkte Geräusche ist.

Darüber hinaus werden Überschneidungen mit Störungen der Sinnesverarbeitung gesehen.Arjan Schröder, Nienke Vulink, Damiaan Denys: Misophonia: Diagnostic Criteria for a New Psychiatric Disorder. In: PLoS ONE. Band 8, Nr. 1, 2013, Artikel e54706. Aufgrund der noch geringen Validität dieses Konzeptes ist es jedoch schwer, diesen Zusammenhang systematisch zu belegen. Forscher gehen insbesondere von Zusammenhängen mit dem Subtyp sensorische Überreaktivität aus. Die Autoren definieren dieses Syndrom als das Erleben natürlicherweise nicht schädlicher Sinneseindrücke schneller und anhaltender als gefährlich, schmerzhaft oder ablenkend. Betroffenen kann die Habituation an sensorischen Input und die Fähigkeit, sich bei der Anwesenheit funktional zu verhalten, fehlen.

Ebenso relevant ist die Differenzierung zwischen Misophonie und Tinnitus. Als Tinnitus werden allgemeingültig zusätzliche, ein- oder beidseitige Ohrgeräusche bezeichnet. Wissenschaftler wiesen auf eine Schnittmenge hinsichtlich der neurologischen Grundlage hin. Abgrenzbar macht die Syndrome jedoch der Umstand, dass Misophonie von externen, meist durch Menschen produzierte Geräusche oder Situationen ausgelöst wird und ein Tinnitus hingegen durch internal wahrgenommene, abstrakte Geräusche charakterisiert ist.

Zudem ist es wichtig zu betonen, dass weder Hyperakusis noch Misophonie einen Zusammenhang mit Hörschwellen aufweisen, dennoch aber mit normalem oder eingeschränktem Hören einhergehen können.

Symptome 2014 wurden sowohl mögliche Reaktionen als auch die unterliegenden Geräusche charakterisiert.M. M. Jastreboff, P. J. Jastreboff: Treatments for Decreased Sound Tolerance (Hyperacusis and Misophonia). In: Seminars in Hearing. Band 35, Nr. 2, 2014, S. 105–120. doi:10.1055/s-0034-1372527 Zu den beobachteten Reaktionen gehören emotionale Reaktionen wie Irritation, Ärger und Wut, Frustration, Sorge und Angst sowie konative Reaktionen wie das Bedürfnis, sich zu entfernen und zu weinen, und psycho-physiologische Reaktionen wie Schmerzen, Unwohlsein, Konzentrationsverlust, Arousal und Stress. Die Auflistung korrespondierender Geräusche ist zu lang, um sie zu berichten, schließt jedoch praktisch kein Geräusch aus. Forscher wiesen faktorenanalytisch eine Reihe von Geräuschklassen und Reaktionen nach. Demnach beschreiben sie folgende Klassen:

Essende Menschen, repetitives Tippen, Rascheln, Nasale Geräusche, Rachengeräusche, Konsonanten und Vokale und Umweltgeräusche.

Extreme Angst und Vermeidungsverhalten können entstehen, was zu sozialer Isolation oder verminderter Geselligkeit führen kann.Arjan Schröder, Nienke Vulink, Damiaan Denys: Misophonia: Diagnostic Criteria for a New Psychiatric Disorder. In: PLoS ONE. Band 8, Nr. 1, 2013, Artikel e54706. Manche der Betroffenen stehen unter dem Zwang, das, was sie sehen oder hören, nachzuahmen.

Eine wichtige Rolle in der Forschung spielt auch die Auseinandersetzung mit der beteiligten sensorischen Information an der misophonischen Reaktion. Es wird mehrheitlich davon ausgegangen, dass auch andere sensorische Wahrnehmungsmodalitäten eine Rolle spielen. Fraglich ist jedoch, inwiefern diese beteiligt sind. Es konnte gezeigt werden, dass sowohl visuelle (z. B. Fuß- oder Körperbewegungen) als auch taktile Wahrnehmungen (z. B. Texturen bestimmter Gegenstände) beteiligt sind. Ob diese jedoch die misophonischen Reaktionen allein oder in Kombination mit auditiven Informationen auslösen, bleibt ungeklärt. Dass misophonische Reaktionen durch auditive Informationen ausgelöst werden, ist hingegen mehrheitlich belegt.

Diagnostik

Diagnostische Kriterien Es existieren keine standardisierten diagnostischen Kriterien für Misophonie, da sie nicht im ICD-10 oder DSM-5 aufgeführt wird. In der Wissenschaft werden jedoch Forschungskriterien vorgeschlagen, die einen orientierenden Rahmen für wissenschaftliche Untersuchungen geben sollen.

Die in der Literatur am häufigsten zitierten diagnostischen Kriterien für Misophonie wurden 2013 von drei Psychiatern des Medizinischen Akademischen Zentrums Amsterdam formuliert. In einer Interviewstudie mit 42 Patienten schlugen die Wissenschaftler eine diskrete Klassifikation der psychiatrischen Störung vor. Trotz berechtigter Kritik an den Kriterien bieten sie einen systematischen und vergleichbaren Ansatz der wissenschaftlichen Untersuchung diagnostischer Instrumente an. +Vorgeschlagene diagnostische Kriterien für MisophonieBeschreibung des Kriteriums1Die Anwesenheit oder Antizipation eines spezifischen, durch Menschen produzierten Geräusches löst eine impulsive, aversive körperliche Reaktion aus, welche mit Irritation oder Ekel beginnt und unmittelbar zu Ärger wird.2Dieser Ärger leitet ein tiefes Gefühl des Verlustes der Selbstkontrolle mit seltenen, aber potentiell aggressiven Wutausbrüchen ein.3Das Individuum erkennt, dass der Ärger oder Ekel exzessiv, unbegründet oder unverhältnismäßig zu den Umständen oder dem auslösenden Stressor ist.4Das Individuum tendiert dazu, misophonische Situationen zu meiden oder wenn sie unvermeidbar sind, diese zu ertragen, was mit intensivem Unbehagen, Ärger oder Ekel einhergeht.5Der Ärger, Ekel oder die Vermeidung verursacht beim Individuum signifikanten Distress (d. h., es stört das Individuum, diesen Ärger oder Ekel zu empfinden) oder beeinträchtigt das alltägliche Leben der Person signifikant.6Der Ärger, Ekel oder die Vermeidung können nicht besser durch eine andere Störung, wie Zwangsstörung oder Posttraumatische Belastungsstörung, erklärt werden.(Tabelle adaptiert und übersetzt aus dem Englischen)

Erhebungsmethoden In der Literatur finden sich einige Selbstberichtsverfahren (Fragebögen) und Interviews, die den Anspruch haben, Misophonie zu messen. Es muss jedoch mit einer Ausnahme festgestellt werden, dass es derzeit keine Verfahren gibt, die wissenschaftlich untersucht und deren Testgüte systematisch überprüft wurde. Im Folgenden werden einige Testverfahren aus der Fachliteratur beschrieben.

Misophonia Questionnaire (MQ) Der Fragebogen gliedert sich in drei Teile, die die Präsenz von Misophonie-Symptomen (Misophonie-Symptom-Skala), die resultierenden Emotionen und Verhaltensweisen (Misophonie-Emotions- und Verhaltens-Skala) und den allgemeinen Schweregrad der Geräuschempfindlichkeit messen. Personen werden gebeten, auf einer Skala von 0 (trifft gar nicht zu/nie) bis 4 (trifft immer zu/immer) einzuschätzen, wie stark oder häufig die Aussagen auf sie selbst zutreffen., PDF.

Der Fragebogen wurde im Rahmen einer Studie an 483 Studenten in Florida untersucht. Die psychometrische Untersuchung fand nicht unabhängig statt.

Die Reliabilität (Messgenauigkeit) des Verfahrens wurde durch interne Konsistenzen (Cronbachs α) geschätzt. Für die Symptom-Skala wurde α = .86 und für die Emotions- und Verhaltens-Skala wurde α = .86 geschätzt, was als gute Ergebnisse angesehen werden.

Die Konstruktvalidität wurde durch eine exploratorische Faktorenanalyse untersucht, die eine dreifaktorielle Lösung zeigen konnte. Dies ist in Übereinstimmung mit den drei vorgeschlagenen Teilen des Fragebogens. Als Beleg für die konvergente Validität führen die Autoren hohe Korrelationen mit auditiver Überempfindlichkeit eines sensorischen Überempfindlichkeitsfragebogens (r = .50, p < .001) auf. Die Autoren sehen die niedrigeren Korrelationen mit anderen sensorischen Überempfindlichkeiten (r = .28 - .34, p < .001) als Hinweis für die diskriminante Validität.

Die folgenden Skalen sind Übersetzungen der englischen Originalversion des MQ.

Misophonie-Symptom-Skala Im Vergleich zu anderen Menschen bin ich empfindlich gegenüber folgenden Geräuschen:

Essende Menschen (z. B. Kauen, Schlucken, Lippen, Schmatzen, Schlürfen etc.) Wiederholendes Klopfen (z. B. Stift auf dem Tisch, Fuß auf dem Boden etc.) Rascheln (z. B. Plastik, Papier etc.) Menschen, die nasale Geräusche machen (z. B. einatmen, ausatmen, schnüffeln etc.) Menschen, die Rachengeräusche machen (z. B. Räuspern, Husten etc.) Bestimmte Konsonanten und/oder Vokale (z. B. „k“-Geräusche etc.) Umweltgeräusche (z. B. Uhrenticken, Kühlschrankbrummen etc.) Andere (z. B. Knipsen mit einer Zange)

Misophonie-Emotions- und Verhaltens-Skala Wenn Sie sich der/des Geräusche(s) bewusst sind, wie oft tun oder erleben Sie Folgendes wegen der/des Geräusche(s):

Die Umgebung verlassen und sich zu einem Ort begeben, an dem die Geräusche nicht mehr gehört werden können? Aktiv bestimmte Situationen, Orte, Dinge und/oder Menschen in Erwartung an das/die Geräusch(e) vermeiden? Die Ohren zuhalten? Ängstlich oder besorgt werden? Traurig oder deprimiert werden? Genervt werden? Gewalttätige Gedanken haben? Verärgert werden? Körperlich aggressiv werden? Verbal aggressiv werden? Andere:

Allgemeiner Schweregrad der Misophonie Bewerten Sie bitte den Schweregrad Ihrer Geräuschempfindlichkeit auf der folgenden Skala von 1 (minimal) bis 15 (sehr schwer). Berücksichtigen Sie bitte die Anzahl der Geräusche, gegenüber denen Sie empfindlich reagieren, das Maß an Stress und die Einschränkungen in Ihrem Leben wegen Ihrer Geräuschempfindlichkeiten. SkalaBeschreibung1 2

3Minimal innerhalb normaler oder sehr schwacher Geräuschempfindlichkeit. Ich verbringe wenig Zeit damit, mich meiner Geräuschempfindlichkeit zu widersetzen oder von ihr beeinflusst zu werden.4 5